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Dem bedrohten Eschen-Scheckenfalter geht in der Elster-Luppe-Aue der Lebensraum verloren

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    Das Problem beim Artensterben ist: Es geht ganz still vor sich. Die verschwindenden Arten hinterlassen keine Abschiedsbriefe. Sie pflanzen sich einfach nicht mehr fort, wenn ihr Lebensraum verschwindet. Und die Anwohner wissen oft nicht mal, wer da Seltenes in ihrer Nachbarschaft lebte. So wie der Eschen-Scheckenfalter, dessen letztes Vorkommen in Mitteldeutschland gerade schmilzt. Es liegt im eigentlich streng geschützten Naturschutzgebiet Leipziger Auensystem.

    Direkt in der Elster-Luppe-Aue an der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt. Die Autobahn geht mitten hindurch. War der Falter mit dem besonderen Namen hier vor 100 Jahren noch zahlreich zu finden, weil sein Lebensraum noch nicht durch Deiche, Straßen und Waldumbau zerstört war, hat sich die Population mittlerweile auf wenige Relikte verringert.

    Sein typischer Lebensraum sieht nämlich so aus, wie Wikipedia beschreibt: „Die Tiere sind in feuchten, lichten Wäldern mit großen, jungen Eschenbeständen und mit Erlengebüschen bewachsenem Gelände zu finden. In Mitteleuropa sind ihre Populationen stark zurückgegangen und vielerorts verschwunden.“

    Das wäre ein Lebensraum in einer von lichten Wäldern besetzten Flussauenlandschaft, wie es die Elster-Luppe-Aue noch vor 100 Jahren war. Dass es die Luppe war, die den Lebensraum dieses Falters bestimmte, ist heute noch zu sehen, denn das alte Flussbett der Luppe mit ihren vielen Mäandern ist hier noch bestens erhalten, auch wenn hier kein Wasser mehr fließt, weil es durch die Deiche an der Burgaue abgeschnitten ist. Nur wenn das Nahleauslasswerk gezogen wird, kommen die Wassermassen bei Hochwasser noch bis hierher.

    Alter Flussarm der Luppe im nördlichen Elster-Luppe-Gebiet. Foto: Ralf Julke
    Alter Flussarm der Luppe im nördlichen Elster-Luppe-Gebiet. Foto: Ralf Julke

    Aber das ist nur ein Grund dafür, dass der Eschen-Scheckenfalter, der im Volksmund auch Maivogel heißt, so selten geworden ist und gerade auf der sächsischen Seite der Autobahn vom Aussterben bedroht ist, wie der Schkeuditzer Naturforscher Andreas Arnold im Oktober 2018 in den „Mitteilungen Sächsischer Entomologen“ mitteilte. Ihm kommt das Futter abhanden, die Esche. „Die jungen Raupen ernähren sich ausschließlich von den Blättern der Gemeinen Esche (Fraxinus excelsior)“, kann man auf Wikipedia lesen. „Die älteren Tiere, die bereits überwintert haben, fressen aber auch Rote Heckenkirsche (Lonicera xylosteum), Salweide (Salix caprea), Zitterpappel (Populus tremula) und diverse andere krautige Pflanzen.“

    Aber nicht nur das Eschentriebsterben macht dem Eschen-Scheckenfalter zu schaffen, auch die Forstwirtschaft. Genau jene Forstwirtschaft, die auch den Leipzigern so gern als Naturschutzmaßnahme verkauft wird.

    Aber wenn man vom Aussterben bedrohte Arten erhalten will, zerstört man nicht aus forstwirtschaftlichen Gründen ihren Lebensraum. Das ist ein heutiges Thema, das weiß auch Arnold. Als vor 90 Jahren die Neue Luppe gebaut wurde und große Teile der Aue abgedeicht wurden, machten sich die kühnen Bauherren noch keine Gedanken über den Artenerhalt und die bedrohten Tier- und Insektenarten in diesem Gebiet, das zu einem Teil ja sogar noch zu Preußen gehörte, und Preußen forcierte in diesem Waldgebiet zwischen Schkeuditz und Klein-Liebenau den Anbau von Schwarznussbäumen und da und dort auch Hickory. Das Holz der Schwarznuss (die ursprünglich im östlichen Nordamerika heimisch war) war ein beliebtes Holz zum Bau von Gewehrschäften – man sorgte also mit dem Pflanzen der Schwarznuss an einem Ort, wo sie ursprünglich nicht vorkam, schon mal vor für künftige Kriege.

    Diese alten Schwarznussbäume stehen noch heute. Neben jungen und jüngsten. Denn auch hier ist der Waldumbau im Gang, ein Waldumbau, der landschaftsfremde Bäume hektarweise anpflanzt, die wertvollen Altbestände an Eichen und Eschen aber fällt, wie im letzten Winter ja wieder zu erleben war. Ein Vorgang, der nicht nur Arnold unerklärlich ist, weil das mit dem Erhaltungsziel des FFH-Gebiets so überhaupt nichts zu tun hat.

    Auch beim NuKLA e.V., der sich nun seit geraumer Zeit mit dem Waldumbau in der Elster-Luppe-Aue beschäftigt, greift man das Thema auf.

    „Die letzten bekannten Fluggebiete in der Nähe von Leipzig liegen in den FFH-Gebieten 141 (Saale-, Elster-, Luppe-Aue zwischen Merseburg und Halle) und 143 (Elster-Luppe-Aue). Damit bestünden Voraussetzungen, die gerade noch vorhandene Lebensräume dieser geschützten Art auch großflächig zu schützen“, kommentiert Wolfgang Stoiber, Vorsitzender des NuKLA, diese Entwicklung, die auch den nördlichen Auenwald zunehmend in eine Plantage neu gepflanzter Bäume verwandelt und in ein Experimentierfeld mit Arten, die hier ursprünglich gar nicht heimisch waren.

    „Nun wird in Leipzig gerade zum Erhalt des Eschen-Scheckenfalters die sogenannte Mittelwaldbewirtschaftung als sinnvoll im Interesse des Artenschutzes begründet. Dass bei dieser Bewirtschaftungsform die durch Holzeinschlag entstandenen künstlichen Lichtungen wieder bepflanzt werden (dies ist ja gerade der Sinn der Mittelwald-Wirtschaft: wieder nachwachsendes Holz ernten zu können), widerspricht an sich schon der vom Bundesamt für Naturschutz im selben Satz genannten Notwendigkeit, für den Erhalt von Lebensraum für den Eschen-Scheckenfalter auf Wiederbepflanzungen von natürlicher Weise (durch Windwurf) entstandenen Lichtungen besser zu verzichten sei.“

    Junge Baumplantage im Gebiet des Eschen-Scheckenfalters. Foto: Ralf Julke
    Junge Baumplantage im Gebiet des Eschen-Scheckenfalters. Foto: Ralf Julke

    Doch wer in die nördliche Aue fährt, sieht Hektar um Hektar solche Mittelwaldflächen mit ein paar wenigen älteren Biotopbäumen, die ziemlich nackt und einsam im Gelände stehen, und lauter kleine Baumsprösslinge in Reih und Glied, da und dort durchaus auch Eichensprösslinge, öfter aber noch frische Schwarznuss-Anpflanzungen, abwechselnd mit Roteiche, die ebenfalls aus Nordamerika importiert wurde.

    Das, was tatsächlich im hiesigen Auwald geschieht, widerspreche außerdem auch in anderer Hinsicht den vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) definierten Bedingungen, so Stoiber. „,Das Vorkommen von Eschen‘ ist die erstgenannte. Statt also die vorhandenen Eschenbestände als Lebensräume der Eschen-Scheckenfalter zu erhalten, werden sowohl durch Stadtforsten als auch durch Sachsenforst gesunde alte Eschen (zum Verkauf) gefällt und damit das Vorhandensein der für den Falter notwendigen Lebensbedingungen drastisch reduziert – zusätzlich zu den sowieso schon entstehenden Einbußen durch das Eschentriebsterben.“

    Und auch Arnold schreibt besorgt: „Insofern ist es für den Erhalt der Reliktpopulation von E. maturna in Sachsen sicher nicht förderlich, wenn der Bestand der wichtigsten Futterpflanze Esche in der Elster-Luppe-Aue durch Eschentriebsterben und Aufforstung mit nicht heimischen Baumarten in den nächsten Jahren voraussichtlich deutlich zurückgehen wird. Das gilt vor allem für die Aufforstung mit Schwarznuss und Roteiche im ‚Flaschenhals‘ der Population unmittelbar östlich der Autobahnbrücke über die Alte Luppe. Dadurch erhöht sich speziell für den kleineren sächsischen Teil der Population das Aussterberisiko.“

    Im Grunde könnte man ähnliche Untersuchungen für etliche weitere bedrohte und geschützte Arten im Elster-Luppe-Gebiet machen, Arten, die schon darunter leiden, dass ihr ursprünglicher Lebensraum durch Trockenlegung verändert, meist nachhaltig gestört wurde. Arten, um die sich eigentlich eine Naturschutzbehörde intensiv, schützend und kompetent kümmern müsste. Doch das ist sichtlich weder im vom Sachsenforst bewirtschafteten Teil der Aue der Fall noch im Leipziger Teil, wo NuKLA ja schon per Klage versucht hat, die forstwirtschaftlichen Einschläge im Auenwald zu stoppen.

    Was dem Verein noch nicht ganz gelungen ist, denn wie es aussieht, rettet sich das Leipziger Verwaltungsgericht auch diesmal auf die Position der Leipziger Verwaltung, die nur auf den ersten Blick logisch argumentiert, wenn sie die forstlichen Eingriffe als alternativlos zum Erhalt des Auenwaldes beschreibt.

    Sie und auch der Staatsbetrieb Sachsenforst begründen das – wirtschaftlich motivierte – Vorgehen mit der Förderung der Eiche auf den Fällungsflächen.

    Was Wolfgang Stoiber zu der Frage veranlasst: „Vernichtung der deutschlandweit letztverbliebenen Lebensräume einer streng geschützten Art, um die Eiche zu befördern? Eine Logik, die sich schwer erschließt. Erst recht, wenn man besichtigt, was tatsächlich plantagenmäßig auf einigen dieser Flächen im Nordwesten von Leipzig bei Schkeuditz durch Sachsenforst ‚aufgeforstet‘ wurde: Douglasie und Schwarznuss, schnellwachsende, aus Amerika importierte, auenuntypische Baumarten, dicht beieinanderstehend, um wirtschaftlich gut verwertbare Stämme ohne Astausbildungen heranwachsen zu lassen.

    Ob die Forstwirtschaft dabei ihrer Verpflichtung nachkommt, das Fällen von Biotopbäumen an die EU melden zu müssen, kann bezweifelt werden. Eine entsprechende Anfrage von NuKLA bei Sachsenforst blieb schriftlich unbeantwortet. Stattdessen feierte die LVZ in den letzten Tagen gleich mehrfach, dass Sachsenforst bei Aufforstungen werbewirksam z. B. vom Autovermieter Enterprise oder bei Saatgut vom DHL Drehkreuz Leipzig unterstützt wird. Dass zuvor diese Flächen großflächig abgeholzt, die alten, ökologisch wertvollen Bäume, auch Eschen, eingeschlagen wurden, mithin rarer Lebensraum des Eschen-Scheckenfalters großflächig und nachhaltig vernichtet wurde, fand dabei keinerlei Erwähnung.“

    Und so droht eins der letzten noch erhaltenen Vorkommen des Eschen-Scheckenfalters in Deutschland zu verschwinden, weil in Sachsen Forstwirtschaft vor Naturschutz geht. Fotografieren ließ sich der Eschen-Scheckenfalter in den warmen Tagen vor Ostern natürlich noch nicht. Er hat ja nicht umsonst den Spitznamen Maivogel, oder wie Wikipedia schreibt: „Die Falter fliegen in einer Generation von Ende Mai bis Anfang Juli.“

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