Der Kohleausstieg wird die betroffenen Regionen auch dadurch verändern, dass ein Teil der Beschäftigten abwandert. Die Politik sollte diesen Prozess bei der Strukturpolitik berücksichtigen, denn vollständig verhindern lässt er sich nicht. Das verdeutlicht eine vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) veröffentlichte Studie an einem historischen Beispiel aus Preußen.

Wenn Beschäftige mobil sind, leisten sie einen wesentlichen Beitrag zu einem gelingenden Strukturwandel. Das gilt auch, aber längst nicht nur, für die drei deutschen Braunkohlereviere in der Lausitz, in Mitteldeutschland und dem Rheinland: Sie werden wegen des Kohleausstiegs in den nächsten Jahren einen Teil der angestammten Arbeitskräfte verlieren, warnt das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Wie eine Analyse des IWH-Ökonomen Richard Bräuer und seiner beiden Koautoren Wolf-Fabian Hungerland und Felix Kersting zeigt, kam es schon in der Vergangenheit zu starker Abwanderung, wenn eine Region von einem wirtschaftlichen Einschnitt betroffen war. Die drei Wissenschaftler untersuchten Wandlungsprozesse in Preußen in den Jahren 1880 bis 1913.

Preisschock in Preußen

Damals wurde mehr und mehr Getreide aus den USA und Argentinien importiert, was die Preise auf dem deutschen Markt drückte. In den getreideproduzierenden Landkreisen wanderten viele Beschäftigte ab, die absolute Wirtschaftsleistung sank.

Jedoch blieb das Durchschnittseinkommen vor Ort konstant, und weder stieg die Sterblichkeit der Bevölkerung noch der Zuspruch zur extremen Rechten. Die Arbeitsmobilität half bei der Bewältigung des wirtschaftlichen Schocks.

Für ihre Studie verglichen die drei Ökonomen zwei Arten von Landkreisen innerhalb derselben preußischen Provinzen in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg: solche, die auf Getreideanbau spezialisiert waren, mit jenen, in denen beispielsweise Gemüseanbau oder Tierproduktion vorherrschte.

Erstere erlebten einen Handelsschock wegen der steigenden Getreideimporte aus Amerika, von dem letztere nicht oder kaum berührt wurden.

Durch den Vergleich der beiden Landkreis-Arten konnten die Forscher ermitteln, inwiefern der Schock sich auf Einkommen, Beschäftigung, Sterblichkeit und den Erfolg bestimmter Parteien auswirkte. Dabei nutzten sie unterschiedliche Techniken, um sicherzustellen, dass die Effekte durch den Schock und nicht durch andere Faktoren ausgelöst wurden.

Bei ihren Berechnungen bezogen die Wissenschaftler verschiedene Datenquellen ein, etwa zur geographischen Lage, zur Vermögensverteilung und zum Stand der technischen Entwicklung der Landkreise. Somit konnten sie ihre oben genannten Ergebnisse erhärten.

Mobile Arbeitskräfte

Bei allen Unterschieden zwischen dem Preußen von damals und den Braunkohleregionen von heute liefert die Studie ein weiteres Beispiel, das frühere Analysen des IWH stützt.

„Arbeitsmigration ist ein wichtiger Ausgleichsmechanismus im Strukturwandel“, sagt IWH-Vizepräsident Oliver Holtemöller. Gut qualifizierte Personen, die ihren Arbeitsplatz in der Braunkohlewirtschaft verlieren, können in vielen Regionen Deutschlands gegenwärtig relativ leicht gut bezahlte Alternativen finden.

„Es wird Abwanderung geben aus den Regionen, die vom Kohleausstieg betroffen sind. Bei der heutigen politischen Planung sollte man davon ausgehen, dass die Anzahl der Erwerbspersonen dort erst einmal etwas zurückgehen wird.“

Laut Holtemöller sei es vor allem Aufgabe der Politik, den betroffenen Beschäftigten zu helfen, etwa durch Hilfen zum Umzug oder indem die Infrastruktur für Pendler weiter verbessert wird. Denn Pendler stützen die Kaufkraft in einer Region. Außerdem sei es wichtig, die Regionen attraktiv für die Zuwanderung neuer Arbeitskräfte zu gestalten.

Veröffentlichung: Richard Bräuer, Wolf-Fabian Hungerland, Felix Kersting: Handelsschocks, Arbeitsmärkte und Wohlstand während der ersten Globalisierung, in: IWH, Wirtschaft im Wandel, Jg. 28 (1), 2022, 10–13. Halle (Saale) 2022.

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Es gibt 2 Kommentare

Nun, das sehe ich ähnlich. Die Beschäftigten in der heutigen Zeit haben – trotz Mängel im ÖPNV – wesentlich mehr Möglichkeiten, Arbeitsangebote zu finden bzw. auch in der Nähe.

Allerdings geht es hier wirklich nicht um “viel” Menschen, die ja auch noch durch Verrentung weniger werden. Kann man da noch von einem Strukturwandel sprechen? Technologisch ja, weil die Braunkohle und Ihre abhängigen Industrien sich verändern, aber bei vielleicht max. 3000 Menschen? Eher Struktur-Peanuts.

Dass von denen allerdings jemand erst einen hochqualifizierten Job lebt, und dann später in der Renaturierung der Tagebaue arbeitet, halte ich eher für unwahrscheinlich.

Interessanter dafür umso mehr, dass von den “Geldern des Strukturwandels” aller möglicher Mist in Großstädten verbrochen wird, der damit überhaupt nichts zu tun hat. Da staune ich jedes Mal, wenn ich über solche Projekte wie bspw. Dreifeldersporthalle usw. ohne Bürgerbeteiligungen lese. Und die wirklich Betroffenen sicher erst recht. Die kommen sich dann sicher veralbert vor.

Ich glaube nicht, dass das Beispiel aus Preussen mit der heutigen Situation im LK Leipzig vergleichbar ist.
Wir haben in der Metropolregion Leißzig/Halle schon heute einen eklatanten Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften (und dabei denke ich nicht an angelernte Kräfte für DHL, AMAZON oder den Tourismus). Wieso also sollten die 2500-3000 heute noch im Tagebau arbeitenden Menschen abwandern ? Ein großteil der Beschäftigten wird eh noch nach Ende des Abbaus der Kohle für die Renaturierung gebraucht – das ist ein Projekt für Jahrzehnte. Einige MA werden früher oder später in Rente gehen. Also: von wieviel “Abeanderern” reden wir denn ? Diese Diskussion ist nicht zielführend. Sie befeuert m.E. nach nur die DIskussionen um den Kohleausstieg schlechthin. Die Region ist schon jetzt gut aufgestellt, den Ausstieg eher morgen als übermorgen zu verkraften. – Eine solche abwägende EInordnung der IWH-Studie hätte ich mir hier gewünscht

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