„Sind so kleine Hände“: Lesung und Diskussion mit Dr. Eva Umlauf, die als 3jähriges Kind die Hölle in Auschwitz überlebte + Video

Für alle LeserVideoLeipzig, Felsenkeller, kleiner Saal. Es ist Freitagabend, kurz vor 18 Uhr, ein lauer Frühlingswind fährt den zahlreichen Besuchern unter die Nase, die auf Einlass ins „Naumann´s“ hoffen. Der Verein des Erich-Zeigner-Hauses hatte geladen, um am 70.Todestag (5. April 1949) des ersten Leipziger Oberbürgermeisters einen besonderen Gast, mit Dr. Eva Umlauf eine außergewöhnliche Frau zu begrüßen. Ein besonderer Abend, so unterstrichen einhellig Henry Lewkowitz, Vorsitzender des Erich-Zeigner-Hauses e.V. und Dr. Nils Franke, Historiker, die zu erwartende Stimmung. Gespannt und auch betroffen, schmunzelnd ab und zu und dann wieder nachdenklich sollte sie auch werden.

Am 5. April 2019 im randvoll gefüllten „Naumann´s“, vor rund 150 Zuschauern: Die Luft ist knapp, die letzten Besucher*innen stehen in der offenen Eingangstür. Auffällig viele Schülerinnen und Schüler sind zu sehen. Manche auch in Begleitung ihrer Lehrer. Der besondere Gast: Dr. Eva Umlauf, slowakische Jüdin, Psychotherapeutin und Kinderärztin, geboren am 19. Dezember 1942, ist wohl eine der jüngsten Überlebenden, die dem Rassen- und Zerstörungswahn des entfachten Hitlerkrieges entkam. Mit knapp 2 Jahren wurde sie nach Auschwitz gebracht, auf den Händen ihrer Mutter. Sie hatten beide zunächst Glück im Unglück, da die Gaskammern drei Tage zuvor „abgebaut“ worden waren.

Die Mörder fingen an sich zu verstecken. Die kleine Eva wurde von ihrer erneut schwangeren Mutter versteckt, geschützt, umsorgt. Beide waren wie so viele in dieser Leidensstätte zuvor bei der Ankunft „nummeriert“ worden; die Mutter eine Zahlenstelle vor der Tochter, wie ein vorgezeichneter Tod, die fünfstellige Nummer auf dem Unterarm. Ein Leben als ein Listeneintrag. Später, nach dem Krieg, so Eva Umlauf, die aus ihren Erinnerungen vorlas, erleichterte die Nazi-Bürokratie das Auffinden der lebenden, im schlimmen Fall der verlorenen Angehörigen. Untereinander sprach man nur von dem „Dort“, wenn die Sprache der Überlebenden auf die Hölle von Auschwitz kam.

Dr. Eva Umlauf vor der Lesung aus ihrem Buch. Foto: L-IZ.de

Dr. Eva Umlauf vor der Lesung aus ihrem Buch. Foto: L-IZ.de

Es ist kein Klagen, kein Groll ist zu spüren, wenn die vitale und lebensfrohe Wahlmünchenerin, die 1967 nach Deutschland kam, spricht. Ob ihr dieser Schritt denn leicht gefallen sein, in das Land der Täter zu kommen, lautet die Frage der sensibel agierenden Moderatorin und Gesprächsleiterin Dr. Brigitta Triebel. Ja, sie habe anfangs Angst gespürt, Angst vor den Tätern, die nichts mehr von den Taten wissen wollten. Das Jahr 1945 brachte für Eva und ihre Mutter die Befreiung, wenngleich nicht von Schmerz, Hunger und Krankheit. „Vergessen Sie das Kind, es wird nicht leben“ erinnert sich Eva Umlauf an die Worte, die ihre Mutter in den letzten Kriegswochen hören musste. Aber der natürliche Wille oder das Glück, Zeugnis ablegen zu wollen und zu können, siegte über den allgegenwärtigen Tod.

Ab Sommer 1945 begann für Eva Umlauf ein neues Leben. Das nannte sich Nachkriegszeit. Geprägt von Entbehrungen, Hoffnungen, Neuaufbau. Aber auch von neuem Kampf, neuer Ideologie, neuem Freund-Feind-Denken. In den Blöcken des „Kalten Krieges“. Schwer zu verstehen aus heutiger Sicht. In der Tschechoslowakei erlebte sie die antisemitisch motivierten „Säuberungen“. Repressionen, wieder Verstecken des gesamten Lebens, der ganzen Erinnerung. „Gefühlserbschaften“ nennt Eva Umlauf das, wenn etwas tief versteckt in der menschlichen Seele herumwandert, nach Verarbeitung ruft.

Lange, fast zu lange, wie sie sagt, habe sie damit gewartet, ihr Schicksal mit den vielen Mosaikteilen zusammenzufügen und Erinnerungen zu verfassen. 2016 ist es endlich soweit. „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“ stimme als Buchtitel nicht so ganz, grün sei die Iris immer gewesen, meint die Autorin, aber das Bild der Mutter sei trotzdem stimmig gewesen. Sie lächelt dabei. Für manchen der Anwesenden schwer zu begreifen, einem kleinen Kind eine Todesnummer einzustechen. Denkt man an die kleinen Arme, die kleinen Hände. Einfach unvorstellbar, wozu Menschen fähig sein können.

Die abschließenden Fragen der Zuhörer*innen bauen die gedankliche Brücke ins Heute. In die Gegenwart mit zunehmendem Fremden- und antisemitischen Hass. Sie habe Gutes und weniger Gutes erlebt, wenn sie in der Öffentlichkeit ihrer Vergangenheit begegnete, sagt sie. Von der Frage, ob sie „nicht zu alt für Tattoos“ sei bis hin zu dem nachdenklichen jungen Mann, der sich dafür entschuldigte „was meine Vorfahren Ihnen angetan haben“.

So gerät die entstehende Diskussion zwischen Podium und Zuschauerraum nach spontanem, zustimmendem Beifall beinahe zur Mini- Kundgebung. So etwas wie Auschwitz dürfe sich niemals wiederholen, meint die lebenskluge Dame, gemeinsam mit dem Saal. Immer wieder wirft die Autorin und Zeitzeugin den Blick ins Publikum und spricht die Jugend an. Nach knapp zwei Stunden beendet minutenlanger Applaus ihren Auftritt. Die Autorin signiert im Anschluss zahlreiche ihrer Bücher. Man sieht: Die Organisatoren des Erich-Zeigner-Hauses e. V. strahlen glücklich. Sie hatten Recht. Ein besonderer Abend.

Das Zeitzeugengespräch am 5. April mit Dr. Eva Umlauf

Video: L-IZ.de

* Video *FelsenkellerAntisemitismusErich ZeignerHolocaust
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