Raven mitten in der Leipziger Innenstadt: Im gemütlichen Schatten des Stadtgeschichtlichen Museums und des Museums der bildenden Künste (MdbK) zwischen Böttchergässchen und Katharinenstraße steigt am 4. September zum zweiten Mal der Openair-Rave im Museumskarree. Im letzten Jahr noch außergewöhnliches Begleitprogramm der 90er-Jahre-Ausstellung, könnte die Tanzveranstaltung zur festen Institution auch in den kommenden Jahren werden. Warum ausgerechnet hier? Wir haben mit den Organisator/-innen Anne Rauschenbach, Sylva Dörfer und Tim Rood über Rave-Kultur und das diesjährige Programm gesprochen und darüber, warum es wertvoll ist, Orte zu beleben, die (noch) nicht viel mit „Szene“ zu tun haben.
Der Rave im Museumskarree mitten in der Innenstadt findet in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Was erwartet die Besucher/-innen?
TR: Wir haben im August letzten Jahres den „Remember 90s Rave Culture“ im Rahmen der 90er-Jahre-Ausstellung hier im Museumskarree veranstaltet. Die Veranstaltung fand in Kooperation zwischen dem Stadtgeschichtlichen Museum und dem Leipziger NachtRat statt. Da war alles neu, spannend – und vielleicht auch noch etwas improvisiert (lacht). In diesem Jahr ist das Museum der bildenden Künste (MdbK) als Partner mit im Boot.

SD: Damit öffnen wir das Museumskarree in den Stadtraum weiter und greifen auch das Leitbild des MdbK auf: neue Verbindungen anregen sowie Raum für Austausch, Teilhabe und gemeinsames Erleben zu eröffnen.
AR: Wir wollen das Konzept dieses Openair-Raves mitten in der Innenstadt verstetigen – unabhängig von den Ausstellungen der Museen. Diese Fläche hier ist niedrigschwellig für alle erreichbar. Wir sehen es auch als Möglichkeit, marginalisierten Gruppen einen Raum zu geben – was wir bieten können, ist zum Beispiel der DJ-Booth.
In diesem Jahr haben wir die Kuration für das musikalische Programm dem fem*vak, das auch im NachtRat sitzt, übergeben. Es wird ein reines FLINTA*-Lineup geben. Auch Dragshows sind im Programm mit eingeplant – gerade vor dem Hintergrund des Angriffes auf den CSD in Berlin hat das für uns einen besonderen Wert. Es geht um Sichtbarkeit – nicht allein in Nischenplätzen, sondern auch dort, wo es (noch) nicht als normal angesehen wird, wie eben hier in der Innenstadt.
Wie im letzten Jahr soll die Veranstaltung auch dazu dienen, dass die Mitglieder des NachtRates ihre Arbeit vorstellen können. Es wird Infostände des Livekommbinats, der Initiative Awareness, der Drug Scouts und weiterer geben.
Hat es viel Überzeugungsarbeit bedurft, den Rave wieder hier, mitten zwischen den Museumsgebäuden, stattfinden zu lassen?
TR: Nein. Die Arbeit im Museum ist, sagen wir, vielleicht etwas „eingefahrener“. Aber mit dem Rave im letzten Jahr, der wirklich super angenommen wurde, konnten wir vielleicht den einen oder anderen Mitarbeitenden von unserem Konzept überzeugen. Wir haben ausschließlich gutes Feedback erhalten, die Organisation hat reibungslos funktioniert. Ich hoffe natürlich, dass wir auch in den kommenden Jahren daran anknüpfen können.
Was macht diesen Ort besonders für derartige Veranstaltungen?
AR: Vor allem in der Innenstadt werden Freiräume seltener – deshalb wollen wir den Platz, den es gibt, unbedingt nutzen. Vielleicht ist es auch möglich, Menschen, die damit bisher weniger Berührungspunkte haben, die Rave-Kultur näherzubringen. Momentan ist es im Trend, das Konzept „Rave“ zu kommerzialisieren. Dem könnten wir einen Gegenentwurf bieten.
Was hier, mitten im Stadtkern, natürlich zu bedenken ist: Die Auflagen für Sicherheit sind höher. Verständlich, vor allem nach den jüngsten Geschehnissen – die Amokfahrt in Leipzig, der Angriff auf den Berliner CSD. Klar wurde dadurch auch unsere Aufmerksamkeit für das Thema nochmal geschärft.
TR: Man muss aber dazu sagen: Die Gefahrenlage hier vor Ort wird als nicht so hoch eingeschätzt, schon dadurch, dass die Zufahrt in den Innenhof schwer möglich ist. Natürlich haben wir aber ein Sicherheitskonzept erarbeitet. Es wird Security- und Awareness-Personal geben. Es ist uns gleichzeitig wichtig, hier keine „Festung“ zu bauen.
AR: Wenn sich Menschen offen und auf Augenhöhe begegnen wollen, braucht es anscheinend leider ein Sicherheitskonzept drumherum. Für uns stehen aber ganz klar der Rave, das Beleben dieses Ortes und der Spaß im Vordergrund.
TR: Einer der Hauptgründe für uns, den Rave hier zu veranstalten, ist ja, Menschen verschiedenster Hintergründe zusammenzubringen. Wir wollen klar das „erfahrene“ Rave-Publikum erreichen, aber auch unser klassisches Museumspublikum und die Leute, die vielleicht zufällig in der Innenstadt auf die Veranstaltung stoßen. Dadurch erhoffen wir uns auch, Vorurteile abbauen zu können.
SD: Das Museumskarree wird außerdem zunehmend als ein öffentlicher Raum für Kunst und Begegnung wahrgenommen. Wichtige Impulse dafür haben die Installationen ‚Frühling‘ von Nina Schuiki und ‚Tropfen auf Stern‘ von Maix Mayer gesetzt. Mit dem Rave und der Fête de la Musique schaffen wir zwei besondere Anlässe im Jahr, um den Zwischenraum gemeinsam mit lokalen Akteur/-innen, Künstler/-innen und der diversen Stadtgesellschaft zu beleben.
Was wird in diesem Jahr anders sein?
AR: Dieses Mal wird es vor dem Rave keinen Talk, sondern einen kostenfreien DJ-Workshop geben. Der Workshop findet von 15 bis 16 Uhr statt und wird von Rethaex und Fissy Dub von equalize e.V. gehalten. Der Verein bietet regelmäßig solche Workshops für FLINTA*-Personen an und setzt sich für Diversität in der Clubkultur ein. Am 4. September wird das Angebot für alle offen sein – ab 12 Jahren und ohne Anmeldung. Klar, nach einer Stunde ist man vielleicht nicht gleich ready fürs DJ-Booth, aber die technischen Grundlagen werden vermittelt. Darauf kann man aufbauen.
TR: Weebz vom Hitness Club wird sich um Visuals kümmern, die „Boytunten“ von Flamboyish und die Drag Queen Rashida sind für zwei Drag-Performances zwischen den DJs eingeladen. Das wird toll! Es wird auch Tattoo-Stände geben. Dazu haben wir den Tattoo-Kiosk und das Studio Flux eingeladen.
SD: Darüber hinaus bieten die Museen in diesem Rahmen erstmals kreative Mitmach-Aktionen mit Straßenkreiden und Glitzer an.
Wie hat sich die Zusammenarbeit zwischen den drei Akteuren gestaltet?
TR: Die Aufgabenverteilung hat sich recht natürlich entwickelt. Wir bekommen dieses Mal auch Unterstützung von der L-Gruppe und aus dem Stadtbezirksbudget. Dadurch haben sich ganz neue Möglichkeiten aufgetan. Wir haben eine Kooperationsvereinbarung zwischen den drei Veranstaltenden. Das Livekommbinat Leipzig, an welches der NachtRat angebunden ist, ist Ausrichter der Veranstaltung. Wir arbeiten auch in diesem Jahr wieder mit Leipzig Openair/SocHop zusammen. Das hat beim letzten Mal schon super funktioniert.
Dann geht’s natürlich um Aufgaben wie die Erstellung eines Sicherheitskonzeptes, technische Voraussetzungen müssen geklärt, Verträge aufgesetzt werden.
AR: Im Prinzip ist die Veranstaltung ein Paradebeispiel dafür, wie die sogenannte Hochkultur und die sogenannte Subkultur miteinander arbeiten können. Das macht sich allein schon bei der Arbeitsweise bemerkbar, da unterscheiden sich die Betriebe. Man kann wirklich viel voneinander lernen. Beispielsweise hat uns die technische Leitung des MdbK aufgeklärt über notwendige Sicherheitsvorkehrungen und Maßnahmen für den Notfall. Ich selbst hatte bisher wenig Berührungspunkte mit solchen Themen.
Auch in der Kommunikation nach außen und der Präsentation in den sozialen Medien zeigen sich teils große Unterschiede – in meiner Arbeit für den NachtRat ist der Ton eher locker und ein Rave eben ein Rave. Für die Museen ist es eine Veranstaltung außerhalb des üblichen Betriebs und es bedarf einer anderen Art, das Publikum anzusprechen. Es ist toll, diese verschiedenen Arbeits- und Lebenswelten miteinander zu kombinieren. Man könnte sagen, dass hier Rave-Kultur gelebt wird.
Übrigens gab es solche Kooperationen auch schon – erinnert ihr euch zum Beispiel noch an die Audio-Invasion im Gewandhaus? Das war ja auch ein Cross-over von klassischer Musik und elektronischer Pop- und Clubkultur.
Seht ihr für solche Kooperationen noch Luft nach oben?
AR: Ja, definitiv. Wir würden uns schon wünschen, dass die großen Kulturbetriebe noch durchlässiger würden für die alternative Szene. Zur Wahrheit gehört aber auch dazu: Auch aus der Szene heraus gibt es Vorbehalte, oder sagen wir, Berührungsängste mit der sogenannten Hochkultur. Also wir freuen uns, wenn sich beide Seiten noch weiter öffnen.

TR: Im Prinzip ist es hier am Museum genau meine Aufgabe, solche Kooperationen auf die Beine zu stellen und Teilhabe für mehr Menschen zu ermöglichen. Das bedeutet, das Museum in die Stadtgesellschaft zu tragen und andersherum. Gemeinsame Projekte dieser Art können unterschiedliche Perspektiven abbilden und einander nahebringen. Ich denke, auch im Hinblick auf die aktuelle politische Lage und mit dem Blick in die Zukunft wird es immer notwendiger sein, Kooperationen einzugehen, miteinander zu arbeiten und Netzwerke zu bilden.
SD: Auch künftig wollen wir den Fokus auf die Einbindung marginalisierter Gruppen legen. Vielleicht können wir im nächsten Jahr noch weitere Kooperationspartner gewinnen und die Aspekte Inklusion und Mental Health stärken. Auch könnten wir uns vorstellen, mal einen Sober-Rave zu organisieren. In jedem Fall geht es darum, Menschen „aus der Szene für die Szene“ hier einen Raum zu bieten. Warum sollten wir „Star-DJs“ von überall hier auf die Bühne stellen, während in unserer Stadt eine diverse Künstler/-innen-Szene bereitsteht? Wir wollen Rave eher ursprünglich denken und vielen zugänglich machen.
TR: Ich würde hinzufügen: „Aus der Szene MIT der Szene“. Natürlich wird sich nicht verhindern lassen, dass unsere Veranstaltung für manche zu „mainstreamig“ ist, das macht schon der Ort. Es soll auch keine Szeneveranstaltung sein. Es geht uns um eine gemeinsame unkommerzielle Fete mit unserem Museumspublikum, Leuten aus der Rave-Szene und allen Tanzwütigen oder solchen, die es werden wollen, aus der Leipziger Stadtgesellschaft.
Last note: Wer abseits von uns Lust hat, hier im Museumskarree etwas zu veranstalten, ist dazu herzlich eingeladen und kann sich gern melden!
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