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Mit Arnim spazieren: Lauter Gedichte, die im Dichterschloss Wiepersdorf entstanden

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    Schloss Wiepersdorf, 80 Kilometer südlich von Berlin, ist eine Legende. Zumindest unter Dichtern, Künstlern, Literaturliebhabern. Hier lebte bis zu seinem frühen Tod der Dichter und Gutsherr Achim von Arnim, hier lebte auch seine Frau Bettina mit den Kindern, wenn sie nicht in den langen Wintern lieber nach Berlin flüchtete. Nach 1945 wurde es zum gastliche Ort für Dichter/-innen und Schriftsteller/-innen. Und blieb es bis heute, auch wenn es gerade aufwendig saniert wird.

    Diesen Moment, da das Schloss auch gleichzeitig in die neue Trägerschaft der Landes-Kulturstiftung von Brandenburg überging, nutze Katja Stahl, um ein Buchprojekt umzusetzen, das sich eigentlich schon lange anbot. Denn wenn sich Dichterinnen und Dichter mit Stipendien länger an einem solchen Ort aufhalten, dann gerät natürlich auch der Ort in ihre Gedichte. Manche schreiben dann sogar ganze Zyklen, so wie Thomas Rosenlöcher 2001 mit dem Band „Am Wegrand steht Apollo“, den Katja Stahl nur zitiert.Er hätte die Sammlung gesprengt und steht andererseits auch für sich selbst. Aber mehrere der Dichter/-innen, die seit 1992 einige Zeit in Wiepersdorf verbrachten, haben die Ergebnisse ihres Aufenthalts auch der Schlossbibliothek anvertraut. Und das ist selbst dann schon eine Menge, wenn man nur die 26 Jahre nimmt, die dieser Band reflektiert – ergänzt um einen Text, den Volker Braun in Wiepersdorf 1989 schrieb als Prolog der Spielzeiteröffnung am Deutschen Theater. Einer besonderen Spielzeit, wie wir wissen, und der Beginn einer neuen Zeit, die am 11. Oktober 1989 schon spürbar war.

    Sicher würde sich auch ein Gedichtband zur Zeit davor lohnen, seit dem Jahr 1946, als das Schloss offiziell zu einem ruhigen Arbeits- und Erholungsort für Schriftsteller wurde. Legendär sind die Gedichte Sarah Kirschs, die in Wiepersdorf entstanden, Gedichte, auf die sich so manch Späterer bezieht. Die aber auch von Dingen erzählen, die man heute nicht mehr erleben kann – dem Dröhnen der Panzer etwa und den bei nächtlichen Manövern zu Tode gekommenen Soldaten aus der nahen Kaserne der Sowjetarmee, vom größtenteils gesperrten Wald- und Manövergebiet.

    Es war lauter als in jenen Jahren nach 1992, als sich nun nicht nur Schriftsteller/-innen aus Deutschland, sondern auch aus anderen Ländern um einen Aufenthalt in Wiepersdorf bewerben konnten und auch Wissenschaftler und bildende Künstler hier die Ruhe suchen konnten, die es in den lauten Städten unserer Zeit nicht mehr gibt. Eine vielschichtige Ruhe, die auch mit dem weiten Abstand zur nächsten Stadt oder dem Bahnhof Jüterbog zu tun hat.

    Wer hier für ein paar Wochen logiert, der ist wirklich raus aus dem täglichen Getriebe, der ist sogar in Not. Denn auch Autor/-innen kennen das so in der Regel nicht, dass der Tag ganz ihnen gehört, auch ohne Chance der Flucht. Wobei natürlich jeder fliehen kann, wenn er oder sie das nicht aushält. Denn eigentlich ist es die Idealsituation, die sich Schreibende und Schaffende wünschen – und die sie trotzdem fürchten. Denn auch sie begegnen dabei ihren eigenen Gedanken. Und das ist schwer auszuhalten, wenn im Kopf das wütet, was Künstler zu Künstlern macht: das nimmerruhende Muss.

    Die meisten der hier versammelten 25 Autor/-innen erwähnen es nicht einmal. Und beim ersten Durchlesen erzählen die Texte nun einmal zuerst von dieser Stille, dem Schlossteich, dem Park und dem Friedhof, wo man die Gräber von Bettina und Achim findet, daneben den jüdischen Friedhof. Viele erwandern sich die Landschaft, entdecken die Wälder, die Vögel, die Kirchen in den Dörfern und Dörfchen, den Gärtner und den Kater. Aber es ist eben auch nicht zu überlesen, wie in ihnen der Schöpfergeist rumort und die Pflicht tobt: Du musst doch jetzt was schreiben! Und sei es mit dem falschen Kugelschreiber auf der Bank, während die anderen alle so kopfbeschäftigt durch die Landschaft laufen.

    „Die Wandelnden / hier in diesem Park / sind Arbeitswandler / lustvoll arbeitswandeln sie auf ihre Stuben / und schreiben“, schreibt Gabriele Schmelz 1998. Vielleicht schreiben sie auch nur über die Statuen im Park, jede immer wieder neu. Es klingt so poetisch, wenn man die griechische Mythologie so halb draufhat. Dabei standen die Statuen zu Bettinas und Achims Zeit noch gar nicht. Auch wenn viele dann versuchen, sich das Leben der zwei Berühmten irgendwie vorzustellen und anzuverwandeln. Was eher am besten gelingt, wenn man wie Richard Pietraß in „Der Sturm“ einfach aufmerksam ist, wie nah man hier – weitab von den Städten – den Elementen wieder ist.

    Die toben zwar immer. Aber wo es eh schon laut ist, stören sie nicht. Hier aber wird der eh schon Kopfarbeitende aus der Konzentration gerissen. Hier ist ein Sturm noch eine Störung, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht: „Gaffende von trockner Warte / Paffende mit Tintenhand …“

    Da schreibe mal einer weiter, wo er aus aller Konzentration gerissen ist. Und das ist das wohl Beeindruckendste an diesen Gedichten: Wie es die Wortarbeiter verstört, dass hier das städtische Rauschen fehlt und selbst der Kauz einen nächtelang beschäftigen kann, etwa in Sabine Schiffners „Schlossgedichte“: „der abend kam mit schwarzen / kreisen vor dem einschlafen / ein käuzchen ist mit / schreiend um das schloss geflogen“.

    Zuweilen hat man das Gefühl, es ist derselbe Kauz, der bei verschiedenen Autoren in verschiedenen Jahren um Aufmerksamkeit heischt. Aber auch: Es ist seltsam still in diesen Gedichten. Keine Spur mehr selbst vom Vogellärm, der bei Sarah Kirsch noch zu hören ist. „die leeren felder / werden dampfend geschoren / es gibt keine tiere die sich noch / aus ihren verstecken wagen“, registriert Anja Kampmann 2015. Andere sehen den Verfall des Dorfes, denn auch hier ziehen die Menschen weg. In so einer Stille wird selbst ein Landregen zum Ereignis wie 2002 bei Christiane Schulz: „Säuft ab das Land / säuft ab im Regen / im Sintflutregen in der Sintflut selbst …“

    Eben noch diese „Sintflut“ von 2002 (die zumindest an der Elbe zum großen Drama wurde), und dann wenige Jahre später die dürren Sommer, wie Reinhard Krehl 2018 einen beschreibt: „aus knisternden Wäldern / schleudern unsichtbare kohorten / pulverdampf …“ Der Pulverdampf erweist sich ein paar Verszeilen später eher als die Staubfahnen „anrückender autokolonnen“ und „blütenstaub“. Denn Militär ist hier keines mehr stationiert. Vielleicht war es eines der regelmäßigen Kulturereignisse, die in Wiepersdorf auch stattfinden, zu denen die Gäste natürlich von weither kommen. Eine turbulente Störung in der Stille.

    Dichter sind auch Seismographen. Sie reagieren auf jede Störung, die andere Leute nicht mal bemerkt hätten. Denn ihr Sensorium ist hellwach, nur die wenigsten halten es aus, gar nichts zu tun und die Auszeit einfach wirklich zum Herumlümmeln zu nutzen. Denn hier drängt zwar kein Chef. Den Chef haben die Dichter selbst im Kopf, einen ungnädigen zumeist, denn wer das Schreiben ernsthaft betreibt, muss sich kümmern und dranbleiben. Jeder ungenutzte Tag schlägt aufs schlechte Gewissen. Und jede Störung wird selbst im Text zu einem Alibi, wie in „In Klausur“ von Christiane Schulz: „Karg ist die Zelle / Auftritt das große Düdelütt …“ Schon wieder abgelenkt. Die lebendige Welt drängt sich wieder ins karge Zimmer.

    Dass das mal anders war, weiß zumindest Ralph Grüneberger, der sich 1997 sehr wohl noch daran erinnerte, dass hier mal ein andere Lärm in den Lüften war: „Der jagdfliegerlose Himmel / Liegt unverletzt über dem Tag.“

    Eigentlich Grund genug, froh zu sein. Und all die schriftstellerischen Arbeiten, die sich dann nicht mit Wiepersdorf, Schloss und Friedhof beschäftigt haben, findet man ja nicht in diesem Band. Die werden, wenn diese Wochen in der selbst gewählten Abgeschiedenheit nutzbringend waren, als Bücher erschienen sein. Vielleicht sogar viel und gern gelesen, ohne dass ihre Herkunft aus der Stille von Wiepersdorf erkennbar wäre.

    Der Ort wird erst sichtbar, wenn die so fleißig Arbeitenden abgelenkt werden und sich das Sensorium eingestellt hat auf diesen Ort mit seinen völlig anderen Geräuschpegeln und den anderen Signalen aus der Welt vorm Fenster.

    Fundstück bei Youtube: Bettina von Arnim

    Katja Stahl nutzt die Auswahl, um sich anhand der Texte ihre eigenen Gedanken zu machen über den Dichter und seinen Ort. Und was sie als Vermutung äußert, dass ein Aufenthalt an so einem Ort beflügeln müsste, wird wohl auch zutreffen. Aber das darf man wohl nicht nur auf die Texte beziehen, die sich direkt mit diesem Ort beschäftigen. Viele zeigen die Dichtenden genauso gedankenschwer und wortversunken wie ihre Texte über andere Orte, die sie schweren Kopfes durchwandert haben.

    Und auch die Begegnung mit diesem authentischen Bettina-und-Achim-Ort ist so seltsam nicht. Denn die, die das thematisch aufgreifen, haben ganz und gar keine romantische Beziehung zu diesen beiden Berühmtheiten der Romantik. Es ist ein Trugschluss, dass das so abgenutzte Wort romantisch noch mit der Romantik selbst assoziiert wird – jedenfalls nicht der tatsächlich stattgefundenen. Dazu wissen auch die Schreibenden zu viel über das, was etwa Bettina und Achim von Arnim geschrieben haben. Da kann die „Werbung“ machen, was sie will: Hier hat sie nichts zu sagen, weil sie nichts weiß und weil sie mit Inhalten und Leben nichts zu tun hat.

    Auch wenn einem durchaus an diesen stillen Tagen im Fläming melancholisch werden kann, so melancholisch, wie manche dieser Gedichte, die sich beim genaueren Lesen als erstaunlich geschäftig entpuppen. Da wünschen sich die Dichter und Dichterinnen mal einen ruhigen Ort zum Ausspannen – und dann können sie doch nicht anders. Die Gedanken rumoren weiter, das Pflichtgefühl klopft an Türen und Fenster.

    Wer aufmerksam liest, merkt, dass das Leben der Dichter/-innen ganz und gar nicht so geruhsam und verträumt ist, wie es einem manchmal erzählt wird. Im Gegenteil. Jede Störung reißt sie aus der Arbeit, egal, ob eine Fledermaus am Fenster oder eine einzige letzte Fliege, die Frösche im Teich, der Bussard oder der Eichelhäher im Park. Es gibt was zu sehen.

    Und keiner stört einen dabei, wenn man mal tatenlos einfach in die Landschaft schaut. Dazu sind solche Einrichtungen wie Schloss Wiepersdorf letztlich da – mitten in stiller Landschaft. Und nicht an den lärmenden Plätzen der Großstadt. „Beeindruckend für die Autoren waren offensichtlich die Landschaft und die Dörfer, die Abgeschiedenheit und die Ruhe“, schreibt Katja Stahl.

    Aber vielleicht sind nur wir beeindruckt, weil wir so selten rauskommen und kein Schloss (bzw. Gutshaus) haben, auf das wir mal flüchten können, nur um mal wieder geerdet zu werden. Dichter wissen das noch. Deswegen sind die Stipendien so begehrt und geht die Geschichte von Schloss Wiepersdorf weiter. Es gibt viel zu wenige Schlösser, die für diesen erholsamen Zweck bereitstehen.

    Auch weil es Parlamenten so schwer beizubringen ist, wie kostbar eine Zeit der Stille ist und der ungestörten Kargheit. Das entspricht so gar nicht dem Ideal unserer „Werbung“, die gerade das verteufelt, denn es sieht so nutzlos aus, so unverwertbar, so faul. Der Leistungssport in unseren Köpfen ist allgegenwärtig, der Lärm der Leistungsträger sowieso. Zeit ist Geld!?

    Nicht wirklich. Zeit ist das, was wie erleben, wenn wir den Lärm einmal nur ausschalten können und – auch ohne Achim – durch eine Landschaft laufen, die gar nichts von uns will. In diesem Fall eine Landschaft aus Gedichten in einem Sammelband, der auch allen, die nie nach Wiepersdorf eingeladen werden, einen Eindruck gibt von diesem meistens recht stillen Ort irgendwo zwischen Leipzig und Berlin.

    Katja Stahl Mit Arnim spazieren, Wallstein Verlag, Göttingen 2021, 14,90 Euro.

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