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Ein paar Dutzend Unternehmen erwirtschaften ein Drittel der Leipziger Wirtschaftsumsätze

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    Ja, wovon leben sie denn, diese Leipziger? Wenn man den Statistischen Jahrbüchern glauben dürfte, würden sie alle fürstlich verdienen und in formidablen Arbeitsplätzen das BIP steigern. Aber so viele lukrative Arbeitsplätze in der Industrie gibt es gar nicht. Aber genau die bestimmt das politische Bild von dem, was „Wirtschaft“ ist. Ein dicker Report liefert jetzt Zahlen.

    Über 600 Seiten dick ist der „Branchenreport Industrie im Freistaat Sachsen. Kreisergebnisse 2008 bis 2015“, den das Statistische Landesamt jetzt vorgelegt hat. Erfasst werden darin vor allem die Industriebetriebe mit mindestens 20 Mitarbeitern. Allzu viele gibt es davon nicht in Leipzig. 160 wurden im Jahr 2008 gezählt, 165 waren es im Jahr 2015. Was aber wohl eher nicht an der Ansiedlung neuer Unternehmen liegt, sondern daran, dass einzelne Kleinunternehmen ihre Belegschaft aufgestockt haben. Und das auch nicht üppig.

    Die große Zahl der Leipziger Arbeitsplätze entsteht nicht in der Industrie.

    Wurden 2008 noch 10.435 Beschäftigte in den hier betrachteten Betrieben gezählt, waren es 2015 auch erst 11.588. Und selbst wenn man – wie das „Statistische Jahrbuch“ der Stadt Leipzig – auch die ganz kleinen Unternehmen mitzählt, kommt man für 2014 nur auf 17.148 (von über 200.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten).

    Wie gering der Industriebesatz in Leipzig ist, zeigt der sächsische Vergleich: Sachsenweit waren 2015 immerhin 273.907 Personen in Industriebetrieben beschäftigt.

    Aber Industrie ist eigentlich der große Geldbringer. Hier werden – gerechnet auf die Beschäftigten – die größten Umsätze eingefahren. In Leipzig zum Beispiel stieg der Industrieumsatz von 2008 bis 2014 von 6,123 Milliarden Euro auf 9,952 Milliarden.

    Gerade einmal 5 Prozent der Beschäftigten in Leipzig erzeugen also ein Drittel der Leipziger Wirtschaftsumsätze.

    Und der Blick ins Detail zeigt: Es ist noch viel akrobatischer, denn zwei Drittel der Leipziger Industrieumsätze werden allein von 11 Unternehmen erwirtschaftet, die mit dem Autobau zu tun haben. So detaillierte Zahlen gibt es zwar bisher nur für 2012. Aber man bekommt so eine Ahnung, warum deutsche Politiker so besorgt sind um die deutsche Autoindustrie und warum sie bei der ganzen Abgasproblematik lieber nicht so genau hingeschaut haben.

    Das ist die andere Seite einer Globalisierung, in der zwar alle mitspielen wollen, aber jeder für sich gern mit gezinkten Karten spielt – denn bei den Abgasen haben die großen Autohersteller auch in anderen Ländern nach besten Kräften getrickst. Es kann keine sinnvolle Globalisierung geben, wenn ausgerechnet die Länder, die wirklich sinnvolle Umweltregularien haben, dabei wirtschaftlich jedes Mal im Nachteil sind.

    Was natürlich ein wesentlicher Teil des Unbehagens ist, das in den großen Industrienationen umgeht und sich teilweise auch schon sehr radikal austobt: Denn so ein Mechanismus macht nicht nur unsere Welt kaputt, er verhindert auch notwendige technologische Fortschritte und bringt Dinosauriertechnologien in Wettbewerbsvorteile. Was nicht nur spritschluckende Automobile betrifft, sondern auch Kohlekraftwerke, Atomkraftwerke und den ganzen Kram im Internet, den man so landläufig „Social Media“ nennt. Die verkaufen sich zwar als die Spitzenreiter der Internetentwicklung, sind es aber nicht. Denn sie sind nichts anderes als die Umsetzung des 60 Jahre alten Discounter-Prinzips („Koofe billig!“) aufs Internet. Und natürlich entstehen dadurch genau dieselben marktbeherrschenden Monopole, die auch in der realen Welt die Preise diktieren.

    Was hat das mit Leipzig zu tun?

    Eine Menge.

    Denn wenn auch die herrschende Politik sich auf diese großen Spieler allein konzentriert, entstehen falsche Gewichtungen.

    95 Prozent der Leipziger Beschäftigten arbeiten nun einmal nicht in der Industrie, erhalten auch nicht die Industrie-Tariflöhne, die das „Statistische Jahrbuch“ ebenso breitbrüstig ausweist.

    Die meisten bekommen auch keinen Tariflohn. Das verändert das Lohngefüge völlig. Es ist die Dienstleistungsbranche in ihrer ganzen Breite, die für die Beschäftigungsentwicklung in Leipzig verantwortlich ist. Die aber exportiert nicht, wird also auch von all den Diskussionen um Auslandsmärkte und Ausfuhrbeschränkungen nicht tangiert. Was ihr aber nicht im Mindesten zu mehr Aufmerksamkeit verhilft.

    Computerisierte Taktstraßen sehen nun einmal auch bei Politikerbesuchen schöner aus als Putzfrauenbrigaden und Pflegekräfte mit Einsatzliste und Medikamentenkoffer.

    Wie anfällig Leipzigs Industrie ist, wenn große Krisen die Absätze einbrechen lassen, haben ja die Jahre 2008/2009 in der Finanzkrise gezeigt. Da gingen die Industrieumsätze und Exporterlöse in Leipzig deutlich zurück.

    Was ja dann auch Auswirkungen auf die Umsatzsteuereinnahmen hatte.

    Wie hoch die Abhängigkeit der Leipziger Industrie ist, können die Landesstatistiker auch in Zahlen ausdrücken: 2008 lag die Exportquote bei 48,1 Prozent, 2015 dann schon bei 56,1 Prozent. Das ist kein Spezifikum der Kraftwagenhersteller.

    Den Maschinenbauern geht es ähnlich. Auch wenn der Umsatz im Maschinenbau mit um die 500 Millionen Euro eher winzig erscheint im Vergleich mit den Umsätzen im Autobau. Und es kommt hinzu, dass man Maschinen nicht einfach wie Autos als Konsumgut verkauft, sondern in der Regel als Großauftrag mit jahrelangem Verhandlungsvorlauf – was dann auch manchmal deutliche Zeigerausschläge im Umsatz ergibt.

    Die sächsische Industrie hat im beschriebenen Zeitraum übrigens ihren Gesamtumsatz von 57 auf 63 Milliarden Euro erhöht.

    Aber selbst wenn man die Landkreise Leipzig und Nordsachsen dazu nimmt, hat die Leipziger Region nicht einmal ein Viertel der sächsischen Umsätze in der Industrie. Die beiden Landkreise kommen jeweils auf rund 2,5 Milliarden Euro Industrieumsatz im Jahr.

    Die Industrie spielt eher die Rolle eines wichtigen Ankers und Intitialzünders, der weitere Ketten von Dienstleistungen und Logistik auslöst. Ganz ohne Industrie geht es nicht. Das hat Leipzig ja in den 1990er Jahren erlebt, als man breitbrüstig darauf setzte, Leipzig zur neuen Banken- und Dienstleistungsmetropole zu machen. Das mit den Banken hat so nicht geklappt. Und das mit den Dienstleistungen hat erst in den letzten zehn Jahren quasi im Windschatten der Produktion der großen Autobauer begonnen und Fahrt aufgenommen, auch wenn die meisten Dienstleistungen mit Autos eher nichts zu tun haben.

    Mal von den vielen fliegenden Helferlein abgesehen, die ihre Dienste auf Rädern anbieten. Aber das sind dann eher keine Autos aus dem Leipziger Norden.

    Wer andererseits das Beschäftigungswachstum in Leipzig – auch im innersächsischen Vergleich – verstehen will, findet die Antwort nicht in den Industriestatistiken, sondern in denen zur Dienstleistung.

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