Sandra Haselbach aus Krostitz hat den zweiten Preis gewonnen beim Denkmalpflegepreis 2022 der Handwerkskammer zu Leipzig. Der Preis wurde auf der „denkmal“-Messe am 25. November verliehen. Ihren Augen entgeht nichts. Sie mustert mit den sprichwörtlichen Argusaugen die in luftiger Höhe bemalte Fläche: Sie prüfen ausnahmslos jede Ecke und jeden Winkel der Zimmerdecke. Sie flitzen von oben nach unten, von links nach rechts, vor und zurück.

Die Villa in Leipzigs Waldstraßenviertel, an einer Straßenkreuzung gelegen, wirkt seriös und gediegen. Im Hochparterre residiert – gleichermaßen seriös und gediegen – das Notariat. Dessen größter und beeindruckendster Raum ist das Urkundenzimmer. Dort werden ernste, gewichtige und weitreichende Angelegenheiten geregelt.

Wer ein waches Auge für das Ambiente hat, entdeckt an just jener Zimmerdecke etwas Einzigartiges. Etwas, das auch in Leipzigs altehrwürdigen Bauten Seltenheitswert hat: eine historische Deckenausmalung.

Sandra Haselbach hat berufsbedingt einen besonders prüfenden Blick. Als sie jetzt das repräsentative Zimmer betritt, wird ihr Blick noch eine Spur schärfer als sonst. Anders als viele, die hier hereinkommen, schaut sie sofort an die Zimmerdecke, die sie aus nächster Nähe kennt. Und mustert sie mit kritischer Gründlichkeit. Der 44-jährigen Krostitzerin und ihrem Können ist es zu verdanken, dass dieses deckenfüllende Schmuckwerk heute in nahezu ursprünglicher Schönheit wieder erstrahlt.

Zu sehen sind darauf frische Früchte und forsche Fabelwesen, schlemmerische Speisen und genussreiche Getränke, kunstvolle Kränze und organische Ornamente. Alle farblich wie auch symmetrisch aufeinander abgestimmt und detailreich miteinander verflochten. Ursprünglich diente jenes Zimmer mit der hochwertigen Deckenmalerei als feierlich-festliches Speisezimmer. Leipzigs Rats-Maurermeister Heinrich Purfürst baute diese Villa zwischen 1864 und 1865. Doch wer mit künstlerischer Pinselführung das Deckengemälde schuf, ist nicht überliefert.

1995 begann die Sanierung der Villa, dabei stießen Fachleute auf die hochwertige Deckenausmalung. Deren Restaurierung wurde zurückgestellt, sie wurde übergangsweise fachlich korrekt mit Makulatur-Papier und Zell-Leim gesichert und einfarbig überstrichen.

Mehr als zwei Jahrzehnte später kam die Fachfrau ins Spiel: Der Eigentümer hatte sich entschlossen, die Deckenausmalung restaurieren zu lassen. „Zunächst ging es darum, die Übermalung von damals abzunehmen“, erinnert sich Sandra Haselbach.

„Dann folgten die Sicherung, Reinigung und Festigung des Deckengemäldes, das Schließen von Fehlstellen sowie das farbliche Angleichen der nachgebesserten Bereiche – und schließlich die Retusche von Fehlstellen und Bemalung.“

Hört sich sachlich-knapp an. Doch war es für sie aufwändige, täglich herausfordernde Arbeit – in luftiger Zimmerhöhe auf der Arbeitsbühne, mit erhobenen Händen und dem Kopf im Nacken. Eben etwas für Leute mit der gewissen Extra-Portion an Ausdauer, Detailverliebtheit und Geduld. Monatelang war Sandra Haselbach hier zugange – zusammen mit dem Maler und Künstler Bernd Döninghaus.

Die Deckenausmalung zu Beginn der Restaurierung. Foto: privat
Die Deckenausmalung zu Beginn der Restaurierung. Foto: privat

„Angestrebt haben wir einen dem Alter entsprechenden, authentischen Gesamteindruck der Decke“, so Haselbach. „Zusammen mit den grundhaft überarbeiteten Wandflächen ging es um ein stimmiges Raumkonzept.“

„Nach Abnahme des Makulatur-Papiers ohne Schädigung der Originalbemalung fanden wir die bauzeitliche Deckenausmalung zwar verschmutzt und mit Schäden vor, doch in einem guten Zustand. Wesentliche Bereiche mit Bemalung waren gut erhalten, sodass Fehlstellen mittels Retuschen geschlossen werden konnten. An einigen Bereichen war die figürliche Bemalung so geschädigt, dass wir Muster und Proben zur Art und Weise der Rekonstruktion der Bemalung angelegt haben.“

Es folgten Schritt für Schritt zahlreiche Arbeiten, gefolgt von der Spachtelung aller Risse, Löcher und weiterer Schädigungen mit Verschleifen und Grundieren, schaut Sandra Haselbach zurück. Hinzu kam Stuckateurmeister Jens Barthelmes mit seinem Fachwissen, sodass mit der Stuckierung der gebührende Rahmen für die historische Deckbemalung professionell in Szene gesetzt werden konnte.

„Alle Farbigkeiten wurden in Handausmischung auf der Palette angemischt, verprobt und bei Übereinstimmung verwendet. Insgesamt zeigt sich die gereinigte und retuschierte Deckenbemalung von 1865 in einem leicht belebten, aber geschlossenen Bild, dem – wie beabsichtigt – das Alter anzusehen ist.“

Der prachtvolle „Deckenteppich“ heute. Foto: privat
Der prachtvolle „Deckenteppich“ heute. Foto: privat

Das Familienunternehmen Haselbach gibt es in dritter Generation: 1949 von Malermeister Alois Haselbach in Krostitz gegründet, übernahm Reinhard Haselbach 1979 die Verantwortung. Seit 2010 führt Sandra Haselbach die Geschicke.

1997 bestand sie die Gesellenprüfung zur Maler- und Lackiererin – und wurde bester Lehrling im Kammerbezirk Leipzig. Ihr Meisterabschluss folgte im Jahr 2000, der Abschluss als Restauratorin im Handwerk im Jahr 2003. Sie ist Mitglied in der Fachgruppe Denkmalpflege Kirchenmaler.

Wie sieht die Krostitzerin rückblickend diesen Auftrag? „Für mich war das jeden Tag Anspornung und Herausforderung.“ Der Festmahl-Deckenteppich, etwa sechs Meter mal sieben Meter groß, beanspruchte bis zur Vollendung der Restaurierung vier Monate: „Nach hinten ist es etwas ausgeufert“, flachst die rotblonde Frau.

Und was meint der Denkmalschutz zu der von ihr restaurierten Deckenausmalung? „Die Auflagen der denkmalschutzrechtlichen Genehmigung wurden von der Firma Haselbach vollständig und in hoher handwerklicher Qualität umgesetzt“, so die zuständige Denkmalschutzbehörde.

„Die Restaurierung der Decke erfolgte ohne Substanzverlust – aber dennoch so, dass Alterungsspuren sichtbar geblieben sind.“

„Notwendige Ergänzungen von stark geschädigten Bereichen, die zur Lesbarkeit der Malerei unabdingbar sind, wurden in hoher künstlerischer Qualität ausgeführt“, schreibt Leipzigs Amt für Bauordnung und Denkmalpflege weiter: „Ein wertvolles Stück gründerzeitlicher Wohnkultur ist nun wieder erlebbar und dauerhaft gesichert.“

*Text: Holger Zürch im Auftrag der Handwerkskammer zu Leipzig

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