Drastisch gestiegene Verkehrsunfallopferzahlen in Sachsen

Fehlt es an einem guten Verkehrsmanagement oder fehlen schlicht die sicheren Radwege?

Für alle LeserAm Montag, 18. März, meldete sich Torsten Herbst mal wieder zu Wort. In Sachsen ist ja längst schon so eine Art Vorwahlkampf zur Landtagswahl entbrannt. Die FDP will wieder rein ins Parlament und versucht nun irgendwie von außen die Themen im Land zu bespielen – so wie Torsten Herbst aus dem Bundestag. Er sprang auf eine Meldung zu den markant gewachsenen Todeszahlen im sächsischen Verkehr an.

„198 Menschen verloren im Jahr 2018 bei Straßenverkehrsunfällen in Sachsen ihr Leben“, meldete das Sächsische Landesamt für Statistik am Montag, 18. März. „Nach Angaben des Statistischen Landesamtes waren das 51 mehr als ein Jahr zuvor und so viele, wie seit dem Jahr 2012 nicht mehr. Besonders davon betroffen war die Altersgruppe 65 Jahre und älter. Allein 84 getötete Personen gehörten dieser Altersgruppe an, das waren doppelt so viele wie im Jahr 2017. Auch wenn mit 37 (Vorjahr 23) die meisten Senioren im Pkw ums Leben kamen, so ist vor allem der Anstieg bei den getöteten Fußgängern von sieben im Jahr 2017 auf 25 im Jahr 2018 auffällig. Damit waren fast drei Viertel der insgesamt 34 tödlich verunglückten Fußgänger 65 Jahre oder älter. Auch zwei Kinder unter sechs Jahren gehörten dazu.“

Eine Zahl, die Torsten Herbst, der auch Obmann im Verkehrsausschuss des Bundestages ist, sehr alarmierend fand. Und wenn Politiker heute alarmiert sind, fordern sie immer irgendwen anders – meistens die aktuell Regierenden – auf, irgendwas zu tun.

„Es ist eine traurige und besorgniserregende Entwicklung, dass auf Sachsens Straßen im vergangenen Jahr deutlich mehr Menschen als in den jeweiligen Vorjahren ums Leben gekommen sind. Damit kehrt sich eine langjährige positive Entwicklung um. Die Entwicklung der Toten und Verletzten in Sachsen verläuft zudem deutlich negativer als in den meisten anderen Bundesländern“, meinte Herbst ein bisschen elegisch.

Und fand auch gleich die Schuldigen für die Entwicklung: „Der sächsische Verkehrsminister Martin Dulig und Innenminister Roland Wöller müssen sich endlich stärker um die Erhöhung der Verkehrssicherheit kümmern. Sinnvoll wäre die Einsetzung einer Sonderarbeitsgruppe der Staatsregierung unter Einbeziehung externer Experten, um die Ursachen des dramatischen Anstiegs der Unfallopfer 2018 aufzuarbeiten. Die bisherige Arbeit im Lenkungsausschuss ‚Verkehrssicherheit in Sachsen‘ reicht dafür nicht aus. Insbesondere Verkehrsminister Martin Dulig steht nun in der Pflicht, darüber hinaus konkrete Maßnahmen vorzulegen, um die Straßen im Freistaat wieder sicherer zu machen. Maßnahmen der Verkehrslenkung, des Baustellenmanagements sowie der Aufklärung können dafür einen entscheidenden Beitrag leisten. Perspektivisch muss das Ziel der ‚Vision Zero‘ mit null Verkehrstoten angestrebt werden.“

Die Themen kennt man irgendwie aus Leipzig. Und die schlichte Wahrheit ist wohl: Die vorgeschlagenen Maßnahmen bringen nichts. Denn sie ändern nichts an den Faktoren, die die Zahl der Verkehrstoten in Sachsen wieder haben steigen lassen.

Beim Statistischen Landesamt ist man sich der Faktoren zumindest bewusst. Denn man erwähnt ja nicht ohne Grund die stark gestiegene Zahl getöteter Senioren. Gegenüber 2008 stieg die Zahl der verunglückten Senioren von 2.299 auf 2.907. Und das, obwohl die Zahl aller Verunglückten sogar um 2.000 zurückging. Was eben damit zu tun hat, dass die Zahl der Senioren in Sachsen seit Jahren kräftig steigt.

Und viele dieser Senioren sind hochmobil, das heißt: Sie sind auch öfter im Straßenverkehr unterwegs. Und zwar nicht nur als Fußgänger oder Radfahrer. Die meisten der verunglückten Senioren – nämlich 1.557 – verunglückten mit dem Pkw. Was zum Teil auch damit zu tun hat, dass auch immer mehr hochbetagte Senioren mit Auto unterwegs sind – und das oft gezwungenermaßen, weil ein belastbarer ÖPNV fehlt.

Der simple Blick auf die Zahlen zeigt, dass Martin Dulig für manche Entwicklungen gar nichts kann und die vorgeschlagenen Maßnahmen das Problem auch nicht beheben.

Und noch einen zweiten Trend benennen die Statistiker sehr deutlich: „Zur Jahresmitte 2018 waren bereits so viele Fahrradfahrer tödlich verunglückt (19) wie im gesamten Jahr 2017. Am Jahresende ergab die traurige Bilanz 35 getötete und 954 schwer verletzte Fahrradfahrer und -mitfahrer. Auch hier hatten die Senioren mit 13 getöteten Fahrradfahrern den größten Anteil. Kinder bis 15 Jahre sind 2018 mit dem Fahrrad nicht ums Leben gekommen.“

Was eben auch zeigt, wie stark der Anteil des Radverkehrs in Sachsen mittlerweile gewachsen ist und wie sehr die Radfahrer in einem Verkehrssystem zurechtkommen müssen, das vielerorts noch immer nur auf Kraftfahrzeuge ausgerichtet ist. Ein Appell an Martin Dulig, seine Anstrengungen für ein sicheres Radwegenetz zu verstärken, hätte also wirklich Sinn gemacht. Dabei hat er ja die Etats für Radwege schon erhöht. Aber er kann den Rückstand nicht so schnell aufholen, der durch jahrelange autozentrierte Verkehrspolitik entstanden ist.

Unfallstatistik
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