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Der Katalog zur großen Delacroix-Delaroche-Ausstellung in Leipzig und die „historische Schule“

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    Haben wir Heinrich Heine wirklich so falsch verstanden, der im Pariser Salon 1831 das Delacroix-Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" bewunderte, aber Delacroix's Konkurrenten Delaroche zum Chorführer der "historischen Schule" erklärte? Nicht wirklich, auch wenn der Katalog zur aktuellen Ausstellung "Delacroix & Delaroche" im Museum der bildenden Künste Heine scheinbar zum Urvater dieser Interpretation macht.

    Das Wort „historische Schule“ schrieb Heine selbst in Anführungszeichen. Und wer seinen Beitrag im „Morgenblatt für gebildete Stände“ so verknappt, hat Heine eigentlich schon den Kopf abgehackt. So platt, wie Kunsthistoriker Kunst einordnen und sortieren, hat er auch den Pariser Salon von 1831 nicht besprochen. Und dass er überhaupt von einer „historischen Schule“ sprach, versteht man nur, wenn man vorher seine Ausführungen zur katholischen Schule gelesen hat. Heine hat den Salon nicht als Kunstkritiker besucht, sondern als durchaus politischer Journalist – als einer, der von der Julirevolution 1830 begeistert war und 1831 auch deshalb nach Paris übersiedelte, wo er sich sofort mit heißer Feder in die Kämpfe der Zeit stürzte. Und als er im Herbst 1831 über den Pariser Salon schrieb, kannte er die Parteiungen in Frankreich längst allzu genau. Die Pariser Bürger übrigens auch, die auch damals schon etwas anders waren als das Pariser Volk. Die „braven“ Bürger hatten die Barrikadenkämpfe von 1830 auch lieber aus dem Fenster beobachtet. Denn bei Revolutionen macht man sich dreckig.

    Und Heine zählte nicht nur die 29 Bilder der „katholischen Schule“ unter den 3.000 Kunstwerken, die im Pariser Salon gezeigt wurden, er registrierte sehr wohl, dass der Salon mit Bildern mit historischen Motiven überschwemmt war. Und er kommt in seiner Analyse zu der Einsicht, dass sich hier das nun wieder triumphierende Bürgertum nicht nur seine neuen Motive suchte und fand, sondern auch seine neue Identität. Das war ganz ähnlich wie 40 Jahre später in Deutschland: Man weiß zwar, dass die Zeit der alten Legitimisten vorbei ist, auch wenn sie überall noch herumscharwenzeln und das christliche Abendland beschwören, als wär’s noch immer lebendig, aber über die wirkliche neue Mode in der Kunst entscheiden die Bürger, die das Geld haben und die sich ihre Geschichte neu deuten. Meistens sehr theatralisch.

    Sie liebten die Romane Walter Scotts (und dutzende Bilder im Salon, so zählte Heine, waren frisch nach Szenen aus Scotts Romanen gemalt), und sie liebten – wie Scott – auch die großen, tragischen Gestalten der Geschichte. Und sie schrieben sich auch eine neue Geschichte. Und genau das bemerkte Heine auch in den Gemälden Delaroches: die Besessenheit vom historischen Detail, die regelrechte Inszenierung von Geschichte. War er deshalb von dieser Delarocheschen Akribie begeistert? Nicht die Bohne. „Geschichtsschreibung mit Farben“ nennt er das, was Delaroche da gemalt hat. Und es hat ihn kalt gelassen. Einen „graziösen, eleganten Niederländer“ hat er ihn genannt.

    Und es verkaufte sich wohl gerade deshalb, weil Delaroches Bilder keine Partei ergreifen, nur geschichtliche Momente inszenierten. Nur am Rande gehen die im Katalog versammelten Essays darauf ein, wie sehr der Geschmack der Käufer bestimmte, welche Sujets gemalt – und gekauft – wurden. Obwohl das gerade für diesen frühen Beginn des modernen Kunstmarktes im Pariser Salon ein entscheidender Aspekt ist. Und während Delaroche sich früh dafür entschied, den Ruf zu erhören und dem neuen, zahlungsbereiten Publikum auch die Geschichtsinszenierungen zu geben, die es sich wünschte – stark angelehnt an den Literatur- und Theaterkanon dieses Publikums -, versuchte Delacroix schon früh, mit Sensationen Aufmerksamkeit für sich zu schaffen. Die er dann auch bekam – in Form von Skandalen.

    Heine deutet zumindest an, was dieses neue Käuferpublikum eigentlich suchte. Immerhin hatte Frankreich 40 Jahre Blut, Krieg, immer neue Umstürze hinter sich. Da fiel es selbst den Zeitgenossen schwer, dieses ganze Hin und Her zu interpretieren. Die Sehnsucht nach einer Geschichte, „die sich ewig wiederholt und so einfach ist wie das Meer“, war augenscheinlich riesengroß. Die findet man bei Delaroche, während Delacroix Heine viel näher ist, wenn der von der anderen Art, Geschichte zu sehen, spricht, Geschichte, „die sich so närrisch herumtollt in Blut und Kot, oft jahrhundertelang blödsinnig stillsteht und dann wieder unbeholfen hastig aufspringt und in die Kreuz und Quer wütet und die wir Weltgeschichte nennen“.

    Das klingt, als hätte er es heute schreiben können. Und in der „historischen Schule“ der Franzosen ist das alles präsent, versuchen Maler einem auf Sinn versessenen Publikum eine neue Interpretation von Geschichte zu erschaffen. Am erfolgreichsten Delaroche, der seine Bilder so detailversessen malte, dass er die Bilder sogar mühelos noch einmal malen konnte. Was dann den erstaunlichen Effekt hatte, dass gerade dieser so extrem handwerkliche Maler auch zu einem der ersten Nutzer der modernen Vervielfältigungsmöglichkeiten wurde, die sein Werk weltweit bekannt machten. Sein Malstil traf den Nerv der betuchten Käufer genauso wie seine Inszenierung der tragischen Helden in der Geschichte. Vielleicht war es genau das, was seinerzeit auch den Shakespeare-Dramen in Frankreich zu neuer Furore verhalf, diese Suche eines eigentlich geschichtslosen Publikums nach einer Identifikation in den ganzen sinnlosen Kurven und Schleifen der Geschichte. Eine Sinnsuche in der Geschichte, bis hinein ins gloriose Mittelalter (eine Manie, die ja bekanntlich Balzac mit den „Tolldreisten Geschichten“ aufs Korn nahm).

    Und irgendwie kommt einem auch das vertraut vor aus jüngsten Tagen, dieses Sinnsuchen in früheren, scheinbar sinnvolleren Jahrhunderten. Nur dass nicht mehr die Salons Schauplatz dieser Sinnstiftung sind, sondern die modernen Medien.

    So gesehen müssten eigentlich Scharen braver Bürger ins Bildermuseum strömen. Was sie aber nicht tun werden, denn das, was Delaroche und Delacroix im Bild inszeniert haben, gehört heute weder zum normalen Wissensstand über Geschichte, noch kann man die Bücher, aus denen viele der Inszenierungen stammen, als Allgemeingut der heutigen kleinen und etwas größeren Bürger betrachten. Wer liest noch Scott? Wer liest noch Byron?

    Aus dieser Perspektive ist es wieder eine völlig unzeitgemäße Ausstellung, eine große Reminiszenz an eine Kunstepoche, in der sich der heutige Kunstmarkt herausbildete und dabei (für damalige Verhältnisse) revolutionäre Umbrüche erzeugte, den Salon sogar geradezu zur politischen Selbstvergewisserung machte (wenn das Publikum sich vor Delacroix‘ „Freiheit“) drängte.

    Aber die Essays machen auch deutlich, wie sehr sich Kunstwissenschaftler selbst immer wieder neue Scheinwelten errichten – etwa wenn sie dem alten romantischen Ideal anhängen, Künstler, die sich in ihren Arbeiten revolutionär geben, müssten auch auf den Barrikaden erscheinen und sich niederkartätschen lassen. Aber die Essays zeigen auch, wie sehr Kunst mit dem neuen Markt natürlich auch gezwungen ist, für diesen Markt zu arbeiten. Das heißt: für ein ganz spezielles Publikum mit einem ganz speziellen Geschmack. Was Delaroche mit Bravour getan hat, manchmal auch geradezu anrührend in der theatralischen Naivität seiner Szenen, während Delacroix schon die Rebellion der Künstler des späten 19. Jahrhunderts vorwegnahm, den Anspruch, dass Kunst auch frappieren und verstören müsse – aufregen statt anrühren.

    Deswegen steht man dann vor manchem Delaroche-Bild und fragt sich: „Und nun?“ – Auch vor seinen diversen Napoleons, die so historisch dreinschauen, dass einen fröstelt bei soviel „Bestimmung“.

    Natürlich wird auch die Rezeption von Delaroche und Delacroix in Deutschland besonders beleuchtet – auch weil der Leipziger Seidenhändler Adolph Heinrich Schletter in Leipzig die größte Sammlung zeitgenössischer französischer Malerei seiner Zeit in Deutschland anlegte. Die Schletter-Sammlung wird im Katalog extra gewürdigt.

    Und natürlich wird jedes einzelne Bild aus der Ausstellung auch noch gesondert porträtiert, so dass der Leser immer wieder durch diese sonderbare Ausstellung schlendern kann, die am Ende doch recht genau zeigt, warum die sauber inszenierten Bilder eines Paul Delaroche heute so alt wirken und bieder und viele Bilder von Eugène Delacroix auf moderne Weise vertraut, weniger „gemacht“, als eben furios hingehauen, die Sensation eben nicht als Wachsfigurenkabinett, sondern als wildes, von Massen getragenes Schauspiel, das voranwütet, ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt: eine Revolution oder ein Gemetzel?

    Jede Menge Stoff zum Selberdenken jenseits der Essays, die ein wenig zu sehr versuchen, die beiden Maler ins Angesicht der Zeitgeschichte zu stellen, wo es augenscheinlich schon ganz wie heute war: Rebelliert man gegen den Markt oder liefert man, was die zahlungskräftigen Kunden sich wünschen?

    Hans-Werner Schmidt, Jan Nicolaisen (Hrsg.) Eugène Delacroix & Paul Delaroche, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2015, 49,95 Euro (im Museumsshop 39 Euro).

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