Frühjahrsbelebung, Unterbeschäftigung und die wachsende demografische Schieflage im Land

Für alle LeserJeder Arbeitsmarkt ist ein Kunstprodukt. Erst recht das, was deutsche Arbeitsagenturen jeden Monat als Statistik vermelden. Immer wieder wurde in den vergangenen 30 Jahren an den Kategorien so herumgebastelt, dass eigentlich schon lange – außer für echte Experten – nicht mehr sichtbar ist, wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich arbeitslos sind. Die Wahrheit steckt auch in Leipzig irgendwo zwischen 19.913 und 41.506.

Die Zahlen sinken. Im Februar schlägt auch die sogenannte „Frühjahrsbelebung“ wieder zu. Das heißt: Viele Menschen, die im Herbst ihren Saisonjob losgeworden sind, steigen jetzt wieder in ihren Saisonjob ein.

Was Steffen Leonhardi, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Leipzig, so kommentiert: „Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit war im Februar weiterhin positiv. Die Arbeitslosigkeit sank gegenüber dem Januar. Auch die Arbeitskräftenachfrage im Vorfeld der Frühjahrsbelebung setzte ein. Das sind sehr erfreuliche Entwicklungen. Damit setzt sich der positive Trend auf dem Leipziger Arbeitsmarkt weiter fort.“

Stimmt schon: Deutschlandweit ist das Phänomen zu beobachten, dass in den großen Städten immer mehr neue Arbeitsplätze entstehen. Dafür steht ja auch die Verlagerung des Beiersdorf-Werkes aus Waldheim nach Leipzig, womit auch wieder 280 Arbeitsplätze aus Mittelsachsen in die Leipziger Region wandern. Die Menschen, die in Waldheim „Florena“ herstellten, werden folgen – und einem zusehends enger gewordenen Wohnungsmarkt begegnen.

Mit der Optimierung aller Produktionsprozesse ist in allen Branchen ein fast nicht aufhaltbarer Trend im Gang, der dazu führt, dass sich die moderne Arbeitswelt immer mehr in den Großstädten konzentriert, logistisch besser angebunden auch an globale Vertriebswege wie Flughäfen und Eisenbahn.

Dafür werden die ländlichen Regionen immer mehr von Arbeitsplätzen entblößt, die sichere und langfristige Lebensplanungen ermöglichen. Was ein nicht zu unterschätzender Grund für die wachsende Unruhe im Osten ist. Und was die demografische Schere immer weiter aufgehen lässt. Es ist schon erstaunlich, dass sich die regierenden Politiker dieser Wucht nicht einmal bewusst zu sein scheinen und lieber von „Heimat“ und „Traditionen“ schwafeln, als wirklich das Steuer umzulegen.

Leipzig profitiert zwar von der Entwicklung erst einmal. Aber auch eher nur deshalb, weil es zufällig am richtigen Platz in der Landschaft liegt, nicht weil irgendwo in Wirtschaftsministerien jemand begriffen hätte, wie man solche Prozesse steuern kann.

Und das lässt auch in Leipzig tausende Menschen im Regen stehen. Viele mit Löhnen, die zusehends mit der Mietpreisentwicklung nicht mehr mithalten können. Viele in einem grauen Zwischenraum zwischen der Suche nach einer guten Arbeit und der Angst vor einer Arbeit, die so „optimiert“ wurde, dass sie die Erwerbstätigen verschleißt und gesundheitlich zermürbt.

Die offiziell gezählten Arbeitslosen in SGB II und SGB III in Leipzig. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

Die offiziell gezählten Arbeitslosen in SGB II und SGB III in Leipzig. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

Was also steckt hinter den Zahlen?

Insgesamt waren 19.913 (Vormonat 20.118) Männer und Frauen in der Stadt Leipzig arbeitslos, meldet die Arbeitsagentur Leipzig. Der Rückgang im Vergleich zum Januar betrug 205 Personen. Im Vergleich zum Februar des Vorjahres ist die Zahl der Arbeitslosen um 196 gefallen.

Aber das ist streng genommen nur der „harte Kern“, sind jene Menschen, die Gewehr bei Fuß stehen, um bald wieder in eine Arbeitsstelle vermittelt zu werden. Tatsächlich gelten in Leipzig 41.506 Menschen als arbeitsuchend, 1.855 weniger als vor einem Jahr.

„Arbeitsuchende sind gemäß § 15 Satz 2 SGB III Personen, die nach einer Beschäftigung als Arbeitnehmer suchen. Arbeitsuchend können auch Personen sein, die bereits eine Beschäftigung oder eine selbständige Tätigkeit ausüben“, fasst Wikipedia ihre Rolle zusammen.

Hier stecken also auch Menschen drin, die in ihrem aktuellen Job unglücklich sind oder verzweifelt herauswollen, weil er mies bezahlt wird oder unzumutbare Arbeitsbedingungen bietet. Vielleicht stecken auch Leute drin, die sich berufsmäßig verbessern wollen. Aber die werden sich auf dieser Suche eher nicht bei der Arbeitsagentur melden.

Trotzdem ist diese Zahl ein klein wenig zu hoch. Die Wahrheit liegt – wie immer – in der Mitte: Denn zu den 19.913 als arbeitslos Gezählten kommen noch 10.832 Leipziger, die in allen möglichen Umschulungs-, Qualifizierungs- und Ermunterungsmaßnahmen stecken. Fast genauso viel wie im Februar 2019, da waren es 10.910. Die Arbeitsagentur fasst die Zahlen der Arbeitslosen und der Menschen in Maßnahmen in der Kategorie „Unterbeschäftigung“ zusammen.

Die Arbeitsagentur beschreibt diese Kategorie so: „In der Unterbeschäftigung werden zusätzlich zu den registrierten Arbeitslosen auch die Personen abgebildet, die nicht als arbeitslos gelten, weil sie Teilnehmer an einer Maßnahme der Arbeitsmarktpolitik oder in einem arbeitsmarktbedingten Sonderstatus sind. Diese Personen werden zur Unterbeschäftigung gerechnet, weil sie für Menschen stehen, denen ein reguläres Beschäftigungsverhältnis fehlt.

Es wird unterstellt, dass ohne den Einsatz dieser Maßnahmen bzw. ohne die Zuweisung zu einem Sonderstatus die Arbeitslosigkeit entsprechend höher ausfallen würde. Mit dem Konzept der Unterbeschäftigung werden Defizite an regulärer Beschäftigung umfassender erfasst und realwirtschaftlich bedingte Einflüsse auf den Arbeitsmarkt besser erkannt. Zudem können die direkten Auswirkungen der Arbeitsmarktpolitik auf die Arbeitslosenzahlen nachvollzogen werden.“

Offizielle Unterbeschäftigung in Leipzig. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

Offizielle Unterbeschäftigung in Leipzig. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

Mit einer Arbeitslosenquote von 9,5 Prozent wäre man also der Realität ein Stück weit näher.

Ganz abgesehen davon, dass das „Fehlen eines regulären Arbeitsverhältnisses“ oft eben auch bedeutet, dass viele der Betroffenen in sinnlosen Beschäftigungsmaßnahmen feststecken, weil der offizielle Arbeitsmarkt für sie tatsächlich keine Arbeitsangebote bereithält und sie für die Jobs, die tatsächlich über die Arbeitsagentur vermittelt werden, aus verschiedensten Gründen gar nicht infrage kommen.

Viele von ihnen haben eine jahrelange „Karriere“ zwischen „Maßnahmen“ und zeitlich befristeten Jobs hinter sich. Und viele verlassen die Statistik eben nicht in Richtung Arbeitsmarkt, sondern in Richtung Altersruhestand. In welchen Branchen tatsächlich Arbeitsplätze angeboten werden, sieht man oben in der Grafik.

Die Zahlen für Februar 2020 in Kürze:

Bei den jungen Menschen bis 25 Jahren stieg die Zahl der Arbeitslosen um 47 auf 1.739 (Vorjahr: 1.884).

Bei den Lebensälteren in der Altersgruppe ab 50 Jahren sank die Arbeitslosigkeit um – 107 auf 5.707 Personen an (Vorjahr: 5.714).

Die Zahl der langzeitarbeitslosen Menschen ist im zurückliegenden Monat in Leipzig gesunken. Gegenüber dem Vormonat fiel sie um 49 auf 4.546. Im Vergleich zum Februar 2018 gab es 156 Langzeitarbeitslose weniger.

Beim Zugang an offenen Arbeitsstellen verzeichnete die Arbeitsagentur Leipzig im Februar einen Anstieg gegenüber dem Vormonat. Die Wirtschaft und die Verwaltung haben in den letzten vier Wochen 1.958 freie Stellen, das waren 484 mehr als im Januar und 538 weniger als im Februar 2019 zur Besetzung gemeldet.

Zum statistischen Zähltag im Februar betrug die Arbeitslosenquote in der Stadt Leipzig 6,3 Prozent (Januar: 6,4 Prozent). Im Februar 2019 lag sie noch bei 6,5.

Arbeitsmarktentwicklung nach Rechtskreisen

Im Februar waren 7.241 Menschen in der Arbeitsagentur, im Rechtskreis SGB III, arbeitslos gemeldet. Das waren 139 weniger als im Vormonat aber 465 mehr als im Februar 2019.

Im Jobcenter Leipzig, im Rechtskreis SGB II, waren 12.672 Menschen arbeitslos registriert. Das waren 66 weniger als im Januar und 661 weniger als vor einem Jahr.

In Leipzig gab es im Februar 31.313 Bedarfsgemeinschaften. Das waren 111 weniger als im Vormonat und 3.171 weniger als im Februar des Vorjahres.

Das Jobcenter Leipzig betreute 39.579 erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Im Vergleich zum Vormonat gab es einen Rückgang um 108. Im Vergleich zum Februar des Vorjahres sank die Zahl um 3.970 Personen.

Der Leipziger OBM-Wahlkampf in Interviews, Analyse und mit Erfurter Begleitmusik

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