9.5 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

nichts ist besser: Viktor Kalinkes Gedichte über das Reisen durch Liebe, Stille und die Überraschungen des Nichts

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Viktor Kalinke ist nicht nur Verleger, Psychologe, Mathematiker und Professor, er ist selbst auch Dichter. Und die Reihe „Neue Lyrik“ im Leipziger Literaturverlag begann er vor Jahren einmal mit einem eigenen Gedichtband „Indianer im karierten Hemd“. Und er hat seitdem nicht aufgehört, Gedichte zu schreiben. Gedichte, die spüren lassen, dass ernsthafte Lyriker auch immer nachdenkliche Philosophen sind.

    Auch wenn er am Ende dieser neuen Auswahl eigener Gedichte auch ein paar spielerische Texte einstreut, die den Lesern einreden wollen, Poesie sei keine Lebensform, Poesie spiele nur mit Wörtern.Natürlich ist Poesie eine Lebensform. Der ganze neue Gedichtband beweist es. Und das extra für den Titel zitierte Gedicht „nichts ist besser“ sowieso. Darin geht es um den bekloppten Absolutheitsanspruch unserer Gesellschaft, die sich „nie genügen“ kann (wie auch Konstantin Wecker in seinen wilden Zeiten sang), immer alles „und noch viel mehr“ will und mental regelrecht besessen ist von der Radikalisierung in Alles oder Nichts.

    Genau die Haltung, die unsere Welt gerade in einen Schrotthaufen verwandelt. Die Leute, die so leben, handeln, reden und wirtschaften, merken es ganz unübersehbar nicht mehr, wie sie damit eine aufregend vielfältige Welt systematisch in eine Wüste verwandeln. Was eigentlich dann schon in einem scheinbar so simplen und philosophischen Vers steckt: „aus nichts kann alles / erwachsen : alles kann nur / weniger werden“.

    Was möglicherweise auch schon auf simpelste Weise erklärt, warum so viele Menschen heutzutage deprimiert, abgefuckt und zutiefst verbittert sind. Und auch sarkastisch bis zur Schuhsohle, so nach dem Motto: Ist doch eh egal, ob diese Welt noch zu retten ist.

    Natürlich ist Kalinkes Buch keine Auseinandersetzung mit diesen Leuten. Denn sie stehen ja gerade für das komplett Nicht-Poetische in unserer Welt, die völlige Unfähigkeit, sich zu bescheiden, bescheiden zu sein oder gar zu staunen. Wer immer nur alles haben will und rücksichtslos danach strebt, endet natürlich auch im Kopf wie König Tantalos: Das Begehrte wird unerreichbar.

    Und je mehr man sich sehnt und bemüht – es entschwindet immer hartnäckiger. Aber wer macht das unseren Gierigen und Unersättlichen klar, wo sie doch das Sich-Bescheiden für eine Tugend der Armen und knapp Gehaltenen halten und ihre ganze „Würde“ genau daraus ziehen, dass sie es den nicht so Rücksichtslosen zeigen wollen mit Protz und Prunk?

    Sie merken schon: Über diese Scrooges kann man nur Satiren schreiben. Keine Gedichte.

    Denn Gedichte entdeckt man nur, wenn man sich selbst herausnehmen kann, zurücknehmen und schauen und wahrnehmen und staunen, was einem da passiert im Leben. Deswegen findet man in diesem Band neben vielen Reisegedichten, die eigentlich beschreiben, wie einer in seinem Kopf reist, wenn es ihn mal nach London, Zagreb oder Siebenbürgen verschlägt, auch viele Gedichte jener durchwachsenen Lebensreise, die wir erleben, wenn wir uns auf Menschen einlassen.

    Frauen in diesem Fall, wobei man am Ende nicht so richtig weiß, ob man hätte mitzählen sollen, weil hier neue Annäherungen gleich von neuen Brüchen gefolgt werden. Ist hier ein Casanova am Werk, der mit jeder neuen Liebe lernt, dass auch die Verletzungen zum Leben und zum Lernen gehören? Oder ist hier einer nur aufmerksam genug, auch wahrzunehmen, dass selbst die schönste Partnerschaft ihre Höhen und Tiefen, Konflikte und Gegensätzlichkeiten kennt?

    Jedenfalls verklärt Kalinke die Frauen nicht, sondern gesteht ihnen durchaus zu, dass sie keine braven folgsamen Gretchen sind und auch kein Blumenbouquet, mit dem Mann sich schmückt, sondern echte Menschen mit eigenem Kopf, eigenen Ansprüchen, Forderungen, Erwartungen und auch mal knallharten Ansagen. Und das kann wehtun oder aus der Bahn schleudern.

    Oder genau hineinversetzen in diese jähen Momente der Stille, in denen man gar nicht anders kann, als sich selbst ins Gesicht zu sehen und keine Antwort zu wissen. Und sich das auch einzugestehen, weil das nun mal das Leben ist, dessen Rätselhaftigkeit sich erst richtig entfaltet, wenn man sich ihm aussetzt als Zuschauer.

    Egal wo, ob am Seeufer, in der Bahn, beim Betrachten des Flusses an der Wasserscheide oder der Eisschollen auf der Elbe. Und in den Bergen erkennt der Schauende auf einmal, dass die Einsamkeit bevölkert ist – von Städtern, die in der Einsamkeit die Langeweile suchen.

    Und damit wohl auch mit der Stille verwechseln, dem Zu-sich-selbst-Kommen. Was eben auch damit zu tun hat, dass man sich selbst erlebt als ziemlich kleines Stäubchen: „Eremit bin ich“, schreibt Kalinke über eine solche nächtliche Erfahrung in einem Dorf in Cinque Terre. Und endet mit: „bei sich : nur bei sich“.

    Man merkt schon: Er mag diesen Doppelpunkt, der immer verheißt: Der Gedankengang geht weiter. Das ist und war noch nicht das letzte Wort, auch wenn es wie eine Pointe klingt, ein logischer Gedankenschluss, nachdem der Dichter einmal durch die Gedanken spaziert ist, die ihm jetzt gerade einfielen. Egal, wo, egal, in welcher Situation, etwa einer von diesen so deprimierenden Momenten, wenn man mal wieder verlassen wurde: „ich lass mich verlassen : lasse die Lässigkeit / laufen …“

    Auch wenn ich das eher für ein Mutmachergedicht halte. Denn so leicht treibt man anderen nicht zu, auch wenn man sich treiben lässt. Und dass man verlassen wurde, heißt ja nicht, dass man das gelassen nimmt. Auch dann nicht, wenn man sich sagt: Das Leben geht weiter. Da warten noch andere Abenteuer.

    Was zum Teil natürlich stimmt: Man muss nur in den nächsten Zug steigen und sich auf Neues einlassen. Wer nicht alles für absolut nimmt, entdeckt das Überraschende auch im Wenigen und im Nichts. Wohl wissend, dass einen sowieso immer noch etwas anderes treibt: die Kindheit. „die Kindheit heizt uns kräftig ein (…) im Keller stapeln sich Dämmerungen“.

    Die meisten Gedichte lesen sich wie Tagebucheinträge. Das, was einem auf Reisen so einfiel und auffiel unterwegs, in den Momenten, wo einer mit sich allein war und rekapitiulieren konnte. So entsteht Poesie, diktiert eben nicht von einem Diktator, sondern von den eigenen schweifenden Gedanken, die mal wieder über Seltsames und Bemerkenswertes gestolpert sind beim Herumschweifen.

    Vielleicht ist nicht jeder Tag Poesie und auch nicht jede Nacht mit der Geliebten. Aber wer so das Gefundene niederschreibt, hält sie fest, diese Hintergrundmusik unseres Lebens, wenn wir es nicht mit lauter Blödsinn vollgestopft haben. Oder einer von diesen „unglücklichen Reichen“ sind: „Geld macht mich vergessen : wo ich bin“.

    Denn zum Aufmerksamsein braucht man die Stille und das Wissen darum, dass man von allem immer nur ganz weniges wirklich haben und erleben kann. Mehr als genug, um mit jedem neuen Gedicht wieder zu versuchen, das Ungreifbare irgendwie wenigstens mit ein paar Worten einzufangen. Und manchmal klappt das ja auch. Und führt zu kleinen Einsichten oder schönen Wendungen oder Entspannungen.

    Manchmal geht es wirklich nur um Brot und Milch und die Einsicht, dass man sich wenigstens manchmal nicht sorgen muss. Oder bangen, was die ewig selbsternannten Richter nun wieder an Strafen verhängen: „siehst du : so / groß ist unsere Nächstenliebe / bis ins kleinste Jota / folgt sie dem Gesetz : sitz / deine Reststrafe ab / die Gott in der Akte vermerkt hat …“

    So ticken ja wirklich viele Leute und so machen sie einem ein schlechtes Gewissen, als hätten wir irgendwem gegenüber immerfort eine Schuld. So – einfach mal umgestülpt – funktioniert ja ein gut Teil unserer Welt: als verordnete Scham. Auf dass keiner sich unschuldig fühle. Wo kämen wir da hin?

    Vielleicht in eine als poetisch und damit letztlich unfassbar wahrgenommene Welt, die uns weder gehört noch nicht gehört. Denn wir sind in ihr, durchaus in der Lage, uns einfach verblüfft hinzugeben: „was den Dichtern / misslingt : ist für alle verloren“.

    Denn sie sind es, die am genauesten erzählen können davon, wie wir uns selbst begegnen in einem großen Dingsbums, in dem wir uns manchmal furchtbar einsam fühlen und furchtbar bedürftig, gepflegt zu werden: „wenn du mich / gut betreust : zeige ich / gute Manieren“. Das klingt, als hätte er schon brav die Pantoffeln an, bevor er im nächsten Moment eigentlich das Gegenteil sagt: „sieh mal / in den Spiegel : du hälst dich mir vor / Falle : wir entkommen nicht / keiner nicht : alle …“

    Unüberwindliche Schluchten, unendliche Weiten. Aber wahrscheinlich ist es wirklich so: Wirklich nah kommen wir uns ernst, wenn wir merken, dass Abgründe zwischen uns sind und wir manchmal lieber aufhören sollten, immer recht haben zu wollen. Wem gegenüber auch? Leben ist eine Reise. Und manchmal berühren wir uns. Und merken: Es gibt was zu entdecken. Genau da, wo vorher nur nichts war. Oder Nacht. Oder Schweigen.

    Eben Gedichte wie Tagebucheinträge. Die beim Rückwärtsblättern überraschen. Weil ja doch immer was passiert ist. „Gedichte / fangen an : wo Kommunikation aufhört“.

    Viktor Kalinke nichts ist besser, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2021, 16,95 Euro.

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache

    Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten alle Artikel der letzten Jahre auf L-IZ.de zu entdecken. Über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall.

    Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

    Vielen Dank dafür.

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige