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Böhlitzer kämpfen um das artenreiche Biotop im ehemaligen Steinbruch am Holzberg

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    Es gibt mindestens drei Böhlitz in Westsachsen. Jetzt hat das kleine Böhlitz, das Ortsteil von Thallwitz ist, für Aufmerksamkeit gesorgt. Denn ein Verkauf, der eines der wertvollsten Biotope nahe des Ortes in eine Deponie zu verwandeln droht, bringt die Böhlitzer auf die Palme. Am 14. März übergaben die Böhlitzer eine Petition an Dr. Matthias Rößler, Präsident des Sächsischen Landtags.

    3.254 Bürger haben der Petition zur „Rettung des einzigartigen Natur- und Klettergebietes im ehemaligen Steinbruch Holzberg“ seit Gründung der Bürgerinitiative Böhlitz am 19. November 2018 ihre Stimme gegeben. Das Naturparadies droht unter einer 30 Meter dicken Verfüllung begraben zu werden.

    Gäste der Übergabe waren auch Wolfram Günther, Fraktionschef der Grünen im Sächsischen Landtag, und die Initiatorin der Petition „Rettet die Bienen in Sachsen“, Uta Strenger. Die Eilenburgerin hat bereits über 7.000 Unterschriften für den Schutz der Artenvielfalt in Sachsen gesammelt. Neben namhaften Vertretern der Bergsteiger- und Kletterszene war auch Stephan Schürer vom Verein „Uferleben“ extra in die Landeshauptstadt gekommen. Dieser Verein setzt sich im Leipziger Südraum für den Erhalt der natürlichen Lebensräume an den Tagebauseen ein.

    Die 40 Meter hohen Felswände und die angrenzende Flachwasserzone im ehemaligen Steinbruch Holzberg stehen schon längst unter Biotopschutz. Hier dürfte eigentlich überhaupt nichts passieren, das diese artenreichen Biotope gefährdet. Aber genau das droht jetzt.

    Das Naturparadies am Holzberg bei Böhlitz. Foto: BI Böhlitz
    Das Naturparadies am Holzberg bei Böhlitz. Foto: BI Böhlitz

    Das Tiefbauunternehmen Kafril hat den Holzberg nun für einen Preis, für den man in Leipzig ein Grundstück für ein Einfamilienhaus bekommt, erworben und hat nach Bergrecht die Option, diesen mit Millionen Kubikmetern Aushub zu befüllen. „Eine Tonne Aushub bringt wohl 8 Euro“, merkt die Bürgerinitiative Böhlitz an. „Also für die Firma ein großer Vorteil, mit dem man natürlich auch die eigenen Preise für etwaige Angebote senken kann.“

    Wieder so ein Fall, wo alte Bergrechte in der Gegenwart dazu führen, dass wertvolle Biotope zerstört werden dürfen?

    Was man bis heute weiß ist, dass das Biotop am Holzberg mindestens 256 erfasste Arten beherbergt. Die Erfassung ist noch längst nicht abgeschlossen. Die 40 Meter hohen Felswände beinhalten unter anderem ein Uhugeläge, weisen ein konsekutives Mikroklima auf (sodass man hier bei Sonne im Februar im T-Shirt klettern kann), dazu kommen drei Hektar Wasserfläche mit großen Flachwasserzonen mit mannigfaltiger Flora und Fauna, ein beliebtes Ausflugsziel für Familien und Kletterer, einmalig in der Region und durch keine Ausgleichsmaßnahme sinnvoll ersetzbar.

    Das Oberbergamt hatte bereits am 11. Februar 2019 festgestellt, dass es für den Holzberg weder eine Pflicht, noch eine Auflage zur Verfüllung gibt. Der Antrag zur Entlassung des Holzbergs aus dem Bergrecht, so das Bergamt, kann vom Eigentümer „jeden Tag“ gestellt werden. Aber der Eigentümer ist nun ausgerechnet die Entsorgungsfirma Kafril, die das Gelände eigentlich nicht braucht.

    Petitionsübergabe am 14. März im Landtag an Dr. Matthias Rößler. Foto: BI Böhlitz
    Petitionsübergabe am 14. März im Landtag an Dr. Matthias Rößler. Foto: BI Böhlitz

    Findet jedenfalls die Bürgerinitiative Böhlitz: „Da im Raum Leipzig voraussichtlich noch fast 30 Jahre Braunkohle gefördert wird, kann man für die nächsten Jahrzehnte auch nicht von einem Mangel an Schüttraum für sauberes Aushubmaterial sprechen. Es besteht somit keinerlei öffentliches Interesse an einer Verfüllung der einzigartigen Lebensräume im Holzberg. Jetzt ist es Aufgabe von Politik und Verwaltung, gemeinsam mit dem Unternehmen, geeignete Lösungen zu finden. Der angestrebte Kompromiss muss dabei außerhalb der engen Grenzen des Böhlitzer Naturraums gefunden werden und wird in jedem Fall nur mit begleitenden Maßnahmen der Wirtschaftsförderung zu erreichen sein.“

    Das Oberbergamt hat dazu im Gespräch mit der Bürgerinitiative bereits am 11. Februar seine Unterstützung zugesagt und Landrat Henry Graichen ist in dieser Sache bereits mehrfach persönlich aktiv geworden. Das außerordentliche Engagement des Landrats für den Erhalt des Natur- und Klettergebietes im Holzberg wurde deshalb auch im Gespräch mit Matthias Rößler ausdrücklich hervorgehoben.

    Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage, wie man den wertvollen Naturraum im Holzberg bewahren kann. Matthias Rößler zeigte sich dabei als sachkundiger und interessierter Gesprächspartner, dem der Erhalt der Natur und die Belange des Artenschutzes in Sachsen ausgesprochen am Herzen liegen. „Wir sind ja schon mitten in der Bearbeitung der Petition“, so charakterisierte der Landtagspräsident die Qualität der Diskussion bereits nach kurzer Gesprächsdauer.

    Laubfrosch, entdeckt am Holzberg. Foto: BI Böhlitz
    Laubfrosch, entdeckt am Holzberg. Foto: BI Böhlitz

    Sehr intensiv wurde auch zu den Fragen der Wahrung der Eigentümerinteressen gesprochen. Die Bürgerinitiative vertrat hierzu den Standpunkt, dass es am Holzberg vor allem auch um akzeptable Lösungen für den Eigentümer gehen müsse.

    Die Vertreter der Bürgerinitiative machten auch noch einmal darauf aufmerksam, dass der Holzberg durch jährlich tausende Tagesgäste eine ganz besondere Begegnungsstätte zwischen Mensch und Natur ist. Die bis zu 40 Meter hohen Kletterwände und die unmittelbare Nähe zu einem artenreichen intakten Naturraum sind einmalig in der Region. Längerfristig empfiehlt die Bürgerinitiative die Verantwortung für den „Naturraum Holzberg und Köppelscher Berg“ an eine gemeinnützige Stiftung zu übertragen. Auch ein Erwerb durch den Deutschen Alpenverein könnte aufgrund der großen Beliebtheit des Klettergebietes und des Engagements des DAV für den Naturschutz eine gute Lösung sein.

    Am Ende der Diskussion machte Frank Heidan (CDU) vom Petitionsausschuss des Sächsischen Landtags deutlich, dass jetzt ein sehr gründliches und tiefgründiges Prüfverfahren über einen Zeitraum von mehreren Monaten stattfinden werde. Petitionen seien ein wichtiger Teil der Demokratie und in begründeten Fällen seien die Erfolgsaussichten sehr gut. Das Gespräch mit dem Landtagspräsidenten und den Vertretern des Petitionsausschusses hat den Gesandten der Bürgerinitiative zumindest den Eindruck vermittelt, dass ein für alle Beteiligten tragfähiger Kompromiss gefunden werden kann und eine reale Chance zur Rettung des Holzbergs gegeben ist.

    In der Diskussion wurde auch deutlich, so schätzt der Sprecher der Bürgerinitiative Böhlitz, Gunter Winkler, ein, dass die Diskussion um den Holzberg weit über die Grenzen eines regionalen Problems hinausgeht.

    Laut aktuellem UN-Umweltbericht sind seit 1970 40 Prozent der Feuchtgebiete und 60 Prozent der Wirbeltierbestände weltweit verschwunden. Deutschland bildet hier bisher leider noch keine Ausnahme. Wie kürzlich veröffentlicht, ist die Insektenmasse in Deutschland innerhalb der letzten 30 Jahre um 75 Prozent zurückgegangen. Davon sind auch die Singvögel betroffen, deren Bestände im gleichen Zeitraum ebenfalls dramatisch zurückging. Und das hat auch mit dem Verschwinden wichtiger Biotope, Feuchtgebiete und artenreicher Landschaftsteile zu tun. Und Sachsen hat noch nicht einmal begonnen, den nötigen Biotopverbund für die Zukunft herzustellen und zu sichern. Der Appell der Bürgerinitiative Böhlitz: „Die Politik ist dringend gefordert, energisch gegenzusteuern und Lebensräume wirksam zu schützen.“

    Das Thema Biotopverbundnetz sitzt Sachsens Agrarminister einfach aus

     

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