Im Leipziger Stadtrat wird gerade die Vorlage zum neuen Nahverkehrsplan beraten und die ersten Änderungsanträge trudeln ein. Einer, den jetzt der Ortschaftsrat Lindenthal eingereicht hat, stellt eine ganz elementare Frage: Sind die Ortsteile im Norden eine tatsächlich noch immer zu vernachlässigende Randlage? Sind sie es nicht wert, ein verlässlich dichtes ÖPNV-System zu bekommen?

„Als Ende der 90er etliche Gemeinden zur Stadt Leipzig eingemeindet wurden, dachte niemand daran, dass auch 20 Jahre später die Stadtverwaltung die Randlagen als Außenbereich betrachtet. Dabei sind die Randlagen besonders im Bereich der Gewerbeansiedlungen und den EFH-Gebieten stark gewachsen“, stellt der Ortschaftsrat in seinem Antrag fest. Die Busse, die hier das Güterverkehrszentrum an die Stadt anbinden, fahren mittendurch. Aber im Alltag ist das ÖPNV-Angebot eher spärlich.

„Beispielsweise sind in den Ortschaften Lindenthal und Breitenfeld in den letzten Jahren viele Familien mit Kindern zugezogen. Die ÖPNV-Verbindungen zu den weiterführenden Schulen sind unzureichend. Bisweilen ergeben sich Wartezeiten für Schüler/-innen von 45 min an Haltestellen mit Übergang vom Bus zu Straßenbahn sowie S-Bahn und zurück“, stellt der Ortschaftsrat fest. „Auch der Anteil älterer Menschen hat in den Ortschaften zugenommen. Senioren und Seniorinnen haben immer wieder Probleme, Arzttermine einzuhalten und müssen auf Taxen ausweichen. Die Bürger/-innen möchten sich umweltschonend fortbewegen. Um ein Umsteigen der Bürger/-innen von PKW auf ÖPNV zu fördern, ist eine Verdichtung der Taktung unumgänglich.“

Und zu bedenken sei auch: „Die großen Industrie- und Gewerbeansiedlungen erzeugen einen regelmäßigen Pendlerstrom zwischen Arbeitsort und Quartieren. Diesen Individualverkehr durch attraktive ÖPNV- Angebote zu reduzieren, würde einen erheblichen Beitrag zur Verringerung von CO2 beitragen.“

Der Beschlussvorschlag lautet also: „Die in den 90er Jahren eingemeindeten Ortsteile werden nicht mehr als Außenbereich sondern als Stadtrandlage definiert.“

Bei den Leipziger Verkehrsbetrieben (LVB) hat man das Dilemma zumindest erkannt. Aber das Leipziger Nahverkehrsunternehmen hat sich im Grunde seit 20 Jahren abgewöhnt, das System auf Zuwachs zu denken oder gar das Risiko einzugehen, Linien einzuführen, die vielleicht keine Überschüsse erwirtschaften.

Deswegen will man jetzt in Wiederitzsch, Breitenfeld und Lindenthal ein Bus-System testen, mit dem man in etwas anderer Form schon in Grünau und Leutzsch Erfahrungen gesammelt hat. Heißt das flexible Bussystem dort Alexa, soll es im Leipziger Nordwesten „Flexa“ heißen.

„Flexa ist ein System von vier bedarfsgesteuerten Kleinbussen mit sechs Sitzplätzen. Es ist ein Angebot mit einer nahezu Tür-zu-Tür-Bedienung, um bequem und einfach einen von 108 Flexa-Haltepunkten in den Stadtteilen Wiederitzsch, Breitenfeld und Lindenthal oder die nächste Umstiegshaltestelle zu Straßenbahn, Bus oder S-Bahn zu erreichen. Das neue Angebot ergänzt durch 75 zusätzliche Flexa-Haltepunkte das ÖPNV-Netz und wird durch Umstiegshaltestellen optimal integriert“, beschreiben die LVB dieses neue, gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen entwickelte Pilotprojekt.

Das geplange Haltestellensystem für "Flexa". Karte: LVB
Das geplante Haltestellensystem für „Flexa“. Karte: LVB

Um Flexa nutzen zu können, muss man sich über die entsprechende App der LVB anmelden. Ist man erst einmal angemeldet, kann man sich den Bus zur nächsten Flexa-Haltestelle zum gewünschten Zeitpunkt buchen.

Man merkt schon, wie sehr die LVB mittlerweile von Mobilität 4.0 begeistert sind und vor allem App-basierte Angebote für Leute schaffen, die flexibel auf die Angebote zugreifen möchten.

Ob das aber das ist, was sich der Ortschaftsrat von Lindenthal wirklich wünscht?

Vielleicht wird das ja auch erst der Test zeigen

Der startet am Montag, 14. Oktober: „Ab 14. Oktober 2019 verkehren die Flexa-Kleinbusse im Pilotbetrieb exklusiv in Wiederitzsch, Breitenfeld und Lindenthal täglich von 6 Uhr bis 24 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 8 Uhr“, teilen die LVB mit. „Im Bediengebiet sind Fahrten von Flexa-Haltepunkten zu Umstiegshaltestellen oder auch zwischen den einzelnen Haltepunkten möglich. (…) Sie können bei der Buchung aber jede beliebige Adresse angeben – der nächste Haltepunkt wird automatisch ermittelt und die genaue Position mit einer Ortsbeschreibung bei der Buchung angezeigt.“

Aber auch in Göttingen weiß man noch nicht, ob die neue App-Lösung tatsächlich die Lösung für die Mobilitätsbedürfnisse in den drei Ortsteilen ist. Deswegen ist das Pilotprojekt zunächst auf fünf Monate begrenzt und läuft bis zum 15. März 2020.

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