Für FreikäuferDas ist mal ein Antrag, der zum Parteinehmen zwingt: Wie hält es Leipzig mit Karl Marx? Der Mann feiert im nächsten Jahr seinen 200. Geburtstag. Und seit Thomas Pikettys Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ wird auch noch das Standardwerk des Dr. Marx, „Das Kapital“, wieder eifrig studiert. Und das wurde seinerzeit zuerst in Leipzig gedruckt. Wie hält es Leipzig also mit Marx?

Eigentlich hätten sogar zwei Fraktionen den Antrag schreiben müssen, den nun die Linksfraktion ganz allein geschrieben hat. Die SPD, die seinerzeit in Leipzig gegründet wurde und deren Gründungsvater Wilhelm Liebknecht aus Leipzig mit Familie Marx bestens befreundet war, hat das Jubiläum wohl nicht ganz ernst genommen. Dabei ist Marx ihr Grundfundament gewesen, bis zum 1. Weltkrieg, als die Haltung zum Krieg die deutsche Sozialdemokratie für alle Zeiten auseinanderriss.

Also haben die Linken den Marx irgendwie geerbt. Und sie beantragen aus gegebenem Anlass: „Leipzig leistet einen eigenständigen Beitrag zum bevorstehenden Karl-Marx-Jubiläum (1818-2018) unter besonderer Berücksichtigung der Tatsache, dass die Erstausgaben der drei Bände seines ökonomischen Hauptwerkes ‚Das Kapital‘ in unserer Stadt gedruckt wurden.

Folgende Anregungen werden dafür unterbreitet:

– An zwei der drei Orte, wo sich die entsprechenden Druckereien befanden und noch keine öffentlich wahrnehmbaren Hinweise existieren, wird jeweils eine Gedenktafel angebracht (Brüderstraße 26/28; Eilenburger Straße 4).

– Die Stadt unterstützt, dass eine öffentliche Einrichtung (Bibliothek, Schule o. ä.) unter aktiver Einbeziehung der Bürgerschaft vor Ort in absehbarer Zeit nach Karl Marx benannt wird.

– Das Thema ‚Marx und Leipzig‘ erhält in der städtischen Erinnerungskultur und der Außendarstellung künftig einen wahrnehmbaren Stellenwert.“

Das dürfte starker Tobak sein für eine Stadtverwaltung, die so froh war, dass sie die Leipziger Heiligenverehrung auf die politisch so unverfänglichen Musiker reduzieren konnte – von Hanns Eisler abgesehen. Und um eine Diskussion über das, was ein Piketty als zeitgenössische Kritik formuliert hat, hat man sich ja auch still herumgedrückt. Bei einem möglichen Freiheits- und Einheitsdenkmal möchte man schon gern die „europäische Dimension“, aber bei der Gesellschaftsdiskussion überlässt man das doch lieber den Franzosen.

Aber Marx würde Leipzig ganz gut zu Gesicht stehen, findet die Linksfraktion im Stadtrat: „Karl Marx gilt weltweit als der einflussreichste politische Denker des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese Einschätzung wird u. a. dadurch belegt, dass die UNESCO auf ihrer Tagung am 18. Juni 2013 beschloss, das ‚Kommunistische Manifest‘ und den ersten Band des ‚Kapital‘ in das Weltregister des Dokumentenerbes aufzunehmen. Die Aufnahme wird mit dem Einfluss dieser in alle Sprachen übersetzten Schriften auf die sozialen Bewegungen weltweit begründet.

Marx pflegte über Jahrzehnte vielfältige Beziehungen zu Leipzig und war 1843 und 1874 zu Besuch in unserer Stadt. Im Zentrum des deutschen Verlagswesens im 19. Jahrhundert wurde vor 150 Jahren der I. Band des ‚Kapital‘ gedruckt. Den Auftrag des Hamburger Verlegers Otto Meissner realisierte ‚Otto Wigand’s Buchdruckerei‘ am Roßplatz 3b; ab 11. September 1867 wurden die Exemplare des Buches von hier ausgeliefert. Auch die überarbeiteten 2., 3. und 4. Auflagen des I. Bandes (1872/1873, 1883, 1890) sowie die von Friedrich Engels besorgten Erstausgaben des II. Bandes (1885) und III. Bandes (1894) des ‚Kapital‘ wurden in Leipziger Druckereien hergestellt.

In diesem Kontext ist es durchaus wissenswert, dass ein Großteil der zweiten Abteilung der historisch-kritischen Marx-Engels-Ausgabe (MEGA), in Leipzig gedruckt wurde. Die zweite Abteilung umfasst 15 Bände (23 Teilbände) und vereint Marx’ Werk ‚Das Kapital‘ in seinen autorisierten Ausgaben, einschließlich Übersetzungen, und alle direkt dazugehörenden Werke und Manuskripte, beginnend mit den ökonomischen Manuskripten von 1857/1858.

Der bevorstehende 200. Geburtstag von Karl Marx im Mai 2018 wird im globalen Maßstab zu einer verstärkten Beschäftigung mit seinem Leben und Werk führen. Die Stadt Leipzig als weltoffene Kulturmetropole sollte mit ihren spezifischen Möglichkeiten dazu einen würdigen Beitrag leisten.“

Fast vergessen, dass Leipzig auch einen riesigen Marx-Kopf besitzt, Teil jener großen Bronzeskulptur, die einst am Uni-Hauptgebäude hing und heute im Campus Jahnallee abgestellt ist, quasi als verschämte Erinnerung daran, dass die Uni mal nach Karl Marx benannt war, obwohl er mit der ehrenwerten Alma Mater wirklich nichts zu tun hatte. Dafür war er Taufpate in der Thomaskirche, als Wilhelms Sohnemann Karl getauft wurde. Genau jener, der dann im Reichstag aufstand und so mutig gegen die Kriegskredite stimmte. Und den sie dann 1919 ermordeten.

Was einen daran erinnert, dass 2019 ein ordentliches Karl-Liebknecht-Fest dran ist – ein Friedensfest auf der ganzen Karl-Liebknecht-Straße. Mal so als Vorschlag.

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Es gibt 2 Kommentare

Die enge Beziehung der Familie Liebknecht zu Karl Marx belegt auch, wer Karl Liebknechts Paten waren. Ini Wikipedia steht im Artikel “Karl Liebknecht”: “Karl wurde in der Thomaskirche evangelisch getauft. Zu seinen Taufpaten gehörten – wenn auch nicht persönlich anwesend, jedoch mit schriftlichen Patenschaftserklärungen belegt – Karl Marx und Friedrich Engels.”
Wäre es deswegen nicht angemessen, dass auch die Thomaskirche bei der Erinnerung an den 200. Geburtstag von Karl Mars mit einbezogen wird?
Günter Wagner

Die enge Beziehung der Familie Liebknecht zu Karl Marx belegt auch, wer Karl Liebknechts Paten waren. Ini Wikipedia steht im Artikel “Karl Liebknecht”: “Karl wurde in der Thomaskirche evangelisch getauft. Zu seinen Taufpaten gehörten – wenn auch nicht persönlich anwesend, jedoch mit schriftlichen Patenschaftserklärungen belegt – Karl Marx und Friedrich Engels.”
Wäre es deswegen es angemessen, dass auch die Thomaskirche bei der Erinnerung an den 200. Geburtstag von Karl Mars mit einbezogen wird?
Günter Wagner

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