Lange wurde geredet, diskutiert, beantragt. Am Ende gab sogar der Stadtrat ein jauchzendes Ok. Und dann war nur noch die Frage: Wie schnell werden die Leipziger Verkehrsbetriebe sein, das Projekt "Mobilitätsstationen" in die Praxis umzusetzen? Immerhin auch für die LVB Neuland. Am Mittwoch, 8. Juli, wurde zur Mittagsstunde mit Humtata die erste Leipziger Mobilitätsstation enthüllt. Die Idee beschäftigt die Stadtgesellschaft schon seit ein paar Jahren.

Wie kann man Mobilität so verknüpfen, dass die Nutzer nicht gleich wieder mit Bürokratie, unterschiedlichen Anbietern, unterschiedlichen Tarifen erschlagen werden? Denn wenn nicht alle Leipziger alle Fahrzeuge besitzen wollen, dann braucht man ein System, bei dem sie alle Fahrzeuge teilen, mieten, teilnutzen können. Ist ja alles da. Bei Bus, Straßenbahn und S-Bahn kennt man es schon. Kein Nutzer würde auf die Idee kommen, sich so ein Ding vors Haus zu stellen.

Fahrräder besitzt man meist, aber es gibt trotzdem Hunderte, die täglich ihr Handy zücken und sich eins der 500 Fahrräder mieten, die die Firma Nextbike im Leipziger Stadtraum aufgestellt hat. Oft ist das sogar die schnellste und einfachste Art, flott von einem Punkt an den anderen zu kommen. Viel schneller als mit Auto oder Straßenbahn, warb Ralf Kalupner von der nextbike GmbH am Mittwoch insbesondere fürs Ausleihrad. Natürlich ist Nextbike beteiligt an den Mobilitätsstationen. Wer sonst? In Leipzig ist die Firma groß geworden, hat hier Erfahrungen gesammelt mit dem System Leihrad. An jeder geplanten Mobilitätsstation sollen jeweils zwei Nextbike-Räder stehen.

Daneben stehen zwei Autos von teilAuto, dem wichtigsten Anbieter von Carsharing in Leipzig. Auch das funktioniert in Leipzig nun schon seit Jahren. 300 Fahrzeuge hat teilAuto im Leipziger Stadtgebiet stehen. Und Manuel Emmelmann, Niederlassungsleiter von teilAuto, freut sich über eine Premiere: Zum ersten Mal stehen zwei Teilautos offiziell im öffentlichen Straßenraum auf extra dafür ausgewiesenen Stellflächen. Bislang musste er die Aufstellflächen für die Fahrzeuge immer auf eher versteckten oder privaten Flächen finden. Ein System, das in Leipzig längst eine starke Anhängerschaft hat, bekommt so nun endlich offizielle Anerkennung.

Aber was ist eine Mobilitätsstation?

Eigentlich erst einmal nur eine Verknüpfung verschiedenster Mobilitätsangebote an einem Punkt. Leihräder stehen neben Carsharing-Autos, daneben gibt es – zumindest an der Station Nr. 1 in der Markgrafenstraße – auch noch zwei Stellplätze für E-Autos. Auch davon soll es künftig noch viel mehr geben.

Die Station Markgrafenstraße wurde von den LVB auch deshalb für die Auftaktveranstaltung ausgewählt, weil hier auch gleich das LVB Service-Center daneben ist, wo man sich Tickets für Bahn, Bus und S-Bahn kaufen kann. “Die S-Bahn-Station ist gleich vis-á-vis”, freute sich OBM Burkhard Jung. Und bekam von LVB-Chef Ulf Middelberg noch den stillen Hinweis: “Die Straßenbahnstation aber auch.”

Die Mobilitätsstation an der Markgrafenstraße/Ecke Petersstraße zeigt also schon visuell, welche Mobilitätsangebote alle zur Verfügung stehen. Blau-gelb steht auch das erste Terminal da, das von Burkhard Jung, Ulf Middelberg und Prof. Dr. Norbert Menke, Sprecher der Geschäftsführung der LVV, am Mittwochmittag enthüllt wurde. Direkt am Terminal kann man künftig alles buchen,  alles in einem Paket. Im Grunde muss man nur Start- und Endpunkt eingeben und bekommt dann das fertige Reisepaket. Los geht’s. Das Programm läuft auch auf dem Smartphone.

Auch  zwei Ladestationen für E-Autos gibt es jetzt in der Markgrafenstraße. Foto: Ralf Julke
Auch zwei Ladestationen für E-Autos gibt es jetzt in der Markgrafenstraße. Foto: Ralf Julke

“Seit vier Monaten testen wir das Produkt mit 80 Testern”, verrät Middelberg. “Und es sieht heute nicht mehr so aus, wie es zu Anfang ausgesehen hat.” Denn auch dieses Online-Buchungs-Modul (auch als App zu haben) soll möglichst einfach und intuitiv funktionieren. Es soll die Produkte aller Anbieter (LVB, Nextbike, teilAuto) in sich vereinen. Nutzer sollen sich nur einmal anmelden müssen und alle angebotenen Produkte nutzen können. Eine Idealvorstellung, wie sie Middelberg demonstrierte: Ein Eiliger will von A nach B, nutzt für einen Teil der Strecke ein Teilauto, steigt in die Straßenbahn und findet beim Aussteigen gleich sein Nextbike, um von da ohne großen Aufwand ans Ziel zu kommen. Dafür gibt’s eine Rechnung. Fertig der Lack. So ungefähr.

Dahinter steckt natürlich, dass alle drei Anbieter ihre Angebote auch computertechnisch vernetzen. Alles läuft dann über die LVB als Mobilitätsdienstleister.

Die blau-gelben Säulen sind also einerseits Zeichen dafür: Hier ist eine Mobilitätsstation. Andererseits ist auch ein Terminal mit Informations- und Auskunftssystem zu den verfügbaren Angeboten von LVB, teilAuto und nextbike eingebaut. Außerdem wird hier der Ladepoller zum Elektroladen freigeschaltet. Wer gleich austesten will, muss noch ein bisschen warten, denn tatsächlich buchbar werden die Angebote von LVB, Carsharing (teilAuto) und Bikesharing (nextbike) erst ab 1. August sein. Der 1. August deshalb, weil an diesem Tag auch die neuen Tarife der LVB gültig werden. Und die 25 geplanten Mobilitätsstationen sollen stehen. Die restlichen 24 müssen in den nächsten Tagen noch fertiggestellt werden. Nicht alle werden das volle Programm haben wie die Station in der Markgrafenstraße.

LVB führen auch noch „Leipzig mobil“ ein

Zum 1. August führen die LVB außerdem das neue multimodale Produkt „Leipzig mobil“ ein. LVB-Vertragskunden können zusätzlich zu ihrem Tarifprodukt mit „Leipzig mobil“ weitere Mobilitätsleistungen nutzen. Abgerechnet wird dann nur einmal, so dass Einzelanmeldungen bei jedem Anbieter nicht mehr nötig sind. Voraussetzung ist die Vorlage eines Führerscheins sowie ein Nachweis der Volljährigkeit. Außerdem muss der Kunde ein bestehendes ABO-Produkt nutzen. „Leipzig mobil“ ist erhältlich im LVB-Mobilitätszentrum am Hauptbahnhof sowie im LVB-Service-Center am Wilhelm-Leuschner-Platz sowie online. Ebenfalls zum 1. August führen die LVB das neue ABO-Flex ein. Bei jeder Fahrt spart der Kunde so mindestens 25 Prozent und zahlt bei jeder Gelegenheit am Automaten oder per Handy bargeldlos. Mehr Informationen unter www.jederzeit-einsteigen.de.

Ein bisschen reizte Moderator Roman Knoblauch, der die Auftakt-Session moderierte, auch die alte Freundschaft zwischen Leipzig und Dresden aus. Denn Dresden hat sowas natürlich noch nicht, wird es aber bestimmt übernehmen, wenn es in Leipzig funktioniert.

Noch drei Wochen Zukunftsmusik: "Leipzig mobil" auf dem Smartphone, hier von Ulf Middelberg gezeigt. Foto: Ralf Julke
Noch drei Wochen Zukunftsmusik: “Leipzig mobil” auf dem Smartphone, hier von Ulf Middelberg gezeigt. Foto: Ralf Julke

Der Freistaat Sachsen unterstützte im Rahmen der Förderung durch den europäischen Fonds für regionale Entwicklung das Projekt „Leipzig mobil – neue Wege zur öffentlichen Mobilität“ mit über 1 Million Euro. Insgesamt kostet das Projekt rund 1,6 Millionen Euro.

Und wissenschaftliche Begleitung gab’s auch. Aus Dresden natürlich.

Im Rahmen des Projektes beschäftigten sich Wissenschaftler der Fakultät Verkehrswissenschaften „Friedrich List“ an der Technischen Universität Dresden mit dem neuen Angebot. In der erarbeiteten Markt- und Innovationseinordnung kommen die Verkehrswissenschaftler unter anderem zu dem Ergebnis: „Mit dem in der nächsten Zeit entstehenden Netz von 25 Mobilitätsstationen nimmt Leipzig eine Vorreiterrolle im Ausbau verknüpfender Infrastruktur ein. Weiteren innovativen Charakter wird Leipzig mobil vor allem durch den gewählten integrierten Ansatz mit den neuen Tarifprodukten erfahren. Damit tritt dem Kunden erstmals ein einzelnes Unternehmen sowohl in der Rolle des Verkehrsleistungserbringers (LVB für ÖPNV-Leistung) als auch des Mobilitätsvermarkters gegenüber”, so Prof. Dr. Ulrike Stopka von der TU Dresden (Fakultät Verkehrswissenschaften “Friedrich List”, Institut für Wirtschaft und Verkehr, Professur für Kommunikationswirtschaft).

Es ist also auch eine Art Pilotprojekt: Nehmen Kunden dieses System an? Bewegen sie sich mit den verfügbaren Fahrzeugen genauso, wie es sich die Planer ausgedacht haben? Sind überhaupt genug Fahrzeuge verfügbar, um das System am Laufen zu halten?

“Wir jedenfalls wollen wachsen”, sagt Ralf Kalupner von Nextbike. Aus 500 Fahrrädern sollen mal 700 werden.

Und für Burkhard Jung ist das Projekt schlicht eine Antwort darauf, wie die Verkehrsprobleme einer wachsenden Stadt gelöst werden könnten. Denn immer mehr Autos in Eigenbesitz, das kann die Parksituation in Leipzig nur immer weiter verschärfen. Die Zukunft kann nur ein flexibles Mobilitätssystem sein.

Mit Straßenbahn und Bus im Zentrum, das nicht zu vergessen. Sie müssen den eigentlichen Kreislauf am Laufen halten. Daran erinnerte zumindest Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau bei der Gelegenheit. Denn wenn überfüllte Bahnen und ausgedünnte Takte das Springen von Fahrrad auf Straßenbahn auf Teilauto doch wieder nur zu einer schweißtreibenden Angelegenheit machen, dann ist das ganze Umsteigesystem witzlos.

Die derzeitigen Mobilitätstationen direkt in der Innenstadt:

  • Markgrafenstraße
  • Augustusplatz
  • Georgiring 3 (Schützenstraße)
  • Hauptbahnhof Westseite
  • Goerdelerring-Pfaffendorfer Straße

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Welchen Sinn hat es wirklich, eine “Mobilitätsstation” zu schaffen, wo Leihfahrräder neben Leihautos stehen? Die Szenarien, in denen man eines von beiden braucht, sind doch höchst unterschiedlich.
Ein Leihfahrrad kann man sich sehr gut als Ergänzung zu ÖPNV (Straßen- oder S-Bahn) vorstellen, wenn de Weg von/zur Haltestelle weit ist. Dann müssten solche Stationen aber nicht nur an der/den Haltestellen, sondern auch in den Wohn- bzw. Gewerbegebieten zu finden sein, so dass man von da zur ÖPNV-Haltestelle (und zurück) mit dem Rad pendeln kann.
Ein Leihauto käme für diesen Zweck natürlich nicht in Frage, sondern kommt dann zum Einsatz, wenn man etwas (kann auch die Oma sein, die zum Arzt muss, aber schlecht zu Fuß ist) transportiert werden muss bzw. eine weitere Strecke zurückgelegt werden muss, wo ÖPNV keine Alternative ist.
Das Beispiel “Ein Eiliger will von A nach B, nutzt für einen Teil der Strecke ein Teilauto, steigt in die Straßenbahn und findet beim Aussteigen gleich sein Nextbike, um von da ohne großen Aufwand ans Ziel zu kommen.” ist insofern völlig unrealistisch. Was soll denn mit dem Fahrrad passieren, wenn er an seinem Ziel (im Gewerbegebiet an der Autobahn) angekommen ist!? Steht das dann da im Gelände herum und will eingesammelt werden? Oder wartet es 8h bis zum Feierabend des Benutzers!? Selbiges gilt umgekehrt für das Leihauto…

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