VideoEin Streit um den richtigen Umgang mit dem Auwald und weiteren städtischen Waldflächen könnte am 24. Oktober 2018 beendet worden sein. Könnte, denn ob sich die Gemüter so rasch beruhigen, ist angesichts der letzten Debatten eher nicht zu erwarten. Nach Monaten der Auseinandersetzungen rings um Holzeinschlag, Waldbewirtschaftung und Forstarbeiten hat am Mittwoch der Stadtrat den ersten Forstwirtschaftsplan der Stadt überhaupt beschlossen. Unter zwei Enthaltungen und 47 Ja-Stimmen passierte die Vorlage der Verwaltung die Ratsversammlung. Zuvor zogen die Grünen ihren Änderungsantrag zurück.

In diesem hatte die Fraktion unter anderem noch gefordert, den Plan der Stadtverwaltung um weitere Präzisierungen von Femelflächen, einzelne Vorlagepflichten für „Sanitärfällungen“ bei kranken Bäumen und eine Erfassung von Höhlen- und Quartierbäumen vor jeweiligen Fällungsarbeiten zu ergänzen. Und diese, wie auch eine sogenannte Starkbaumkartierung dem Stadtrat einzeln vorzulegen.

Weiter hieß es vor der Ratsversammlung noch seitens der Grünen: Es dürften zukünftig „keine Starkbäume gefällt“ werden, der Erhalt von Höhlenbäumen, Quartierbäumen, Bäumen von Eremitenvorkommen, potenziellen Fortpflanzungs- und Ruhestätten würde gewährleistet.

Weiterhin seien der „Erhalt und Förderung von Stieleichen“ wichtig, „Rückeschäden“ sollten nach FSC-Standard vermieden werden und der Totholzanteil im Wald solle erhöht (Zielgröße ca. 50 m³/ha, Begleitung durch Totholzkonzept) werden, um eine stärkere Eigenentwicklung des Waldes zu gewährleisten.

Der Verlauf im Ratssaal

Wer nun noch einmal lange Debatten im Stadtrat dazu erwartet hatte, sah sich getäuscht. Stellvertretend für den dienstlich verhinderten Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal führte Amtsleiter Rüdiger Dittmar vom Amt für Stadtgrün und Gewässer der Stadt Leipzig in das Thema ein und wies vor allem darauf hin, dass es sich um eine rein finanzielle Planungsvorlage handele, welche jährlich einzeln zu beschließen ist. Dies sei nötig geworden, seit die obere Forstbehörde im vergangenen Jahr darauf hingewiesen habe, dass dies nicht mehr im Rahmen des normalen Kommunal-Haushaltes möglich sei, sondern nun in einer jährlichen Maßnahmenbeschreibung vorgelegt werden muss.

Auf Landesebene sei man jedoch bereits dabei, diese Pflicht zur Einzelvorlage zu streichen, was dann wieder ermöglichen würde, wie früher zu verfahren und alles im Rahmen der Haushaltsplanungen mitzubeschließen.

„Es handelt sich also um einen Wirtschaftsplan für den forstwirtschaftlichen Einzelbetrieb“, so Dittmar bezogen auf den Plan 2018. Dieser sei auch nur ein Planwerk, welches das wirtschaftliche Handeln in diesem Bereich beschreibe. Davon unbenommen bleibe, dass die Stadt Leipzig ihre Waldbewirtschaftung an Naherholungszielen und Umweltschutz ausrichte.

Damit wurde also die inhaltliche Debatte über die einzelnen Maßnahmen der Abteilung Stadtforsten und der Stadt Leipzig zum Beispiel im Auwald gleich zu Beginn zu den Akten gelegt. Eine Übernahme des Grünen-Antrags als Protokollnotiz unter Wegfall der Vorlage einzelner Baumfällungsmaßnahmen sagte Dittmar zu. Den Antrag selbst empfahl Dittmar der Ratsversammlung abzulehnen. Was der Grünenfraktion Zeichen genug war, sie zog ihren Antrag daraufhin zurück.

Einhellige Meinung in der rund zehnminütigen Debatte danach war grob gesagt, dass alles was bislang getan und zukünftig werden soll, gut sei und von Fachleuten begleitet. Reiner Engelmann (Die Linke) fasste seinerseits unter Hinweis auf die lange Geschichte der Debatte seit den 90er Jahren die Lage in einem Satz zusammen: „Jeder Vogel ist gezählt, jeder Baum ist bekannt und ich kenne keine Fläche hier in Leipzig, die näher und genauer untersucht ist, als der Auwald derzeit.“

Dass es Probleme im Leipziger Naturschutzgebiet wie Pilzbefall und weiteres gibt, räumte Engelmann ein, verwies jedoch auf den Willen der zurückliegenden Jahre, den Auwald “aktiv zu gestalten”. Den Kritikern der Baumfällungen warf Engelmann vor, teilweise nicht einmal Arten der gefällten Bäume zu erkennen. Man stütze sich lieber auf die Erkenntnisse der Universität Leipzig und deren Forschung zum Auwald, wies er die geäußerte Kritik der vergangenen Zeit am Wirken des Stadtforstes bei Fällunges- und Bepflanzungsmaßnahmen zurück.

Einzig die AfD-Fraktion äußerte ihre Verwunderung darüber, warum der inhaltliche Streit nicht durch eine Wahrnehmung der Gesprächsmöglichkeiten zum „Internationalen Auwaldsymposium“ des Nukla e.V. in diesem Jahr beigelegt wurde.

Am Ende blieb das Abstimmungsergebnis, also die einhellige Verabschiedung des Forstwirtschaftsplanes 2018 mit nur 2 Enthaltungen. Die Protokollnotiz sagte OB Burkhard Jung zu. Ob damit die inhaltliche Debatte der vergangenen Monate vor allem um die Waldbewirtschaftung im Naturschutzgebiet Auwald vorbei ist, bleibt abzuwarten.

Die Debatte zum Forstwirtschaftsplan am 24.10.2018 im Stadtrat

Quelle: Livestream der Stadt Leipzig

Die Sicht des NABU und der Offene Brief zum Forstwirtschaftsplan

NuKLA-Antwort „zerpflückt“ die LVZ-Meldung zum „Offenen Brief“, der die NuKLA-Thesen „zerpflückt“

Leipzigs Forstwirtschaftsplan und seine Folgen für den Auwald: Das Lübecker Modell – ein Vorbild für Wälder in Deutschland und Europa

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Es gibt 2 Kommentare

Lieber umweltpolitischer Sprecher der Linken in der Fraktion im Stadtrat zu Leipzig: Es gibt kein Erlentriebsterben! Das ist ein ESCHENtriebsterben! Mich wundert nichts mehr. Gar nichts!

Siehe im Video an folgenden Stellen:
11:34 sowie 11:40 sowie 12:48

Es ging und geht nicht um Erlen, sondern um Eschen. Erle und Esche sind zwei unterschiedliche Bäume. Sie haben auch unterschiedliche Blätter und Früchte.

Das hier ist was zur Erle:
https://de.wikipedia.org/wiki/Erlen_(Gattung)

Und hier für Sie ein sehr interessanter Artikel über die Esche:
https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeine_Esche

Ich freue mich, Ihnen behilflich zu sein!

Es hilft übrigens auch nichts zu glauben, man hätte jeden Vogel gezählt im Jahre 2013, es geht um aktuelle Daten und Bestandsentwicklungen.

Es geht zudem auch um Fledermäuse die noch nie flächendend untersucht worden sind. Die fliegen zwar auch, aber sind keine Vögel!

Sie werden es nicht glauben, das sind sogar Säugetiere. Von denen gibt es im Auwald sogar ganz seltene Arten (noch, ich weiß nicht wie das in Zukunft aussehen wird). Unglaublich, was?

“Astronomen seid ihr und kennet viele Gestirne,
Aber der Horizont decket manch Sternbild euch zu.”
Friedrich von Schiller

Ich gebe zu, ich schmücke mich mit fremden Federn, die Wertung stammt nicht von mir.

Ein Artikel der Berichterstattung über den Auwald in der L-IZ endete mit den Worten, daß eine politische Entscheidung zu treffen sei. Nun ist sie getroffen. Schröder like: „Basta!“
Und zwar in Form und Inhalt. Die politischen Folgen sind hinlänglich bekannt. Es ist falsch immer nur nach Berlin zu schauen. Politik wird ebenso in der Kommune gemacht. Eine beschissene Politik. Ignorant, arrogant, geschlossen.
Für mich persönlich, auch wenn das den Leser nicht interessiert, meine Entscheidung Parteien den Rücken zu kehren, erweist sich wieder mal als richtig. Wer nicht diskutiert, im Gegenteil den Diskurs scheut, kann nur beschissene Politik machen. Die letzten Jahre nichts gelernt, kann nur konstatiert werden.
Was auch bemerkenswert ist, die Grünen ziehen einen Antrag zurück, der zum Diskurs hätte führen können. Das ist also die neue „Bürgerlichkeit“ der Grünen. Mal abgesehen davon, daß es auch hier lange Jahre gedauert hat, bis das Thema auf den Schirm kam.
Die AfD ahnt, daß etwas schief gelaufen ist und stimmt trotzdem zu.
Die anderen, absehbar…. Einschließlich FDP und Piraten. Vielleicht kennen die ja auch ein paar gute Animateure, die einen lebendigen Auwald digital simulieren können.

Jung und Rosenthal haben der Demokratie einen Bärendienst erwiesen. Nein, nicht mal den. Das wurde in einem Kommentar schon festgestellt. Die haben Gesichtswahrung betrieben – unter freundlicher Betrachtungsweise. Und Wirtschaftsförderung. Auf Kosten der Natur und damit auf Kosten der Menschen. Kennt man vom Flughafen, Kiesabbau, WTNK….
An diesem Beispiel wird auch wieder einmal die herbeigeredet Ost-West-Auseinandersetzung ad absurdum geführt. Es sind immer Menschen um die es geht. Die sind gleich, ob in Ost oder West. Gleich ignorant, arrogant – oder eben nicht. „Wessi“/“Ossi“ an der Spitze. Ein „Wessi“ der umsetzt und ein Stadtrat (dort sicher auch gemischt), der das Theater unterstützt. Und hier wurde richtig Theater gespielt, einschließlich Seilschaften aus DäDäRä-Zeiten. (Die „natürlich“ nicht bewiesen werden können.)

Ehrlicherweise muß man sagen, daß das Ergebnis dieser Abstimmung in Kenntnis des Umgangs von Verwaltung und Stadtrat mit dem WTNK zu erwarten war.

Und selbstverständlich wird dieser Stadtrat die „AG Stadtwald“, die „a“mt„g“elenkte Forst“wirtschaft“sberatung, nicht anfassen. Dieses undemokratische, nicht legitimierte Gremium wird weiter hantieren. Man streut sich selbst Sand in die Augen im seeligen Schlummer. Ich hoffe, Ihr habt Alpträume – von Schröder & Co und das Euch das Lachen ob dieser Entscheidungen im Halse stecken bleibt. Wahrscheinlich aber, was noch schlimmer wäre, gebt Ihr Euch weiterhin dieser Ignoranz und Arroganz hin.

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