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Wir sind allein unter den Bäumen: Ein Roman wie ein Erinnerungspuzzle über das Jungsein im Osten

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    Es ist schon erstaunlich, wie sie sich jetzt zu Wort melden – ganz unspektakulär, so, wie das wohl immer ist, wenn es junge Autor/-innen wirklich ernst meinen mit der Erkundung ihrer Welt. Und diese Welt ist das östliche Deutschland, wo auch Jonathan Böhm aufgewachsen ist. Auch wenn es nicht seine Geburtsstadt Zwickau ist, die hier zum Schauplatz wird, sondern das von der Zeit gebeutelte Schwerin.

    Und wie schon in John Sauters „Zone“ und Matthias Jüglers „Die Verlassenen“ bekommen hier jene Kinder des Ostens eine Bühne, die meist irgendwie mit in die Generation Y hineindefiniert werden. Wobei ihnen tatsächlich eines gemeinsam ist: Sie sind Krisen gewohnt. Gerade wenn sie in Halle, Schwerin oder Zwickau aufgewachsen sind. Als sie klein waren, ging ein ganzes Land den Bach runter. Und das nicht nur in Zeitungen und Fernsehnachrichten, sondern vor ihren Augen. Ihre Eltern verloren reihenweise Arbeit und Sicherheit. Alte Werte und Selbstverständlichkeiten zerbrachen und die Zeit ihrer Jugend war alles andere, nur nicht stabil und sicher.Sie mussten also ziemlich früh lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, während das Land um sie herum immer mehr diffundierte. Nicht nur Eltern, auch Altersgefährten packten die Koffer und gingen in den Westen. Ein schönes Bild zur Befindlichkeit dieser Generation findet Jonathan Böhm, der nach seinem Studium im Leipzig lebt, gleich zu Beginn seiner Geschichte: Da lässt er die jungen Menschen, die in diesem Roman eine Rolle spielen, über einen See schwimmen.

    Und während die einen mitten auf dem See zaudern und ans Zurückschwimmen denken, ist Richard einfach drauflosgeschwommen und fordert sie vom Ufer aus auf, dranzubleiben. „Später sitzen wir unter den Bäumen und rauchen“, ist einer dieser so lapidaren Sätze, in denen aber schon alles steckt, was auf diese jungen Menschen zukommt.

    Richard ist eigentlich derjenige, der sie zusammenhält, den auch die zögerlichen Jungen heimlich bewundern, auch weil er als erster seine Liebe zu Damaris auslebt. Als wüsste er einfach, wie das Leben ist und wie man die Dinge angehen muss. So möchte man ja gern sein in so einer Zeit, nicht von all den ganzen Selbstzweifeln zernagt, der unlösbaren Frage, welche Entscheidung denn nun die richtige sein wird. Eine Frage, die auch die Eltern in diesem Landstrich nicht mehr beantworten können.

    Aber: Wie erzählt man das? Wird das überhaupt ein Roman, in dem sich die Fäden der Handlung verknüpfen, sodass wir am Ende ein Bild bekommen von diesem Land und seinen jungen Bewohnern? Ist nicht Richard ihr Fixpunkt? Auch jetzt, viele Jahre später, da sie nur noch sein Grab auf dem Friedhof besuchen können. Denn Richard ist tot. Das könnte ja die Grundidee der Geschichte sein: Jeder seiner Freunde und jede seiner Freundinnen erinnert sich, jede und jeder auf ihre Weise.

    Das wäre ein Requiem geworden auf diesen jungen Mann, von dem wir in Wirklichkeit nicht viel erfahren. Selbst sein Tod bleibt eine kurze, kaum skizzierte Sequenz an einer Tankstelle, einer jener so typischen ostdeutschen Momente, die so falsch, banal und fatal sind, dass man sie nicht begreifen kann. Vielleicht noch die Arbeit im Plastewerk, das es schon in DDR-Zeit gegeben haben muss und in dem nun alles praktiziert wird, was sich neoliberale Reformer ausgedacht haben an Entwertung von Arbeitskraft und Schicksalen.

    Da gibt es noch jede Menge aufzuarbeiten. Die jungen Autor/-innen im Osten wissen es, auch wenn sich die großen (west-)deutschen Forscher gern doof stellen und auch Politiker gern alles auf die Treuhand schieben. Falsche Geschichten vermüllen das ganze Land. Die realen Geschichten aber sind nur mit dem Gespür für das Zerbrochene erzählbar. Denn eigentlich hat keiner dieser jungen Leute so etwas wie eine geradlinige Karriere hingelegt.

    Ihre Träume sind an den Realitäten gescheitert. Also haben sie umgeschult. Der angehende Schauspieler ist dann doch lieber Lehrer geworden, der angehende Student hat sich doch lieber in Arbeit vermitteln lassen, die selbstständige Designerin hat sich zur Krankenschwester umschulen lassen.

    Solche Geschichten könnte man auch aus allen anderen Regionen im Osten erzählen, nicht nur aus diesem Schwerin, in dem es um die jungen Leute immer einsamer wird. Freunde sind weggezogen, Familien sind zerfallen. Was hilft da die schön sanierte Stadt?

    Sich selber nah sind sie eigentlich nur, wenn sie gemeinsam schwimmen gehen in den Seen. Oder auch allein, wenn es darum geht, den Kummer von der Seele zu spülen und die Momente der Tragik hinter sich zu lassen.

    Böhm erzählt die Geschichte nicht klassisch, nicht einmal in dem oben angedeuteten Sinn. Es wird kein Requiem für Richard, auch wenn er für die Protagonisten immer präsent ist. Selbst die Erzählperspektive wechselt Böhm mit jedem Kapitel, sodass man oft lange nicht weiß: Von wem erzählt er hier eigentlich? Welche der Gestalten ist jetzt eigentlich die, um die es geht?

    Aber wie lässt sich Fremdheit besser gestalten, als so? Wie selten nehmen wir tatsächlich wahr, wie uns andere wahrnehmen, die uns nicht kennen, für die wir in völlig neue Rollen rutschen, die des Abiturienten etwa, der an der Fließstrecke eingearbeitet wird und hier arbeiten wird und von Olga verführt wird. Dabei ist es die eigentliche Rolle dieser jungen Leute gewesen: gezwungen zu sein, aus den verlässlichen Mustern herauszutreten, sich selbst fremd zu werden. Das, was sich hinter dem Wort Transformation wirklich verbirgt.

    Eigentlich bis heute, denn der Prozess ist ja nicht beendet. Noch immer ziehen die jungen Leute weg aus diesen vereinsamenden Landschaften, um anderswo völlig neu zu beginnen. Und sich damit letztlich neu zu erfinden. Verständlich, dass dann die alten Beziehungen zu den Freunden und Freundinnen aus der Jugendgruppe loser werden, kaum noch sichtbar. Man weiß voneinander, hört voneinander, erfährt eher beiläufig, dass der eine jetzt einen Freund hat und eine der Heldinnen an Brustkrebs erkrankt ist.

    Aber man fiebert nicht mehr miteinander. Als wären alle tatsächlich nur noch allein im Weltall unterwegs und müssten mit allem, was sie besorgt, auch allein zurechtkommen. Und irgendwie schaffen sie es ja auch. Es geht gar nicht anders. Wer sich nicht abnabelt, verliert sich selbst. Oder friert fest wie der Schwan im Eis des Sees, der sich nicht helfen lassen will, als der See zufriert.

    Gerade die Szenen in der Plastikfabrik zeigen, dass es nur der Mut zur Menschlichkeit ist, der das alles noch ein bisschen zusammenkittet. Denn freundlich und solidarisch ist die neue Welt mit ihren neuen Machern nicht. Es ist auch der Zynismus dieser „Retter“, der das Land so schäbig hat werden lassen und so neidisch und feige. Hier ist es ein Wachmann, der seinen Job riskiert, indem er auch den Mädchen aus dem Strafvollzug erlaubt, im See hinter der Fabrikhalle zu baden.

    Später erfahren wir auch von seinem Tod. Als gäbe es in dieser neuen Welt keinen Platz mehr für Menschlichkeit, für dieses zutiefst hadernde Gewissen zwischen Gesetz und menschlichem Anstand. Nein, man wundert sich nicht mehr wirklich, dass die jungen Leute auch 15 Jahre später fast alle noch allein leben und lieber versuchen, die Probleme auch für sich allein zu lösen.

    Da ist etwas zerbrochen oder nie stabil geworden. Die Eltern selbst sind eher zum Problemfall geworden. Wo aber wächst Sicherheit, wenn alles Selbstverständliche derart infrage gestellt wird? Da wundert es auch nicht mehr, dass Richard nie wirklich ganz verschwindet. Er ist in ihren Erinnerungen und Gedanken präsent, auch wenn sich jede anders an ihn erinnert.

    Denn was bleibt von einem Menschen sind nur die Bilder, die jeder im Kopf hat. Aber diese Bilder sind nicht egal. Sie sind das, was auch dann noch einen Halt gibt, wenn jeder für sich allein kämpfen muss. Was die Freunde aus der Jugendgruppe nicht nur am Sarg vereint, sondern auch später noch immer da ist – als Gegenwart und Verlustempfinden. So, als wäre der Abwesende immer noch da, spätestens beim Schwimmen im See. Als wäre es tatsächlich Richard, der sie alle noch miteinander verbindet.

    Auch mit dieser Stadt mit den vielen Seen, gerade weil sie wissen, dass sie eigentlich allein sind unter den Bäumen und jede und jeder mit sich selbst fertig werden muss. Auch wenn es Apfelbäume sind, wie sie Damaris züchtet. Denn das fällt schon auf, wie sie am Ende doch alle Berufe gesucht haben, in denen es ums Behüten und Helfen geht.

    Denn wer so wie diese Generation erfahren hat, was es bedeutet, wenn ein ganzes Land derart demontiert wird, der weiß, dass man einander helfen muss. Dass man die Dinge (und sich selbst) nur heilen kann, wenn man aufhört „auf Zuruf“ zu arbeiten und immer zu tun, was die großen Macher oder Konzernbevollmächtigten von einem erwarten.

    Und auch wenn Böhm am Ende versichert, dass sein ganzer Roman Erfindung des Erzählers ist, bestätigt er dennoch, dass er ein erzählerisches Bild für die selbst erlebte Wirklichkeit gefunden hat: „Man müsste die Wirklichkeit beschuldigen, weil sie Verhaltensweisen hervorbringt, die man wiedererkennt.“

    Und deshalb wird es ganz bestimmt noch viele Erzählungen und Romane dieser Generation geben, die die Transformation im Osten völlig anders erzählen, als es die Älteren bisher getan haben. Denn mit dem Davor haben sie nichts mehr zu tun. Das ist wirklich märchenhafte Vergangenheit. Aber das Jetzt der 1990er und 2000er haben sie selbst erlebt und dabei eine Verunsicherung erfahren, wie sie junge Generationen so noch nicht erlebt haben.

    Eine Verunsicherung bis in die Liebe, die Nähe und die Freundschaft hinein. Und gerade weil Böhm immer wieder aus völlig anderer Perspektive erzählt, wird diese Verunsicherung besonders deutlich. Wenn die jungen Menschen etwas vertrauen, dann ist es ihre Fähigkeit, selbst einen Weg zu finden, um weiterzukommen und sich durchzukämpfen. Wohl wissend, dass alles auf schwankendem Grund steht.

    Da sind es oft nur noch die gemeinsamen Erinnerungen, die uns zusammenhalten und das Gefühl geben, dass wir vielleicht doch nicht so allein sind. Was fast schon ein nüchternes, beruhigendes Erzählen ergibt, eher kaum melancholisch. Diese jungen Leute wissen, wie das ist, wenn man auf sich selbst aufpassen muss und keiner da ist, wenn es hart auf hart kommt. Sie wissen, dass sie es können. Und dass man manchmal mit der besten Freundin weit hinausgehen muss, um die ferne Küste von Dänemark zu sehen.

    Dass man dem großen Muss genügen sollte, das nicht da draußen irgendwo liegt oder in den Phrasen der Weltdeuter, sondern in einem selbst. Dieses Muss, das Leben heißt. Und manchmal auch Richard, weil er scheinbar derjenige von allen war, der sich auf Halbheiten nicht einlassen wollte. Leben bekommt man nur ganz. Auch wenn es wehtut. Und einsam macht. Aber wer sieht diese Einzelnen, wenn alle Kameras auf die grölenden Meuten gerichtet sind?

    Aber selbst das gehört wohl dazu: für die großen Geschichtsdeuter völlig uninteressant zu sein. Nicht aufregend genug. So wird Erzählen zu einer Suche nach Konturen, die sich ganz naturgemäß schwer fassen lassen und erst wahrnehmbar werden, wenn der Autor selbst zur fliegenden Kamera wird und seine Held/-innen erzählen lässt in lauter Bruchstücken, die kein ganzes Bild ergeben und trotzdem ein Gefühl davon, wie das Leben weitergeht, trotz alledem. Auch in dieser verlassenen Stadt mit den vielen Seen. Solange wir uns erinnern, geht das Leben weiter.

    Jonathan Böhm Wir sind allein unter den Bäumen, Faber & Faber, Leipzig 2021, 20 Euro.

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