Wird das noch ein Roman? Kann das noch ein Roman werden? Da passiert doch gar nichts im Leben von Matthias Bode, der in der beschaulichen Universitätsstadt Göttingen seiner Arbeit nachgeht, Schicht um Schicht ableistet, auch wie selbstverständlich die Feiertage und Sonntage der Kolleg/-innen übernimmt. Aber gerade deshalb ist Maximilian Zechs erster Roman eine Geschichte, die typisch ist für unsere Zeit – eine Geschichte der stillen Angst, das eigene Leben zu leben. Und eine zutiefst ostdeutsche Geschichte.

Oder doch eine deutsch-deutsche? Diese jungen Autoren machen einen ja nachdenklich. Nicht deshalb, weil sie die Verstörungen ihres eigenen Lebens versuchen in ernsthafte Geschichten zu packen. Auch nicht, weil die Traurigkeit in diesen Geschichten so unübersehbar ist. Sondern weil sie augenscheinlich etwas zu fassen versuchen, was die Älteren so grimmig wegzureden versuchen. Man könnte es das „Schweigen der Eltern“ nennen.Was da ab 1990 passiert ist, hat viel mehr verschoben, zertrümmert und zerrissen, als es sich selbst die üblichen sozialwissenschaftlichen Forscher eingestehen möchten, die immerfort versuchen, die Menschen in Dimensionen zu erfassen, obwohl doch jeder weiß, dass es eigentlich immer um Dinge wie Vertrauen, Nähe, Liebe, Geborgenheit geht. Das, was die einen lederhosig „Heimat“ nennen, obwohl es damit wenig zu tun hat.

Dafür viel mit dem Kosmos, in dem junge Menschen heranwachsen, in dem sie Orientierung bekommen und Vertrauen fürs Leben. Was mit Selbst-Vertrauen zu tun hat. Denn nur wer gelernt hat, sich selbst etwas zuzutrauen, wird sein eigenes Leben in die Hand nehmen, gestalten und das verwirklichen, was in ihm schlummert. Oder in ihr.

Wie wir prächtig funktionieren

Denn das ist ein Kern dieser Geschichte, nachdem dieser junge Assistenzarzt Matthias Bode durch den vermeidbaren Tod einer seiner Patientinnen in eine tiefe Krise stürzt. „Burn Out“, vermutet sein Vorgesetzter, als er von heute auf morgen ankündigt, eine Auszeit nehmen zu müssen, weil er endlich zulässt zu wissen, dass er leidet und selber Heilung braucht.

Dabei nimmt er – auf recht impulsive Art – auch mit seiner einstigen Geliebten Maja Kontakt auf, die ihn damals nach dem gemeinsamen Medizinstudium in Göttingen auch deshalb verlassen hat, weil sie ihr Leben ändern wollte, etwas Neues beginnen, irgendwo anders – in diesem Fall Hamburg. Während Matthias da blieb, sogar in derselben Wohnung, eingerichtet mit den Möbeln und Büchern seines Kinderzimmers.

Dass da etwas aus seiner Kindheit auf ihm lastet, ahnt man erst später. Wie gesagt: Scheinbar will dieser Roman gar nicht losgehen. Scheinbar ist gar nichts los und alles in Ordnung auf den vielen ersten Seiten des Buches, die gar nicht langweilig sind. Denn dieser Matthias ist ein aufmerksamer Beobachter, beschreibt die Stadt, seine Arbeit, seine Gedanken sehr genau.

Aber man merkt schon: Er ist tatsächlich nur Beobachter, sieht das Leben der anderen Menschen ein wenig von oben herab aus dem Fenster seiner Wohnung. Er gibt sich professionell, hört zu, gibt seinen Patienten tatsächlich das Gefühl, dass er ihre Erzählungen ernst nimmt. Er versteht seine Arbeit tatsächlich als menschliche Fürsorge, auch wenn er sich immer wieder ermahnt, nicht aus der distanzierten Rolle des Arztes zu fallen.

Was uns nicht berührt …

Wie sehr ihn dann der Tod seiner Patientin erschüttert, ahnt man erst gar nicht. Es ist passiert. Er geht mit einer weißen Rose auf den Friedhof, macht sich jede Menge Gedanken über die dortige Gräberreihe der Göttinger Nobelpreisträger.

So gehen wahrscheinlich viele, sehr viele von uns mit all den Dingen um, die uns berühren und erschüttern. Wir lassen sie nicht an uns herankommen, funktionieren, spulen unseren Alltag ab wie die Rädchen und verdrängen dabei, dass wir in diesem antrainierten Funktionieren vergessen, unser eigenes Leben zu leben.

Oder das Leben, das wir uns eigentlich wünschen. Vielleicht ist es die erste Erschütterung, als dieser letztlich sehr verloren wirkende junge Arzt in der Kneipe landet, von einer Kollegin beim Rendezvous versetzt, und sich den Monolog eines älteren Gastes anhört, der dann auch noch Ranke heißt.

Die Namen, die Zech in diesem Buch setzt, sind keine Zeichen für Spätromantik, sondern für das, was in der Spätromantik tragendes Motiv war: Weltverlorenheit. Die auch immer Selbst-Verlorenheit ist.

Die Frage ist nur: Wo und wann hat er sich selbst verloren?

Das erfahren wir spät. Da hat dieser junge Man schon seine Tasche gepackt, seinen alten Golf angeworfen und ist losgefahren, um sich den alten Wunsch zu erfüllen, einmal auf der Autobahn durchzufahren von Göttingen bis Messina. Nur das Auto spielt nicht mit. In Bamberg ist Schluss.

Auf der Straße nach Messina

Im Grunde hat Maximilian Zech sein Buch wie ein großes Gedicht komponiert. Er weiß, dass sein Held keine Weltreise machen muss und eigentlich auch keinen Roadtrip, um den Faden zu sich selbst zu suchen. Es wird trotzdem ein fragmentarischer Roadtrip, auf dem sein Held nicht da landet, wo er eigentlich hinwollte. Denn meistens findet man sich nicht, wenn man wegfährt, wohin auch immer.

Und wenn man wegfährt, findet man nicht, was man eigentlich sucht. Und findet trotzdem was, weil natürlich der Blick fokussiert auf das, was einen wirklich bewegt, umtreibt und (un-)glücklich macht. So wie in der letztlichen Nicht-Begegnung des jungen Arztes mit der Frau, die genauso wie er sehnsuchtsvoll auf den Kinderwagen einer gerade glücklich verheirateten Braut starrt.

Die Flucht aus den Abläufen in Göttingen wird ganz unübersehbar zu einer Reise in die verlorenen Bruchstücke einer Kindheit, die diesen jungen Arzt nicht wirklich losgelassen und auch nicht ins Leben entlassen hat. Das wird noch viel klarer, als er dann am südlichsten Zipfel Bayerns auch noch das Grab seines Großvaters sucht und auf einen Pfarrer trifft, der nicht nur zuhört, sondern auch einen Teil seiner Biografie teilt: Beide kommen aus dem Osten, sogar fast aus derselben Gegend um Magdeburg.

Es überrascht nicht, dass dieser Matthias Bode jetzt den Mut findet (er schiebt es dem Alkohol in die Schuhe), mit Maja wieder Kontakt aufzunehmen, die ihm tatsächlich zu Hilfe eilt und ihm – mit anderen Worten – eigentlich dasselbe sagt wie der Pfarrer da unten in der kleinen Kirche: Du bist noch immer das Kind. Du hast dein Kinderzimmer nie verlassen.

Wir funktionieren doch …

Und so langsam begreift er selbst, warum das so ist, warum er auch im wahrsten Sinne des Wortes nie nach Hause zurückgekehrt ist. Denn seine Mutter ist mit 42 Jahren früh verstorben. Auch so ein sinnloser Tod: Sie wollte lieber die Schmerzen ertragen, als rechtzeitig zum Arzt gehen.

Doch wenn die Mütter sterben, zerreißen die wichtigsten Fäden, die uns mit uns selbst verbinden. Das können auch bemühte Väter nicht immer auffangen. Und unsere Gesellschaft ist nicht wirklich so, dass sie dabei hilfreich wäre.

Im Gegenteil: So fremd sind diesem Burschen die Gedanken des redegewaltigen Ranke zur freiwilligen Einsatzbereitschaft der ach so fleißigen Menschen nicht, die Arbeit und Geld zum Maßstab ihres Lebens gemacht haben. Aber morgens nicht aufstehen, um das Leben zu leben, sondern um zu arbeiten.

Verschlungen von einem Nützlichkeitsdenken, das all das, was Menschen tatsächlich glücklich und lebendig macht, ignoriert, abwertet und verdrängt. Da ist man dann – so wie dieser junge Assistenzarzt – gewaltig stolz darauf, dass man Tag für Tag funktioniert und auch noch anderen hilft.

Aber jenseits davon ist Stille. Eine große Leere. Und ein Gefühl, das dieser junge Bursche bei Friedrich Rückert wiedergefunden hat, in einer Gedichtzeile, die er ganz auf sich beziehen kann: „Ich bin der Welt abhandengekommen …“

Ein gewisser Heinrich von Marenholtz spielt da noch eine Rolle, ein richtig später Spätromantiker, den Zech ins 20. Jahrhundert platziert hat, wo er dann mit den Nazis anbandelte. Aber bis auf den fiktiven Gedichtband, den sein Held im Regal stehen hat, ist von diesem Marenholtz nichts geblieben. Das Schloss im fiktiven Dorf Marenholtz in der Nähe von Magdeburg ist eh verschwunden.

Ein alter Kumpel lebt noch da, den der Held dann ganz am Ende noch besucht, sich damit auch dem Ort seiner Kindheit stellt und einem Menschen, der ihn tatsächlich noch kannte als Jugendlicher. Der einen also nicht nach Äußerem bewertet. Aber auch Maja hat ihm gesagt: „Ich kenne dich.“

Der Schutzschild

Ein Satz, der ja die Schale berührt, der Schutzschild, hinter dem man sich gern versteckt, weil man – wie dieser Matthias Bode – glaubt, sich den anderen Menschen nicht zumuten zu dürfen. Es verschränken sich also die Vor-Geschichten. Auch wenn es keine Ost-West-Geschichte in diesem alten, platten Sinn geworden ist. Aber dieses Gefühl, aus der Welt geworfen, ihr gar abhandengekommen zu sein, scheinen etliche junge Autoren dieser Generation zu teilen.

Sie tragen zwar nicht mehr die Last, sich in irgendeiner Weise für die hingeschiedene DDR verantwortlich fühlen zu müssen. Auch Maximilian Zech ist erst 1988 geboren. Seine Eltern waren DDR-Flüchtlinge. In Göttingen hat er Geschichte und Deutsche Philologie studiert. Seit 2016 lebt er als Journalist in Leipzig. Aber auch so bekommt man die Zerrissenheit von Geschichte zu spüren.

Weglaufen gilt nicht. Denn am Ende gilt genau das, was dieser Matthias fast verzweifelt feststellt, als sein alter Golf bei der Abfahrt aus Marenholtz endgültig versagt: „Ich komme einfach nicht los.“

Das gilt für diese Generation genauso wie jede andere. Wir kommen von unseren Geschichten nicht los, auch wenn die großen Dummköpfe sie immerfort auf dem Müllhaufen entsorgen. Weder von der Geschichte unseres Landes, noch der eigenen.

Zeit der Entwurzelung

Man ahnt zumindest, dass dieser Held seine Trauerarbeit begonnen hat. So wie auch die Helden aus den so naheliegenden Romanen der fast Gleichaltrigen. Was einen staunen lässt. Aber wahrscheinlich ist es genau jetzt an der Zeit zu begreifen, dass auch die Kinder des Jahres Null ihren Packen zu tragen haben und Gefühle der Entwurzelung und des Verlorenseins erleben, die man ihnen gar nicht zugetraut hätte.

Denn die olle DDR haben sie ja nicht mehr erlebt. Aber sie haben die Zeit der Entwurzelung danach erlebt – vor allem über ihre Eltern, die sich in einer auf den Kopf gestülpten Welt völlig neu orientieren mussten und selbst oft nicht die Kraft hatten, ihren Kindern Halt zu geben.

Es steckt viel mehr Psychologie und Trauer in der Deutschen Einheit, als es die üblichen Einheitsfeierer auch nur fassen können. Die denken nämlich meist nur an sich, ihre Generation und ihre Wunden. Und glauben immer, die Jüngeren wären ungeschoren davongekommen.

Höchste Zeit also, darüber endlich zu schreiben. Denn darin stecken auch erste vorsichtige Antworten darauf, warum der Osten so in Schieflage geraten ist. Der ja nicht irgendwo in Sibirien liegt, sondern gleich hinter Harz und Elbe. Und vielleicht wird eine der Antworten auch lauten, dass es nicht nur den Jungen im Osten so geht, sondern auch den Jungen im Westen.

Was wir hier vielleicht nicht beantworten können, weil wir uns auf die Leipziger Autor/-innen konzentrieren. Aber so ein Verdacht liegt in der Luft, dass dieser alte, am Ende alkoholberauschte Ranke in der Kneipe in Göttingen recht haben könnte. Und wir alle beginnen müssen, unser eigenes Leben zu leben, sonst frisst uns nämlich die Maschine des täglichen Funktionierens auf. Und wir sind irgendwas, aber nicht das, was wir immer sein wollten im Leben – wir selbst.

Maximilian Zech Aus einer Zeit, Bucher Verlag, Hohenems, Vaduz, München und Zürich 2021, 21,80 Euro.

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