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Reine Spannung in flotter Verehrung für Dan Brown: Im Feuer

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    Thriller ist nicht gleich Thriller. Das weiß jeder, der sich auf die entsprechenden Angaben der Verlage verlässt. Stephen King hat nicht viel mit Dan Brown zu tun. Wo der eine auf Horror und Entsetzen setzt, spricht der andere Spannung und unbändige Rätsellust an. Das Wort "Thrill" enthält alles. Aber Dan Brown sei hier nicht zufällig erwähnt. Der stand in diesem Fall sogar Pate. "Im Feuer" ist eine echte Hommage.

    Mal schauen, wie lange deutsche Verlage mit dem Wort „Thriller“ noch um sich werfen, ohne es zu spezifizieren. Wer Nervenkitzel und Ekstase sucht, den treibt nicht immer auch das Jagdfieber, die Lust darauf, die Spuren des Autors zu lesen und die Geschichte wie ein Detektiv zu erkunden. Auch wenn sie voller Spannung, atemlos werden kann, verrückt, ballaballa. Kein Problem, wenn zwei das erzählerische Handwerk beherrschen. Und Eva Lirot und Hughes Schlueter beherrschen es. Nicht nur auf die wackere deutsche Art mit ihren quälenden inneren Monologen und äußerlichen Sprachlosigkeiten. Die beiden, die als Autoren ebenso schon einzeln unterwegs waren, als auch in trauter Lirot & Schlueter-Partnerschaft, lassen ihre Leser spüren, dass sie schon mehr erlebt haben als den deutschen Mustopf. Die Begegnung mit der weiten Welt weitet den Horizont und verändert Maßstäbe. USA, Großbritannien, Kanada, Luxemburg, Frankreich … die beiden haben ein bisschen was gesehen von der Welt. Und das beflügelt auch ihren Stil. Der sauber ist, präzise, zuweilen herrlich britisch sarkastisch, oft genug amerikanisch knochentrocken.

    Sie schwallen nicht, sie legen los. Ihre Helden sind reinster Kintopp. Obwohl es sicher auch in der Realität so einen cleveren Dandy wie Roger und so eine toughe Freizeit-Detektivin wie Kim geben mag, auch so einen hirnverbrannten Milliardärssohn, der sich für einen Star hält wie dieser God Zylla, dem in der VIP-Lounge des Frankfurter Flughafens sein bestes Stück abhanden kommt: eine schweineteure Plastik eines weltberühmten Künstlers. (Den hier unten in den Wurzeln der Wirklichkeit natürlich keine Sau kennt. Aber so ist die Welt tatsächlich: Auch in der Kunst bestimmt der Geschmack einer völlig abgedrifteten Highsociety, was teuer ist – und was nicht. Aber solche kleinen Kritiken an einer Welt des schönen Scheins gibt es bei der wilden Jagd durch Frankfurt am Main immer wieder.)

    Immerhin ist auch Rogers Stiefmutter eine Person, die als Kunstmanagerin mit den ganz Reichen und Unverschämten zu tun hat. Auch mit einem dubiosen chinesischen Milliardär, der nichts anderes vor hat, als die berühmtesten Kunstwerke der westlichen Welt in einer spektakulären Aktion zu vernichten. Das ist das Feuer, das schon im Titel lodert. Und die Aktion läuft minutiös ab. Die Rache des schweinereichen Moguls an der westlichen Kultur soll mit einem großen Feuerzauber über die Kanäle gehen. Aber wie das so ist in guten Geschichten: Es gibt noch Menschen, die ihre Fehler machen und ihre Leidenschaften haben. Und alles nimmt an diesem so schön arrangierten Tag in der VIP-Lounge des Frankfurter Flughafens einen völlig anderen Verlauf. Und Lirot und Schlueter zeigen schon einmal hier, dass sie eine vielschichtige Dramaturgie lieben. Denn ab jetzt fliegt die Geschichte in mehrere Handlungsstränge auseinander.

    In kurzen Zwischenblenden erfährt der Leser, was die durchaus nicht gewöhnlichen Helden des Autorengespanns alle so anstellen. Plus eine weitere Figur, die unvermittelt auftaucht und – via Tagebuch – beginnt – eine ganz alte Geschichte zu erzählen, die in einer gottverlassenen Ecke der USA handelt und den Helden in etliche erschreckende, aber auch tragische Ereignisse verwickelt. Und nur wer aufmerksam ist beim Lesen (die beiden Autoren beherrschen die Kniffe des guten Detektivromans) bekommt frühzeitig mit, an welcher Stelle nun diese Geschichte in die anderen fünf (oder sind es sechs?) nebeneinader und miteinander laufenden Erzählstränge gehören könnte.

    Das Ganze ist sauber komponiert – als hätten Eva Lirot und Hughes Schlueter schon mal die Drehbuchvariante und die Verfilmung in einem amerikanischen Studio mitgedacht. Und die Szenen sind auch nicht wahllos gefügt. Im Gegenteil: Jede für sich bietet eigentlich genug Aufregung, die den Leser aus der Freude, jetzt die Auflösung der letzten Szene zu kennen, in die Verblüffung stürzt, schon wieder im nächsten Kuddelmuddel zu stecken. Deswegen benutzt der Verlag auch freudvoll das Wort „Pageturner“. Kann man so sehen. Muss man nicht. Es ist ein Thriller im besten amerikanischen Sinn – im Dan-Brown-Sinn. Oder Michael-Crichton-Sinn. Oder im Robert-Harris-Sinn. Um mal so ein bisschen die Welt anzudeuten, in der diese Art Thriller zu Hause sind, die alle ein bisschen abgedreht sind, auch etwas überdreht. Die den Leser aber nicht als Müllhalde für schlechte Alpträume betrachten, sondern als Genießer, der eine flotte Handlung, störrische Verwicklungen und die Lust am Lösen der Welträtsel zu schätzen weiß.

    Natürlich kommt am Ende alles zusammen. Auch wenn das durchaus nicht zwangsläufig so kommen muss, was der etwas lebensermüdete Tagebuchschreiber sogar auf fast philosophische Weise analysiert. Denn es ist nicht vorgegeben, dass Menschen in ihrem Leben nicht die falsche Abzweigung nehmen. Es ist auch nicht vorgegeben, dass sie es merken oder gar begreifen, dass sie manchmal den ganzen Weg zurück müssen auf Anfang, um ein völlig anderes Leben zu leben. Es ist also auch Futter für nachdenkliche Leser und Leserinnen drin, die auch der ein oder anderen Frage begegnen, der deutsche Autoren in der Regel meilenweit ausweichen. Oja, dieser Hang zum Elfenbeinturm, mit dem man zum Beispiel die Frage, ob man je den Mut gefunden hat, sein eigenes Leben am Schlafittchen zu packen, so schön umreden kann, umschiffen und umdenken.

    Davon also nichts. Dafür ein paar Überraschungen für alle Beteiligten. Auch ein paar Hopplas und einige Todesfälle (die nicht alle erklärlich sind, wenn man mal an den mysteriösen Tod des Prof. Bronner in Paris denkt). Und am Ende noch ein Moment, der Roger und Kim richtig sprachlos macht. Aber das haben sie ja auf ihrer Tour de Force durch Frankfurt schon gelernt: Hinter dem, was man glaubt, dass es die greifbare Wirklichkeit zu sein scheint, steckt in der Regel immer noch eine ganz andere Geschichte.

    Das Buch ist frisch. Die Autoren kommen zur Leipziger Buchmesse. Und haben sich einen Marathon vorgenommen.

    Erleben kann man sie:

    am 11. März um 18:00 Uhr zur Langen Leipziger Kriminacht im Café Waldi.

    am 13. März von 13:30 – 14:00 Uhr mit der Buchvorstellung „Drückermorde – Haustürgeschäfte, die böse ausgehen“ im Literaturforum Halle 4, Stand E101

    am 13. März um 20:00 Uhr zur Buchlesung „Im Feuer“ in der Weinhandlung Lindner, Könneritzstraße 46.

    am  13. März ab 20:15 Uhr zur fhl Kurzkriminacht (da wird Eva Lirot sich sputen müssen) im Shakunda im Stern, Karl-Liebknecht-Str. 102

    am 14. März ab 19:00 Uhr zur LVZ-Kriminacht: Aktuelle Bestseller der Kriminalliteratur. LVZ Kuppelhalle, Peterssteinweg 19, mit Eva Lirot

    am 14. März, 20 Uhr, Frankfurter KrimiNacht, Café Thomasgasse (ehem. Pascucci) mit Hughes Schlueter

    am  15. März von 12:00 – 12:30 Uhr bei der Vorstellung von „Sakrament des Todes“ im Literaturforum Halle 4, Stand E101

    Lirot & Schlueter „Im Feuer“, fhl Verlag, Leipzig 2015, 12 Euro

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