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Mittlerweile klemmt es beim Abbau der Leipziger Arbeitslosigkeit

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    Die Chefs der deutschen Arbeitsagenturen haben sich ja so einen Slang angewöhnt. So einen hier: „Mit 6,1 Prozent wurde im Oktober die niedrigste Arbeitslosenquote in einem Monat seit 1991 überhaupt erreicht.“ Das sagte Steffen Leonhardi, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Leipzig, bei der Vorstellung der Arbeits- und Ausbildungsmarktzahlen des Monats Oktober am Mittwoch, 30. Oktober.

    „Der Trend des Rückgangs der Arbeitslosigkeit hat sich auch im zurückliegenden Monat fortgesetzt. Diese kontinuierlich positive Entwicklung am Leipziger Arbeitsmarkt macht mich für den kommenden Verlauf mit einem weiteren Rückgang der Arbeitslosigkeit sowie einer Beschäftigungssteigerung zuversichtlich“, so Leonhardi weiter.

    Obwohl da ein unübersehbarer Unterschied zu den Vorjahren ist. Der verschwindet regelrecht hinter diesem Satz: „Die Zahl der arbeitslosen Menschen, die bei der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter Leipzig gemeldet waren, sank in den letzten vier Wochen auf 19.009. Das waren 561 weniger als noch im September und 91 weniger als vor einem Jahr.“

    Aber die Grafik zeigt es sehr deutlich: Zum ersten Mal seit Jahren stockt der Abbau der Arbeitslosigkeit. In den Vorjahren betrug der Rückgang gegenüber dem Vorjahr im Schnitt 2.000, 2018 waren es sogar über 3.000 und eben nicht nur 91.

    Die unterschiedliche Entwicklung in SGB II und SGB III in def Arbeitsagentur Leipzig. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig
    Die unterschiedliche Entwicklung in SGB II und SGB III in der Arbeitsagentur Leipzig. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

    Was mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht daran liegt, dass in Leipzig nicht immer weitere Arbeitsplätze entstehen. Dafür ist die Zahl der als unbesetzt gemeldeten Stellen weiterhin zu hoch. Und viele Unternehmen können nach wie vor ihre ausgeschriebenen Stellen nicht besetzen.

    Parallel meldet zum Beispiel die sächsische Arbeitsagentur für den ganzen Freistaat einen Rückgang der Arbeitslosigkeit gegenüber September um 1.727 und gegenüber dem Oktober 2018 um 7.801. Und genau da lohnt sich der Blick in die Statistiken von Nordsachsen und dem Landkreis Leipzig. Und das ist auf jeden Fall ein Novum: War es in den vergangenen Jahren immer die Großstadt Leipzig, die die höchsten Rückgänge (zahlenmäßig) bei der Arbeitslosigkeit hatte, wurde die Großstadt diesmal deutlich vom Landkreis Leipzig überholt, wo der Rückgang übers Jahr 328 betrug, im Nordsachsen waren es sogar 1.010.

    Selbst in Dresden lag der Rückgang mit 796 deutlich höher. Am fehlenden Jobangebot kann es also nicht liegen. An der Nicht-Besetzung von Stellen auch nicht, denn erstmals ist der Bestand an frei gemeldeten Stellen sogar gesunken – vom bisherigen Höchstwert im September von 8.929 auf 8.474.

    Die Vermutung: Der Arbeitsmarkt selbst verändert sich. Viele Stellenangebote, die in den vergangenen Jahren die Arbeitslosen vor allem mit prekären, befristeten und ähnlichen Alibi-Beschäftigungen beglückten, funktionieren nicht mehr. Weder für all die qualifizierten Bewerber, die wirklich eine ordentlich bezahlte Stelle suchen, noch für die tatsächlich von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen.

    Die von der „Agenda 2010“ so gepriesene neue Flexibilität des Arbeitsmarktes, die Millionen Menschen in Jobangebote presste, die deutlich unterm heutigen Mindestlohn lagen, löst sich auf im Angesicht der Tatsache, dass mit den halbierten Ausbildungsjahrgängen seit 2010 schlicht der „Nachschub“ an jungen, ausbildbaren Arbeitskräften ausbleibt. Aus einem Überangebot wurde in vielen Branchen schon ein wirklich starker Fachkräftemangel.

    Gemeldete freie Stellen. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig
    Gemeldete freie Stellen. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

    Der Bereich „Gesundheit, Soziales, Lehre u. Erziehung“ bietet zwar in Leipzig allein 1.281 freie Stellen an. Aber allein im Teilbereich Gesundheitswesen ging die tatsächliche Beschäftigtenzahl übers Jahr (Stand März) um 333 zurück. Was im Gesundheitsbereich ganz direkt mit Arbeitsbedingungen zu tun hat, die das Personal regelrecht verschleißen. Mehrere Streiks in sächsischen Krankenhäusern haben ja im Frühjahr für Schlagzeilen gesorgt, ohne dass sich an einem System, das seine Renditen auf Kosten vor allem der Pflegekräfte erwirtschaftet, wirklich etwas geändert hätte.

    Und wenn selbst in der Öffentlichen Verwaltung die Zahl der Beschäftigten trotz großer Werbekampagnen für Polizisten, Lehrer/-innen und Kita-Personal um 187 gesunken ist, ahnt man so langsam, wie dysfunktional der Arbeitsmarkt in Sachsen mittlerweile ist. Und wie wenig die verbliebenen 19.000 Arbeitslosen in Leipzig mit diesem Arbeitsmarkt tatsächlich zu tun haben.

    Und Leonhardi hofft tatsächlich, dass das Arbeitsamt Leipzig dieses Dilemma mit seinen Möglichkeiten irgendwie lösen kann: „Der Bedarf in der Stadt nach qualifizierten Fachkräften bestätigt uns in der Ausrichtung zu erhöhten Investitionen der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter in die berufliche Qualifizierung von arbeitslosen Menschen. Der Arbeitsmarkt profitiert davon und immer mehr Menschen kommen wieder in Arbeit. Unser Anspruch ist es, jedem, der Unterstützung benötigt, ein maßgeschneidertes Angebot zu unterbreiten, das gilt für Arbeit suchende Menschen wie für Personal suchende Unternehmen. Die gute Zusammenarbeit mit den Beteiligten am Arbeits- und Ausbildungsmarkt ist ein bedeutender Erfolgsfaktor.“

    Das stimmt halt nicht wirklich. Nach wie vor entlässt das sächsische Bildungssystem tausende junger Leute, die nicht einmal wissen, welche Berufsperspektiven es in Sachsen gibt und welche Qualifikationen wirklich gesucht werden. Auf die Ausbildungsstatistik der Arbeitsagentur gehen wir nur unten ganz kurz in der Übersicht ein. Denn alles deutet darauf hin, dass auch diese Statistik wenig bis nichts mit der tatsächlichen Ausbildungssituation in Leipzig zu tun hat. Auch hier bekommt die Arbeitsagentur stets nur einen Teil der Daten mit, während die wirklich attraktiven und zukunftsfähigen Arbeitsplätze ohne Umweg übers Arbeitsamt besetzt werden. Denn es würde ein seltsames Land sein, das immer nur Kaufleute, Büromanager, Lageristen und Kfz-Mechatroniker ausbildet. Es würde schlicht nicht funktionieren.

    Im Fazit heißt das eigentlich: Die freien Stellen werden tatsächlich besetzt – aber davon profitieren nach wie vor Menschen, die nach Leipzig oder (inzwischen verstärkt) in die angrenzenden Landkreise ziehen. An den oft mit mehreren Arbeitsmarkt-Handicaps belasteten Kunden in Arbeitsagentur und Jobcenter geht diese Entwicklung zumeist vorbei. Gerade die langjährig im Jobcenter Registrierten melden sich nach wie vor eher in die karge Rente als in eine Vollzeitstelle ab.

    Und geändert hat sich vor dem Hintergrund der Fachkräftenachfrage eben auch, dass Unternehmen, die lange Jahre Personal über Leiharbeit einstellten, die Fachkräfte inzwischen doch lieber fest anstellen. Und so sank die Zahl der Beschäftigten in Zeitarbeit z. B. seit März 2017 von damals 16.281 auf nunmehr 12.783 im März 2019.

    Zahlen im Überblick

    Bei den jungen Menschen bis 25 Jahren sank die Zahl der Arbeitslosen in den letzten vier Wochen um 242 auf 1.693 (Vorjahr: 1.825).

    Bei den Lebensälteren in der Altersgruppe ab 50 Jahren fiel die Arbeitslosigkeit zum Vormonat um 61 auf 5.301 Personen (Vorjahr: 5.273).

    Gegenüber dem Vormonat fiel die Zahl der als Langzeitarbeitslose gezählten um 23 auf 4.498. Im Vergleich zum Oktober 2018 gab es 445 langzeitarbeitslose Menschen weniger.

    Der Zugang in die Arbeitslosigkeit aus der Erwerbstätigkeit lag in den letzten vier Wochen bei 2.291 (Vormonat 2.184).

    Abgemeldet in Erwerbstätigkeit haben sich im gleichen Zeitraum 2.357 (Vormonat 2.426) Menschen.

    Beim Zugang an offenen Arbeitsstellen verzeichnete die Arbeitsagentur Leipzig im Oktober einen Rückgang gegenüber dem Vormonat. Die Wirtschaft und die Verwaltung haben in den letzten vier Wochen 1.737 freie Stellen, das waren 502 weniger als im davor liegenden Monat (2.239) und 122 weniger als vor einem Jahr (1.859), zur Besetzung gemeldet.

    Zum statistischen Zähltag im Oktober betrug die Arbeitslosenquote in der Stadt Leipzig 6,1 Prozent (Vormonat: 6,2 Prozent). Im Oktober 2018 lag diese bei 6,2 Prozent.

    Arbeitsmarktentwicklung nach Rechtskreisen SGB III und SGB II

    Im Oktober waren 6.431 Menschen in der Arbeitsagentur im Rechtskreis SGB III arbeitslos gemeldet.

    Im Jobcenter Leipzig, Rechtskreis SGB II, waren 12.578 Menschen arbeitslos registriert.

    In Leipzig gab es im Oktober 32.561 Bedarfsgemeinschaften. Das waren 348 weniger als im Vormonat und 2.548 weniger als im Oktober des Vorjahres.

    Das Jobcenter Leipzig betreut aktuell 41.112 erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Im Vergleich zum Vormonat betrug der Rückgang hier 333. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sank die Zahl um 3.220 Personen.

    Bilanz Ausbildungsmarkt des Beratungsjahres 2018/2019

    Die Bilanzzahlen des Beratungsjahres 2018/2019, welches immer den Zeitraum von Oktober bis September des darauffolgenden Jahres abbildet, liegen jetzt vor.

    Seit Oktober 2018 wurden der Arbeitsagentur Leipzig 3.195 Ausbildungsstellen, davon 2.942 betriebliche und 253 außerbetriebliche, zur Besetzung gemeldet. Das waren 197 Stellen mehr als im Beratungsjahr 2017/2018.

    Top 10 der angebotenen Ausbildungsberufe: An erster Stelle lag die Zahl der Ausbildungsstellen zur Kauffrau/mann im Einzelhandel (202 Ausbildungsstellen), weiterhin stark nachgefragt waren Kauffrau/mann Büromanagement (191), Verkäufer/in (134), Fachkraft Lagerlogistik (104), Eisenbahner/in im Betriebsdienst (98), Koch/Köchin (90) Zahnmedizinische Fachangestellte/r (81), Kfz.- Mechatroniker/in (73), Restaurantfachmann/frau (77), Mechatroniker/in (68) und Hotelfachmann/frau (67). 2.089 Ausbildungsstellen wurden für weitere Berufe gemeldet.

    Im gleichen Zeitraum meldeten sich 3.026 Bewerberinnen und Bewerber für eine Ausbildungsstelle. Das waren 76 weniger als im Beratungsjahr 2017/2018. Der Rückgang betrug 2,5 Prozent. Noch unversorgt waren Ende September 240.

    Top 10 der nachgefragten Ausbildungsstellen: An erster Stelle lag Verkäufer/in, 296 junge Leute wollten in diese Ausbildung. Weitere Wunschausbildungsberufe waren Kauffrau/mann im Einzelhandel (153), Kfz.-Mechatroniker-PKW-Technik (152), Kauffrau/mann Büromanagement (136), Fachlagerist/in (99), Fachinformatiker (81), Friseur/in (78), medizinische Fachangestellte/r (70), Koch/Köchin (69) und Tischler/in (59).

    Lehrer und Pflegekräfte sind zu Hunderten arbeitslos, obwohl im Gesundheits- und Bildungssystem immer mehr Stellen unbesetzt sind

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