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Gelindes Grausen: Erich Loests couragiertes Tagebuch über die letzten drei Jahre

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    Am 24. Februar wäre Erich Loest 88 Jahre alt geworden. Doch am 12. September 2013 hat er seine Leipziger geschockt, als er sich bei einem Aufenthalt im Uniklinikum durch einen Fenstersturz das Leben nahm. Seine Leser kannten ihn nur als Kämpfer, als einen Mann, der sich nicht klein kriegen ließ und mit messerscharfen Texten bis zum Schluss immer wieder Stellung nahm.

    Er konnte noch Erdbeben auslösen in einem Alter, in dem andere Leute längst in der Dämmerung ihres Geistes versunken sind, sich in Pflegeheimen füttern lassen und das Fernsehprogramm des MDR für anspruchsvoll halten. Aber er hatte seine Leser auch schon darauf vorbereitet, dass es für ihn eine Bruchstelle gab. Vor dem Alter hatte er keine Angst. Aber vor dem Versagen des Körpers, vor Abhängigkeit und dem Verlust der Selbstbestimmung. Vor dem Verlust der Kreativität nicht ganz so sehr. Auch wenn er sich in seinem Tagebuch, das er seit 2008 führte, auch damit intensiv auseinandersetzte. Dessen erster Teil erschien 2011 im Steidl Verlag, der sein Hausverlag geworden war. „Man ist ja keine Achtzig mehr“ hieß der Band, der schon anklingen ließ, womit sich der nach wie vor rüstige Autor herumzuschlagen begann.

    Seine Kreativität hat er nicht wirklich eingebüßt. Auch in den Folgejahren schrieb er – neben dem Tagebuch – auch weiter Erzählungen, eine Neufassung seines Romans „Völkerschlachtdenkmal“ (als „Löwenstadt“) und immer wieder bissige Texte für die Zeitung, insbesondere die LVZ, zu der er sich ein inniges Verhältnis bewahrte. Er kämpfte auch weiter den Kampf um das Bild von Reinhard Minkewitz „Aufrecht stehen“, das er unbedingt in der Universität Leipzig sehen wollte. Acht Jahre lang führte er diesen Kampf und stieß dabei immer wieder auf zähen Widerstand, der sich am Ende zu fokussieren schien auf eine diffuse Abneigung gegen die beiden ehemaligen Professoren Hans Mayer und Ernst Bloch, die auf dem Bild neben den in DDR-Zeiten verfolgten Studenten zu sehen sind.Für Loest gehörten Bloch und Mayer, die in den 1950er Jahren von der Uni vertrieben wurden, unbedingt dazu. Das war die Zeit, die er selbst intensiv miterlebt hat. Er war ja genau in diesen Jahren selbst in die Mühlen des Staatsapparates geraten. 1957 war er wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ verhaftet und zu acht Jahre Zuchthaus verurteilt worden, von denen er dann fünfdreiviertel in Bautzen einsaß. Das prägte sein Leben und es prägte seine Haltung zum Staats- und Parteiapparat in der DDR. Und es versetzte ihn in die Lage, Bücher von einer Intensität zu schreiben über das Land und über sein Leipzig, die ihresgleichen suchen. Bis heute.

    Kompromisslose Bücher auch. Die feine Feder war nicht seine Sache. Wegducken auch nicht. Und das spürt der Leser auch in seinem zweiten Tagebuch, das Loest diesmal dem Mitteldeutschen Verlag überließ. Worüber man in Halle bis heute staunt. Zuvor waren dort alle seine älteren Titel gelandet, deren Rechte der Linden Verlag hält. Auch das ein kleines Erdbeben im Leben von Erich Loest, denn zwischenzeitlich hatte sein Werk ja im Plöttner Verlag eine kurze Betreuung gefunden – bis der Plöttner Verlag im Februar 2012 in die Insolvenz rutschte. Ein Vorgang, der mitten in dieses Tagebuch 2011 – 2013 fällt. Und das Loest dazu animiert, über diese krisengebeutelte Verlagsstadt Leipzig nachzudenken, die zuvor schon mit Faber & Faber einen wichtigen Belletristikverlag verloren hatte.

    Erich Loest hat sein Tagebuch nicht täglich geschrieben. Da war er gelassen. Er wollte seine Zeit reflektieren, aber er wollte sich nicht schinden. Und wenn ihm nichts Denkwürdiges auffiel, konnte er die Aufzeichnung auch schon mal ein paar Wochen ruhen lassen. Gern aber griff er wieder zur Tastatur, wenn eine neue Fehde ihn in den Bann zog, eine politische Diskussion, die er für wichtig hielt. Kurzzeitig zog ihn auch die OBM-Wahl 2013 in ihren Bann und das Versprechen des parteilosen Kandidaten Horst Wawrzynski, künftig auch die Bürgermeister per Ausschreibung und nicht nach Parteifarbe auszuwählen, fand er viel versprechend. Und war entsprechend enttäuscht, als Wawrzynski dann doch die Nähe der CDU suchte.

    Es ist viel Leipzig drin in diesem Tagebuch, die Stadt, die sich Loest als Lebensort für seine alten Tage ausgesucht hatte, und mit der er haderte – immer wieder kommt die Sehnsucht durch nach Bad Godesberg. Mit seiner Welterfahrung konnte er zumindest erahnen, wie sehr die Leipziger in ihrer Nabelschau verhaftet sind – und wie wenig sie tatsächlich auf der großen medialen Bühne wahrgenommen werden. Liegt es an den Leipzigern selbst? Oder liegt es an den Kreisen, die heute für diese Stadt maßgeblich sind?

    Da und dort nimmt Loest diese Provinzialität lustvoll aufs Korn. Sei es der in Leipzig nicht gefeierte Georg Büchner, sei es die seltsam platte Inszenierung des kommenden 1.000-Jahre-Jubiläums, sei es das Negieren von August Bebels 100. Todestag. Ein Punkt, an dem er richtig bissig werden kann, seine Leser wissen es. Denn seine Weltposition war im Grunde immer die eines überzeugten Sozialdemokraten, eines Arbeiters und Kleinen Mannes. Kleiner Mann natürlich groß geschrieben. Er kannte doch seine Leipziger, die da malochten und ihr Glück suchten auf Erden, die auch was werden wollten und verführbar waren. Nie schwebt Loest über den Dingen. Aber er wird – auch im Tagebuch – sauer, wenn einst Verantwortliche weiter mauern, schweigen, sich dem Diskurs verweigern.Überglücklich klingt er, wenn er sich genüsslich einen dicken Wälzer aus dem Regal zieht, neuere historische Werke zumeist, die sich mit den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts beschäftigen. Verwerfungen, die alle auch in Leipzig passierten und so Einlass in Loests Romane fanden. Er ist nimmersatt, was das Wissen um Zusammenhänge und Hintergründe betrifft. Und wird richtig bissig, wenn er die Hinterseer-Orgien des MDR beschreibt. Er will beim besten Willen nicht verstehen, wie man eine derartige Publikumsverdummung derart inszenieren kann. Das ist eine der Stellen, an denen Loest sich im Tagebuch gleich mal als genialer Stilist erweist – er schreibt kurzerhand eine Persiflage, in der er den ganzen Volksmusik-Klamauk als Inszenierung „Aus der Anstalt beschreibt“. Es gibt etliche Stücke in seinem Tagebuch, in denen er genüsslich den Stil von Schriftstellerkollegen persifliert – von Strittmatter bis Salinger.

    Aber er kommt auch immer wieder auf die großen Bruchstellen in seinem Leben zu sprechen, auf 1953, den Stalinismus und die nicht stattfindende Entstalinierung in der DDR. Da konnte er bis zuletzt heftig werden. Da wirkte er manchmal wie aus der Zeit gefallen. Auch mit seiner Vermutung, das Neue Forum und die SED hätten im Dezember 1989 einen Pakt geschlossen, der die Stasi opferte, um der SED ihr Vermögen zu bewahren. Und bärbeißig konnte er werden, wenn wieder einmal Gewandhauskapellmeister Kurt Masur als großer Held des Herbstes ’89 gefeiert wurde.

    Das Tagebuch zeigt einen hellwachen, lebenslustigen und launigen Autor, der auch um seinen Wert weiß. Ein bisschen Eitelkeit steckt auch drin, gepaart mit jener zunehmend präsenteren Angst, der Körper könnte nicht mehr mitspielen, irgendwann auf dem Weg zur 90 würde der Verfall so stark werden, dass ein selbstbestimmtes Leben nicht mehr möglich wäre. Noch konnte ihm seine Lebensgefährtin Linde Rotta helfen. Noch waren Reisen und Gespräche mit Freunden drin.

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    Gelindes Grausen
    Erich Loest, Mitteldeutscher Verlag 2014, 24,95 Euro

    Erst ein langer Krankenhausaufenthalt im Frühjahr 2013 brachte alles ins Rutschen. Und das Wetter in Leipzig war ja wie eine Rahmenhandlung dazu: ein elend langer Winter. Linde Rotta hat Loests Tagebuch in gewisser Weise zu Ende geschrieben. Auch auf seine Bitte hin hat sie aufgezeichnet, was ab dem 28. August geschah und wie sehr der Aufenthalt und die Behandlungen im Uniklinikum dem doch so Unermüdlichen zusetzten.

    Im Nachhinein konnte sie erst die kleinen Zeichen entschlüsseln, mit denen Loest ankündigte, dass er sich die Zeit des Verfalls nicht zumuten wollte. Am Ende steht ein fast neckisches „Bis die Tage, Erich!“

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