An der deutschen Rechtschreibung wurde in den vergangenen Jahren ja wie wild gebastelt - oft genug bis zur Unleserlichkeit. Aber wenn es um Transkriptionen geht, dann macht in Deutschland jeder Seins - ebenfalls bis zur Unlesbarkeit. Und so taucht eine nicht ganz unbekannte Dichterin wie Angelina Polonskaja auch schon mal als Anjelina Polonskaya oder - noch wilder - als Anzhelina Polonskaya auf. Die Arme. Dabei ist sie eine der besten aus dem heutigen Russland.

Die schräge Anzhelina-Schreibweise stammt aus der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart, wo die Dichterin von 2013 bis 2015 als Stipendiatin untergekommen ist. Ein Glücksfall für die Dichterin, die seit 2011 in Russland in Ungnade gefallen ist und dort kaum noch etwas veröffentlichen darf, weil sie das Libretto für das Oratorium “Kursk” des australischen Komponisten David Chishom geschrieben hat. Da reagierte der Kreml sehr, sehr ungnädig. Der dramatische Unfall auf dem U-Boot “Kursk” im Jahr 2000 ist bis heute eine Wunde im Selbstverständnis der Mächtigen im Kreml. Da wird auch eine begnadete Dichterin sehr schnell zur Dissidentin, wenn sie auch nur ihre Trauer und Betroffenheit auf die internationale Bühne bringt.

Denn eine Kritikerin der russischen Politik ist die 1969 Geborene ja eigentlich nicht, auch wenn sie leidet unter ihrem Land, seinen Lebensbedingungen und der sozialen Kälte, die das Leben in ihrem geliebten Russland rau, frostig und mitleidlos gemacht hat. Darüber hat sie schon länger geschrieben. Sieben Gedichtbände hat sie veröffentlicht, zwei wurden ins Englische übersetzt. In Deutschland war sie bislang nicht präsent außer in einigen Anthologien.

Das muss sich ändern, sagte sich Erich Ahrndt, der in den letzten Jahren mit einigen Neuübersetzungen wichtiger russischer Dichterinnen und Dichter aufgewartet hat. Nur aus der gegenwärtigen Autorengeneration hat er so eine Zusammenstellung noch nicht vorgelegt. Mit Angelina Polonskaja würdigt er eine der Besten aus dieser Zeit. Wer grimmige und kritische Texte wie bei Jewtuschenko oder Wyssotzki erwartet, wird vielleicht ein bisschen enttäuscht sein. Auch wenn der Ton ihrer Gedichte zuweilen an die beiden erinnert – aber an andere Große der russischen Lyrik natürlich auch. Denn sie alle kommen ja aus der selben Wiege und verleugnen ihre Wurzeln nicht – für Angelina Polonskaja ist es allen voran der 1938 in der stalinschen Verbannung gestorbene Dichter Ossip Mandelstam, dessen ungebärdiges Temperament auch in ihren Gedichten spürbar ist. Zwei Seelenverwandte. Man könnte auch Pasternak, Achmatowa und Zwetajewa nennen. Oder noch weiter zurückgehen, denn was frappiert an ihren Texten, ist diese ungebrochene, fast schnodderige russische Lust am Leben, die trotzige Liebe zu einer Heimat, die immer wieder als eine geschundene, verwüstete, eisig kalte erlebt wird.

Da müssen die Mächtigen nicht genannt werden, um die Tragik des Erlebten zu begreifen und in Bilder zu fassen. Ihr grimmiges Herrschen ist spürbar – in einer eisigen, trostlos gewordenen Landschaft. In einer zerrissenen Gesellschaft, die ihre Jahresringe wieder nach Kriegen zählt. Welcher Krieg ist es gerade, in den die jungen Soldaten verschwinden, mit denen man eben noch gescherzt und gesungen hat? Möglich, dass auch schon diese Töne die Mächtigen geärgert haben. Wie kann man ihnen nur vorwerfen, sie würden die Jugend verheizen in sinnlosen Kriegen, bloß um ihre Vorstellung von einem rabiaten und mächtigen Russland am Leben zu erhalten?

“Morgen wird eine andere Müdigkeit sein, / und ein anderer Krieg / wird unser letzter Krieg werden.” (Ein Tag).

Das nahmen sie ja schon Mandelstam übel. Der Riss hat sich nie geschlossen. Und er wird in den Gedichten immer neuer Generationen lesbar, die eines gelernt haben von ihren Vorgängern: Es ist schon der richtige Ton, wenn sie das Leiden der geliebten russischen Landschaft beschreiben. Das Bild ist so eindeutig: So leidet ein Land unter seinen gefühllos gewordenen Herrschern. Und mittendrin die gelebte Armut, die Kälte, die auch die menschlichen Beziehungen ergreift. So sehr, dass das Frieren nicht aufhört, dass im Herzen einer so nach Leben dürstenden Dichterin wie der Polonskaja nur noch Winter ist, Schnee, Eis, laublose Bäume. Eine verlässliche Liebe ist da nicht mehr lebbar.

Das ist dieses “Schwärzer als Weiß” aus dem Titelgedicht. Das auch von der Trauer erzählt, unter solchen Bedingungen den eigenen Hunger nach Liebe nicht leben zu können. Auch weil die Nähe kein Vertrauen mehr ergibt. “Und vorüber, mit Mienen wie Pantomimen: / Fremde, Sehende. / Und er sagte verlass mich nicht!/ Sagte es schon auf der Kehrseite des Seins …” (Noch etwas Stimme).

Und es sind die alten Fragen und Unbehaglichkeiten, die sich auftun, das selbe Unbehaustsein, wie es schon bei Demjan Bedny und Michail Bulgakow zu lesen war – Besdomny, der Unbehauste, das ist zumeist der Autor selbst. Als hätte sich nichts geändert. Als wären nicht 80 Jahre vergangen. Sind 80 Jahre vergangen? Nicht wirklich. Zumindest nicht für diese feinnervige Dichterin, die zwangsläufig wieder so ruhlos ist wie einst die Zwetajewa und die Achmatowa. Ausgetrieben, weil sie in das graue Kalkül der Allmächtigen nicht passt. “Und wir haben kein Haus. Diesseits nicht und jenseits nicht. / Wir vergessen uns selbst.” (Und wir haben kein Haus)

Es war tatsächlich höchste Zeit, dass diese Dichterin auch eine Übersetzung ins Deutsche bekam. In diesem Band als Auswahl ihrer Gedichte, die sie ihrer Mutter gewidmet hat, dem eigentlichen Angelpunkt ihres Lebens. In der sie sich aber auch voller Trauer spiegelt, denn mit grauen Haaren kündigt sich schon das Alter an. Was es noch schwieriger macht, auszuhalten, dass ein erfülltes Leben so nicht möglich war: “Jahre werden vergehen, und ich – die Lebendige, Leidenschaftliche, Schrille, / die alles und auf einmal zu geben Bereite, die nicht zu leben verstand (…) werde verschwunden sein.” (Poesie)

Nicht ganz natürlich, denn Dichten bleibt immer noch dieser blaue Vogel, der auf und davon fliegen kann, wenn der Winter das Land erstarren lässt: “Poesie ist, wie der blaue Vogel, das Beste, was mit einem geschehen kann.” (Poesie)

Es geht also weiter mit der großen, atemlosen und bedingungslosen russischen Poesie, die so offenen Herzens zeigt, warum man dieses Land und seine Bewohner lieben muss. Gerade weil der unbarmherzige Frost das Land in Erstarrung hält. Dann gibt es auch eine Antwort auf ihre so beiläufig gestellte Frage: “Ich müsste das Gedicht zu Ende schreiben, /  aber / für wen?” (Der Eispickel)

Angelina Polonskaja “Schwärzer als Weiß”, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2015, 19,95 Euro

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