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Zwischenräume, Nischen, Zeitenwenden: Ein bekannter Romanist aus dem Osten erinnert sich

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    Wer in den letzten Jahren fleißig gesammelt hat, der hat nun so langsam eine kleine Bibliothek jener Ära an der Universität Leipzig zusammen, die man die die Ära Bloch und Mayer, Krauss und Markov nennen könnte. Es war der kurze Moment der Utopie, der im Beginn der DDR steckte. Und den Leuten wie Manfred Naumann, die sich gegen alle Widrigkeiten bewahrten.

    Er war einer der Schüler von Werner Krauss und lernte in seinem Umkreis schon früh, wie manisch die neuen Mächtigen alles beobachteten, misstrauisch beäugten und kriminalisierten, was sie nicht verstanden. Und nach dem Volksaufstand von 1953, Stalins Tod und der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 räumten die um ihre Macht Fürchtenden um Walter Ulbricht nicht nur in Berliner Parteigremien auf. Sie suchten und jagten die selbstkonstruierte Opposition auch im Land. Auch wenn sie sich anfangs noch nicht direkt an Leuten wie Hans Mayer und Ernst Bloch vergriffen – aber sie erhöhten den Druck, bis beide das Land Richtung Westen verließen. Walter Markov schikanierten sie mit Titoismus-Vorwürfen. Und den jungen Erich Loest, mit dem Manfred Naumann befreundet war, steckten sie ins Zuchthaus.

    Naumann hatte Glück. Vielleicht war er den Häschern nicht wichtig genug. Sie schmissen ihn nur aus der Partei und schickten ihn zur Bewährung in den Schuldienst. Er hätte seine Lebenserinnerungen durchaus auch aus der Sicht eines Eulenspiegel schreiben können. Doch wahrscheinlich sind mittlerweile zu viele Eulenspiegeleien über die DDR geschrieben worden. Der frivole Spaß verdeckt zumeist, dass es den Funktionären bitterer Ernst war. Sie hatten die alte stalinsche Angst gefressen, dass jede Diskussion, jedes Abweichen von der verordneten Denkweise, eine Gefahr für ihre Macht darstellte. Und da sie ihre Macht mit dem Land und der Gesellschaft gleichsetzten, war jede Diskussion natürlich Hochverrat, war jeder Diskussionskreis die Bildung einer konterrevolutionären Gruppe.

    Dem kurzen Frühling nach dem XX. Parteitag der KPdSU folgte ein schneller poststalinistischer Winter. Neben Loest erwischte es auch den begnadeten Slawisten Ralf Schröder, ebenfalls einer aus dem Freundeskreis von Naumann, sogar zwei Jahre jünger. Da hat einer was zu erzählen im Nachhinein, auch wenn viele seiner Weggefährten nicht mehr da sind. Zu erzählen über Umwege und Ausweichmanöver. Wer seinen eigenen Kopf behalten wollte in der DDR, der machte keine Karriere. Der suchte sich Nischen und weniger scharf kontrollierte Wirkungsbereiche.
    Den Weg an die Berliner Akademie der Wissenschaften bahnte noch Werner Krauss, der sich – wie Naumann zu berichten weiß – noch legendäre Grabenkämpfe mit einem anderen genialen Philologen der DDR-Frühzeit bot: Viktor Klemperer. Wer 1989 das Gefühl hatte, die DDR wäre ein intellektuell ausgeblutetes Land gewesen, der wird hier eines Besseren belehrt, wenn er nicht schon die „Intellektuellen“-Bände von Werner Mittenzwei gelesen hat. Nicht jeder entschied sich für die Flucht in den Westen. Mancher sah seine Mission tatsächlich darin, im Lande das Mögliche zu versuchen. Auch mit Forschungen die verkrusteten und falschen Thesen, mit denen die Parteifunktionäre laborierten, zu hinterfragen, zu ersetzen, aufzulösen.

    Bei Naumann etwa war es der wissenschaftlich fast elegant geführte Streich, eine neue Rezeptionstheorie mit einem selbst-schöpferischen Leser auf wissenschaftlicher Basis zu entwickeln. In Westeuropa seinerzeit ein anerkannter Topos in Forscherkreisen. Im Osten aber galt: Literatur hat zu erziehen. Der Leser war die unmündige Zielperson, die es mit den Erleuchtungen des sozialistischen Realismus zu beglücken gälte, ein Passivum eigentlich. Leseland DDR.

    Der literarische Text aber, so stellte auch Naumanns Forscherkollektiv fest, entsteht nur durch schöpferisches Mitgestalten des Lesers.

    Dass er da hin kam, hat natürlich mit Werner Krauss zu tun, dessen große Domäne die französische Aufklärung war. Und die Aufklärung hat auch Naumann nie losgelassen. Und wer sich mit den Wurzeln der Aufklärung in Frankreich beschäftigt, der merkt, wie Gegenaufklärung funktioniert, der sieht Parallelen, wo welche sind. Und hat ein ganz seltsames Gefühl, wenn er – wie Naumann – zur Verleihung des Vaterländischen Verdienstordens der Holzklasse eingeladen wird, der nichts anderes war als eine Audienz vor den hochwohllöblichen Mitgliedern von Regierung und Zentralkomitee.

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    Zwischenräume
    Manfred Naumann, Lehmstedt Verlag 2012, 24,90 Euro

    Das Kapitel Leipzig ist in Naumanns Biografie zwangsläufig beschränkt. Wäre er da geblieben, wo selbst Bloch und Mayer vertrieben wurden, hätte er ganz bestimmt bald nichts mehr zu erzählen gehabt. In Berlin im Schutz der Akademie fand er so etwas wie einen geschützten Raum. Hier fanden auch Leute wie Wolfgang Thierse ein Unterkommen – und konnten Überwintern und sogar forschen und arbeiten. Die DDR war bis zum Schluss bis tief zur Wurzel schizophren.

    Nach dreizehn Jahren Reiseverbot durfte Naumann – mittlerweile längst ein europaweit anerkannter Romanist und Stendhal-Kenner – reisen, an Kongressen teilnehmen und Kolloquien. Für DDR-Leser machte er sich als Herausgeber einer exzellenten zwölfbändigen Stendhal-Ausgabe einen Namen. 1990/1991 erlebte er zwar noch die Abwicklung der Akademie der Wissenschaften (der DDR) mit, die sich auch als Nachfolgerin der einst von Leibniz gegründeten Preußischen Akademie empfinden durfte. Er wurde aber auch als Gründungshelfer der neuen Berlin-Brandenburgischen Akademie gefragt. Und konnte helfen, für einige Forscher aus dem Osten den Übergang zu bauen.

    Was er betont. Denn im gleichen Zeitzug wurden in allen ostdeutschen Hochschulen die Eliten ausgewechselt, wurden die Lehrstühle reihenweise mit Professoren aus Westdeutschland besetzt. Die einfachste Variante, alles neu zu tarieren. Aber auch das flächendeckende Unterbinden einer Diskussion.

    Mit Naumanns Erinnerungsband, der das Privatleben zwar fast völlig ausblendet und das Wirken eines fleißigen Romanisten beschreibt, der auf seinem Feld mit den klügsten Köpfen der Zeit zu tun bekam, vervollständigt der Lehmstedt Verlag die Bibliothek der klugen Geister, zu der er schon mehrere Hans-Mayer-Bände beigesteuert hat. Und er zeigt den Leipzigern mit diesem Band natürlich auch, was für ein intellektueller Brennpunkt die Uni Leipzig in den 1950er Jahren war – bevor sie sozialistisch gleichgeschaltet wurde. Und die Frage aller Utopien tut sich auf: Was hätte das noch werden können?

    Eine Frage, die natürlich offen bleiben muss. Handeln kann der Mensch nur in den Räumen, die ihm gelassen werden. In „Zwischenräume“, wie Naumann sein Buch nun betitelt hat. Zwischenräume schaffen den Abstand, über Ereignisse mit einer gewissen Unbefangenheit berichten zu können. Sie schaffen natürlich auch Daseinsmöglichkeit im noch nicht Festgelegten. Damit spielt dann auch das gewählte Titelbild von Paul Klee „Polyphon gefasstes Weiß“.

    Die Buchpremiere mit Lesung mit dem Autor Prof. Dr. Manfred Naumann findet am Dienstag, 30. Oktober, um 19:30 Uhr im Haus des Buches (Gerichtsweg 28) statt. Der Eintritt ist frei.

    www.lehmstedt.de

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