Interview zu Abschiebungen nach Afghanistan: „Leben wie in einem Gefängnis“

Für alle LeserAls am Nachmittag des 20. Oktober das Protest-Camp auf dem Augustusplatz startet, haben wir die Gelegenheit mit Betroffenen vor Ort zu sprechen. Zu einem Gespräch über das deutsche Asylsystem, Abschiebungen und den Folgen für Menschen, welche ständig mit dem Damoklesschwert Ausweisung leben, war der gebürtige Afghane Alireza Alizadeh von der Initiative „Zendegi“ bereit. Zudem steht eine Demonstration am 24. Oktober um 8 Uhr am Leipziger Hauptbahnhof und anschließend am Flughafen an.
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Sehr geehrter Herr Alizadeh, seit heute ist auf dem Leipziger Augustusplatz bis zum 24. Oktober ein Camp gegen Abschiebungen errichtet worden. Warum?

Am 24. Oktober findet die nächste Abschiebung vom Flughafen Leipzig/Halle statt. Die Gruppe „Zendegi“ stellt sich gegen jede Art von Abschiebungen. Nicht nur gegen die nach Afghanistan. Jede Person sollte das Recht haben, hier zu bleiben und Abschiebungen sind grausam und inhuman.

Hinzu kommt im konkreten Fall, dass Afghanistan einfach kein sicheres Land ist. Es gibt sehr häufige Selbstmordanschläge und ganz generell Attacken auf das Leben von Menschen. Allein gestern (am 20.10.2017) sind ungefähr 100 Menschen bei Bombenanschlägen gestorben.

Man spricht in den Medien von der wohl „blutigsten Woche seit Jahren“ in Afghanistan, vor allem in Kabul. Die Medien haben es also auf dem Schirm, was da geschieht. Mit welchen konkreten Aktionen wollen Sie in Leipzig die Menschen für dieses Thema erreichen?

Es wird verschiedene Workshops geben, beispielsweise zu Dublin IV und generell zum Asylsystem in Deutschland. Bis hin zur freien Beratung für Menschen. Dann gibt es Ansprachen, Theater und eine Kundgebung.

Und vor allem eine Pressekonferenz am Morgen des 24. Oktober auf dem Flughafen, wenn die Abschiebungen starten sollen. Genau weiß man noch nicht, wann das sein soll, die Zeitangaben schwanken zwischen 8 und 11 Uhr am 24.10., bislang heißt es zwischen 10 und 11 Uhr soll der Flug starten und um 5 Uhr Ortszeit in Kabul landen. Die Pressekonferenz wird um 10 Uhr auf dem Flughafen stattfinden.

Asylberatungen? Warum ist das nötig?

Viele Leute hätten allein dann bessere Chancen, Asyl zu erhalten, hierbleiben zu können, wenn sie wirklich Einblick in das System bekommen. Dabei unterstützen uns die „Refugee Law Clinic“, der Bon Courage e.V., der Sächsische Flüchtlingsrat, „Infobus“.

Was gibt es an konkreten Forderungen zum Asylsystem? Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?

Als generelle Forderung gibt es die nach der Abschaffung der Abschiebungen als Teil des Asylsystems. Wie gesagt, das Rechtssystem ist inhuman. Denn das System übt großen, systematischen Druck auf die betroffenen Menschen aus. Das sieht man auch daran, dass es hohe Depressionsraten bei den Menschen gibt, auch Selbstmord ist nicht selten. Auch die Unterbringung in Lagern ist wirklich übel.

Man kann als geflüchtete Person einfach kein normales Leben führen, man kann nichts planen oder gestalten. Für alles muss man um irgendwelche Genehmigungen bitten – auf Deutsch würde man vielleicht sagen, man wird in Unmündigkeit gedrängt. Das alles macht das Leben hier einfach unglaublich schwer.

Es ist eigentlich wie in einem Gefängnis.

Wie ist es in Ihrem konkreten Fall?

Das Asylsystem ist in sich diskriminierend. Es sortiert und reduziert Personen auf ihre Nationalität. Ich zum Beispiel bin in Afghanistan geboren, aber im Iran aufgewachsen. Nun soll ich aber aufgrund meiner Nationalität nach Afghanistan abgeschoben werden. In ein Land, was ich überhaupt nicht kenne. Schon im Iran war ich kein „Bürger“ mit den entsprechenden Rechten. Nun, in Deutschland bin ich es wieder nicht.

Ich war mein ganzes Leben lang Flüchtling. Ich war als Mensch mit afghanischer Nationalität im Iran eine geflüchtete Person. Und nun bin ich in Deutschland wieder genauso ein Geflüchteter ohne Bürgerrechte.

Noch schlimmer ist es für die Menschen, die aus den als „sichere Herkunftsländer“ bezeichneten Nationen stammen, wo Leute gegen Null tendierende Chancen haben, im Asylsystem durchzukommen. Eine Diskriminierung einfach aufgrund der nationalen Herkunft, weil die Nationalität dem Menschen vorgeordnet ist.

Gibt es eine positive Vision, eine Hoffnung für Sie?

Wir müssen hoffnungsvoll bleiben und versuchen, positive Dinge zu sehen. Dennoch wird die Situation schlimmer und schlimmer. Mehr und mehr Rechte werden Geflüchteten abgesprochen, während rechte und rechtsextreme Bewegungen immer stärker werden. Es wird auch immer mehr Druck auf Geflüchtete ausgeübt – und dennoch müssen wir positiv denken und unseren Kampf für unsere Rechte fortsetzen.

Was mich positiv weiterdenken lässt, ist, dass wir um eine Verbesserung der Situation kämpfen.

Habe ich etwas vergessen zu fragen, etwas, wozu Sie noch etwas sagen wollen?

Das weiß ich nicht, mir fällt gerade gar nichts ein – es ist mein erstes Interview überhaupt, eine vollkommen neue Erfahrung (lacht.).

Das ist doch auch mal schön und gehört zu den Bürgerrechten dazu, dass man gefragt wird, was man will. Danke für das Gespräch.

Von Leipzig nach Kabul? Das Protestcamp hat begonnen

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