Die Ökostrom-Rebellion aus dem Schwarzwald

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 83, seit 25. September im Handel„Der alternative Stromanteil wird nie mehr als vier Prozent ausmachen!“ So tönte es Mitte der 1990er Jahre, erinnert sich Sebastian Sladek. Egal, ob dies Stimmung oder Stimmungsmache war – heute lässt es sich angesichts dieser alten Parole relativ entspannt lächeln. Denn die Realität von 2020 ist eine andere.
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Sladek ist Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) und unverändert fasziniert von der Dynamik der Branche. 46 Prozent beträgt der Anteil der Erneuerbaren am gegenwärtigen Strommix in Deutschland. Bei den EWS liegt der Anteil bei 100 Prozent. Und der einst winzige Energieversorger von 1.700 Haushalten im Schwarzwald beliefert heute einen Kundenstamm von mehr als 200.000 Menschen im gesamten Bundesgebiet.

Die Rahmenbedingungen sind offenbar gänzlich andere. Ein Blick zurück bringt jedoch reichlich Dramatik ans Tageslicht. Denn der Funke, aus dem letztlich die heutigen EWS entstanden, sprang am 26. April 1986 von Tschernobyl in die Welt und vor allem auch nach Schönau. „Ich erinnere mich, wie fassungslos und aufgewühlt meine Eltern waren. Das waren sie so sehr erst wieder beim Mauerfall.“

Sladek und seine vier Geschwister seien vor allem von der Verunsicherung der Erwachsenen verunsichert gewesen. Als Drittklässler verstand er freilich den Grund der Aufgewühltheit nicht. „Es war ein herrlich sonniger Frühling im Schwarzwald, und wir waren drinnen eingesperrt. Polizisten vernichteten das Gemüse auf den Wochenmärkten. Und als wir im Herbst wieder raus durften, wurde uns verboten, von den reifen Brombeeren zu naschen.“

Es gibt wenige Themen und Fragen, die schwarz-weiß sind und wo nicht Grautöne die Beurteilung prägen. Bei Familie Sladek war die Antwort auf Atomenergie ein eindeutiges Nein. Keine Sicherheit, keine Endlager – nein. Und auch bei anderen Schönauern, die sich zur Bürgerinitiative „Eltern für eine atomfreie Zukunft“ zusammenschlossen, ukrainische Kinder in den Schwarzwald einluden, für Stromsparen werben, schließlich Ökostrom fördern und vom regionalen Stromversorger auch fordern.

Von Ökospinnern zu Rebellenkraftwerken

1990 wird es spannend. Jener Stromversorger ist auch Kernkraftwerksbetreiber, von einer Energiewende wenig angetan, und er bietet der Kommune 100.000 DM, wenn diese einer vorfristigen Verlängerung des Versorgungsvertrages um 20 Jahre zustimmt. Die Bürgerinitiative reaktiviert Wasserkraftwerke, fördert Photovoltaik und macht sich nun für einen Bürgerentscheid gegen die Vertragsverlängerung stark.

Sladek ist heute wie damals beeindruckt: „Dafür hat die Initiative selbst 100.000 DM gesammelt und der Stadt angeboten. Aber das war ja Risikokapital und wahrscheinlich komplett weg – einzig und allein dafür, dass 1994 regulär über die Energieversorgung entschieden wird.“

Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 83, Ausgabe September 2020. Foto: Screen LZ

Der Gemeinderat wollte ablehnen. Aber im Jahr darauf stimmen 55 Prozent für die Ökospinner, die sich 1993 bei den Kommunalwahlen außerdem über eine neue, ihnen wohlgesonnene Mehrheit im Gemeinderat freuen und dann 1994 die EWS gründen. Ziel: Die Stromversorgung selbst zu übernehmen. Von Ökospinnern zu Ökostromrebellen.

Zur Entscheidung fordert nun die Gegenseite einen zweiten Bürgerentscheid und fährt im Wahlkampf die große Propagandamaschinerie auf: von ganzseitigen Anzeigen bis zu persönlichen Angriffen. Dazu geschürte Ängste vor Arbeitsplatzverlust und Versorgungsunsicherheit. Sladeks müssen sogar einen Wegzug samt Heimatverlust in Erwägung ziehen.

Die Bürgerinitiative gewinnt 1996 auch den zweiten Entscheid und wird demokratisch legitimierter Ökostromversorger. „Die meisten Schönauer können heute gut damit leben“, findet Sladek. „Die Befürchtung, dass der Strom wegbleibt, hat sich nicht bewahrheitet. Und wir sind hier der zweitgrößte Arbeitgeber.“ 93 Prozent der Schönauer sind den EWS bis heute treu. Aber die EWS müssen nach dem Votum 1996 erst noch das Stromnetz dem bisherigen Betreiber abkaufen – zu einem völlig überteuerten Preis.

Ein echter Ökokrimi. Auch mithilfe der Spendenkampagne „Ich bin ein Störfall“ werden die erforderlichen 8,7 Millionen aufgebracht. 1998 folgt der nächste Aufreger: Der deutsche Strommarkt wird liberalisiert. Die EWS werden zum erfolgreichen bundesweiten Stromanbieter. Genauer gesagt zum ersten bundesweiten Ökostromanbieter – mit Naturstrom AG und Greenpeace Energy.

Trotz aller Erfolge ist der Kampf um die Energiewende längst nicht gewonnen. „Die Energiepolitik ist ein fortgesetzter Zickzackkurs“, moniert Sladek. Zum Beispiel sei das Erneuerbare-Energien-Gesetz mit begrüßenswert dezentralem Ansatz immer weiter zurückgedrängt worden. „Dabei geht es nicht nur um Atom, nicht nur um Kohle, sondern auch um Klimaschutz. Und die Zeit läuft uns weg. Was wollen die heutigen Windkraftgegner denn ihren Kindern später mal erzählen?“

Auch etliche Ökostrom-Tarife seien als „Verschiebebahnhöfe“ zu kritisieren, so Sladek. Wenn alte Wasserkraftwerke, die ohnehin im Mix eines Anbieters sind, nun lediglich zu einem Ökotarif rausgelöst werden. Beim Stromanbieter ändert sich ansonsten gar nichts. Eventuell wird Ökostrom an der Börse dazugekauft. Aber parallel ist der Anbieter oft Anteilseigner bei Kohle- oder Atomenergie.

EWS hingegen hat zu 100 Prozent nur echten Ökostrom und investiert vor allem in die Fortsetzung der Energiewende. Fast drei Viertel der Kraftwerke sind hier jünger als sechs Jahre! Seit Ende 2009 sind die EWS eine Genossenschaft. Und eine Tochtergesellschaft baut noch mehr neue Windkraftanlagen.

Die neue „Leipziger Zeitung“ Nr. 83: Zwischen Ich und Wir

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