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11 Stunden Plädoyer für eine bessere Kontrolle der Verwendung unserer Steuergelder

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    Die L-IZ-Leser kennen Finanzrevisor Pfiffig alias Klaus Richard Grün mittlerweile auch als grimmigen Kommentator zu allen möglichen Themen. Bei ihm geht's immer ums Geld - und darum, wie öffentliche Instanzen damit umgehen. Sein Beruf hat ihn geprägt. Und auch im Ruhestand lässt ihn das Thema nicht los. Ist ja immerhin unser aller Geld.

    Seinen Job gelernt hat er in DDR-Zeiten, als praktisch alles knapp war. Mangelwirtschaft hieß aber auch, dass jede müde Mark kontrolliert wurde, jede Einrichtung auf den Pfennig genau abrechnen musste, ob das Geld – wie geplant – auch zweckentsprechend eingesetzt wurde. Dafür gab’s eine staatlich verankerte Finanzrevision und die Revisoren arbeiteten sich in wochenlanger Mühsal durch jede Rechnung, jede Quittung, jeden Buchhaltungsschnipsel in Volkseigenen Betrieben, Gastronomieeinrichtungen und Ferienheimen, in Betriebskantinen, Feierabendheimen und Rathäusern. So etwas prägt. Revisoren werden richtig krillig, wenn sie merken, dass Ein- und Ausgaben nicht in Deckung zu bringen sind, seltsame Posten auftauchen, deren Verwendungszweck nicht aufzuklären ist, oder gar – für die DDR ganz typisch – bei Verpflegung und Sachmitteln weniger verausgabt wurde als geplant. Wo war der Rest geblieben?

    2012 hat er aus seinem Leben als Finanzprüfer berichtet. In einem Buch, das die schöne Balance hielt zwischen Lehr- und Lesebuch. Ausführliche Passagen zur Funktionsweise des Prüfwesens in der DDR wechselten sich ab mit Erlebnisberichten aus der Praxis. Das waren manchmal lustige Anekdoten, manchmal auch richtige Geschichten aus dem Leben, wie man sie heute eher aus Gerichtsberichten kennt. Und vor Gericht sind einige der Leute gelandet, die der Autor und seine Kollegen aus der Leipziger Finanzinspektion beim Schummeln, Mausen, Beiseiteschaffen erwischt hatten. Das war damals mehr als nur ein einfaches Vermögensdelikt – das war ein Vergehen am Volkseigentum.

    Auch wenn das Volk, wie man weiß, 1990 feststellen musste, dass ihm vom ganzen Volkseigentum gar nichts gehörte.

    Das Misstrauen hat Finanzrevisor Pfiffig verinnerlicht. Denn wenn man 20 Jahre lang erlebt hat, wie schnell Menschen verführbar sind, wenn sie die Chance sehen, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern, dann hängt man dieses Misstrauen nicht einfach an den Nagel, bloß weil das Geld auf einmal ein anderes ist und auch das Prüfwesen ein anderes ist. Seine Enttäuschung über die Art, wie im wiedervereinigten Deutschland die Verwendung der Steuergelder kontrolliert wird, hat er nicht verhehlt in seinem Buch. Immerhin hat er auch danach noch über 20 Jahre in der kommunalen Finanzkontrolle gearbeitet, kann also beide Systeme vergleichen. Und es gärt in ihm auch so eine Wut – quasi als Bürger und Steuerzahler, der weiß, wieviel Schindluder oft genug mit dem Geld der Bürger getrieben wird. Es ist zwar deutlich mehr davon da. Aber nicht nur die Berichte der Rechnungshöfe sind voller Beispiele, die zeigen, wie schnell fehlende Kontrolle durch Verwaltung und Politik dazu führt, dass Gelder in dunklen Kanälen verschwinden.

    Dabei lassen sich die sehr punktuellen Untersuchungen der Rechnungshöfe nicht ansatzweise mit den umfassenden Prüfungen der Revisoren in DDR-Zeiten vergleichen, stellt Klaus Richard Grün mehrfach fest. Wissend, dass auch vor 1989 nicht alles koscher war, dass gerade leitende Funktionäre aus all den konkurrierenden staatlichen Organisationen sogar eine Menge Möglichkeiten hatten, Geld und Wertgegenstände beiseite zu schaffen. Er fragt in seinem Buch auch, warum ausgerechnet 1989 / 1990 mit regelrechter Systematik die Akten der Finanzrevisionen aus der Zeit von 1980 bis 1989 vernichtet wurden. Nur kärgliche Überreste fand er auf der Recherche für sein Buch noch im Sächsischen Staatsarchiv. Da sollte wohl das Volk nicht wirklich erfahren, wer sich da in fröhlichen Vorwendejahren schon seinen Anteil am Volksvermögen gesichert hatte und dabei ins Visier der Finanzprüfer geraten war.

    Man könnte fast eine Wette darüber abschließen, dass auch die Akten der Treuhand diesen Weg gehen werden, bevor ein Staatssekretär gnädig den ersten Journalisten erlaubt, in die Reste der brisanten Akten zu schauen.

    Natürlich breitet Klaus Richard Grün zu seiner Tätigkeit in der Zeit ab 1990 keine Fallbeispiele aus. Da beschränkt er sich vor allem auf die Kritik am mehr als dünnen bundesdeutschen Prüfungswesen und versucht dabei trotzdem deutlich zu machen, wie groß die Löcher darin sind und wie wenig Kontrolle die gewählten politischen Gremien über die richtige Verwendung der Gelder tatsächlich haben. Seine Forderung ist schon seit langem die Einführung eines unabhängigen staatlichen Prüfungswesens.

    Das klingt launig, wenn er erzählt. Denn alle seine Ausflüge spickt er mit Beispielen, die er mit trockenem Humor serviert und in der Regel mit kleiner Pointe, auch wenn er nicht immer weiß, ob die beim Schummeln Ertappten am Ende auch vor Gericht verurteilt wurden.

    Und weil er will, dass sich viel mehr Menschen mit dem Thema beschäftigen und selber anfangen, intensiver nach dem Umgang mit den hart erarbeiteten Steuergroschen zu fragen, hat er sein ganzes – seinerzeit im Engelsdorfer Verlag erschienenes – Buch im Thono Audio Verlag einlesen lassen. Die Mammutaufgabe hat sich der Sprecher Kai Schulz aufgeladen, der in der Nähe von Trier lebt, was die Sache noch etwas reizvoller macht, denn mit all den kleinen sächsischen Nestern um Leipzig, in denen der Autor einst als Prüfer unterwegs war, kennt er sich genausowenig aus wie mit dem Sprachgebrauch der DDR-Funktionäre. Das gibt dann  ein paar hübsche Stellen der Verfremdung im Text, den er trotzdem einspricht, als wäre er gerade dabei, sich mit Lust an die wilden Erlebnisse seiner Revisoren-Zeit zu erinnern. Eben so, wie Klaus Richard Grün sein Buch geschrieben hat.

    Und damit wird das Ganze natürlich zu einem Stoff, den man sich auf eine richtig lange Fahrt mitnehmen kann. Zum Beispiel nach Hamburg, um sich mal die happig teure Philharmonie anzuschauen, oder nach Berlin, um sich mal den teuersten Flughafen des Ostens zu beschnarchen. Es gibt ja eine Menge Projekte im Land, bei denen man das Geld geradezu durchs Sieb fließen sieht, ohne dass irgendwie spürbar wird, dass dahinter eine strenge Finanzkontrolle steckt. Und das ist ja nicht nur bei den großen Prestigeprojekten so. Auch die deutsche Kleinteiligkeit befördert das Verplempern von Steuergeldern – Stichwort Kleinstaaterei, oft genug verbunden mit Reformunwilligkeit, echtem Machtmissbrauch, Unbelehrbarkeit und auch echter Geldverschwendung. Gerade für die grauen Deals mit einigen so genannten „Investoren“ standen in den 1990er Jahren viele Türen sperrangel weit offen.

    Aber diese Geschichten wird auch ein Klaus Richard Grün erst aufschreiben können, wenn  … ach nein, das wir dann wohl doch nicht passieren.

    Aber das genau macht es dem grimmigen Revisor natürlich besonders schwer, den Verantwortlichen klar zu machen, dass auch die Bundesrepublik unabhängige Kontrollinstanzen braucht. Denn wenn sich niemand die Summen vorstellen kann, die da in private Tasche abfließen, sagen sich auch viele gewählte Parlamentarier eher: Was soll’s? Warum die Mühe? Warum jetzt auch noch schlecht schlafen, weil man vielleicht Dinge erfährt, die man eigentlich gar nicht wissen will?

    Aber dieser Finanzrevisor wird weitermachen und werben für sein Ideal einer strengen Finanzkontrolle. Auch weil es unsere Gelder sind, unsere Steuergroschen, die oft genug behandelt werden, als wären es bloß Peanuts und 1 Million mehr  oder weniger würden eh keine Rolle spielen.

    11 Stunden, 24 Minuten sind es nun geworden, das komplette Buch ist auf zwei CDs untergebracht.

    Als Hör-Buch erschienen ist „Finanzrevisor Pfiffig aus der DDR“ im Thono Audio Verlag.

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      1 KOMMENTAR

      1. Ich bedanke mich recht herzlich bei der L-IZ für diese Veröffentlichung zum Hörbuch „Finanzrevisor Pfiffig aus der DDR“.

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