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Immer mehr Leipziger missbrauchen ihre Stadt als öffentliche Mülldeponie

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    Am Dienstag, 9. Juni, vermeldete zwar das Ordnungsdezernat, dass die Kosten für die Leipziger Papierkorbentleerung deutlich steigen werden. Aber in der kurzen Meldung wurde natürlich nicht erzählt, wie drastisch sich das Thema in den letzten Jahren entwickelt hat. Denn Leipzig ist - man merkt es bei jedem Spaziergang - Teil einer ausufernden Wegwerfgesellschaft geworden.

    So klang es am Dienstag: „Zum 31. Dezember 2014 waren in der Stadt Leipzig 3.347 Papierkörbe an 1.130 Standorten aufgestellt. Seit 2008 reichen die Mittel zur Papierkorbsammlung (rund 519.000 Euro aus dem städtischen Haushalt) nicht für eine bedarfsgerechte Erfüllung der Aufgabe aus. Für eine Änderung wären 2016 860.000 Euro und 2017 circa 1.000.000 Euro notwendig.“

    Die Stadtreinigung, die für die Papierkorbentleerung zuständig ist, bleibt seit Jahren – genauer seit 2008 – auf dem Defizit bei den Entleerungskosten sitzen. Doch dass es im Leipziger Straßenbild immer öfter zu regelrechten Vermüllungen kommt, hat mehrere Gründe. Einer ist natürlich, dass eine wachsende Zahl von Einwohnern natürlich auch mehr Müll macht. Dazu kommt aber auch, dass auch Touristen die Papierkörbe nutzen, was ihr gutes Recht ist. Aber wenn die Zahl allein der Übernachtungstouristen in den letzen zehn Jahren um eine halbe Million wuchs, dann bedeutet das auch und gerade im Innenstadtbereich mehr Müllaufkommen.

    2007: Einfach mal 500 Papierkörbe weniger

    Dem aber steht eine Entscheidung entgegen, die der Stadtrat 2006 getroffen hat: Er hat auch der Leipziger Stadtreinigung ein Sparprogramm im Zusammenhang mit der notwendigen Haushaltskonsolidierung verordnet. Nur zur Erinnerung: 2004 hatte die Stadt den Rekordschuldenstand von 911 Millionen Euro erreicht. In den Folgejahren war die Stadt gezwungen, in fast allen Bereichen der Stadtpolitik Posten zu kürzen. Das betraf auch die Entleerung der Papierkörbe im Stadtgebiet.

    500 von ursprünglich 3.331 Papierkörben, die die Stadtreinigung damals leerte, wurden ersatzlos gestrichen – was heute (auch das steht jetzt in der Vorlage des Ordnungsdezernats) in einigen Ortsteilen zu einer sichtbaren Unterversorgung an Papierkörben geführt hat. Aber nicht nur Papierkörbe wurden abgebaut, auch die Zahl der Leerungsfahrzeuge wurde von 7 auf 4 reduziert, die Zahl der für die Leerung eingesetzten Mitarbeiter von 7 auf 5.

    Eigentlich ist es überhaupt kein Wunder, dass es heute im Leipziger Stadtbild oft so aussieht, als hätte gerade eine Love Parade stattgefunden.

    Und noch ein weiterer Faktor hat das Problem verschärft: Die zunehmend stärkere Nutzung der öffentlichen Parks für Picknicks, Spiel und Spaß. Das wurde 2014 auch bei der Diskussion über das künftige Konzept für den Clara-Zetkin-Park deutlich. Eigentlich zeigte schon diese Debatte, dass Leipzig mehr Geld in die Papierkorb-Entleerung stecken muss. Denn – so schätzt es jetzt die Vorlage ein – das vorhandene Personal kann die zunehmenden Mengen nicht abarbeiten. Viele Papierkörbe werden manchmal bei den Touren einfach nicht mehr erreicht.

    Andere Eigentümer haben wieder Papierkörbe hingestellt

    Und dazu kommt, dass die Stadtreinigung nicht nur für die eigenen Papierkörbe zuständig ist. Die Vorlage zeigt auch recht deutlich, wer alles so Papierkörbe in den öffentlichen Raum hängt: Das Amt für Stadtgrün und Gewässer hat 1.795 Papierkörbe aufgehängt und aufgestellt, die LVB sind mit 824 dabei, das Verkehrs- und Tiefbauamt ist für 372 Körbe verantwortlich, dazu kommen noch 21 Körbe der Leipziger Messe und 9 fremde. Die Vorlage spricht von einem gewissen Wildwuchs, denn nachdem die Zahl der Körbe 2007 auf 2.846 reduziert worden war, haben einige der genannten „Eigentümer“ zwischenzeitlich wieder neue Körbe aufgestellt und aufgehängt. Nicht aus Jux und Dollerei, sondern aus schierer Notwendigkeit, wenn man nur an die vielen vermüllten Haltestellen der LVB denkt. Wenn an Haltestellen kein Papierkorb hängt, lassen sehr viele Zeitgenossen ihren Müll einfach an der Haltestelle liegen, frei nach dem Motto: Ein Dummer wird sich schon finden, der das wegräumt.

    Vertrag mit LVB fehlt noch

    Das Problem ist nur: Die Stadtreinigung hat keinen Vertrag mit den LVB, der die Finanzierung für die Leerung dieser Haltestellenkörbe regelt. Auf 85.000 Euro schätzt das Ordnungsdezernat die Kosten, die allein durch die Leerung der Haltestellenpapierkörbe anfallen.

    Und ein weiteres Problem ist die Vielzahl verschiedener Papierkorbtypen. Wobei die 30-Liter-Körbe an den Schinkelleuchten der Innenstadt eine aussterbende Spezies sind: Sie sind für das, was dort täglich an Müll anfällt, einfach zu klein.

    Das Thema Innenstadt beleuchtet die Vorlage besonders, denn dadurch, dass die City in den letzten Jahren wieder so richtig attraktiv geworden ist, hat sich dort auch das Abfallaufkommen besonders stark erhöht. Manche Papierkörbe quellen quasi im Stundenrhythmus über, weil gleich nebenan ein Imbiss ist und die anfallenden Einweg-Verpackungen den öffentlichen Behälter überquellen lassen.

    Saubere Parks und Straßen brauchen mehr Personal und mehr Leerungsfahrzeuge

    Auch 2014 kostete die Leerung der 3.021 Papierkörbe deswegen nicht nur die von der Stadt gemeldeten 519.000 Euro. Das ist nur die Summe, die die Stadt aus dem Haushalt bereitgestellt hat. Zu wenig, um die Kosten von 555.000 Euro zu decken. 2006, als der Stadtrat die Kürzung im Abfallbereich genehmigte, betrug der städtische Zuschuss noch 710.000 Euro. Doch schon ab 2008 schrieb die Stadtreinigung bei der Entleerung ein finanzielles Defizit.

    Wird die Stadt jetzt aber einfach ihren Zuschuss verdoppeln? Und wofür eigentlich?

    Tatsächlich sieht die Vorlage vor, dass künftig ein Teil der Papierkorbentleerung über die Gebühr für die Abfallentsorgung abgedeckt wird – 191.000 Euro im Jahr 2016 und 236.000 Euro im Jahr 2017. Das soll über die Neufassung der Abfallgebührensatzung passieren. Der städtische Anteil aber müsste sich von 519.000 auf 669.000 Euro im Jahr 2016 und auf 764.000 Euro im Jahr 2017 erhöhen. Wobei diese Zahlen nicht einfach die normale Kostensteigerung beschreiben.

    Denn um die erhöhten Abfallmengen und die größere Zahl der Leerungstouren abdecken zu können, müssen drei neue Sammelfahrzeuge im Gesamtwert von 155.000 Euro angeschafft werden. Und vier weitere Mitarbeiter sollen eingestellt werden, um mehr Touren fahren zu können. In den Jahren 2016 und 2017 stecken also auch die Anschaffungskosten für die Fahrzeuge und für 500 neue Sammelbehälter, denn das buntscheckige Behältersystem der Vergangenheit lässt sich nicht wirklich rationell managen und leeren. Eine Vereinheitlichung der Behältertypen ist an der Zeit.

    Und ebenso dringlich angemahnt: Mit den LVB einen Vertrag über die 85.000 Euro abzuschließen, die für die Leerung der Papierkörbe an Haltestellen notwendig sind. Denn eigentlich braucht es dort sogar mehr Papierkörbe als jetzt. Und dass die Mülllage in den Parks auch nicht wirklich geklärt ist, wird in der Vorlage auch benannt.

    Die Vorlage des Ordnungsdezernats zur Papierkorbsituation in Leipzig.

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    3 KOMMENTARE

    1. Ein weiterer Aspekt: die Hundekot-Beutel.
      Hundebsitzer sammeln die Hinterlassenschaften zu einem großen Teil auf, aber dann ist kein Mülleimer da. Einige wollen diese Beutel dann nicht nach Hause tragen und werfen sie irgendwo in die Botanik. Dort verrotten sie nicht oder erst nach Jahren, während der uneingetütete Kot nach drei Tagen weg wäre…

      Ich traf mal eine Hundebsitzerin, die ihre Beutel immer ostentativ sichtbar ablegte, und dies als politischen „Protest“ verstanden wissen wollte, weil es ja viel zu wenig Mülleimer gäbe. Einen Brief an die Stadt geschrieben hat sie deswegen aber nicht.

      Im Auwald findet man diese Beutel mittlerweile auf Schritt und Tritt, auch in den Bäumen verfangen. Liebe Hundebesitzende: das ist wirklich eine ekelige Sorte Müll! Die Beutel gehören in einen Mülleimer! die volle Windel meines Kindes entsorge ich ja auch!

    2. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn einfach ein Müllkorb „schnell“ zu finden ist, es generell auch sauberer bleibt. Die Schmutzfinken sind doch sehr in der Minderzahl. Eigentlich muss man sich über das Foto mit den Pizzakartons freuen, denn die Leute haben ihren Müll noch wenigstens zum Müllkorb getragen statt ihn einfach in den Bärlauch zu werfen.
      An solchen Stellen sollte man den Korb wirklich „vergrößern“, sofern das geht.

      In Berlin steht auf dem Fußweg zum bekannten Wannseebad (ca. 600 Meter von der normalen Bushaltestelle außerhalb der Hochsaison) ungelogen alle 50 Meter ein Mülleimer mit eigenem Abascher („Kippendiener“). Dementsprechend sauber ist der Waldweg dann auch. Die Leute sind doch nicht alle böswillig.

      Die akute Vermüllung in Leipzig findet m.E. nur an wenigen Punkten statt, wie z.B. im Johannapark vor dem Ententeich. Obwohl gerade dort zwei große Müllcontainer stehen, die auch benutzt werden, aber leider längst nicht von allen. Ich finde das auch ziemlich Sch…e, aber speziell beim Johannapark habe ich auch keine weitere Idee.

      Der Stadtrat zu Leipzig hätte schon lange daran tun können, den Menschen es zu erleichtern, den Wohlstandsmüll zu entsorgen. Das eingesparte Geld durch Kostensenkung ist hier einer der vielen Placebos, bei denen sich Stadtrat und Stadtverwaltung augenscheinlich gefallen. Die eine Million mehr für die Müllentsorgung ist weißgott viel besser investiert als mit demselben Geld zehn Schlaglöcher für zehn Jahre zu stopfen. Manche gute Sache ist für wirklich wenig Geld zu haben, aber dafür gibt man es dann incht aus.

    3. Mehr Papierkörbe und häufigere Leerung sind sicher ebenso notwendig wie mehr Umweltbewusstsein insbesondere bei den Partymachern.
      Aber wer einen Papierkorb irgendwo aufstellt/anbringt, ist natürlich auch für die Leerung zuständig, was denn sonst! Da muss die liebe LVB eben ein paar Leute einstellen, die ihre Papierkörbe leeren! Bin verwundert, dass das nicht so ist…

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