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Der Traum zuvor: Die tastende Lebenserkundung des Dresdner Lieder- und Theatermachers Bernd Rump

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    Es ist ein Trumm von einem Buch geworden, das der Liedermacher, Theatermensch und Parteiarbeiter Bernd Rump da geschrieben hat. Roman eines Lebens könnte man es nennen. Aber es ist nicht wirklich ein Roman geworden. Das Foto mit dem auf einem Steinhaufen gestrandeten Schiff auf dem Umschlag illustriert das Problem: Wie erzählt man ein Leben mit Happy End, wenn das Schiff der Träume erst mal gründlich gestrandet ist?

    Denn es ist ja gestrandet. Oder nicht? Haben es die großen Funktionäre nicht 1989 gründlich verdaddelt? Hat sich der Traum von einer gerechten Welt nicht völlig erledigt? Müllhaufen der Geschichte, wie es damals hieß? Man vergisst es ja beinah in unserem heutigen so jämmerlichen Schwarz-Weiß-Denken, dass die Welt nicht nur aus Gut und Böse besteht, aus Pro und Anti, aus Siegern und Verlierern.Es ist auch nicht nur so, dass nur die Sieger die Geschichte schreiben. Sie schreiben sie um. Das stimmt. Sie legen ihre Schablone drüber und kürzen alles weg, was nicht in ihre Erzählung passt. Der Mensch erzählt sich seine Geschichte zurecht und legt – immer nachträglich – einen Sinn hinein. Er erzählt sich das Gewesene aus dem Ergebnis. Und tut gern so, als wäre damit alles klar und logisch.

    Manche machen das auch mit ihrer Lebensgeschichte. Sogar die meisten. Als wäre ihnen der Erfolg in die Wiege gelegt und alles Ergebnis eines fleißigen Strebens. Vielleicht muss man so erst einmal stranden, um sich der erlebten Wirklichkeit mit mehr Ehrfurcht zu nähern, wie es Rump hier tut. Was schon damit beginnt, dass er über den größten Teil seiner Erkundung das Wörtchen „ich“ vermeidet.

    Als wäre er auch innerlich auf Distanz. Aber es ist mehr damit gemeint, auch das stille Wundern darüber, was dieser Typ da eigentlich sein Leben lang getrieben hat. „Vielleicht also stimmt, was wir hier erzählt haben, und stimmt zugleich nicht. Unser Mann, so sagt er, das bin ich und bin zugleich nicht ich. Nein, es gibt nicht nur einen Film.“

    Denn eines ist ihm von Anfang an klar: Dass sich so ein Leben nicht linear erzählen lässt. Das unterscheidet Rumps Reise in die Erinnerung wohltuend von vielen, vielen anderen fix und fertigen Autobiographien, die einem ein Leben präsentieren wie einen gut gedrehten Action-Film. Und die einen am Ende entlassen mit dem flauen Gefühl, dass man so ein stromlinienförmiges Erfolgsprodukt nie und nimmer selbst erleben wird.

    Die Lüge ist oft nicht mal den Autoren und Ghostwritern klar: Dass all die schönen Anekdoten ihre Bedeutung erst im Nachhinein bekommen. Wenn man sie erlebt, weiß man in der Regel nie, dass sie wichtig und entscheidend sind. Manchmal sind sie echte Wegscheiden. Man ahnt es vielleicht. Mancher verzweifelt ja genau an dem Punkt, weil er zwischen zwei, drei, vier Wegen wählen kann, von deren Ende er nichts weiß. Wo lauert Gefahr? Wo das Scheitern? Wo werden die Menschen auftauchen, die einem wirklich wichtig sind im Leben? Wir wissen es alle nicht. Wir fliegen durch unser Leben genauso wie der Engel der Geschichte in dem Bild von Paul Klee, das Bernd Rump immer wieder aufruft.

    Vom Sturm aus dem Paradies wird der Engel der Geschichte in die Zukunft geblasen – doch er fliegt rückwärts, den Blick immerfort aufs schwindende Paradies gerichtet. So sehen wir Geschichte – die große und die kleine. Und wer behauptet, er wisse, was da kommt, lügt.

    Rump ist das klar, auch wenn ihm gleichzeitig bewusst ist, dass er immer zu jenen Menschen gehört hat, die mit ganzem Herzen daran geglaubt haben, dass es der Menschheit gelingen könnte, eine wirklich menschliche Gesellschaft aufzubauen. Das war ja der große Traum, von dem auch dieses kleine graue Land DDR gezehrt hat. Und wer sich noch 1990 dazu bekannte, der stand auf einmal ziemlich ratlos in der Gegend: Hatte der so lange heftigst bekämpfte Kapitalismus tatsächlich endgültig gesiegt? Bleibt die (Selbst-)Ausbeutung des Menschen also wirklich der einzig gangbare Weg in eine wie auch immer geartete Zukunft?

    Spätestens 2005 war klar, dass die Antwort darauf ganz und gar nicht Ja oder Nein sein konnte. Da war Rump mit dabei, als die WASG gegründet wurde, nachdem er sich zuvor 15 Jahre lang in der PDS engagiert hatte – und das von Anfang an, von jenem letzten SED-Parteitag im Dezember 1989 an, als es den Theatermacher auf einmal in den Parteivorstand spülte. Genau dahin, wo eben noch die alten, erstarrten Funktionäre gesessen hatten, die die ganze Sache so gründlich in den Sand gefahren hatten.

    Leute, mit denen Rump zuvor gar nichts zu tun hatte, auch wenn er immer wieder große Nachdenk-Schleifen um das Wörtchen „uns“ dreht, hinter dem ja das „wir“ steckt, das auch in dieser seltsamen DDR tatsächlich lange lebendig war. Was gern vergessen oder wegretuschiert wird, wo am Ende alle möglichen Leute immer schon dagegen gewesen sein wollen. So einschichtig war auch dieses komische Land mit seiner schillernden Utopie nicht.

    Doch Rump weiß selbst, dass ausgerechnet jene, die diese Utopie tatsächlich ernst nahmen, immer wieder mit den Betonköpfen kollidierten, die irgendwann ganz am Anfang ihre „Linie“ beschlossen hatten und dann stur draufzuhielten. Und weil die Kritik aus den eigenen Reihen kam, wurde – ganz im Geiste Stalins – immer wieder aufgeräumt, Inquisition betrieben. Weshalb als zweites immer wiederkehrendes Motiv ein Buch auftaucht, das Rump auch als Theatermacher jahrelang beschäftigt hat: „Der Meister und Margarita“ von Bulgakow.

    Am Ende landet sein Alter Ego immer wieder in Traumszenen, als wäre er nun selbst Teil des Romans geworden. Als wäre Geschichte zuallererst ein Traum, der immerwährende Dialog, den einer ein Leben lang im Kopf führt mit den Menschen, die ihm wichtig waren. Und dazu gehören oft selbst literarische Gestalten. Logisch, dass Rump seine Erzählung im Arbeitszimmer mit den vielen Büchern beginnt. Büchern, in denen die Utopie noch immer steckt, zerfleddert, verraten, an den eigenen moralischen Maßstäben gescheitert wie dieser Prokurator in der von Bulgakow adaptierten Jesus-Geschichte. Die wieder auf Dostojewski verweist und seine Geschichte vom Großinquisitor.

    Kein Wunder, dass der Slawist Ralf Schröder, der nicht nur den kompletten Bulgakow in die DDR brachte, eine zentrale Rolle spielt im Leben von Bernd Rump, eine seiner wichtigsten Bezugspersonen war, die ihn auch in diesem Buch immer wieder anregt darüber nachzudenken, wie es eigentlich mit der Idee einer menschgerechten Welt so weit hatte kommen können. Die ja nicht erst bei diesem Karl Marx auftauchte (den Rump ziemlich desillusioniert bei seinem letzten Kuraufenthalt in Algier zeichnet), sondern als Utopie durch die ganze jüngere Zivilisationsgeschichte geistert.

    Wer sie freilich in der DDR ernst nahm, riskierte seine Haut, landete in Bautzen (wie Ralf Schröder) oder musste gezwungenermaßen das Land verlassen wie Ernst Bloch („Prinzip Hoffnung“) oder selbst der „Barde“, wie ihn Rump nennt. Und anfangs ist man durchaus geneigt, darin eine Abfälligkeit zu sehen, wie sie auch heute noch mancher dem Liedermacher Wolf Biermann entgegenbringt.

    Dabei gehörte gerade dieser Biermann immer zu den Träumern, die nicht akzeptieren konnten, dass der große Traum einer gerechteren Gesellschaft derart verkorkst und verramscht werden konnte. Er gehört tatsächlich zu den Vorbildern im Werk des Liedermachers Rump, genauso wie die großen sowjetischen Sänger der 1960er Jahre, die Jewtuschenko und Wosnessenksi, oder dieser Majakowski.

    Und Liedermacher waren es ja auch, die sogar noch 1973 den Traum öffentlich träumten – so wie Victor Jara aus Chile, dem Rump einige einfühlsame Seiten widmet. Das war eine Zeit, da hatten nicht nur westdeutsche Jugendliche ein Poster mit Che Guevara an der Wand. Aber es muss auch der Moment gewesen sein, in dem der große Traum starb. Denn nicht ohne Grund hat Rump sein Buch ja „Der Traum zuvor“ genannt.

    Der dann über zehn Jahre später noch einmal aufleben durfte. „Es war der Traum zuvor. Der Traum vom Umbau, der dann doch nicht stattfand, vor allem dort, wo alles schon seit Ewigkeit erstarrt war“, schreibt Rump fast genau in der Mitte des Buches, in der er – ein Kapitel lang – tatsächlich in die Ich-Erzählung schlüpft, als wäre sein Leben in diesem Moment einmal deckungsgleich gewesen mit dem Traum.

    Waren die ersten 300 Seiten ein kreisender Versuch, die eigene Lebensgeschichte zu rekonstruieren aus Erinnerungen, Fotos, Filmen, Tonbandaufnahmen, gleitet der zweite Teil stärker in Traumsequenzen ab, ein immer neues Abtasten, was das nun eigentlich war. War das ein Leben, wie es sich „unser Mann“ eigentlich vorgestellt hat? Was ja die Frage impliziert (die sich die meisten Menschen überhaupt nicht stellen), wie verantwortlich jeder selbst eigentlich ist für den Lebensweg, den er eingeschlagen hat. Denn auch für Bernd Rump hätte alles anders kommen können.

    Als studierter Ingenieur hätte er eine reibungslose Laufbahn in der ostdeutschen Energiewirtschaft antreten können. Freilich eine, deren Hauptfrustration gewesen wäre, dass er die Dinge nicht hätte verändern und verbessern können. Was in der Industrie der DDR geschah, das wurde zentral in Berlin entschieden. Eigeninitiative war nicht gewünscht. Und so erzählt Rump auch, wie er von sich aus kündigte und lieber ein unsicheres Leben als Autor, Liedermacher und Theatergründer begann.

    „Es ist nichts von außen, was uns zu einer Antwort nötigt. Du bist, wofür du dich entscheidest. Nur du und niemand anders. Einmal hatte sich unser Mann schon entschieden, das war, als er ausgestiegen war, als er zum ersten Mal die Spur wechselte. Er hatte sich, wir erinnern uns, damit zum ersten Mal gefragt, was er denn eigentlich anfangen wolle mit dem Leben.“

    Und wie man hier auf über 600 Seiten lesen kann: Er fragt sich das auch noch mit über 70. So, wie er es sich in den 1970er Jahren fragte, als er längst einen Namen hatte in der ostdeutschen Liedermacherszene und eng befreundet war mit jenem unermüdlichen Literaturentdecker Reinhard Weisbach, den ja auch Gerhard Pötzsch in seinem Buch „Zwischenzeitenblues“ erwähnt und dessen letztlich einsamen Tod Rump erzählt.

    Und ist damit der Traum tot, der große „Traum zuvor“, der ja durch Rumps gesamten Text lichtert, auch wenn er mit zunehmendem Alter immer skeptischer wird, auch was die Frage betrifft, ob es sich gelohnt hat, weiterzuträumen, bis das ganze linke Projekt Risse bekam? War er zu leichtgläubig gewesen? Oder ist Politik tatsächlich nur ein „schmutziges Geschäft“, in dem es keinen Platz für Träume gibt?

    Oder ist es eher so, dass es die Träume braucht, um die Geschichte immer wieder aus ihrem Trott zu bringen und Menschen dazu, das Mögliche zu denken? Eine verzwickte Frage, wenn man – wie Rump – so sichtlich hadert damit, ob man zu all dem „ich“ sagen kann. Mit seinem Freund, dem 2011 gestorbenen Schauspieler und Regisseur Heinz Drewniok, unterhält er sich darüber noch an dessen Todesbett: „Hast du Angst vorm Schreiben? Angst? Ich sah ihn verwundert an. Doch, sagte er, doch. Wir haben alle ein wenig Angst. Wir geben etwas von uns preis. Manchmal ist es zu viel, manchmal zu wenig. Wenn ich dich frage, wer denn unser Mann ist, wirst du natürlich nicht sagen, dass du es bist. Du wirst höchstes sagen, dass er etwas von dir hat. Du hast ihm etwas geliehen von dir: Daten, Geschichten, ja selbst Intimes. Aber etwas hast du für dich behalten. Immer behält man etwas. Vielleicht ist es das Wichtigste, das Heiligste. Das Intime.“

    Gut möglich, dass das die richtige Interpretation für Rumps Sich-immer-wieder-neu-Befragen ist, das Umkreisen all der Zeugnisse seines Lebens. Vielleicht trifft aber auch zu, was sich als Gefühl einstellt, wenn man sich mit ihm durch dieses Leben tastet: Dass der späte Erzähler tatsächlich nicht mehr „ich“ sagen kann, weil ihn Zeiten, Umbrüche und Verluste von diesem früheren Ich trennen, weil dieses Selbst auf einmal wie etwas anderes erscheint, ein anderer Mensch, über dessen Abenteuer man sich im Nachhinein erst richtig wundern kann. Was garantiert vielen so geht, wenn sie ihre alten Alben aufschlagen, die alten Briefe lesen und verwundert merken, dass sie die frühen Jahre völlig anders erinnern.

    Was eben auch bedeutet, dass man tatsächlich auch immer die Alternative miterlebt hat. Wenn auch meistens nur im Kopf und im Traum. Was auch die gesellschaftliche Alternative betrifft, die Wahlalternative WASG von 2005 genauso wie jene Alternative, die geradezu zum Gegenentwurf der späten DDR geworden ist. Und diesen Rudolf Bahro, der „Die Alternative“ schrieb, hat Rump auch noch kennengelernt, ohne zu ahnen, dass dieser Bahro mit seinen ökologischen Ideen auch gleich noch die Alternative zur neuen BRD geschrieben hat.

    Was macht man da mit so einem Leben? Geht man in Sack und Asche und gesteht den frohlockenden „Siegern“ zu, dass sie gewonnen haben? Oder lässt man wenigstens die Ahnung zu, dass Geschichte im Moment, da sie geschieht, keinen Sinn ergibt, unerkennbar ist für die, die sie machen und erleben? Und dass Träume nicht einfach enden, wenn der Film zu Ende ist. Dass sie eigentlich auch schon das Drehbuch durcheinander bringen, spätestens dann, wenn einer sich – wie dieser Bernd Rump – immer wieder mit der Frage beschäftigt, ob das alles so richtig war und „unser Mann“ das eigentlich auch alles so gewollt hatte.

    Eine Frage, die ja schwierig zu beantworten ist, wenn das kleine Theater Schicht in Dresden jahrelang mit großen literarischen Stoffen (und Fragen) das Publikum begeistert und immer volles Haus hat, bis auf einmal der Herbst 1989 das Publikum fernbleiben lässt, weil die Geschichte jetzt auf den Straßen gemacht wurde.

    Das wäre dann zwar motivisch ein passender Schluss für einen möglichen Film über dieses Leben. Aber Rump weiß, dass es die falsche Pointe wäre und dass der Film, den er drehen würde, eher einer mit vielen Rückblenden, Umwegen und Dialogen wäre, ein Leben, das man nur skizzieren kann. Eben nicht als Drehbuch, sondern in der vagen Vorstufe, einer Storyline, in der das Erzählbare steckt und dennoch keinen konsistenten Weg von A (wie Adoption) bis Z (wie Zukunft) ergibt.

    Sondern wohl eher genau das Unfertige, mit dem Menschen leben müssen, die das Gegebene nie als das Endgültige sehen können. Denn „Der Traum zuvor“ bleibt selbst danach immer noch „Der Traum zuvor“ – das Nachdenken über eine besser gemachte Gesellschaft. Inzwischen freilich (auch in Rumps intensiver Selbstbefragung) ergänzt um die noch viel drängenderen Fragen: Was haben die großen Träumer eigentlich falsch gemacht? Was dann fast zum Schluss in einer fast bulgakowschen Traumszene endet, in der „unser Mann“ mit dem großen Träumer Ralf Schröder gemeinsam versucht, den einbalsamierten Lenin aus dem Mausoleum in Moskau zu stehlen.

    Bernd Rump Der Traum zuvor, Thelem Universitätsverlag, Dresden 2021, 29,80 Euro.

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