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Spalten statt versöhnen: Wenn Essenszubereitungen AfD-Politik werden + Video

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    Wer bislang den AfD-Stadtrat und seit dem 1. September neugebackenen Landtagsabgeordneten Tobias Keller (AfD) in den vergangenen fünf Jahren am Rednerpult im Neuen Rathaus beobachtete, sah eher einen Biedermann agieren. Fast konnte man vergessen, dass Keller seine politische Laufbahn in der rechtskonservativen DSU begann, bevor er 2014 in die AfD eintrat. Die Redebeiträge des Leipziger Sanitär- und Heizungsunternehmers eher gedämpft im Ton, scheinbar moderat. Nun macht das Bewerbungsvideo des bekennenden Christen und Vorstandsmitglieds der Versöhnungskirchgemeinde Leipzig-Gohlis zur Landtagswahl 2019 verspätet Furore im Netz.

    Seit dem Bekanntwerden der bis heute (als alter Herr) bestehenden Mitgliedschaft des Landesbischofs der evangelischen Landeskirche Sachsen (EVLKS), Dr. Carsten Rentzing, in der weit nach dem Vormärz erst zur deutschen Reichsentstehung 1871 gegründeten, schlagenden „Alten Prager Landsmannschaft Hercynia“, interessieren sich aktuell inner- und außerkirchliche Beobachter immer mehr für die Haltung der sächsischen Kirche zu Friedenspolitik und Nächstenliebe.

    Und in Zeiten der erstarkten AfD wandert der Blick auf die evangelischen Gemeinden auch auf deren Haltung Andersdenkenden und Andersgläubigen gegenüber. Und die Frage beginnt sich zu bilden: Wie haltet Ihr es dieses Mal, nach den Erkenntnissen von Dietrich Bonhoeffer (Wiki) mit den Faschisten?

    Am 14. September 2019 versuchte der oberste evangelische Landeschrist Sachsens Rentzing seinen Weg in der schlagenden Studentenverbindung noch mit „Freundschaften zu ganz verschiedenen Menschen mit unterschiedlichsten politischen Überzeugungen und unterschiedlichen Glaubens – Juden, Katholiken, Evangelischen und Konfessionslosen“, also einer von ihm empfundenen Pluralität und Toleranz der deutschnationalen Burschenschaft Hercynia zu begründen.

    Die Träume von Tobias K.

    Sollten dem Landesbischof gerade diese Werte tatsächlich wichtig sein, müssten ihm und den Pfarrern der Versöhnungskirche Leipzig, Stefan Zieglschmid und Dr. Peter Amberg, die parteiinterne Landtagswahl-Bewerbungsrede des Vorstandsmitglieds ihrer Versöhnungskirchgemeinde Leipzig-Gohlis Tobias Keller längst sauer aufstoßen.

    Hier äußert sich Stadtrat Keller explizit gegen andere Religionen, wenn er in einer eher ausgrenzenden und teils hölzern gereimten Abwandlung von Martin Luther Kings „Ich habe einen Traum“-Rede unter anderem formuliert: „Ich habe einen Traum: Sachsen wird Halal-frei. Wer schächtet, wird geächtet!“

    Quelle Youtube, Channel: AfD in Sachsen und Dresden

    Was Wahlkämpfer Keller im antimuslimischen Brustton seiner Partei übersehen hat, hält nun am 18. September 2019 der diplomierte Theologe Maximilian Melzer als Gemeindemitglied der Versöhnungskirche aus Leipzig-Eutritzsch in einem offenen Brief an Stefan Zieglschmid, Dr. Peter Amberg und die Gemeindeleitung fest: „In meinen Augen stellt diese Äußerung eine offene Drohung an unsere muslimischen Mitbürger dar, für die die Beachtung von Speisegeboten wichtiger Ausdruck ihres Glaubens ist. Darüber hinaus trifft die Forderung nach einer pauschalen Ablehnung von Schächtungen ebenfalls jüdische Glaubensgeschwister, die sich Koscher ernähren.“

    So gab es, so Melzer weiter, „bereits eine Zeit, in der in unserem Land galt wovon Herr Keller träumt: ‚Schächter’ wurden geächtet. Und dann deportiert und schließlich millionenfach ermordet.“

    Bereits zuvor hatte Andreas Dohrn, immerhin Pfarrer der Peterskirchgemeinde auf den Umstand bei Kellers Nominierung auf Twitter aufmerksam gemacht.

    Ob Keller seine Kirchgemeinde kennt?

    Voller Lob freut sich Peter Niemann auf der Internetseite der Versöhnungskirchgemeinde Leipzig-Gohlis über das interreligiöse Abendessen von etwa 100 Menschen am 3. April 2019. Mit dabei unter anderem die Initiative Weltoffenes Gohlis sowie die Gemeinden der Ev.-Luth. Michaelis-Friedens-Kirchgemeinde, Ahmadiyya Muslim Jamaat, die Christengemeinschaft, die katholische Pfarrei St. Georg, die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig, die Ev.-Methodistische Bethesdagemeinde, die Bahá’í Gemeinde Leipzig und die Christuskirchgemeinde Eutritzsch.

    Eine Gemeinschaft, die in der Leipzig-Gohliser Kirchgemeinde von Tobias Keller demnach eher Rentzings Bild von „Juden, Katholiken, Evangelischen und Konfessionslosen“ ohne Ächtungen um verschiedene muslimische Glaubensströmungen erweitert, formt und friedlich an einen Tisch voller Essen und Gespräche bringt.

    Kellers Traum vom „halal-freien Sachsen“ und der Ächtung von Juden und Muslimen haben am 1. September 2019 in Eutritzsch, Gohlis-Mitte, Gohlis-Nord, Gohlis-Süd, Lindenthal, Möckern und Wahren rund 8.000 Leipzigerinnen mitgewählt. Vielleicht, ohne es zu wissen. Vielleicht auch, weil mancher noch immer glaubt, Christ sein heißt dem Schwert das Wort zu reden.

    Man darf jedenfalls gespannt sein, wie die Kirchgemeinde auf den offenen Brief ihres engagierten Gemeindemitgliedes reagiert. Und was Tobias Keller nun, nachdem sein Sprung für die AfD in den Landtag Sachsen gelungen ist, hierzu nachzutragen oder zu berichtigen hat.

    Nachtrag: Am 22. September 2019 trat Tobias Keller (AfD) vom Amt des Gemeindevorstandes zurück. Am 23. September 2019 veröffentlichte die Versöhnungsgemeinde eine Stellungnahme zum Vorgang und distanzierte sich deutlich von den Inhalten der Rede Kellers und der AfD.

    Engagierte Leserpost von AfD-Stadtrat Keller (2015): Goethe an der Wand – Über Neutralität und Rassismus

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      1 KOMMENTAR

      1. Aua, wo Martin Luther Kings Rede unabhängig vom Inhalt, den ich auch sehr schätze (Let freedom ring…) eine rhetorische Meisterleistung ist und bleibt, sind weite Passagen von Tobias Kellers Rede eher auf einem Karnevalsniveau anzusiedeln. Und auch das ist unabhängig vom Inhalt betrachtet meine Meinung, sondern bezieht sich allein auf die sprachliche Qualität).
        Vielleicht sollte ihm seine Partei einen Flug nach Atlanta schenken, wo man sich im Martin Luther King Memorial Center dessen Wirken eindrucksvoll in Erinnerung rufen kann. Reisen bildet schließlich, wie schon ein deutscher Klassiker wusste. Weder inhaltlich noch sprachlich hat Herr Keller die Klasse eines solch großen Mannes und es ist aus meiner persönlichen Wahrnehmung schändlich sich mit den hier vorgetragenen Idealen seiner Rede so zu bedienen.

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