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Die Leipziger Depression, die Porsche-Euphorie und der späte Beginn des Einkommenwachstums

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    Glatt lief in den vergangenen 30 Jahren in Leipzig nicht alles. Und es gab viele Momente, in denen ganz und gar nicht abzusehen war, dass es der Stadt an Pleiße und Weißer Elster einmal leidlich gutgehen könnte. Und so mancher ist natürlich auch im Jahr 2020 noch skeptisch. Denn auch in einer Stadt geht es immer um Psychologie. Die Bürger brauchen das kleine Quäntchen Hoffnung, dass es besser wird. Sonst hält man nämlich nicht durch – so wie in den harten ersten 15 Jahren.

    Und die waren hart: Die Stadt musste fast den Komplettverlust ihrer einstigen Industrie verkraften. Die Leipziger/-innen wurden nicht nur zu Zehntausenden arbeitslos, sie packten auch ihre Koffer und zogen der Arbeit hinterher in den Westen, was bis 1999 ein massives Schrumpfen der Stadtbevölkerung zur Folge hatte.

    Fast vergessen ist mittlerweile, dass zumindest ein Teil der Stadtgesellschaft damals seine Hoffnung ausgerechnet auf eine erfolgreiche Olympiabewerbung richtete.

    Der Blick auf die Grafik „Lebenszufriedenheit und Zukunftssicht“ macht deutlich, wie sehr dieser Hype damals fast ausschließlich auf das Rathaus, das Stadtmarketing und einige vom Jubeln geradezu besoffene Medien beschränkt blieb: 2003 war Leipzig zum Sieger im nationalen Ausscheid um die Olympiabewerbung geworden (wozu das mitreißende Cellospiel von OBM Wolfgang Tiefensee auf der Bühne so einiges beitrug), 2004 aber nahm das IOC die Stadt Leipzig aus dem Rennen und betonte auch ziemlich eindeutig, dass Leipzig für die gigantischen Spiele der Neuzeit eine Nummer zu klein sei.

    Lebenszufriedenheit und Zukunftssicht der Leipziger: Erst mit Porsche und BMW ging es ab 2005 wieder aufwärts. Grafik: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen
    Lebenszufriedenheit und Zukunftssicht der Leipziger: Erst mit Porsche und BMW ging es ab 2005 wieder aufwärts. Grafik: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen

    Beides findet man aber in der Kurve zur Lebenszufriedenheit nicht. Im Gegenteil: Die Depression der Leipziger in den Umfragen blieb erhalten. Die Stadt stöhnte und ächzte. Und nur die wenigsten sahen einen Hoffnungsschimmer in der Bevölkerungstatistik.

    Aber die Macher der L-IZ haben ja schon immer gegen alle Unkereien agiert. Wir gründeten diese Zeitung genau da – im Jahr 2004. Einige der ersten Artikel beschäftigten sich logischerweise auch mit dem künstlich geschürten Olympia-Hype, obwohl längst klar war, dass solche Strohfeuer keine Stadt zum Blühen bringen.

    Das passiert erst, wenn die klassische Wirtschaft wieder Tritt fasst. Und zur Wahrheit gehört es nun einmal auch, dass das in Leipzig volle 15 Jahre gebraucht hat. Genau jene 15 Jahre, von denen Helmut Kohl einst gemeint hatte, bis dahin sei der Osten in Blühende Landschaften verwandelt und die Lebensverhältnisse in Ost und West seien angeglichen.

    Das ist natürlich bis heute nicht passiert. Der Aufholprozess begann tatsächlich erst 2005 – und zwar nicht durch Gerhard Schröders wilde Arbeitsmarktreformen („Hartz IV“), die nun einmal vor allem Billigjobs zur Folge hatten, sondern durch zwei knallharte Unternehmensentscheidungen, die um 2005 ihre Wirkung entfalteten. Denn da eröffneten die Autobauer BMW und Porsche in den neuen Werken im Leipziger Nordraum ihre Produktion.

    Deswegen verwundert es nicht, dass sich die Lebenszufriedenheit und die Zukunftssicht genau ab diesem Zeitpunkt aufhellten. Ab 2006 übrigens auch durch das Wissen darum, wieder in einer wachsenden Stadt zu leben, denn da verkündete die Stadt dann auch die erfreuliche Tatsache, dass Leipzig nach 15 bitteren Jahren endlich wieder Halbmillionenstadt war.

    Was eigentlich auch in anderen Bereichen hätte Folgen haben müssen. Aber Ämtermühlen mahlen langsam: 2006 wurde erst der Höhepunkt der ab 2000 auch mit Fördermitteln forcierten Wohnungsabrisse erreicht. Aus heutiger Sicht der blanke Irrsinn: Damals wurden tausende Wohnungen mit Fördergeld abgerissen, die heute mit Millionenförderungen wieder gebaut werden müssen.

    2006 war der Höhepunkt der Wohnungsabrisse in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen
    2006 war der Höhepunkt der Wohnungsabrisse in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen

    Was sich übrigens nicht nur auf Wohnhäuser beschränkte. Damals wurden auch noch Schulen im Dutzend dichtgemacht, weil dem Freistaat die Schülerzahlen zu gering waren. Obwohl absehbar war, dass die Geburtenzahlen längst wieder anzogen und sechs bis zehn Jahre später genau diese Schulen wieder gebraucht würden. Heute werden auch sie wieder zu Millionenkosten reaktiviert.

    Und noch etwas fällt auf: Mit Strohfeuern wie glitzernden Olympiabewerbungen kann man zwar eine Bevölkerung nicht zum Optimismus bekehren. Aber schon die Aussicht, demnächst wieder mit eigener Hände Arbeit den Lebensunterhalt zu verdienen, holte zehntausende Leipziger/-innen ab 2005 aus dem Loch ihrer Traurigkeit.

    Es ist eine simple Kurve die anschaulich vor Augen führt, was für Rollen eigentlich Selbstbestimmung und eine sinnvolle Arbeit für die Psyche von Menschen spielen.

    Und trotzdem wird diese simple Erkenntnis in unserer Gesellschaft immer wieder ignoriert.

    Denn am Geld liegt es erst einmal nicht. Das zeigt eine andere Kurve, nämlich die zu den Nettoeinkommen (siehe oben). Die stagnierten in Leipzig nämlich von 1995 bis 2010. Das heißt: Auch noch fünf Jahre nach Beginn der Stimmungsaufhellung. Zwischendurch war noch die Finanzkrise 2008, bei der auch in Sachsen kräftig geunkt wurde. Doch die einmal aufgebauten Arbeitsplätze gingen nicht wieder verloren. Und ab 2010 ging es dann tatsächlich endlich los mit dem Anstieg der Nettoeinkommen.

    Kein ganz zufälliges Jahr. Denn in diesem Jahr endete die Gnade der Unternehmen, die aus einem riesigen Heer unversorgter Schulabgänger und ewig wartender (Langzeits-)Arbeitsloser die besten Bewerber auswählen konnten. 2010 halbierten sich die Ausbildungsjahrgänge. Und seitdem müssen Unternehmen auch bessere Löhne zahlen, wenn sie ihre besten Leute behalten wollen.

    Ein Zustand, der übrigens auch auf den Mietwohnungsmarkt wirkte. Statistik kann so erhellend sein.

    Stabile Mieten in Leipzig bis 2012 - dann wurde es teurer auf dem Leipziger Wohnungsmarkt. Grafik: Stadt Leipzig / Amt für Statistik und Wahlen
    Stabile Mieten in Leipzig bis 2012 – dann wurde es teurer auf dem Leipziger Wohnungsmarkt. Grafik: Stadt Leipzig / Amt für Statistik und Wahlen

    Denn wenn die Erwerbstätigen in einer Stadt nicht mehr Geld verdienen, haben Vermieter auch keine Chancen, die Mieten spürbar anzuheben. Bis 2012 blieb deshalb das Mietniveau in Leipzig fast konstant bei 5 Euro. Erst danach begannen die Bestands- und die Angebotsmieten deutlich zu steigen.

    Das zeigt einerseits, dass der Leipziger Mietwohnungsmarkt ab 2012 eigentlich schon eng war und in den besseren Lagen problemlos höhere Mieten verlangt werden konnten. Und es zeigt die Tatsache, dass zumindest die höheren Einkommensgruppen jetzt auch bereitwillig höhere Mieten bezahlten.

    Ob das lange gutgeht, ist völlig offen.

    Wie so manche Frage aus der 30-Jahre-Statistik für Leipzig, in der wir noch viel mehr Brüche und Stolperstellen herausfiltern konnten.

    Mehr dazu gleich an dieser Stelle.

    Die neue „Leipziger Zeitung“ Nr. 83: Zwischen Ich und Wir

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    1 KOMMENTAR

    1. ab 2005 ging es also aufwärts, da war ich schon 3 Jahre Wirtschaftsflüchtling in Bayern, allerdings noch über Zeitarbeit, danke SPD und Grüne, Gruß Thomas

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