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Nachtdrift: Die Gedichte einer sehr aufmerksamen Dichterin aus Flandern

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    Flandern, das ist der niederländisch sprechende Norden Belgiens. Da liegt auch die zweisprachige belgische Hauptstadt Brüssel. Und dennoch ist die Literatur dieses Landstrichs hierzulande kaum bekannt. Weshalb der Leipziger Literaturverlag eine eigene Reihe „Literatur aus Flandern“ aufgelegt hat. Und dass sie voller Überraschungen steckt, zeigen auch die Gedichte von Charlotte Van den Broeck.

    1991 in Antwerpen geboren, gehört sie schon heute zu den markanten Stimmen Flanderns. Oder sollte man nicht besser sagen: des heutigen Europas? Dieses eigenartigen Halbkontinents, auf dem es eine Gruppe eigensinniger Länder geschafft hat, die Grenzen einzureißen und die Weite zu öffnen für alle, die bereit sind, mehr kennenlernen zu wollen als ihr eigenes Dorf, den Klang ihrer stillen Ecke?Oder auch lauten Ecke, denn niemand ist in den vergangenen Jahren ja lauter geworden als die verbissenen Zuhausehockenbleiber, die Abgrenzer, Ausgrenzer und Verbitterten, die Angst vor diesem Draußen haben. Denn nichts anderes sind sie ja, die verbitterten Nationalisten überall, die nichts so sehr verabscheuen wie eine offene Welt und ein Europa, in dem sich junge Menschen überall zu Hause fühlen, weil sie mit dem Wissen aufgewachsen sind, dass die jungen Leute aus den anderen Ländern genau dieselben Träume haben, genau dieselbe Sehnsucht nach Liebe.

    Und so findet man in „Nachtdrift“ ganz und gar keine Heimatgefühle. Im Gegenteil: viele Texte, die das unendliche Gefühl des Reisens, der nächtlichen Autobahnen und Hotelzimmer zum Ausdruck bringen, einer Welt der Atemlosigkeit, die einem durchaus zu groß sein kann und dennoch: „Die Reise war nicht weit genug“.

    Denn das Vorrecht der jungen Dichterinnen und Dichter ist, von sich selbst erzählen zu dürfen, nicht abgeklärt sein zu müssen und schon gar nicht fertig mit sich und ihren grenzenlosen Ansprüchen ans Lieben und Geliebtwerden mit all ihren Irritationen. So anspruchsvoll ist man wirklich nur, wenn man jung ist und noch angefüllt mit Verunsicherung. Denn von den Geliebten will man es unbedingt wissen: Bin ich richtig? Stimmen meine Gefühle?

    Aber alles lässt sich nicht aussprechen. Und so werden diese Reisen durchs Leben, die Van den Broeck in „Nachtdrift“ in atemlose Verse spinnt, Reisen durch Verunsicherungen. Nähe und Trennung sind gleichermaßen vollgepackt mit Fürchten und Staunen. Denn wenn man sich nicht auf die Gewissheiten des Dorfes verlassen kann, liegt alles in der eigenen Hand – das ganze Risiko zu leben, zu lieben, zu verlieren.

    „Es wimmelt hier / von Kosmopoliten und Ertrinkenden / ich bin abwechselnd eins von beiden, zur Hälfte, vielleicht / nie mehr als ein Anflug meiner selbst“, schreibt sie im Gedicht-Zyklus „Schnitt“. Indem sie sehr genau diesem seltsamen Gespaltensein der Jugend nachspürt, sich immer beobachtet fühlend und sich selbst beobachtend. Und dazu dann noch obendrauf: „Ach, träumt irgendwo noch einfach ein Mädchen von einem Jungen auf einem Motorrad“. Eine Frage, die sie gleich selbst beantwortet: „natürlich, ganz kurz / und niemals“.

    Traumlandschaft Jungsein. Ein Thema, das auch Leipziger Dichterinnen nur zu gut kennen und immer wieder beschreiben. „Nachtdrift“ gibt ja schon die Stimmung vor, das immerfort Gespannte, Lauschende, Verunsicherte. Weshalb Nacht auch der häufigste Schauplatz ist, das Wachliegen und Nicht-zur-Ruhe-Kommen, obwohl erstaunlicherweise kein Lärm in diesen fließenden Texten ist.

    Dafür sehr viel Stille, sodass das eigene Atmen hörbar wird. Da möchte man sich nur zu gern fallenlassen, geborgen fühlen, mitgenommen werden. Da muss doch jemand sein, der einem das gibt, oder? Gleich einen ganzen Schwarm Gedichte mit der Aufforderung „Nimm mich mit“ hat sie geschrieben unter dem Titel „Raubbau“.

    Ein unentschiedenes Gedicht, bei dem man nicht weiß, ob sie nicht geradezu das Gegenteil meint, denn die Lehrstunde ist vorbei. Eine Lehrstunde, die am Ende fruchtlos bleibt, weil alles Lernen nichts genützt hat. Denn zurück bleibt Wehmut und Enttäuschung. So strengt man sich ja an, die Geliebten festzuhalten, sich unersetzlich zu machen, beweisen zu wollen, dass man bereit ist, sich ganz zu geben.

    Geht das nur Mädchen so? Zumindest schreiben sie am häufigsten darüber, wie enttäuscht sie sich fühlen, wenn die Verbindung abreißt und alles Bemühen enttäuscht wird: „der Mann mit deinem Gesicht, er wetzt einen stumpfen Wunsch zu einem Messer (…) und sagt, ich sei die Zündflamme / seines Kummers …“

    Doch, so ist diese Zeit, dieses Suchen nach Verstandenwerden und wirklicher Nähe, das so oft enttäuscht wird, weil man sich entgleitet. Oder merkt, dass man zu viel erwartet hat und die Wege sich trotzdem trennen. Wieder ein Traum zerstoben, eine Hoffnung auf Einssein.

    Man möchte gar nicht drüber nachdenken. Und muss es doch. Jeder weiß, wie voller Knistern und Ruhelosigkeit diese Stille ist, wenn da etwas zerrissen ist zwischen zweien, die doch eigentlich gemeinsam fahren wollten in diese Welt. Und dann merken sie, wie fremd sie sich sein können. Und das alles auch noch gebrochen durch diesen Rückblick auf das eigene Elternhaus: „Dort“.

    Wo man in genauso seltsamen traumhaften Sequenzen landet, sich beobachtet fühlend nach wie vor. Natürlich sorgen sie sich, die Eltern, die Großeltern. In der Erinnerung festgehalten in traumhaften Bildern. „Was könne man schon zurücklassen, eine erste Liebe, den Kirchturm / im Schlagschatten …“

    Nicht nur. Auch wenn das Fortgehen von Anfang an eingeschrieben war: „Man sagt, von hier aus gebe es nur eine Richtung, fort / und einmal fort begreifst du rasch, dass anderswo keine andere Welt ist / als jene, über die auch hier die Zeitungen schlecht reden …“

    Das hätte auch eine Dichterin aus der sächsischen Provinz schreiben können. Ist das eine Last? Ein Verlust? Dem kann man nur mit Worten nahekommen. Im Grunde erzählt ja der ganze wie durchkomponiert wirkende Gedichtband „Nachtdrift“ davon, dass es die Eindeutigkeiten, mit denen andere Leute sich laut gebärden, nicht gibt. Man findet in der Ferne auch wieder Straßen, Plätze, Menschen, Strände, die denen ähneln, die man schon kennt.

    Vertraut und trotzdem so anders, dass man immer wieder irritiert ist von dieser Vertrautheit. „Es läuft aufs Überleben hinaus: / allem eine Zeit und einen festen Grund geben zu wollen / Menschen eine begreifbare Physik“, schreibt sie in „Drift“ / „Taumel“.

    Darin das nie wirklich zu verdrängende Gefühl, stets nur Gast zu sein, auf Durchreise. Ein Kontinent der Unrast. Und gerade deshalb stets nah am Gewisssein, dass der Aufenthalt tatsächlich nur ein kurzer, flüchtiger ist: „continental breakfest im Bett, ein Ort / der uns gehören könnte ohne Schornstein oder Wachhund oder Augen / aber wir wohnen nirgends / abgesehen von Hotelzimmern oder dem Krematorium …“

    Vielleicht muss man wirklich noch jung sein, um dieses Gefühl des Unbehaustseins, der ruhelosen Erwartungen beschreiben zu können. Denn eigentlich erwartet man ja alles – und weiß trotzdem nicht, was. Es sind Gedichte zum Eintauchen, zum Sich-Treiben-Lassen. Gedichte, zu denen einem ganz selbstverständlich Traumbilder einfallen, längst vergessene Gedankenschwärme in schlaflosen Nächten, in denen alles möglich schien und unmöglich zugleich. Wo sich alles um geschmiedete Träume drehte: „das Boot wäre dann fertig / wohin?“

    Wer die Antwort weiß, wird niemals Gedichte Schreiben.

    Einen Epilog gibt es freilich auch noch, der sich wie die Ballade der Frau liest, die lernen wird, das Ausbleiben des Fischers zu akzeptieren, der von seinem Fischzug nicht zurückkam. Doch wie geht man damit um, wenn es nicht einmal eine Nachricht gibt? Oder ist das nicht tatsächlich das Leben und die Liebe, so, wie sie einem ständig passieren? „Der Fischer ist fort / alles Weitere unsagbar / Auslassung / ist Öffnung, ist Keim / es gibt genug zu tun“.

    So darf man sich fühlen, wenn etwas zu Ende gegangen ist, ohne dass uns ein Zeichen dafür gegeben wurde, dass es vorbei ist. Man bleibt zurück. Und beginnt das Haus aufzuräumen, die Blumen zu beschneiden. Irgendwas, was einem das Gefühl gibt, dass man nicht zerbricht. Ganz undramatisch. Dramatik ist Charlotte Van den Broeck zumindest in diesen Texten fremd. Auch wenn es sie zutiefst verstört, wenn der Kontakt abreißt und Wege sich trennen.

    So bleiben wir zurück. Und manche können das in wundersame Bilder fassen, die gerade weil sie so traumhaft sind, berühren und stimmen. „Ungebunden wurden wir geboren / wachsen am Stock in unserem Rücken traumverloren in die Höhe (…) manchmal / verzweigen wir uns in einen anderen, einen milderen Winter /das hoffe ich wenigstens …“ (Aus „The Age of Aquarius“).

    Ja, so wachsen wir. Und manchmal können wir uns das Gefühl bewahren. Und manchmal ist es wie ein Nachhausekommen, wenn man sich mit solchen Gedichten ans Fenster setzen kann. Stille suchen und treibenlassen. Und merken: Das Leben ist so. Alles andere ist Zirkus und Einbildung. Auch wenn uns später immer wieder die Szenen am Strand, im Auto, im Garten in den Sinn kommen: Waren wir uns da schon fremd? Oder haben wir nur etwas Falsches in das Schweigen gelegt?

    Wir werden es niemals wissen. „älter sind wir inzwischen / und wacher, aufgehalten worden, aber wer wurde von wem verstoßen / jetzt, wo Ferne nicht mehr entfernen bedeutet, aber in der Entfernung / die Beengtheit liegt von etwas, das unumkehrbar ist …“ („Acht“).

    Charlotte Van den Broeck Nachtdrift, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2021, 16,95 Euro.

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