Endlich ging die Zahl prekärer Jobs spürbar zurück und wurde mehr Arbeit bezahlt als noch 2013

Was sagen Arbeitszeiten eigentlich über Arbeitszeiten aus? Sachsens Statistiker (und nicht nur sie) versuchen das jedes Jahr aufs Neue herauszubekommen. Meistens kommt so eine Art Rätselraten heraus und eine rundgelutschte Geschichte von Vielarbeitern und Wenigarbeitern. Als wenn das Land seit Jahren emsig darum kämpfte, endlich die 20-Stunden-Woche zu bekommen. Nur: Die Geschichte stimmt so nicht.
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Auch wenn Sachsens Landesstatistiker melden: „Die durchschnittlich geleistete Arbeitszeit eines Erwerbstätigen mit Arbeitsort im Landkreis Meißen betrug 1.447 Stunden im Jahr 2014. Mit 25 Stunden über dem Sachsendurchschnitt (1.422 Stunden) lag dieser Landkreis damit an der Spitze von allen sächsischen Kreisen, gefolgt von Mittelsachsen und dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Das geringste Arbeitspensum je Erwerbstätigen wurde in der Stadt Leipzig mit 1.389 Stunden erbracht. Betrachtet man die Pro-Kopf-Arbeitszeit innerhalb der einzelnen Branchen, so erkennt man deutliche Unterschiede. Mit 1.655 Stunden arbeitete ein Erwerbstätiger im Baugewerbe in Sachsen am längsten. Hier verzeichnete der Vogtlandkreis innerhalb Sachsens mit 1.669 Stunden das höchste Arbeitspensum. Im Gegensatz dazu betrug  die durchschnittliche Arbeitszeit je Erwerbstätigen im Bereich Öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung und Gesundheit nur 1.357 Stunden. In diesem Bereich war die Pro-Kopf-Arbeitszeit 2014 mit 1.315 Stunden im Erzgebirgskreis innerhalb von Sachsen am niedrigsten.“

Es ist die falsche Wortwahl. Und die falsche Interpretation der Zahlen.

Die Rechnung selbst ist ganz einfach. Die nimmt sich nämlich den statistisch erfassten Berg von abgerechneten Arbeitsstunden in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen (das sind rund drei Viertel aller geleisteten Arbeit) und dividiert die Stundenzahl dann auf die einzelnen sv-pflichtig Beschäftigten. In diesem Fall sind es Zahlen für das Jahr 2014. Die für 2015 werden die Statistiker dann noch ein bisschen mehr verblüffen. Da ist dann nämlich der Mindestlohn dabei.

Die Vorgaben der Statistiker für 2014: „In Sachsen wurden 2014 von den rund zwei Millionen Erwerbstätigen knapp 2,9 Milliarden Arbeitsstunden erbracht, 0,8 Prozent mehr als 2013. Der Zugang des Arbeitsvolumens gegenüber dem Vorjahr erreichte fast alle sächsischen Kreise. Die Stadt Leipzig hatte mit 2,5 Prozent den höchsten Zuwachs gefolgt von der Stadt Dresden und dem Landkreis Bautzen mit jeweils 1,0 Prozent.“

Womit man schon so nebenbei merkt: In Leipzig wurde deutlich mehr Arbeitszeit abgerechnet. Da werden also Jobs geschaffen, was mit der oben erzählten geringsten Arbeitszeit im sächsischen Vergleich nicht zusammenpasst.

Woran liegt es?

„Ursachen für die Unterschiede zwischen den Regionen und den Branchen waren z. B. die unterschiedlichen Arbeitszeiten sowie die steigende Bedeutung von Teilzeitbeschäftigung bzw. der Anteil marginaler Beschäftigung.“

Womit sich die Landesstatistiker selbst widersprechen. Die Leipziger haben nicht weniger gearbeitet als die anderen Sachsen. Sie mussten sich nur viel stärker als die anderen Sachsen mit lauter prekären Beschäftigungsverhältnissen durchschlagen.

Und das auch nicht erst 2014.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Menge des bezahlten Arbeitsvolumens in Sachsen seit 2000 permanent abgenommen hat. Damals wurden noch über 3 Millionen Arbeitsstunden offiziell abgerechnet, 2013 war die Zahl auf 2,85 Millionen abgesunken. Und das, obwohl die Zahl der offiziell Beschäftigten seit 2010 permanent gestiegen ist. Heißt im Klartext: In einigen Branchen ging die Schaffung immer neuer Mini- und Midijobs ungemindert weiter. Besonders markant war das im Dienstleistungsbereich – und da vor allem im Handel. Keine andere Branche hat so flächendeckend Vollzeitjobs in marginale Jobs umgewandelt.

Gastronomie und Hotellerie waren auch nicht besser, haben die marginalen Jobs als echte Erleichterung für das eigene Budget für sich entdeckt. Ganz ähnlich war es im Baugewerbe. Und im Gegenzug wuchs die Zahl der Leiharbeiter.

Die Statistik zeigt ziemlich deutlich, wie in Sachsen bis 2013 immer mehr vollwertige Jobs in marginale Jobs umgewandelt wurden. Damit sank die Zahl der abgerechneten Arbeitsstunden. Was mit den nicht abgerechneten passiert ist, verrät die Statistik ja nicht.

Seit 2014 ist das anders. Denn mit vierjähriger Verspätung haben die sächsischen Unternehmen mitbekommen, dass es eigentlich überhaupt keinen Markt mehr gibt, auf dem man seine Fachkräfte derart rücksichtslos vergeuden kann. Seit 2010 sind die Ausbildungsjahrgänge halbiert. Das Wort Fachkräftemangel machte seitdem immer öfter die Runde, auch wenn es zuerst die anspruchsvolleren Jobs in der Industrie waren, wo die Leute fehlten. Die baute nämlich die ganze Zeit auch das Arbeitsvolumen aus. Wer 2014 noch Leute entließ, weil er glaubte, er bekommt prekäre Jobber fürs halbe Geld dafür, der erlebte damals schon sein blaues Wunder.

Und wer 2014 begann, endlich mal die Fachkräftelöcher zu stopfen, der erlebte ein lila Wunder.

Das Arbeitsvolumen in Leipzig wächst nicht, weil die Leute gern länger arbeiten, sondern weil die Mini-Jobs wettbewerbsbedingt von der Planke fliegen.

Für 2015 gibt es zumindest schon Zahlen zum Arbeitsvolumen: Es ist noch einmal von 2,872 auf 2,878 Millionen Stunden gestiegen. Trotz Mindestlohn. Tausende Mini-Jobs wurden gestrichen, dafür entstanden neue/alte Vollzeitstellen. Der Mindestlohn hat in einer sowieso schon knappen Situation einen völligen Irrlauf der prekären Beschäftigung endlich gestoppt.

Und das bedeutet dann logischerweise auch mehr Arbeitsvolumen in allen Branchen. Sogar in denen, wo die Unternehmer bis 2014 immer behaupteten, der Mindestlohn würde Arbeitsplätze vernichten. Das Gegenteil ist der Fall: Auch dort stieg das Arbeitsvolumen.

Und es steigt seit 2014 auch im Bereich „Öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung und Gesundheit“. Und damit ist nicht der sächsische Landesdienst gemeint, der hier mit drinsteckt. Denn die unbelehrbare Regierung hat sogar dann noch Fachkräfteverluste hingenommen, als der Kampf um den Nachwuchs längst entbrannt war. Es sind vor allem die Pflegedienste, die hier das offiziell registrierte Arbeitsvolumen wachsen ließen.

Und man ahnt nur, wie viel geleistete Arbeit hier überhaupt nicht registriert wurde (man denke nur an die gigantischen Berge von Überstunden bei der Polizei, von denen tausende Stunden sogar unbezahlt verfallen sind). Die Statistik verrät also nur bedingt etwas über die wirklich geleistete Arbeit in Sachsen. Nur eins verrät sie: Wie viele Stunden die Arbeitgeber bereit waren auch offiziell zu bezahlen. Auch das Thema Schwarzarbeit steckt nicht drin, von Ehrenamt und freiwilliger Mehrarbeit ganz zu schweigen. Deswegen sind auch die Vergleiche der Landkreise eher witzlos. Leipzig ist nun einmal die Stadt, die neben den niedrigsten Löhnen auch die meisten prekären Beschäftigungsverhältnisse zu verkraften hatte. Und das ändert sich seit 2014 erst so langsam.

Die Meldung des Statistischen Landesamtes.

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