Größtenteils sind sie blau. Zumindest an einem Ende. Denn noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert war es – verglichen mit heute – recht kühl, das Klima war noch im Lot und die Effekte des massiven Verheizens fossiler Brennstoffe auf die Atmosphäre waren noch nicht spürbar. Doch zum Ende hin werden die Warming Stripes auf der Sachsenbrücke immer roter. Am 30. April wurden sie mit einem Fest eingeweiht.

Zur Einweihung kam auch Sachsens Umweltminister Wolfram Günther auf die Brücke und stand auf der Bühne Rede und Antwort zu dem, was er als sächsischer Umweltminister tut und tun kann. Denn spätestens als Lina von der Letzten Generation auf die Bühne kam, wurde es dort höchst emotional.

Denn wie sich die Welt verändert, wenn sie sich weiter aufheizt und auch das 1,5-Grad-Ziel verfehlt wird, das wissen wir längst. Das ist in Vorboten heute schon weltweit zu besichtigen – mit 50-Grad-Hitzewellen in Indien, mit brennenden Urwäldern, Überschwemmungen, abschmelzenden Eisbergen …

Aber die ersten Vorboten konnten ja auch in Deutschland schon erlebt werden – Dürrejahre, Hochwasser, sterbende Fichtenwälder, die der Borkenkäfer auffrisst …

Die Zeit zum Handeln ist zusammengeschrumpft

Die Letzte Generation wird es voll erwischen. Das wissen die jungen Leute. Und entsprechend verzweifelt sind sie, dass die Politik in den vergangenen Jahren, als wirklich noch gehandelt werden konnte, so wenig gemacht hat, eher gebremst, weil – wie Wolfram Günther erklärte – ausgerechnet die politischen Verantwortungsträger zum Teil bis heute glauben, die Bürger wären gar nicht bereit für die Energiewende.

Obwohl die letzte Umfrage des Freistaats gezeigt hat, dass es genau andersherum ist: Zwei Drittel der Bürger sind bereit für die Energiewende. Und längst macht auch die Industrie Druck, weil die Manager ja sehen, wie gerade die fossilen Energiepreise steigen, während die Kunden klimaneutral produzierte Produkte wollen.

Gruppenbild auf den Warming Stripes. Foto: LZ
Gruppenbild auf den Warming Stripes. Foto: LZ

Der Ukraine-Krieg hat die Lage noch verschärft und wird jetzt zum Drama für jeden Haushalt, der von fossiler Energie abhängig ist.

Aber natürlich ging es auf der Bühne nicht nur um die drohenden Bilder einer heißen Zukunft. Denn um das wenigstens abzumildern, muss – und kann – jetzt gehandelt werden. Weshalb Wolfram Günther zuallererst der Stadt Leipzig gratulierte, die seit Freitag eine von europaweit 100 Modellkommunen ist, die bis 2030 klimaneutral werden wollen.

Dass Leipzig überhaupt in diese illustre Runde aufgenommen wurde, habe sehr viel mit dem 2019 vom Stadtrat ausgerufenen Klimanotstand und der Gründung ihres eigenen Referats zu tun, des Referats Nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz, sagte Simone Ariane Pflaum am Samstag auf der Bühne.

Sie leitet das Referat und hat nun nach fast einem Jahr im Amt tatsächlich das Gefühl, dass dessen Arbeit Wirkung erzeugt in der Verwaltung. Wobei sie – wie Günther – die Schwierigkeiten eines solchen großen Apparates kennt, binnen kurzer Zeit umzulernen.

Denn seit 30 Jahren haben die Planer eine autogerechte Stadt geplant, betonte sie am Mikro, da wäre es für viele Verwaltungsmitarbeiter ein komplettes Umdenken, wenn sie jetzt auf einmal eine fahrradgerechte Stadt planen sollen.

Die Bürger selbst können Druck machen

Aber natürlich ginge das besser, wenn auch der Druck der Bürger dazukommt. Beim Konsumieren genauso wie im eigenen Verhalten. Das sagte nicht nur Günther an diesem Tag. Und mit dem Festpublikum auf der Brücke sprach er hier ja Menschen an, die das schon leben. Oder wenigstens versuchen.

Egal, ob mit dem Fleischverzicht, der sofort deutliche Wirkungen bis hin zu den Bauern hat, über die Wahl des Verkehrsmittels bis hin zum Stromanbieter, dem man klarmachen kann, dass man Ökostrom haben will.

So ein Stück weit wurde deutlich, wie vielschichtig die Veränderungen sind. Sogar in der Regierung in Dresden, wie Günther betonte, denn dass man überhaupt mit den anderen Koalitionspartnern ein Klimaprogramm hinbekommen könnte, bei dem alle Wirtschaftssektoren mitbedacht werden und nicht nur die Energieerzeugung, daran hätte er vor anderthalb Jahren noch nicht geglaubt.

Und politisch betrachtet war das Pariser Klimaschutzabkommen 2015 ja auch gerade eben erst, der deutsche Kohleausstieg wurde 2018 beschlossen.

Selbst da hätte noch keiner daran gedacht, dass Sachsen im Januar 2022 eine Wasserstoffstrategie beschließen würde.

Banddurchschnitt zur Einweihung der Warming Stripes. Foto: LZ
Generationen aymbolisch verbunden zur Einweihung der Warming Stripes. Foto: LZ

Das wäre zwar alles schon viele Jahre früher möglich gewesen. Aber dass das in der letzten Zeit auf einmal möglich wurde, hat damit zu tun, dass immer mehr Menschen Druck machen – bei Fridays für Future, bei den Omas for Future, beim BUND, bei der Letzten Generation usw. Sie waren am Samstag alle auf der Brücke, genauso wie jene Stadträt/-innen, die sich im Stadtrat tatsächlich für die klimaneutrale Stadt engagieren.

Denn das wurde ja fast vergessen auf der Bühne: Der Stadtrat hat sich zu einem der wichtigsten Gremien entwickelt, die in Leipzig die Energiewende vorantreiben. Und auch wenn dann die Verwaltung sich schwertut. Es ändert sich etwas.

Die langen Wege der Mehrheitsbeschaffung

Und das würdigte Günther dann auch in seinem vom Ministerium verbreiteten Statement noch einmal:

„Die ‚Warming Stripes‘ sind ein unübersehbares Zeichen für das Engagement der Leipziger Zivilgesellschaft für den Klimaschutz. Und sie erinnern daran: Es gibt keine Zeit zu verlieren. Die Klimakrise ist mit aller Härte in Sachsen angekommen. Drei Dürrejahre in Folge haben den Wald in nie gekannter Weise geschädigt. Die Dürre hat Brunnen versiegen und Gewässer austrocknen lassen. Im letzten Sommer hat das Hochwasser allein in Sachsen Schäden in dreistelliger Millionenhöhe angerichtet.“

„In meinem Ministerium arbeiten wir im politischen Raum mit seinen sehr unterschiedlichen Akteuren und auf den mitunter langsamen Wegen demokratischer Mehrheitsbeschaffung am Maximum für Klimaschutz und Energiewende. Die Sachsenbrücke ist ein wichtiger Begegnungsort. Wenn hier über die Klimakrise diskutiert wird, setzt das weitere Energien für den Klimaschutz frei. Es bleibt dabei: Auf dem Weg zur Klimaneutralität ist breites gesellschaftliches Engagement unverzichtbar. Klimaschützerinnen, Klimaschützer und Aktionen wie die ‘Warming Stripes’ auf der Sachsenbrücke geben uns Rückenwind.“

Die Streifen auf der Brücke wirken zwar wie eine Mahnung. Aber sie zeigen einfach schon dadurch, dass die Stadt deren Auftragen so schnell ermöglicht hat, dass es immer mehr Menschen in Leipzig gibt, die daran arbeiten, dass wenigstens ihre eigene Stadt tatsächlich klimaneutral wird. Und zwar nicht erst 2045, wie das Ziel für die Bundesrepublik steht („Lina: ‚Das ist viel zu spät!‘“), sondern bis 2030.

Und das bedeutet wirklich eine Änderung in vielen Lebensgewohnheiten, wie Simone Ariane Pflaum betonte, denn dann muss das CO₂-Aufkommen der Leipziger, das seit Jahren knapp unter 6 Tonnen pro Kopf verharrt, auf unter 2 Tonnen sinken.

Das wird ohne Verhaltensänderungen vieler Leipziger/-innen nicht klappen.

Aber – das betonten Günther und Pflaum unisono – dadurch verarmt das Leben nicht. Im Gegenteil: Es wird gesünder und eigentlich reicher, gerade dann, wenn die Natur wieder zurückkehren kann, die durch das alte Wirtschaften zerstört wurde. Moore statt monotone Fichtenwälder, konnte man hören.

Spannend wird, wie das für Leipzig durchdekliniert wird. Denn dass die Beharrungskräfte groß sind, so Pflaum, könne man in jeder Diskussion im Stadtrat erleben. Menschen ändern sich nicht einfach, auch dann nicht, wenn sie um die Schädlichkeit ihres Lebensstils wissen. Sie ändern sich erst, wenn sie ermutigt werden und die Veränderung als Gewinn für sich empfinden.

Auch das steckt als Botschaft in den Warming Stripes, die wir so bestimmt bald auch in anderen Städten sehen werden.

Video-Impressionen vom 30. April 2022 auf der Sachsenbrücke

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Vielen Dank für den ausführlichen Bericht. Leider kommt darin die Rolle des Klimabündnisses etwas zu kurz. Dass Leipzig den Klimanotstand ausgerufen hat, geht auf eine gemeinsame Initiative von Fridays for Future und den Mitgliedern des Jugendparlaments zurück. Gemeinsam haben viele Klimagruppen dessen Ausrufung, für ein besseres Ergebnis des Sofortprogramm 2020 gekämpft. Als Klimabündnis Leipzig fürs Klima haben wir im Januar 2021 ein Forderungspapier an dem OBM und die Ratsfraktionen übergeben etc pp. – Ich weiß, wenn jemand ausführlich über das alles geschrieben hat, dann die Leipziger Zeitung, mir ist nur aufgefallen, dass im gesamten Artikel nicht einmal Leipzig fürs Klima erwähnt wird, daher musste ich das jetzt noch einmal ergänzen. Ich finde es richtig gut, dass erkannt wird, dass die Warming Stripes nicht nur ein mahnen, sondern auch ein Signal zum Aufbruch und der Hoffnung in sich tragen. Es sollte nur halt nicht unter gehen, dass wenn Minister Günther und die Stadtverwaltung hervorhebt, wie wichtig es ist, dass der Druck aus der Bürgerschaft auf Politik und Verwaltung nicht nachlässt, dann sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Druck zuerst da war und Politik und Verwaltung erst darauf erkannt hat, dass er gut und sinnvoll ist.

Schreiben Sie einen Kommentar