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Sachsens Statistiker können sich nicht mal mehr über 1,4 Prozent BIP-Wachstum freuen

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    Am Mittwoch, 28. März, veröffentlichte das Statistische Landesamt auch die Zahlen zum sächsischen Wirtschaftswachstum 2017. Oder dem, was man so landläufig für Wirtschaftswachstum hält. Denn das viel beweihräucherte Bruttoinlandsprodukt (BIP) beschreibt nun einmal kein Wirtschaftswachstum, sondern nur ein Umsatzwachstum. Und für Umsatz gilt nun mal in Deutschland der alte, gültige Spruch: Haste nüscht, kriegste nüscht.

    Denn wenn vor allem niedrig entlohnte Wirtschaftsbereiche wachsen – wie zum Beispiel der riesige Bereich der Dienstleistungen – dann arbeiten zwar immer mehr Menschen immer länger, die Lohnsumme (die ein wesentlicher Teil der Gesamtumsätze ist), steigt aber nur marginal. Erst recht, wenn das meist auch noch Branchen sind, in denen kaum Tarifverträge bestehen. Dann haben sie auch an den Lohnkämpfen der Gewerkschaften keinen Anteil, die vor allem Beschäftigen in tarifgebundenen Branchen zugute kommen – was übrigens dazu beiträgt, dass die Einkommensspreizung im Osten immer größer wird.

    Denn die eigentlich gut bezahlenden Branchen – wie die exportierende Industrie – tragen nur zu einem kleinen Teil zum Gesamtumsatz bei.

    Ergebnis: Das (scheinbare) Wirtschaftswachstum spiegelt nicht die tatsächliche Entwicklung im Land. Erst recht, wenn die Statistiker auch noch versuchen, die Inflation herauszurechnen. Dann wird der Umsatzerfolg der Landwirtschaft gar zu einem Entwicklungs-Minus. Der tatsächlich endlich einsetzende Auftrieb der landwirtschaftlichen Erzeugerpreise wird quasi negativ ausgelegt.

    Und dabei haben Sachsens Nahrungserzeuger 2017 ihren Umsatz nach zwei Jahren der absoluten Billigpreis-Heimerei endlich wieder von 706 auf 850 Millionen Euro steigern können. Das ist ein Plus von über 20 Prozent. Weil dieses Plus aber nicht über mehr erzeugte Waren, sondern über wieder gestiegene Preise erzielt wurde, erscheint das bei der eh schon marginalisierten Landwirtschaft als ein preisbereinigtes Minus von 2,8 Prozent.

    Was übrigens fast derselbe Effekt ist wie in der Bauwirtschaft, die seit drei Jahren auf Hochtouren läuft. Die Auftragsbücher sind so voll, dass Kommunen wie Leipzig viele Bauaufträge gar nicht mehr platzieren können. Und weil der Markt eng ist, sind die Preise drastisch angezogen. Was sie im Baugewerbe übrigens schon seit 2010 tun. Mit dem Ergebnis, dass die Bauumsätze seit damals von 5,7 auf 7,9 Milliarden Euro angezogen sind.

    Von 2016 zu 2017 stiegen die Umsätze von 7,59 auf 7,87 Milliarden Euro. Ein Plus immerhin von 3,7 Prozent. Aber da es nicht aus einer Steigerung der Bauleistung resultiert und auch nicht aus einem Wachstum der Branche, sondern nur aus gestiegenen Baupreisen, wird daraus bei einer Preisbereinigung ein Minus von 1,7 Prozent.

    Was eben auch heißt, dass einige zentrale Branchen nicht mehr quantitativ wachsen, weil sie an mehrere Grenzen stoßen – der zunehmende Fachkräftemangel gehört dazu, aber auch die Tatsache, dass die Wirtschaft im Osten nicht mehr in der Fläche wächst, sondern nur noch punktuell in den Großstädten – Berlin vorneweg. Dort gab’s preisbereinigt ein Umsatzplus von 3,1 Prozent.

    Die eigentlichen Wachstumsbranchen in Sachsen sind längst andere.

    Nach ersten vorläufigen Berechnungen verzeichneten die Dienstleistungsbereiche in Sachsen einen preisbereinigten Zuwachs der Bruttowertschöpfung (BWS) um 1,6 Prozent gegenüber 2016, hinter dem das Produzierende Gewerbe (+1,0 Prozent) sichtlich zurückblieb, melden die Kamenzer Statistiker. Der größte Wachstumsbeitrag kam mit 0,41 Prozentpunkten aus dem Bereich Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation, der real um 2,4 Prozent wuchs.

    Mit 0,40 Prozentpunkten Wachstumsbeitrag folgte das Produzierende Gewerbe ohne Baugewerbe (preisbereinigtes Plus um 1,8 Prozent). Der Bereich Öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung und Gesundheit trug mit 0,31 Prozentpunkten zum BIP-Wachstum bei und stieg real um 1,3 Prozent.

    Mit über 74 Milliarden Euro ist der Dienstleistungssektor schon lange der größte Wachstumstreiber in Sachsen. Noch 2010 trug er nur 58 Milliarden Euro zum Wirtschaftsumsatz bei. Und die größten Wachstumstreiber innerhalb der Dienstleistung sind mittlerweile Gesundheit und Soziales und Handel, Gastgewerbe und Verkehr.

    Sachsen ist ein Dienstleistungsland

    Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Sachsen stieg 2017 preisbereinigt um 1,4 Prozent gegenüber 2016 und um knapp 14 Prozent gegenüber dem Jahr 2010. Damit erreichte der Freistaat aktuell nur ein unterdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, das um 0,8 Prozentpunkte unter dem realen Resultat für Deutschland (Zuwachs um 2,2 Prozent) lag, seufzen die Statistiker in Kamenz. Das sächsische Ergebnis entsprach dem Wirtschaftswachstum in den fünf neuen Ländern.

    Aber diese Art Wachstum ist eben typisch für ein weitgehend deindustrialisiertes Land, in dem das Produzierende Gewerbe nur knapp über 30 Prozent zur Bruttowertschöpfung beiträgt. Die lag mit 109,7 Milliarden Euro trotzdem auf einem neuen Rekordwert. Da kommen dann noch die Gütersteuern obendrauf, die erstmals sogar 12 Milliarden Euro betrugen.

    Womit dann das BIP 2017 knapp 122 Milliarden Euro (in jeweiligen Preisen, 3,0 Prozent mehr als 2016) betrug. Da steckten dann 2,9 Milliarden Arbeitsstunden von 2,05 Millionen Erwerbstätigen mit einem Arbeitsplatz im Freistaat drin. Aber an dem Punkt wird dann wieder deutlich, warum das sächsische BIP nicht so stark steigt wie in Bayern (2,8 Prozent), Bremen (3,3 Prozent) oder Niedersachsen (2,5 Prozent).

    Je Stunde erreichte das BIP einen Wert von 42 Euro, real 0,4 Prozent mehr als 2016. Je Erwerbstätigen lag das BIP aktuell bei 59.262 Euro und damit 0,4 Prozent über dem Vorjahr. Die Löhne steigen also im Schnitt deutlich schwächer und schlagen sich deshalb auch nur marginal in den Umsätzen nieder. Trotzdem sind hier tausende neuer Arbeitsplätze entstanden. Die für die Beschäftigten dann nur ein Problem haben: Ihre Bezahlung passt schon lange nicht mehr zur Preisentwicklung in Deutschland. Die lange Jahre betriebene Niedriglohnpolitik erweist sich für die ostdeutschen Bundesländer als ziemlich fatal.

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