„Trend zum Anstieg der Löhne in Sachsen setzt sich in 2019 fort“, meldete die sächsische Arbeitsagentur am 20. Juli. Gestand dann aber zu, dass Sachsen nach wie vor am Ende der Tabelle der Bundesländer rangiert. So schnell verabschiedet sich ein Bundesland nicht von seinem hart erarbeiteten Status als Niedriglohnland. Und die sächsischen Großstädte rangieren ebenso wenig an der Spitze der deutschen Großstädte, wenn es ums Einkommen geht.

„Mit einem Zuwachs des Medianlohns von 108 Euro im Vergleich zum Vorjahr gehört Sachsen 2019 zu den Bundesländern mit der größten Lohnsteigerung. Im Ländervergleich konnte Berlin (+141 Euro), Brandenburg (+115 Euro) und Mecklenburg-Vorpommern (+112 Euro) einen größeren Zuwachs gegenüber 2018 verzeichnen“, jubelte die sächsische Arbeitsagentur.

Musste aber auch zugeben: „Mit einem Medianlohn von 2.695 Euro liegt der Freistaat Sachsen im Ländervergleich jedoch weiterhin auf dem drittletzten Platz. Gründe für die Lohnunterschiede zwischen den Bundesländern sind die regionalen Wirtschaftsbranchen und Betriebsgrößen. Beispielsweise sind große Betriebe oft tarifgebunden – zahlen deshalb meist auch höhere Löhne. In Sachsen findet sich eher eine kleinteilige Wirtschaftsstruktur vor. Auch Konzernsitze und gut bezahlte Forschungs- und Entwicklungsbereiche sind in Sachsen im Vergleich zu westlichen Regionen weniger präsent.“

Und kaum ein anderes Bundesland war seit 2005 so zum Experimentierfeld „neuer Arbeitsmarktinstrumente“ geworden wie Sachsen. Vom massiven Abbau gut bezahlter Arbeitsplätze im sächsischen Staatsdienst ganz zu schweigen.

Bundesländer nach Bruttomonatsgehältern 2019. Grafik: Arbeitsagentur Sachsen
Bundesländer nach Bruttomonatsgehältern 2019. Grafik: Arbeitsagentur Sachsen

Da haben sich zwar die beiden Großstädte Leipzig und Dresden aus ganz simplen ökonomischen Grundbedingungen heraus zur Jobmaschine in Sachsen gemausert. Aber mit ihrer Position unter den deutschen Städten über 400.000 Einwohner zeigen sie deutlich, wie groß auch hier noch der Niedriglohnsektor ist. Denn was die Bundesagentur für Arbeit in ihrem Entgeltatlas veröffentlicht, ist nicht einmal der Durchschnitt der Löhne und Gehälter. Schön wäre es. Ausgewiesen wird nur der Median, also jener Betrag, der genau in der Mitte aller ermittelten Gehälter liegt.

Was eben nicht bedeutet, dass einer großen Menge von 1.000-Euro-Jobbern ebenso viele 4.000-Euro-Beschäftigte gegenüberstehen. Viel wahrscheinlicher ist – und das belegen in der Regel die Leipziger Bürgerumfragen – dass die meisten Beschäftigten Nettoeinkommen zwischen 1.000 und 2.300 Euro haben, nur 15 Prozent behalten nach den Abzügen mehr auf dem Konto.

Paul. M. Schröder hat jetzt – ergänzend zur Meldung der Landesarbeitsagentur – diese „Hitliste“ der Großstädte erstellt. Und siehe da – unter den 15 erfassten Großstädten lag Leipzig 2019 mit 3.050 Euro Bruttoarbeitsentgelt am Arbeitsort auf Rang 15. Die 3.041 für den Wohnort bedeuten ebenfalls Platz 15.

Selbst in Dresden (Rang 14 in der Liste) liegen die Bruttoarbeitsentgelte rund 150 Euro monatlich höher, in Berlin (Rang 13) sind es über 300 Euro.

Wie sehr die Großstädte als Arbeitsbeschaffer für die ganze Region fungieren, zeigt ja der Vergleich des Bruttoarbeitsentgelts, das am Arbeitsort Landkreis Leipzig verdient werden kann. Das lag 2019 bei 2.488 – was für sächsische Landkreise übrigens typisch ist und alles sagt, was zur demografischen Entwicklung in Sachsen zu sagen ist: Bei solchen Einkommensangeboten in den Landkreisen können gut ausgebildete junge Leute nur ihre Koffer packen und in die Großstadt ziehen. Oder sie pendeln, wie das ihre Eltern auch schon tun. Denn dadurch, dass sie ihr Geld in Leipzig verdienen, steigen die Bruttogehälter nach Wohnort Landkreis Leipzig auf 2.780 Euro.

Das erscheint nicht viel. Noch vor wenigen Jahren war es sogar so, dass die Bruttogehälter in den Landkreisen nach Wohnort höher lagen als in Leipzig. Doch mittlerweile wohnen viele der Höherqualifizierten, die in Leipzig arbeiten, möglichst auch in der Stadt. Was natürlich zur Knappheit auf dem Wohnungsmarkt und zu den steigenden Mietpreisen beiträgt. Andererseits hat es die Pendlerzuwächse deutlich gebremst.

Und es hat dafür gesorgt, dass das Median-Einkommen in Leipzig deutlich angestiegen ist.

Wie groß freilich der Abstand zu westdeutschen Metropolen ist, zeigt der Vergleich mit den Spitzenreitern: Am Arbeitsort Stuttgart lag der Median bei 5.230 Euro, in München bei 4.990, in Frankfurt bei 4.800. Alle drei Städte leiden übrigens massiv darunter, dass hunderttausende Erwerbstätige jeden Tag in die Stadt pendeln müssen, was zu Staus und überfüllten S- und U-Bahnen führt.

Und natürlich dazu, dass die Bruttoeinkommen nach Wohnort deutlich niedriger lagen – bei 4.290, 4.295 und 4.103 Euro. Das heißt: Viele Spitzenverdiener wohnen im weiteren Umfeld dieser Städte. Aber selbst diejenigen, die in der Stadt wohnen, haben monatlich über 1.000 Euro mehr zur Verfügung als die Leipziger.

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