Der Klimawandel ist auch im Landkreis Leipzig längst massiv spürbar. Immer drängender wird auch hier die Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes. Fast 80 Entscheider, Politiker, Fachleute und Engagierte folgten der Einladung des Landrates Henry Graichen in die Bläserphilharmonie in Bad Lausick am Dienstag, 6. September. Mit dem Treffen soll endlich Schwung zur Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes im Landkreis Leipzig aufgenommen werden. Den längst geht es nicht mehr um Vorbeugung, sondern um Schadensbegrenzung.

Seit Ende 2020 gibt es beim Landkreis Leipzig einen Klimaschutzmanager, um die Verwaltung in Fragen zu Energieverbrauch und Klimaanpassung zu unterstützen und die Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes zu begleiten. Damit kann das Landratsamt mehr Verantwortung zum Klimaschutz übernehmen und positive Signale an Gesellschaft und Privatwirtschaft senden.

Das integrierte Klimaschutzkonzept wurde Mitte Juli 2022 vom Kreistag verabschiedet. Es basiert auf Analysen, Potenzialberechnungen und fachlichen Absprachen und schließt mit einem Maßnahmenplan aus 41 Ansätzen ab. Mit dem integrierten Klimaschutzkonzept wurden die regionalen Erkenntnisse gebündelt, sodass konkrete Maßnahmen vor Ort begleitet werden können. Damit besitzt der Landkreis Leipzig einen Handlungsleitfaden, mit dem bereits vor 2045 der Ausstoß von Treibhausgasen drastisch reduziert werden kann.

„Trotz der Energiekrise dürfen wir die bestehenden großen Herausforderungen unserer Zeit nicht aus den Augen verlieren: nämlich die aufziehende Klimakatastrophe und der fortschreitende Verlust an Biodiversität“, erklärte Landrat Graichen in seiner Begrüßung. „Wenn wir Lösungen entwickeln, dann sollten diese alle drei Probleme gleichermaßen berücksichtigen.“

Klimaschutzmanager Falko Haak fasste dazu die Kernpunkte des Klimaschutzkonzeptes zusammen. Unter den bisherigen Klimaveränderungen im Landkreis Leipzig geraten bereits Land- und Forstwirtschaft, Wasserwirtschaft und die natürlichen Ökosysteme unter Druck.

„Von Vorbeugung kann keine Rede mehr sein. Zur Schadenbegrenzung beinhaltet das Konzept ein Klimaschutzszenario, wie bis etwa 2035 der Großteil an energiebedingten Treibhausgasemissionen eingespart werden kann“, so der Mitarbeiter im Landratsamt.

Lege man die Annahmen zur Entwicklung der Energieverbräuche im Klimaschutzkonzept zugrunde, bedeute dies bis 2035 massive Investitionen in Energieerzeugung, Speicher und Leitungsnetze für mehr als 2.000 GWh Strom, davon 2/3 aus der Photovoltaik, 20 Prozent aus Wind und Biomasse und 10 Prozent aus den Import Import. Ein Viertel des gesamten Wärmeverbrauchs soll dann über Nahwärmenetze erfolgen. 2035 steht deshalb als Zielmarke, weil dann das Kohlekraftwerk Lippendorf endgültig vom Netz geht.

Und da Erdgas spätestens mit dem russischen Überfall auf die Ukraine keine Alternative ist, muss auch der Landkreis seinen Energiebedarf künftig aus erneuerbaren Energien decken. Und diese Kapazitäten müssen jetzt aufgebaut werden.

Einen Paradigmenwechsel soll es auch in der Mobilität geben. Der Schienenverkehr soll gegenüber 2019 um 15 Prozent zunehmen, der Pkw-Verkehr gegenüber 2019 um 35 Prozent abnehmen.

Ein ganz großes Thema wird die Senkung des Wärmebedarfs durch energetische Sanierung. Hier können 50 bis 75 Prozent des Wärmeverbrauchs gespart werden.

Klimaanpassung und Wasserrückhalt

Zur Rolle öffentlichen Hand machte Landrat Henry Graichen am Dienstag deutlich, dass sich das Umweltamt, das Amt für Brand- & Katastrophenschutz und der Rettungsdienst, aber natürlich auch die Stabsstelle für Wirtschaftsförderung und Kreisentwicklung bereits seit Jahren intensiv mit den Themen Energiewende und Klimaanpassung beschäftigen. Mit dem Klimaschutzmanagement können nun vermehrt Projekte und Maßnahmen angegangen werden.

So startet noch im September der Kurs „KlimaFit“ an der Volkshochschule Borna. Dort erfahren Teilnehmende Grundlegendes zum Klimawandel und was man dagegen tun kann. Ebenfalls beginnt noch im September die Themenreihe „Klimafreundliche Stadtentwicklung“ mit zwölf Terminen im gesamten Landkreis.

Die Reihe richtet sich an Stadt- und Gemeinderäte, betroffene Verwaltungsangestellte und Experten aus der Bürgerschaft, die an Infoabenden, Workshops und Weiterbildungsterminen Wissen zu praktischen Fällen der Kommunalpolitik und Städtebau vertiefen können.

Denn viele Weichenstellungen müssen auf Gemeindeebene passieren. Wenn sich Gemeinderäte aber mit den Themen nicht beschäftigen, passiert es nicht.

Für die Kommunen im Landkreis besonders hilfreich: In einem neuen vierjährigen Förderprojekt sollen ihnen ab 2023 außerdem zwei Personen verwaltungsseitig unter die Arme greifen. Diese Klimaschutzkoordinatoren können je nach Bedarf Informationsvorlagen zuarbeiten, an Abstimmungen teilnehmen oder Fördervorhaben ausarbeiten, teilt das Landratsamt mit.

Letztlich appellierte der Landrat sowohl persönlich als auch politisch zu konstruktiven und verantwortungsbewusstem Handeln. Denn die Veränderungen stellen die Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft nach Corona erneut auf die Probe, während neue Energieanlagen Flächenkonflikte weiter verschärfen könnten.

Das Landratsamt werde pragmatische Lösungen unterstützen und die veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen zugunsten klima- und wirtschaftsfreundlicher Projekte auslegen.

In der folgenden Diskussion und in den Gruppen sprachen sich die Anwesenden für ein ambitioniertes Vorgehen sowie dem Schulterschluss zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung aus. Gelingt es weiterhin, alle Akteure des Plenums in die Pflicht zu nehmen, war die Veranstaltung ein erster gemeinsamer Schritt auf dem Weg zu einer klimafreundlichen Kreisentwicklung.

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