OBM-Wahl 2020: Am 1. März prallen tatsächlich der junge Kern der Stadt und die konservative Randlage aufeinander

Für alle LeserAm Sonntag, 2. Februar, gegen Mitternacht, ging erst einmal nur die erste Runde der Leipziger Oberbürgermeisterwahlen zu Ende, auch wenn der eine oder andere Parteisoldat dann schon jubelnd verkündete: „Unser CDU-Kandidat Sebastian Gemkow hat die erste Wahlrunde gewonnen. Noch-Amtsinhaber Burkhard Jung dagegen büßte deutlich an Stimmen ein. Damit ist klar: Die Wähler wollen den Wechsel, die Leipziger wollen Sebastian Gemkow als neuen Oberbürgermeister.“ Das formulierte so Jens Lehmann, CDU-Bundestagsabgeordneter und CDU-Stadtrat. Der erste Blick auf die Wahlergebnis-Karte scheint das zu bestätigen. Der zweite nicht.
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31,6 Prozent für den CDU-Kandidaten Sebastian Gemkow sind in der ersten Runde eben noch kein Sieg. So funktionieren Oberbürgermeisterwahlen in Sachsen nicht. Und in Leipzig schon lange nicht mehr. Dazu ist das politische Meinungsspektrum – anders als in manchen sächsischen Provinzen – zu breit gefächert.

Tatsächlich zeigte das Wahlergebnis in der ersten Runde zwei Dinge: Erstens, dass sich die Stimmen tatsächlich auf so viele Parteien verteilen, dass keine Kandidatin und kein Kandidat in der ersten Runde die Chance hatte, sofort die absolute Mehrheit zu holen. Nur dann wäre der „Sieg“ auch ein Sieg gewesen. Das gelang zuletzt nur Wolfgang Tiefensee (SPD) 2005.

Und so zeigte das Ergebnis eben auch, dass Amtsinhaber Burkhard Jung (SPD) durchaus noch von seinem Amtsbonus zehrt. Denn 29,8 Prozent bedeuten nun einmal trotzdem eine gute Ausgangslage für die zweite Runde.

Denn der Blick auf die Karte zeigt auch, dass Sebastian Gemkow (CDU) von einem ganz ähnlichen Effekt profitierte wie Michael Kretschmer (CDU) bei der Landtagswahl im September 2019: Indem er massiv auf das Thema Sicherheit setzte und einige mediale Zeilenschlachten sein Thema pünktlich ab dem 1. Januar auch noch befeuerten, warb er neben den traditionellen CDU-Wählern vor allem Wähler ab, die eher ins AfD-Lager gehörten. Wähler, denen der AfD-Kandidat Christoph Neumann dann doch zu schräg erschien. Allein das macht – wenn man es mit dem AfD-Ergebnis der Stadtratswahl im Mai 2019 vergleicht – 6 Prozent der Stimmen aus.

Was eben auch heißt: 31 Prozent der Wähler lassen sich mit dem längst überspannten Sicherheitsthema überzeugen. Und dann? Jens Lehmann ist sich sicher, dass Sebastian Gemkow auch bei den Themen Wohnen und Mobilität zukunftsfähige Konzepte in petto hat. Aber dazu war auf den diversen Wahlpodien nichts zu hören.

Da vertrat der Kandidat zumeist Positionen, die im Leipziger Stadtrat schon lange keine Mehrheiten mehr finden, oder blieb erstaunlich unkonkret. Konkrete Vorschläge zu ÖPNV, zum sozialen Wohnungsbau, zur klimaneutralen Stadt? Fehlanzeige.

Und so überrascht auch nicht, dass Amtsinhaber Burkhard Jung (SPD), der sich mit den Themen gezwungenermaßen schon beschäftigt, genau dort punktete, wo sich in Leipzig in den vergangenen 20 Jahren das liberale, weltoffene und junge Milieu konzentriert: im Kern der Stadt. In all den durchschnittlich jüngeren und kinderreicheren Ortsteilen um das Zentrum, stets mit etwas über 30 Prozent.

Dort freilich, wo er eben auch in direkter Konkurrenz mit Grünen und Linken stand, die ganz ähnliche Themen besetzten und ihm damit natürlich Wählerstimmen abtrotzten. Dass es kein Selbstläufer werden würde, auch die dritte OBM-Wahl zu gewinnen, war Jung schon vorher klar.

Und dass ihn die CDU mit einem völlig entgleisten Sicherheits-Wahlkampf unter Druck setzen würde, war ihm spätestens ab dem 2. Januar klar.

Doch Sebastian Gemkow punktete dort, wo die CDU schon in der jüngeren Geschichte ihre stärkste Wählerklientel hatte: in den Ortsteilen eher am Stadtrand. Und dort teilweise mit Stimmenanteilen weit über 40 Prozent. Das sieht als Kartenbild geradezu überwältigend aus. Aber die Karte trügt ja. Die Mehrzahl der Wählerinnen und Wähler wohnt im Stadtkern. Dort wird die OBM-Wahl entschieden.

Was eben auch heißt, dass die Wahl nicht einmal dann entschieden wäre, wenn jetzt alle Kandidatinnen und Kandidaten noch einmal antreten würden am 1. März.

Denn jetzt wissen es auch die Wählerinnen und Wähler der nicht so erfolgreichen Kandidat/-innen, dass es tatsächlich um eine inhaltliche Wahl geht, um einen klaren Zweikampf zwischen einem konservativen Kandidaten, dem die derzeit wichtigsten Themen, mit denen der Stadtrat ringt, zutiefst fremd zu sein scheinen, und einem Amtsinhaber, der sie kurzerhand zu seinen Wahlkampfthemen gemacht hat, nachdem sie durch die Stadtratsmehrheit zu Stadtthemen gemacht wurden.

Im zweiten Wahlgang wird jetzt logischerweise taktisch gewählt.

Der von der CDU befeuerte „Sicherheits“-Wahlkampf hat im Grunde erst so richtig offengelegt, wie sehr sich die jüngeren innerstädtischen Stadtteile von den konservativen Stadtteilen am Rand, wo der Altersdurchschnitt der Wähler deutlich höher ist, unterscheiden. Es ist beinah eine Wahl des Randes gegen das Herz der Stadt.

Nur die City selbst sieht scheinbar wie eine Ausnahme aus. Aber auch dort dominiert die ältere Bevölkerung. Junge Familien wohnen dort kaum. Anders als zum Beispiel in den Wahlbezirken, wo die Linke-Kandidatin Franziska Riekewald die meisten Stimmen holte: in Neustadt-Neuschönefeld und Volksmarsdorf.

Man kann es auch so formulieren: Am 1. März werden das junge und das alte Leipzig aufeinandertreffen, die Vergangenheit, die sich in Sicherheitsdebatten einigelt, und die Zukunft, die es ohne wirklich große Veränderungen nicht geben wird.

Jetzt kann man gespannt sein, welche Kandidat/-innen noch einmal antreten und ob es gar Wahlempfehlungen konkurrierender Parteien geben wird.

Die erste Runde der OBM-Wahlen am 02. Februar 2020 – Ergebnisse der einzelnen Ortsteile Leipzigs. Quelle: Stadt Leipzig

OBM-Wahl: Ein Oberbürgermeister im Wahlkampf & Rückzugskandidatinnen + Video

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