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Den Anwohnern des Flughafens Leipzig/Halle wird das neue Anflugverfahren nicht mehr Nachtruhe geben

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    Mit großem Jubilo begrüßte die LVZ am Freitag, 18. Dezember, die Einführung des Point-Merge-Anflugverfahrens am Flughafen Leipzig / Halle. Im November hatte die Deutsche Flugsicherung (DFS) dazu in der Fluglärmkommission berichtet. Am 10. Dezember trat das Verfahren in Kraft, der Probebetrieb begann. Aber die Betroffenen trauen dem ganzen Tamtam nicht.

    Denn: „Die Lärmentlastung befindet sich im Bereich von etwa 20 bis 90 Kilometern Entfernung vom Flughafen.“ Der das sagte, muss es wissen: Robert Ertler, Leiter Luftraumentwicklung und -gestaltung der DFS. Zuvor merkte auch die LVZ recht beiläufig an: „Im Endanflug, also auf den letzten etwa 16 Kilometern, würden keine Entlastungen festzustellen sein.“ Die Airlines hätten freilich einen Vorteil: Sie würden weniger Kerosin verbrauchen. Ansonsten sei das Verfahren nun erstmals in Deutschland im Probebetrieb. „Wie hoch die Lärmentlastung sein wird, können die beiden DFS-Experten jedoch nicht sagen.“ So die LVZ.

    Viel Lärm um Nichts in Leipzig

    Entsprechend sarkastisch fällt denn auch der Kommentar von Matthias Zimmermann, Pressesprecher der Bürgerinitiativen „Gegen die neue Flugroute“ und „Gegen Flug- und Bodenlärm“ aus: „Mit großem Pathos wird die Testphase eines neuen Anflugverfahrens am Flughafen Leipzig-Halle propagiert. Die Deutsche Flugsicherung hatte das Verfahren bisher nur in der Fluglärmkommission vorgestellt und konnte auch auf Nachfrage von FLK-Mitgliedern dort keine Aussagen machen, welche Lärmentlastungen damit konkret verbunden sind. Die Zahlreichen Bürgerinitiativen rund ums Thema Fluglärm am LEJ waren ohnehin vom Informationsprozess ausgeschlossen. So viel zunächst zum Thema Bürgernähe.“

    Und auch er hat den LVZ-Artikel genau gelesen.

    „Es wird allgemein behauptet, durch das Point Merge-Verfahren würde es vor allem in Halle und auch dem nördlichen Saalekreis nachts ruhiger werden. Die LVZ berichtet, in Leipzig soll es leiser werden, zitiert aber in ihrem Artikel Herrn Ertler, der festhält, dass die Lärmentlastung im Bereiche von etwa 20 bis 90 km Entfernung vom Flughafen stattfindet. Es dürfte aber wohl allgemein bekannt sein, dass der Flughafen Leipzig-Halle, die lauteste stadtnahe nächtliche Lärmquelle Deutschlands, sich direkt an Leipzig und Schkeuditz anschließt. Wenn zudem behauptet wird, für Leipzig gäbe es mit dem neuen Verfahren nun praktisch keine Überflüge mehr, darf daran erinnert werden, dass diese laut den Leipzigern im Zuge des Baus der neuen Start- und Landebahn Süd vorgestellten/versprochenen Flugrouten eben diese derzeit praktizierten Überflüge ohnehin nicht vorsahen. Falsche Versprechungen werden also wieder einmal mit falschen Versprechungen ersetzt, toll!“

    Und dass die Fluggesellschaften Kerosin sparen?

    Da staunt auch Zimmermann, wie genau man das voraussagen kann. „Kombiniert mit konstanten Sinkflügen sorgt Point Merge für die Vermeidung überflüssiger Brems- und Beschleunigungsvorgänge und trägt damit insgesamt zu einer deutlichen Kerosineinsparung bei. Man spricht dabei, und hier kann man Werte nennen, von ca. 0,5 bis 1,5 %. Und das ist die eigentliche Triebfeder, dieses Verfahren medienwirksam einzuführen. Im Gegensatz zur Kerosineinsparung werden zur Lärmentlastung aber keine genaueren Werte genannt. Es bleibt bei allgemeinen Aussagen, die sich in der Öffentlichkeit aber gut verkaufen, wenn man nur entsprechendes Marketing betreibt. Point Merge ist bei näherem Betrachten hinsichtlich Fluglärmentlastung nichts weiter als ein Placebo, welches vor allem bei unwissenden Politikern, leichtgläubigen Bürgern (diese werden allerdings zusehends weniger) und schlecht recherchierenden Journalisten ankommt.“

    Das, was wirklich Lärm erzeugt, wird von Point Merge gar nicht tangiert.

    „Der entscheidende, extreme Lärm wird nun mal im unmittelbaren Umfeld des Flughafens verursacht (Starts, Bodenlärm) und das ist der gesamte Norden von Leipzig mit über 100.000 Betroffenen, 70.000 Einwohnern des sogenannten Nacht’schutz’gebietes, die am stärksten durch Nachtfluglärm belastet sind, und natürlich die Anwohner der Flughafen-Stadt Schkeuditz. Hier wird sich NICHTS verbessern“, stellt Zimmermann fest. „Wären Flughafen, Deutsche Flugsicherung und DHL ernsthaft an einer Lärmreduzierung für die Anwohner im Raum Leipzig interessiert, müsste lediglich die gleichmäßige Bahnverteilung praktiziert werden, so wie im Planfeststellungsbeschluss eigentlich verankert (siehe hierzu  http://www.fluglaermleipzig.de/Bahnverteilung.pdf ) und die kurze Südabkurvung endlich eingestellt werden. Wenn dies geschieht, dann kann von einer Entlastung der Leipziger gesprochen werden. Alles andere ist Opium fürs Volk.“

    Eingestellt wird ja die kurze Südabkurvung nicht, wie im Protokoll der letzten Sitzung der Flughafenkommission nachzulesen. Sie wird nur angepasst: „Dabei wurde die Anpassung der kurzen Südabkurvung in Startrichtung West (Antrag der Gemeinde Schkopau) berücksichtigt.“

    Viel Lärm um nichts – zum Zweiten

    Und auch Andreas Geisler, Stadtrat der SPD aus dem Leipziger Nordwesten, fällt nur der Titel des berühmten Shakespeare-Stückes ein: „Viel Lärm um fast nichts!“

    „Mit großem medialen Aufwand und Brimborium verkündet der Flughafen die Einführung des Point Merge Verfahrens am hiesigen Flughafen und die Presse fällt darauf herein und titelt frohgemut am Flughafen Leipzig/Halle wird es leiser“, kommentiert er den Jubelgesang vom Freitag. „Als Mitglied des Dialogforums Leipzig zum Flughafen und als Stadtrat habe ich über dieses Verfahren zum Glück schon einiges gehört im Gegensatz zu den Bürgerinitiativen, die dort leider wieder einmal nicht wirklich eingebunden waren.“

    Was passiert denn nun wirklich?

    „Also erstens reden wir nur über die Landeanflüge, den ohnehin leiseren Teil bei der Benutzung eines Flughafens im Gegensatz zu den Starts! Zweitens kommt es zu einer Lärmentlastung nach meinen Informationen auf den Kilometern 100 bis ca. 20 vor dem Aufsetzen am Flughafen, so wurde uns das vorgestellt. Und drittens werden im Landeanflug Routen geflogen die südlich und südöstlich etwas weiter an Leipzig vorbeiführen und in etwas mehr Höhe geflogen werden“, schildert Geisler das, was über das Verfahren tatsächlich bekannt ist. „Auch wenn ich als Stadtrat für alle Leipziger froh bin über jede Form der Entlastung und es den Bewohnern an den Seen im Südraum gönne wenn es leiser wird, schauen wir doch mal in das direkte Umfeld des Flughafens. – Und siehe da. Beim genaueren Hinsehen entblättert sich das Hoffnungspflänzchen als eine Fata Morgana oder ein Placebo damit Leichtgläubige denken, toll es passiert was.“

    Sein Fazit zu diesem Jubelgesang: „Der Leipziger Nordwesten wird eben nicht von Lärm entlastet, die Region mit der größten Belastung, dort wo für Leipzigs wirtschaftliche Entwicklung die größten Lasten getragen werden, wird es nicht ein bisschen leiser, und dafür kann man sich nun wirklich nicht feiern lassen.

    Fazit :
    – offensichtlich ist das Verfahren wirtschaftlicher und damit für die Betreiber interessant,
    – in Flughafennähe bleibt der Lärm wie er ist.“

    Aber wie kann es im Leipziger Nordwesten tatsächlich leiser werden?

    Andreas Geisler: „Wenn man wirklich nicht nur Symbolpolitik sondern ehrliche Verbesserungen will, muss man an die Starts ran, dann müssen die alten Maschinen weiter schnell ausgemustert werden, dann muss der Verkehr gerecht auf beide Bahnen verteilt werden, dann muss die kurze Südabkurvung eingestellt werden, dann müssen Bodenlärm und Geräusche wie das Piepen beim Rückwärtsfahren leiser werden, dann muss man nächtliche Triebwerksprobeläufe außerhalb der dafür gebauten Halle und jede Form von kurzen Abkurvungen in der Nacht konsequent ablehnen  – und nachts muss wieder gelten: Nach Sicherheit im Flugverkehr kommt die Gesundheit der Anwohner und deren Schutz als zweiter Aspekt und erst ganz klar danach als drittes die Wirtschaftlichkeit!“

    Neues Einflugverfahren am Flughafen Leipzig/Halle löst Lärmprobleme der Anwohner nicht

    Und auch die Grünen, die das Thema Fluglärm immer wieder mit Anträgen in den Sächsischen Landtag bringen, wundern sich über den medialen Freudentanz.

    „Die Deutsche Flugsicherung hat am Donnerstag mit dem Point-Merge-Verfahren ein neues Einflugverfahren vorgestellt. Ich sehe für die zehntausenden Anwohner, die am stärksten vom Nachtfluglärm betroffen sind, dennoch keine relevanten Entlastungen. Allein die Anflughöhe zu verändern, ändert nichts an der Hauptursache für die Lärmbelastung“, erklärt Wolfram Günther, umweltpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion.

    Ob das Point-Merge-Verfahren sogar eine deutliche höhere Fluglärmbelastung in den neuen Sammelräumen bei Bad Lauchstädt im Westen und Eilenburg im Osten verursacht, ist noch unklar.

    „Es ist allerdings bemerkenswert mit welcher Geschwindigkeit das Einflugverfahren am Flughafen vorangetrieben wurde: Erstmals diskutiert und beschlossen im Frühjahr 2015, eingeführt neun Monate später. Ich würde mir eine solche Geschwindigkeit bei einer viel relevanteren Problemstellung wünschen: der laut Planfeststellungsbeschluss gleichmäßigen Verteilung der nächtlichen Starts und Landungen auf den Landebahnen Süd und Nord. Seit fünf Jahren wird über die widerrechtliche ungleiche Nutzung der Start- und Landebahnen diskutiert. Ergebnis: der Anteil des auf der Start- und Landebahn Süd abgewickelten nächtlichen Luftverkehrs liegt mittlerweile bei 97,4 Prozent“, sagt Günther. „Eine wirkliche Entlastung der Menschen rund um den Flughafen ist nur mit einem Ende der Nachtflüge zu haben. Wir wollen ein Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr für den Flughafen Leipzig-Halle festsetzen. Dazu ist der Freistaat Sachsen als Hauptgesellschafter der Mitteldeutschen Flughafen AG in der Lage.“

    Und er fügt hinzu: „So lange das nicht erreicht ist, fordern wir zumindest deutlich verschärfte lärm- und verbrauchsabhängige Start- und Landeentgelte am Flughafen Leipzig-Halle als finanziellen Anreiz. Vorbild ist hier der Flughafen Zürich, der sehr stark gespreizte lärmabhängige Start- und Landeentgelte hat. Der Flughafen Leipzig/Halle hat aktuell sehr niedrige Start- und Landegebühren, speziell für Nachtflüge und hier insbesondere für besonders laute Flugzeuge. Wenn das nicht verändert wird, bleibt Leipzig im bundesweiten Flughafendumpingwettbewerb ‚der billige Jakob‘.“

    Ausprobieren will die DFS das Point-Merge-Verfahren zwar insbesondere im Nachtflugbetrieb. Aber das wird den betroffenen Anwohnern wenig helfen.

    „Wir sehen die Staatsregierung in der Pflicht, endlich im Interesse der lärmgeplagten Bürgerinnen und Bürger zu handeln. Durch den derzeitigen Nachtbetrieb des Flughafens Leipzig/Halle nimmt ihre Gesundheit zugunsten einzelner Unternehmen wie DHL einen enormen Schaden. Das Interesse von DHL, eine möglichst schnelle und billige Expressfrachtgutabwicklung nachts zu organisieren, steht dem Interesse des Gesundheitsschutzes der betroffenen Anwohner gegenüber“, sagt Günther. „Die Menschen vor Ort werden durch den Fluglärm vor allem großer Frachtflugzeuge insbesondere in der Zeit zwischen 22 und 6 Uhr massiv beeinträchtigt. Fluglärm ab einem Dauerschallpegel von 40 Dezibel in der Nacht kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Schlaganfall oder Herzinfarkt verursachen. Das ist keine verantwortungsvolle Politik.“

    Der Grüne-Antrag „Fluglärm am Flughafen Leipzig-Halle reduzieren – Nachtruhe durchsetzen!“

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