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Engagierte Leserpost von AfD-Stadtrat Keller: Goethe an der Wand – Über Neutralität und Rassismus

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    Am 19. Oktober veröffentlichte die L-IZ einen Beitrag "Wie eine alternativlose Stadtratsfraktion versucht, Leipzigs Schauspiel die Klassik zu vermiesen" über eine Anfrage der AfD-Fraktion im Leipziger Stadtrat zu einem Transparent, das seit einigen Tagen am Schauspiel Leipzig hängt. Gezeigt wird das Goethe-Zitat: "Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter." Ein Beitrag, der den Unmut seitens des AfD-Stadtrates Tobias Keller hervorrief.

    Doch zuerst zum Vorgang selbst. „Aus Sicht unserer Fraktion wird damit die politische Neutralität eines öffentlichen Unternehmens verletzt. Die Zeiten derartiger öffentlicher Vorgaben für ‚richtige Politik‘ sollten eigentlich längst der Vergangenheit angehören“, befand die AfD-Fraktion und möchte nun im Stadtrat wissen, ob ein städtisches Unternehmen wie das Schauspiel Leipzig sich überhaupt auf diese Weise politisch äußern dürfe.

    Was schon recht sonderbar ist, denn Goethe-Zitate einfach mal als politisch zu deklarieren, zeugt schon von einer gewissen seltsamen Weltsicht. Einer Gesellschaft, in der Politik und Literatur nicht mehr getrennt werden und umgekehrt gedacht eine Belegschaft eines kommunalen Theaterhauses nur Statements abzugeben habe, welche zuvor den Stadtrat oder die Verwaltungsspitze passierten. Darauf, dass es den Mitarbeitern des Hauses an der Bosestraße zuerst einmal ein eigenes Bedürfnis war, den längst auch auf der Bühne bearbeiteten Konflikt Fremde, Flucht und Ankommen auch an die Außenfassade ihres Hauses zu tragen, kommt man eigentlich von allein.

    Doch damit nicht genug, auch die Presse tat nicht, was der AfD gefiel.

    Zumindest AfD-Stadtrat Tobias Keller fand den L-IZ-Beitrag gar nicht gut und schrieb gleich einen, wenn auch kurzen, so doch deutlichen Leserbrief: „Sehr geehrte Damen und Herren, Ihre sehr einseitige, diffamierende Art, die eigene Meinung zu verbreiten, statt neutral zu berichten, ist unerträglich. Keiner von Ihrer Redaktion kommt auf die Idee, dass eine städtische Institution, die solch ein Goethezitat groß öffentlich zeigt, die Menschen dieser Stadt als rassistisch bezichtigt. Weshalb sollte sonst dieser Spruch politisch werben? Mit Kultur hat das sicher nichts zu tun, da weder ein Theaterstück damit untermalt werden sollte, noch Goethe überhaupt im Theater zum Besten gegeben wird. Ein neues Stück, der zeitgenössischen Art das sich auf diesen Spruch bezieht ist auch nicht im Programm. Schade, Ihre Einseitigkeit.“

    Den lassen wir natürlich nicht unkommentiert.

    Vielleicht also zuerst ein paar Worte zum Thema Presse- und Meinungsfreiheit. Der Ruf nach „Neutralität“ ist der hässliche Neffe der „Objektivität“. Während die „Neutralität“ den Journalisten zum kleinen Nichts degradiert, benutzbar für die Weitergabe von eben dem Unsinn, den so mancher gern in den Medien platzieren möchte, beschreibt das Wort „Objektivität“ einen Redakteur, der wohl eher ein Tisch oder ein Stuhl ist. Irgendwie unbelebt und ohne Regung angesichts skurriler Unterstellungen gegen eine einfache mitmenschliche Botschaft von Dichterhand an hohem Hause.

    Zudem rufen seit etwa zwei Jahren hörbar immer die nach „Neutralität“, welche selbst die Meinungsfreiheit anderer in die Mangel nehmen wollen und Pressefreiheit eher als eine gegen sie gerichtete, ominöse Macht aus dem Nichts begreifen. Das Spiel ist bekannt, die Folgen an Verrohung und Demonstrationsgebaren ebenfalls. Manchmal kommt es einem eher so vor, als solle hier billige Polemik auf willfährig hinnehmende Journalisten treffen, die gefälligst stillzuhalten haben – selbst wenn die Abseitigkeit mancher Überlegungen noch so offen zutage treten.

    Und was sagt das Schauspiel Leipzig zur Posse?

    Man müsse nicht Goethe im Spielplan haben, um das Thema Flüchtlinge zu thematisieren, bestätigt das Schauspiel Leipzig auf Nachfrage.

    „Das Schauspiel hat zwei seiner aktuellen Premieren zum Spielzeitbeginn dem Thema Flucht, Flüchtlinge und Asyl gewidmet (‚Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen‘ von Aischylos/Jelinek auf der Großen Bühne und ‚Die neue europäische Tragödie‘ von God’s Entertainment in der Residenz) und hat auch weitere konkrete Aktivitäten des Hauses in Richtung Flüchtlinge kommuniziert“, betont Pressesprecher Matthias Schiffner.

    „Des Weiteren werden Fragen der eigenen Identität unter dem Spielzeit-Motto 2015/16 ‚Wieso dürfen die und wir nicht‘ in weiteren Inszenierungen thematisch behandelt. Sind das nicht mehrere Zeichen? Bis zur Süddeutschen Zeitung (Artikel, 20.10. ‚Angekommen. Die Flüchtlingskrise beherrscht die Theaterlandschaft. Wie viel daran ist Kunst – und wo beginnt die Sozialarbeit?‘ von Christine Dössel) wird dies zumindest als solches registriert.“

    Natürlich hatten wir extra nach Goethe und Lessing gefragt als „Zeichen“ auf der Leipziger Bühne. Aber deutlich ist: Das Goethe-Zitat aus dem „West-östlichen Diwan“ macht nach außen sichtbar, was im Haus gezeigt und auf den Fluren, in den Stücken und sicher auch in so mancher Wohnstube diskutiert wird.

    Möglich, dass das allein der Leipziger AfD schon viel zu politisch ist. Aber wes Geistes Kind der Ex-DSU-Mann Tobias Keller ist, macht er mit der Behauptung deutlich, ausgerechnet das Goethe-Zitat würde „die Menschen dieser Stadt als rassistisch“ bezichtigen. Eine klassische Aufforderung, den Fremden im Land und also auch in Leipzig Schutz zu gewähren als Rassismusvorwurf? Ein Vorwurf gar „den Menschen der Stadt“ gegenüber?

    Gegenüber Tobias Keller und so manchem AfD oder NPD-Wähler offenbar schon, mal wieder entscheidet der Empfänger der Botschaft, wie er sie für sich interpretiert.

    Was würde Goethe dazu sagen? Wahrscheinlich nur: „Ertappt.“

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