Die Corona-Pandemie hat so einiges offengelegt, was in Deutschland falsch läuft. Ob das nun prekäre Beschäftigung in Gastronomie und Hotellerie war, die miserablen Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte und die Fehlverteilung der Mittel im Gesundheitswesen oder der Irrsinn expandierender Lieferdienste, während der Einzelhandel in die Knie geht. Und geradezu unbemerkt blieb dabei noch das stille Drama der (Solo-)Selbstständigen.

Viele von ihnen verloren ihre Aufträge und Auftritte, sahen sich dann aber mit Corona-Beihilfen konfrontiert, die überhaupt nicht auf Menschen zugeschnitten waren, die zumeist „nur“ kreative Leistungen zuliefern. Und diese Haltung war auch wieder nur die Fortsetzung einer Verachtung für Selbstständigkeit und Kreativität, die im verbeamteten Deutschland schon seit Jahren das politische Denken bestimmt.

Der heilige Gral der Festanstellung

Darauf ging aus aktuellem Anlass auch Sascha Lobo in seiner „Spiegel“-Kolumne „Der deutsche Sozialstaat ist festanstellungssüchtig“ ein. Worin er nicht zu Unrecht auf die doppelte Verachtung der deutschen Politik für Selbstständige eingeht.

Den Grund nennt Lobo auch – es ist das von neoliberalen „Reformern“ völlig demolierte Renten- und Versicherungssystem: „Deutschland könnte sich gar nicht leisten, dass zu viele Menschen selbstständig arbeiten. Dann würde nämlich das Sozialsystem, aufgebaut auf Eckrentnern und sozialversicherungspflichtigem Beschäftigungsgetöse, komplett detonieren. Das ist leider die große ideologische Motivation, die die meisten politischen Lippenbekenntnisse für die Selbstständigkeit unglaubwürdig macht: Der deutsche Sozialstaat ist festanstellungssüchtig.“

Ein System, in dem fest angestellte Beamte quasi die Königsklasse bilden und solo-selbstständige Menschen immer wieder erfahren, dass sie entweder draufzahlen oder überhaupt keine Absicherung in einem kaputten Sozialsystem finden.

Was bekommen Solo-Selbstständige bei ihren Aufträgen?

Am Mittwoch, 13. Juli, fiel nun in Leipzig der Startschuss für die Kampagne des Bündnisses „SO_LOS! Die Initiative für faire Honorare“.

Zentraler Bestandteil der Kampagne ist eine Online-Umfrage, mit deren Hilfe Daten zu aktuell auf dem Markt zu erreichenden Honorarhöhen erhoben werden. Die Initiative wird zum Startzeitpunkt von 25 Berufsverbänden, Interessenvertretungen und Zusammenschlüssen von und für Solo-Selbstständige(n) getragen. Weitere Unterstützer/-innen stehen in den Startlöchern. Konzipiert und organisiert hat die Initiative das Haus der Selbstständigen (HDS) mit Sitz in Leipzig.

Im Pressegespräch, das am Rande eines Bündnistreffens zum Kampagnenstart stattfand, sagte Vesna Glavaski, im HDS zuständig für die Konzeption und Umsetzung der Kampagnenumfrage „SO_LOS!“: „Die Kampagne ist meines Erachtens bereits jetzt ein großer Erfolg: Es haben sich binnen kürzester Zeit derzeit 25 Organisationen an dem konzeptionellen Prozess beteiligt und das Thema Honorare für Freie und Selbstständige als gemeinsames politisches Anliegen verstanden.“

Veronika Mirschel vom Referat Selbstständige der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di: „Wenn sich viele Kolleginnen und Kollegen beteiligen, schaffen wir gemeinsam Markttransparenz und können so Machtasymmetrien abbauen.“

Es fehlt ein transparentes Honorarsystem

Lena Krause, Geschäftsführerin FREO e.V.: „FREO e.V. setzt sich für die Verbesserung der Honorare für selbstständige Musiker/-innen ein. Dafür brauchen wir Transparenz, Wissen und einen branchenübergreifenden Schulterschluss.“

Annegret Richter, Geschäftsführerin der AG Animationsfilm: „Die Tätigkeiten sind oft so unterschiedlich und es muss so vieles eingepreist werden, dass die Vergleichbarkeit immer schwierig ist. Ich finde es richtig gut, dass hier tatsächliche Projekte abgefragt werden, wo die Bedingungen unter den Projekten eine Rolle spielen und es so möglich wird, real zu vergleichen.“

Sebastian Haas, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der DOV und einer der Sprecher der Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen: „Der Stundenlohn eines Kfz-Meisters wird von der Gesellschaft akzeptiert und fast jede/-r kennt ihn. Der Preis einer Arbeitsstunde für Musiker/-innen ist in der Breite unbekannt und muss zudem mit Auftraggeber/-innen manchmal mühsam verhandelt werden. Dies zeugt von einer Schieflage in der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Schaffen wir Transparenz!“

Alle Beteiligten des Bündnisses findet man auf der Webseite von „SO_LOS!“.

Erste Ergebnisse im Herbst 2022

Ziel der Umfrage ist es, die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema Honorare und soziale Sicherung für Solo-Selbstständige zu lenken. Seit der Corona-Pandemie ist die gesellschaftliche Sensibilität für dieses Thema gewachsen, denn die Probleme der Selbstständigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft, aber auch der Gastronomie oder im Dienstleistungsbereich betrafen und betreffen nicht nur die Solo-Selbstständigen selbst, sondern fast alle Bevölkerungsgruppen mittelbar. Sie können als Kund/-innen und/oder Auftraggeber/-innen mitwirken, die Situation von Solo-Selbstständigen perspektivisch zu verbessern.

Die so gewonnenen, anonymisierten Daten werden Solo-Selbstständigen perspektivisch Orientierung und Rückendeckung in individuellen Honorarverhandlungen geben. Berufsverbänden und Interessenvertretungen sollen die Umfrageergebnisse eine fundierte Grundlage liefern, um sich erfolgreich für Honorarerhöhungen einzusetzen und kollektive Honorarverhandlungen offensiver zu gestalten.

Die ersten Ergebnisse werden voraussichtlich im Herbst 2022 veröffentlicht. Sie bilden die Grundlage für weitere Schritte in der Unterstützung von Interessenvertretungen Solo-Selbständiger bei ihren Forderungen nach angemessenen branchenüblichen Honoraren für ihre professionelle Arbeit.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar