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Warum die sächsischen Corona-Probleme mehr mit einer fatalen demografischen Entwicklung zu tun haben als mit der AfD

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    Reihenweise fragten ja deutsche Medien – so wie der „Spiegel“ – „Warum Sachsen?“. Warum sind ausgerechnet sächsische Landkreise jetzt die absoluten Hotspots bei Corona-Infizierten in Deutschland? Könnte es sein, dass das etwas mit den AfD-Wahlergebnissen zu tun hat? Auf die Idee kann man schon kommen, wenn man die Nähe von AfD und „Querdenkern“ betrachtet. Aber kann es nicht auch sein, dass ein ganz sachlicher Grund dahintersteckt? Einer, der etwas mit den Wanderungsbewegungen der jungen Ostdeutschen zu tun hat?

    Da kann man sich jetzt die Statistiken mit den Altenquoten wie hier bei Statista vornehmen und wird nicht überrascht sein, dass Sachsen seit Jahren die deutschen Statistiken beim Altenquotienten anführt – vor Sachsen-Anhalt und Thüringen, den Nachbarländern, die sich jetzt im Corona-Monitor auch immer tiefer rot einfärben.

    Und wer hier die Karte mit dem Altenquotienten auf Kreisebene aus dem Jahr 2017 anschaut, wird sich ebenso an die gegenwärtigen Corona-Karten erinnert fühlen.

    Die Altersquotienten auf Kreisebene in Deutschand im Jahr 2017. Quelle: Statistisches Bundesamt
    Die Altersquotienten auf Kreisebene in Deutschand im Jahr 2017. Vergrößern durch Klick. Quelle: Statistisches Bundesamt

    Es ist schon verblüffend, dass die Forscher vom Institut für Länderkunde in dieser Debatte noch nicht dazwischengegangen sind. Denn so, wie hinter politischen Verschiebungen in der Regel immer handfeste demografische Entwicklungen stecken, ist das auch bei den Auswirkungen von Pandemien. In diesem Fall einerseits durch den hohen Anteil einer älteren Bevölkerung bedingt, die mit einer COVID-19-Infektion deutlich schlechter zurechtkommt als eine jüngere Bevölkerung – oder gar Jugendliche und Kinder.

    Und dazu kommt auch ein erhöhter Zwang zur Mobilität – aus völlig verschiedenen Gründen. Angefangen mit den Arbeitskräften aus Tschechien und Polen, ohne die in vielen Bereichen Ostsachsens nichts mehr läuft – schon gar nicht im Gesundheitswesen.

    Bis hin zu der Tatsache, dass auch die Alten mobil bleiben müssen und damit zwangsläufig mehr Kontakte haben. Einmal natürlich, weil immer mehr ganz zentrale Versorgungsstrukturen (auch Ärztepraxen und Verwaltungen) immer weiter zentralisiert wurden. Von den Supermärkten auf der grünen Wiese, Apotheken und so weiter ganz zu schweigen. Wenn Menschen also gar nicht zu Hause bleiben können, um ihren ganz normalen Alltag zu bewältigen, befördert das logischerweise eine Pandemie.

    Und dazu kommt: Die jungen Leute, die eigentlich helfen könnten, sind immer öfter nicht mehr da.

    Denn so wie unsere heutige Politik gestrickt ist, entstehen die neuen Arbeitsplätze fast nur noch in den Großstädten oder in ihrem Umfeld. Also ziehen die Schulabgänger zum Großteil weg – hin zu den attraktiven Arbeitsplätzen.

    Und das ging auch 2019 so weiter in Sachsen, meldet nun das Landesamt für Statistik.

    Die frohe Botschaft vorweg: „Die Erwerbstätigenzahl in Sachsen erhöhte sich 2019 um 11.600 Personen bzw. 0,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.“

    Aber: „Fast 75 Prozent dieser Zuwächse (8.700 Erwerbstätige) wurden in den Kreisfreien Städten Leipzig (1,4 Prozent) und Dresden (1,2 Prozent) erreicht. Die Entwicklung in den sächsischen Landkreisen war mit einem durchschnittlichen Plus von 0,2 Prozent deutlich verhaltener.“

    Und in einigen Regionen gingen Arbeitsplätze regelrecht verloren: „Rückgänge traten nur in allen Landkreisen in der Region Chemnitz ein. Im Landkreis Zwickau war der Verlust an Arbeitsplätzen mit -0,6 Prozent am stärksten.“

    Und diese Entwicklung geht nun schon seit etlichen Jahren, stellen die Statistiker ebenfalls fest: „Ein Vergleich der Ergebnisse mit dem Jahr 2010 zeigt, dass 82 Prozent aller Arbeitsplatzgewinne in Sachsen auf die Großstädte Leipzig und Dresden entfielen.“

    Und dazu kam auch noch der fortschreitende Verlust an Selbstständigen. Dass 2020 die Solo-Selbstständigen besonders hart von den Corona-Auswirkungen getroffen wurden, verheißt für den kreativen Teil der sächsischen Wirtschaft nichts Gutes.

    „Die Zahl der Selbstständigen und mithelfenden Familienangehörigen ging in allen Kreisen zurück (Sachsen: -2,4 Prozent, stärkster Rückgang mit -3,8 Prozent im Vogtlandkreis).“

    Der Anteil der Selbstständigen lag übrigens zwischen 7,7 Prozent in der Stadt Dresden und 12,4 Prozent im Landkreis Leipzig.

    „Ebenso verzeichneten 2019 alle Kreise eine Verringerung bei der marginalen Beschäftigung“, so die Statistiker. „Dazu gehören geringfügig entlohnte Beschäftigte, kurzfristig Beschäftigte sowie Personen in Arbeitsgelegenheiten (Sachsen: -1,5 Prozent, höchster Verlust mit -3,2 Prozent in Nordsachsen). Der Anteil der marginal Beschäftigten an den Erwerbstätigen lag aktuell zwischen 7,1 Prozent in Nordsachsen und 8,9 Prozent jeweils im Erzgebirgskreis sowie im Landkreis Leipzig. Im Gegensatz dazu erhöhte sich die Zahl der Arbeitnehmer ohne marginal Beschäftigte 2019 in allen Kreisen in Sachsen mit Ausnahme des Landkreises Zwickau.“

    Das heißt: Wer kann, sucht sich eine Festanstellung. Und diese Festanstellungen entstehen vor allem in den Großstädten und besonders auffällig im ganzen Raum Westsachsen, wo Leipzig die große Zugmaschine ist.

    Was aber eben auch die Spaltung in Sachsen zwischen prosperierenden und abgehängten Regionen verstärkt. Und abgehängt heißt eben auch, dass auch die Ausstattung mit niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern zurückgeht – was wieder dazu beiträgt, dass gerade Ostsachsen mittlerweile unter einer extremen Überlastung der Krankenhäuser durch Corona-Patienten leidet.

    In der Regel sind es nun einmal harte demografische Merkmale, die eine Gesellschaft formen. Die Antwort auf die medial gestellte Frage wäre also eher nicht „die AfD ist schuld“, sondern: Die AfD ist genauso Symptom einer offenkundigen Fehlentwicklung wie die Überalterung und Destrukturierung und damit Wehrlosigkeit ganzer Landesteile gegen eine Pandemie wie die jetzige.

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    5 KOMMENTARE

    1. Vielleicht sollte man sich auch mal die Unterschiede in den Abständen in der Generationenfolge anschauen.
      Und die Mobilität der über 60jährigen.
      Die „liegen“ ja nun nicht alle im Pflegeheim. Im Gegenteil, sie fahren gemeinsam im Bus zur Kur nach Tschechien, fliegen 2 Mal im Jahr in die große, weite Welt bzw. Kreuzfahren und unternehmen auch so viel gemeinsam.
      (Kuren und Kreuzfahrten scheinen ja immer noch relativ ungebremst möglich zu sein?)
      Also, die die sich das leisten können.
      Zum Ende der DDR waren diese 30+ und haben (vermutlich?) noch eine dazu befähigende Rente.
      Und diese haben im „Osten“ Eltern, die mit 20 Jahren Kinder bekommen haben, also die heutige 80+ Generation.
      Im Gegensatz zum „Westen“ mit den 100+ Eltern.

      Dort werden die 80+ wohl eher 40jährige Kinder haben, die in der Arbeit gebunden sind, also sie sowohl weniger besuchen, als auch sich selbst infizieren.

      Diese „östlichen“ 60+jährigen müsste man sich dann mal daraufhin anschauen, ob sie trotz ihrer Privilegien gegenüber nachfolgenden Generationen, mit ihrem Leben unzufrieden sind..
      und deshalb eher rechten „Protest“ wählen.

      PS an Michael: Mit Bevölkerungsdichte(?) hat unsolidarisches und ignorantes Verhalten wohl weniger zu tun.

    2. @Rudi: Tschechien hat immer noch einen sehr hohen Inzidenzwert, natürlich strahlt das auch auf Sachsen aus (oder hat gestrahlt – mit sichtbaren Folgen). Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die ganz roten Farben auf den Karten auch nach Brandenburg und Sachsen-Anhalt hocharbeiten. Vielleicht stoppt der Lockdown das aber vorher.

      https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1180169/umfrage/laender-mit-den-meisten-coronainfektionen-in-der-letzten-woche-in-europa/

      (Mich erstaunt übrigens, dass es in Dänemark so einen hohen Inzidenzwert gibt – was ist da denn los?)

    3. Es gibt sicherlich viele Gründe, weshalb es diese Korrelation zwischen hohen Wahlergebnissen der AfD und hohen Infektionszahlen gibt. Tatsächlich ist diese Korrelation keine sächsische, sondern sie ist bundesweit messbar und trifft für gut 90% der Wahlkreise zu – sagt der Soziologe Richter, der diese Korrelation jetzt erforscht.
      Hier der Thread von Matthias Quendt vom IDZ in Jena https://twitter.com/Matthias_Quent/status/1335600884609396741?s=20
      Die Demographie spielt für die Erklärung sicherlich auch eine wichtige Rolle. Man sollte aber nicht vergessen, dass MeckPomm, Sachsen-Anhalt und Brandenburg eine ähnlich fatale demographische Entwicklung durchmachen wie Sachsen – die Fallzahlen sind dort aber erheblich niedriger. Da müssen schon Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und MeckPomm zusammenlegen, um annähernd auf die 110.000 Positivfälle in Sachsen zu kommen. Und mit Brandenburg hat man zudem ein Pendlerland mit 3 Hotspots: Berlin, Sachsen, Polen

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