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„Essener Erklärung“ erinnert daran, dass die „Leipzig Charta“ noch immer gültig ist

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    Für FreikäuferDie „Leipzig Charta“ von 2007 hat ein Baby bekommen. Am 14. und 15. Dezember fand die Tagung „Europäische Zukunftsformate“ im Sanaa-Gebäude auf dem Welterbe Zollverein in Essen statt. Da ging es um 30 Jahre Transformation im Ruhrpott. Etwas, was man in Leipzig fast nie im Blick hat – dass auch Städte wie Essen sich nach dem Ende des Montanzeitalters völlig neu erfinden mussten. Denn das mit dem Erfahrungsaustausch, das klappt nicht wirklich.

    Obwohl es alle wissen. Denn es ist ein europäisches Thema. Das ist ja der Sinn der „Leipzig Charta“: Die Städte sind es, die den Transformationsprozess gestalten, die Modelle für modernes Wohnen, moderne Mobilität, kompakte und umweltfreundliche und nachhaltige Stadtlandschaften entwickeln müssen.

    Jede Stadt macht andere Erfahrungen. Aber alle stehen vor denselben Aufgaben und sind dazu verdammt, den Wandel mit ihren Bürgern gemeinsam zu gestalten. Die Ausgangslagen sind unterschiedlich. Die finanziellen Rahmenbedingungen sind es auch.

    Aber während man in Leipzig das Gefühl hat, die Luft ist raus und jetzt wird der euphorische Anfang aus der Frühzeit von OBM Jung wieder demontiert, weil einige Fraktionen mit Vollgas zurückwollen in eine Vorstellung von Großstadt, die mal im 20. Jahrhundert modern war, hat Essen sich all die Jahre immer um große Veranstaltungen beworben – auch um den Titel Kulturhauptstadt Europas – um den Transformationsprozess zu einem modernen Metropolverbund Ruhr sichtbar zu machen.

    Es hilft nicht, den alten Industrien nachzutrauern, wenn sie nicht mehr konkurrenzfähig sind. Und es hilft auch nichts, weiter Autostädte zu bauen, wenn der Verkehr trotzdem kollabiert.

    Aber es hilft, wenn die Metropolen lernen, wirklich die Erfahrungsschätze der anderen zu nutzen. Das steckt jetzt im Grunde in der „Essener Erklärung“, die am Ende des Kongresses „Europäische Zukunftsformate“ stand, der darauf abzielte, die verschiedenen Formate, Planungsprozesse und Kampagnen der Metropole Ruhr zu vergleichen und zu bewerten.

    Nun geht es noch einen Schritt weiter: Am Ende der Tagung wurde die „Essener Erklärung“ präsentiert.

    „Wir möchten eine Plattform bieten, die als Impulsgeber für Europa fungiert. Keine Metropole hat in so dichter Folge wie die Metropole Ruhr verschiedene Europäische Zukunftsformate in regionaler Kooperation umgesetzt. Unsere Region kann für die vielen, wachsenden und sich wandelnden Ballungsräume in Europa und darüber hinaus ein Vorbild sein“, sagt Simone Raskob, Umwelt- und Baudezernentin der Stadt Essen und Projektleiterin der Grünen Hauptstadt Europas – Essen 2017. Die Organisation von Kongressen, die Durchführung von Besuchsprogrammen, die digitale Vernetzung vorhandener Informationsangebote und Wissensstände und Austausch für Städte, die sich um ein Format bewerben möchten, sollen durch eine Plattform abgedeckt werden.

    Gerade im Ruhrpott hat man jede Menge Erfahrungen sammeln können, wie man mit Stadt umgeht, wenn die großen Eisenhütten schließen und der Steinkohlebergbau zu Ende geht und trotzdem Visionen gefunden werden müssen für eine moderne Stadt, die durch ihre Strukturen doch wieder zum Ankerpunkt für Forschung, Bildung und Beschäftigung wird.

    „Die Transformation unserer Stadt ist gerade in ihrem Titeljahr als Grüne Hauptstadt mehr als deutlich geworden. Wir sind aber auch selbst noch nicht am Ende: Wir als Metropolregion benötigen gemeinsame Antworten auf aktuelle und zukünftige Herausforderungen wie den Klimawandel und die Digitalisierung. Und dafür brauchen wir Tagungen wie diese, damit wir uns auf gemeinsam Erreichtes besinnen und daraus für zukünftige Formate und Projekte lernen“, sagte Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen.

    Es sieht ganz so aus, dass sich auch die wirtschaftlichen Entwicklungen in der Welt immer mehr loslösen von starren nationalen Grenzen. Eigentlich war das auf europäischer Ebene schon vor 20 Jahren klar: Immer stärker fokussieren sich alle Entwicklungen auf die Knotenpunkte im Netz, die großen europäischen Metropolen, die in sich alles bündeln, was zum modernen Leben gehört.

    So betrachtet ist der moderne Nationalismus auch ein verzweifeltes Aufbäumen der Provinz gegen einen Prozess, der anderswo stattfindet und an dem nicht mehr teil hat, wer sich nicht andockt.

    Da überrascht es nicht, wenn Leipzigs OBM Burkhard Jung jetzt langsam Druck macht beim (sozialen) Wohnungsbau. Denn wenn der Prozess so ist, dann wird das Wachstum der großen Städte auch so weitergehen. Denn die Prozesse zur Metropolisierung sind überall im Gang. Nur die Landesregierungen gehen damit sehr unterschiedlich um – meistens bremsend, weil sie die Dynamik dieses Prozesse nicht verstehen.

    Es ist ein Prozess, in dem gerade die Transformationsstädte ein deutlich größeres Gewicht brauchen. Und mehr Vernetzung.

    Auch das steckt in der „Essener Erklärung“, die eigentlich eine Aufforderung ist, diese Transformationsprozesse, die überall in der EU ablaufen, endlich ernst zu nehmen. Oder mit dem letzten Satz aus der Erklärung: „Es bietet sich die Chance, eine interdisziplinäre Plattform zu konstituieren, die allen die Möglichkeit bietet, einen Dialog zu gemeinsamen Zielen zu organisieren, Erfahrungen auszutauschen und Wissen zu generieren und damit die Transformation der Städte und Metropolen in zukunftsgerechte und lebenswerte Orte zu gestalten.“

    Die Essener Erklärung.

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