21.4 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Weiße Geschichte: Warum der museale Blick auf die Friedliche Revolution völlig daneben ist

Anzeige
Werbung

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Werbung

    KommentarEine spannende Idee – aber zur Unzeit, kommentiert der langjährige FDP-Stadtrat René Hobusch einen Antrag der CDU-Fraktion im Leipziger Stadtrat, die Orte der Friedlichen Revolution in Leipzig zum UNESCO-Welterbe erklären zu lassen. „Wegweißend“, nennt es CDU-Stadtrat Michael Weickert. Ein Wort, das geradezu zum Kommentieren herausfordert. Weil es auch so schön von einer sauber geputzten Geschichte erzählt.

    Und natürlich von der kopfschmerzenden Tragik, die hinter all den seit Jahren bemühten Versuchen steckt, die Friedliche Revolution zu musealisieren.

    Was schon mit der Formulierung aus der CDU-Pressemitteilung deutlich wird: „Die Friedliche Revolution soll Unesco-Weltkulturerbe werden. Dazu beantragt CDU-Fraktion, den Prozess zur Aufnahme in die Welterbeliste anzustoßen.“

    Wozu der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Weickert erklärt: „Die Friedliche Revolution steht wie kaum ein anderes Ereignis unserer jüngeren Geschichte für den gewaltlosen, von den Menschen initiierten Übergang von einer Diktatur in eine freiheitliche Demokratie. Leipzig ist dabei einer der bedeutendsten Orte dieser Transformation, die in ihrer Bedeutung nicht nur für uns Deutsche, sondern für ganz Europa und die Welt wegweißend war. An diese Bedeutung wollen wir erinnern und sie auch für jüngere und kommende Generationen greifbar machen. Daher setzen wir uns für die Würdigung der bedeutenden Schauplätze in unserer Stadt als Unesco-Weltkulturerbe ein.“

    Da kommt dieselbe Haltung zum Vorschein wie bei der Begründung für den Bau eines Denkmals für Freiheit und Einheit in Leipzig. Als fürchteten die Leute, die so etwas vorschlagen, dass der Herbst 1989 in Vergessenheit geraten könnte. Als bräuchte es ein großes Gedächtnismonument, an dem sich alle noch einmal erinnern dürfen, was für ein mutiger Moment in der Leipziger Geschichte geschah, bevor dann doch wieder alle in ihren Trott verfielen und das Geld die Rolle des großen Bewegers übernahm.

    Aber es steckt auch noch etwas anderes in dem Antrag: Der immer wieder neu entfachte Leipziger Streit um die Deutungshoheit und wem die Friedliche Revolution eigentlich „gehört“ und wer sie „geerbt hat“. Denn wer die Erinnerung zu institutionalisieren vermag, der gewinnt für die nächste Zeit auch die Deutungshoheit.

    Als zum Erbe zu erklärende Orte nennt der CDU-Antrag die Nikolaikirche und die Runde Ecke.

    Bevor die Beantragung durch den Freistaat erfolgen könne, fordert die CDU-Fraktion die Stadtverwaltung deshalb auf, die nötigen Schritte einzuleiten.

    „Der Prozess zur Anerkennung als Welterbe wird ein Ausdauerlauf, in dem wir auch auf Unterstützung des Landtages angewiesen sein werden. Vorher müssen wir aber unsere Aufgaben in Leipzig erledigen“, meint Michael Weickert.

    „Mit unserem Antrag gehen wir diesen Prozess nun an. Dabei halten wir das langfristige Ziel der Würdigung der Friedensgebete, der Montagsdemonstrationen und all der Äußerungen bürgerschaftlichen Willens, die schließlich zum Umbruch geführt haben, stets im Blick. Diese Ereignisse stehen im idealen Einklang mit den Werten der bisherigen Unesco-Stätten wie der Friedensförderung und der Verständigung.“

    Haben wir derzeit nichts Wichtigeres zu tun?

    Was René Hobusch, der auch Mitglied des Begleitgremiums Freiheits- und Einheitsdenkmal ist, erst einmal nicht verkehrt findet. Aber jetzt mitten in der Corona-Pandemie ist das Thema für ihn ziemlich fehlplatziert: „Die Menschen erwarten zu Recht, dass sich der Stadtrat, die Verwaltung und die CDU, die die Staats- und die Bundesregierung führt, um die Bekämpfung der Pandemie kümmert.“

    Dazu gehöre laut Hobusch auch, „für eine wirtschaftliche Perspektive für unzählige Arbeiter, Angestellte, Selbstständige, Künstler und Firmen zu sorgen. Das muss Priorität haben. Über das Für uns Wider eines Welterbeantrages, für den Geld und Personal gebunden werden, können wir auch im Herbst oder im kommenden Jahr diskutieren. Die Idee ist spannend, aber sie kommt zur Unzeit.“

    Und auch er hat so ein Gefühl, dass der CDU-Antrag eine Ecke zu kleinkariert ist: „Darüber hinaus muss die Debatte über den Wendeherbst endlich ganzheitlich geführt werden, sonst kommt am Ende nur Stückwerk dabei raus. Ich wünsche mir ein Gesamtkonzept ,Zukunft Leipzig 89‘, in dem Freiheits- und Einheitsdenkmal, Runde Ecke, der Matthäi-Kirchhof und auch das Welterbethema berücksichtigt werden. Und das muss dann finanziell untersetzt und konsequent umgesetzt werden – nach der Pandemie.“

    Das zum einen. Und zum anderen steht die Frage im Raum, warum eigentlich so ein Antrag nötig ist, denn beim UNESCO-Welterbe geht es ja vor allem darum, wertvolle Kulturdenkmäler (und -güter) zu erhalten, nicht politische Ereignisse im Gedächtnis zu bewahren.

    Letzteres passiert nicht durch aufgeklebte Schildchen, sondern durch historische Aufarbeitung und transparente Diskussion in der Öffentlichkeit, in der man auch gemeinsam klärt, wie viel man eigentlich von der Friedlichen Revolution umgesetzt hat, was davon lebendiger Alltag ist und was letztlich Opfer neuer Vereinnahmungen und damit bis heute unabgegolten.

    Der geweißte Grund der Geschichte

    Selbst die freiheitliche Demokratie ist kein idealer Zustand auf geweißtem Grund, sondern ein Prozess, in dem die Demokraten gut daran tun, sich mit den Demokratiefeinden tatsächlich auseinanderzusetzen und um jeden demokratischen Wert zu kämpfen. Das wäre ein lebendiger Prozess, der auch die Friedliche Revolution nicht in etwas Abgegoltenes verwandelt, sondern der sich jeden Tag aufs Neue fragt: Haben wir das wirklich schon zum gelebten Alltag gemacht?

    Und warum eigentlich nicht? Kann es sein, dass wir lieber sinnlos über überflüssige Denkmäler und Erbeerklärungen diskutiert haben, als die Demokratie tatsächlich zu einer für alle erlebbaren Wirklichkeit zu machen – transparent, barrierefrei und gleichberechtigt?

    Da kam das freud’sche „geweißt“ wohl nicht ganz zufällig in die Quere. Vielleicht war’s auch ein coronabedingter Reflex, nachdem nun alle im Lockdown ihre Wohnung neu gemalert haben. Da sind die Wände so schön weiß und man hat wieder alle Möglichkeiten ungeschmälert vor sich, auf weißem Grund neu zu gestalten.

    Aber nicht einmal 1989 hatten wir einen geweißten Grund. Das vergisst man so gern, dass es in der menschlichen Geschichte niemals perfekte Neuanfänge gibt, sondern die Alten immer das Neue anfangen, meistens mit begrenzten Mitteln und jahrelang damit beschäftigt, erst einmal die alten Löcher und Fehlstellen zu reparieren.

    Geschichte ist ein ziemliches Flickwerk, wenn man sie genauer beschaut. Und das beste von Revolutionen, was man sagen kann, wäre: Sie gehört noch nicht ins Museum und auch nicht unter Denkmalschutz. Und wenn erst die Nikolaikirche ein UNESCO-Siegel braucht, damit sich ihre Besucher an die Friedliche Revolution erinnern, ist sowieso alles zu spät.

    Postscriptum

    Ein Blick ins Archiv zeigt übrigens, dass der CDU-Antrag überhaupt kein eigenständiger Antrag ist, sondern der Versuch, einen Antrag der Grünen-Fraktion zu torpedieren, den diese im Oktober 2020 gestellt hat: „Ziel, Inhalt und Struktur der Veranstaltungen und der Formen und Orte des Bewahrens der Werte der Friedlichen Revolution werden unter Federführung des Stadtgeschichtlichen Museums und unter Einbeziehung der Initiativgruppe ,Tag der Friedlichen Revolution – Leipzig 9. Oktober‘ evaluiert und neu definiert. Das Kuratorium Friedliche Revolution wirkt begleitend und beratend. Dieser Prozess soll in ein langjähriges Konzept mit Höhepunkt aller 5 Jubiläumsjahre münden und in das noch zu erarbeitende Konzept Erinnerungskultur eingebunden werden.“

    Ziel der Grünen ist eben keine Musealisierung, sondern eine „Lebendige Auseinandersetzung mit der Friedlichen Revolution“.

    Und ihnen ist sehr wohl bewusst, dass die gewonnene Demokratie gerade heute wieder massiven Gefahren ausgesetzt ist: „Die Revolutionen von 1989/90 in Mittelosteuropa ermöglichten ganz Europa Freiheit, Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Das Aufkommen autoritärer Tendenzen in Teilen der europäischen Gemeinschaft in den letzten Jahren mit der Stärkung der extremen, rechten und populistischen Parteien unterstreicht die Aufgabe, die europäische, weltoffene Demokratie und unsere europäischen Werte lebendig im Bewusstsein der Menschen zu halten.“

    Grüne beantragen: Jetzt ist es Zeit, neue Formen für das Gedenken an die Friedliche Revolution zu entwickeln

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache

    Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten unter anderem alle Artikel der LEIPZIGER ZEITUNG aus den letzten Jahren zusätzlich auf L-IZ.de über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall zu entdecken.

    Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

    Vielen Dank dafür.

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige