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Zwölf kleine Geschichten über die Schwierigkeit, Nähe überhaupt noch auszuhalten

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    Wer führt schon Tagebuch über sein Liebesleben? Erst recht am Anfang, wenn man noch sucht, zaudert, alle Höhen und Tiefen mitnimmt und schier verzweifelt, weil die heiß Geliebte sich dann doch als etwas anderes entpuppt? Nirgendwo liegen besinnungsloses Glück und tiefste Niedergeschlagenheit so dicht beieinander. Ein Tagebuch ist es zwar nicht, was David Wozniak geschrieben hat. Aber so etwas Ähnliches.

    Man merkt ziemlich schnell, dass der 1990 in Berlin geborene Autor mittendrin steckt in einem Medizinstudium. Nach einer Jugendzeit in Straubing lebt er heute in Leipzig, ist hier erst einmal hängengeblieben wie so viele junge Leute, die sich in der deutschen Großstadtlandschaft einen Ort suchen, an dem sie sich wohl fühlen. Das könnte Leipzig sein, muss aber nicht. Denn keine Generation ist über ihre berufliche Zukunft (die aufs engste mit der Wahl des Lebensortes zusammenhängt) so wenig sicher wie die manchmal sogenannte Generation Y. Oder Generation Praktikum.

    Sie ist zur Verfügungsmasse einer Politik geworden, die gerade den Berufseinstieg für junge Hochschulabsolventen zum Pokerspiel gemacht hat – voller Irr- und Abwege mit unbezahlten Jobs und Praktika, befristeten und schlecht bezahlten Anstellungen im Forschungs- und Hochschulbetrieb, mit Einstellungsstopps und einem völlig verschulten Bologna-System, das Musterschülern zwar freie Bahn verschafft, Querdenkern aber Karrieren verbaut. Und dann sind ja da auch noch all die geforderten Auslandssemester. Einige der Begegnungen, die Wozniak schildert, sind echte Erasmus-Begegnungen, die schon im nächsten Semester zu platonischen Facebook-Lieben werden.

    Zwölf Fälle von Liebe erzählt er, echte Musterbeispiele dessen, was einem jungen Mann so passiert, wenn er sich immer wieder aufs Neue solchen Begegnungen aussetzt – anfangs noch mit gewaltigem Herzklopfen einer gewissen Juleika Lippenrot gegenüber, die ihn mit ihrer Selbstsicherheit regelrecht ins Schwitzen bringt. Später mehren sich Begegnungen der verstörenden Art, denn der so analytisch wie ein angehender Arzt vorgehende Liebhaber merkt ziemlich bald, dass von der beeindruckenden Fassade der jungen Frauen, denen er begegnet (und manchmal verfällt) nicht viel übrig bleibt, wenn die Beziehung tatsächlich enger wird. Auf einmal hat man da ein zutiefst verletztes und verlorenes Wesen neben sich liegen – samt unbewältigter und tragischer Vorgeschichte. Und da in jedem angehenden Arzt auch ein Samariter steckt, lässt sich der Erzähler auch immer wieder auf die Helferrolle ein. Das schafft zwar Abhängigkeiten. Aber ist das Liebe?

    Oder gar die Basis für eine echte Partnerschaft?

    Über zehn Jahre hat David Wozniak seine Geschichten geschrieben und gesammelt. Man merkt, wie er sich entwickelt, wie die anfängliche Naivität verfliegt und zunehmend mehr Nachdenklichkeit einkehrt. Das beginnt mit der durchaus verstörenden Frage, was man sich von der Schönen eigentlich alles gefallen lassen muss. Oder ob man irgendwann einmal dreinfunken muss und sagen muss, dass einem Manches nicht gefällt. Das muss man lernen. Auch wenn’s schwer fällt. Und da der Erzähler das aus seiner Perspektive erzählt – auch die völlig verblüffende Reaktion seiner Gesprächspartnerin – deutet sich so eine Vermutung an, dass die meisten Männer das halt doch nicht lernen im Leben. Nie gelernt haben und sich am Ende wundern, dass sie unter dem Pantoffel stehen, keine eigenen Interessen mehr haben und die Partnerschaft nur noch in unartikuliertem Groll und grimmiger Anklage schwelt.

    Oha. Was schreibt Wozniak dann später mal, wenn er ausgewachsener Psychiater ist und die Frauen auch in späteren Entwicklungsphasen beobachtet hat? Wird das dann mal eine Kritik an der zumeist ausbleibenden Menschwerdung des Mannes? Eine ärztliche Analyse der früh antrainierten Feigheit vor der emotionalen Auseinandersetzung um Ansichten, Werte, Gefühle und Freiräume? Kann es sein, dass die meisten älteren Männer derart verdruckst und unausstehlich sind, weil sie den Mut zum Widersprechen und Benennen unaushaltbarer Zustände gerade in ihren Partnerschaften nie gefunden haben? Sich lieber weggeduckt haben und der Angetrauten die ganze Regie in Gefühlsdingen überlassen haben?

    Sieht so aus.

    Und es sieht ganz so aus, als sei die Generation Facebook da zumindest ein bisschen gesprächiger. Auch wenn derart Persönliches eigentlich nicht auf Facebook-Seiten gehört. Aber was will man machen, wenn ausgerechnet die jungen Frauen, mit denen man wirklich bis ins Persönliche loten konnte, fortgehen? Fortgehen müssen, wegen Erasmus, Praktikum, Arbeitsplatz usw. Und wenn man sich nur noch via Facebook im Leben begleiten kann. Oder gar via Skype – samt neuem Reisegefährten im verpixelten Hintergrund, so dass die Gefühle endgültig in die Hose sacken.

    Aus den Eroberungsgeschichten, mit denen der Band beginnt, werden so nach und nach Schilderungen kleiner, quälender Situationen, die der Held noch irgendwie freiwillig auf sich nimmt, die dann aber zunehmend der Einsicht weichen, dass Vieles von dem, was die Hormone in Wallung bringt, im Leben nicht trägt. Und dann steht man da – Single in einer Welt von Singles – und freut sich auf den einen kurzen Moment am Hauptbahnhof, wenn die Frau, mit der man sich wirklich verstanden hat, mal zwischen zwei Zügen Zeit hat für einen Kaffee.

    13 Erzählungen verspricht der schmale Band. In Wirklichkeit sind es nur 12 Geschichten, die immer mehr zu kleinen Analysen des von Ansprüchen überfrachteten Liebeslebens des jungen Europäers in Zeiten der zunehmenden Ungewissheiten werden. Die Nr. 13 ist eher eine Art Nachwort und Essay –  „Vom Lieben oder im Jammertal der Katzen“ – in dem David Wozniak versucht, so eine Bilanz zu ziehen zu seinen Liebes-Erlebnissen der letzten zehn Jahre. Er kommt dabei zu Einsichten, die eher die Unmöglichkeit von Liebe und echter Nähe betonen (wobei völlig offen ist, ob er mit dem „uns“ die Frauen mit einschließt): „Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, lassen wir nur eine Form der Nähe zu, in der wir prinzipiell eine Möglichkeit zur Distanz sehen.“ Denn irgendwann, nach einer ganzen Anzahl frustrierender Erlebnisse, wagt man es augenscheinlich nicht mehr, schutzlose Nähe zuzulassen.

    Was ja gar keine gute Nachricht ist: Da ist eine Generation endlich mutiger und offener – und dann bekommt sie die Offenheit gleich mit Zähnen und Krallen und Nackenschlägen wieder zu spüren. „Wir sind so ein verfluchter Widerspruch!“, schreibt Wozniak.

    Es ist ihm nachzufühlen. Aber vielleicht, so hofft er, liegt die Rettung darin, dass „wir“ lernen, mit den Wunden zu leben, mit all den Verletzungen, die uns andere in dieser ewigen Jagd nach Liebe beibringen. Denn Manche – auch aus dieser Generation Praktikum – sind ja gar nicht auf der Suche nach sich selbst oder ihren Emotionen. Die sind längst eifrig auf der Suche nach dem Platz in einer Gesellschaft, die auf persönliche Animositäten gar keine Rücksicht mehr nimmt, die sich ihre Flexiblen, Mobilen und Sprungbereiten formt und die Verletzung von Gefühlen als Programm betreibt.

    So gesehen, ist Wozniaks Untersuchung der Liebesmöglichkeiten auch etwas Unzeitgemäßes, wie ein Räuspern aus einer Vergangenheit, in der Gefühle noch zulässig schienen, nichts, was man zu Markte trägt wie seine Freunde, Likes und Karriereschritte. Das Ergebnis sieht dann irgendwie modern und vertraut aus: „Wir verstecken uns hinter Ironie und Kühle und distanzieren uns fast schon zwanghaft von jeglicher Assoziation zu diesem klischeehaften Begriff, den es ohnehin nicht mehr gibt.“

    Und da wundert sich diese Gesellschaft über abstürzende Geburtenraten?

    Aber wie gesagt: Der Autor hat noch Hoffnung, dass man die Einsamkeit überwinden und eine gewisse Nähe doch noch zulassen könnte. Ist ja noch jung, wenn man bedenkt, was für Erfahrungen da noch auf ihn lauern, heftige und deftige. Und er deutet es zumindest an, dass es um eine gewisse Art Mut geht, sich „der Welt da draußen“ auszusetzen. Nicht alle Menschen sind „kalt und gefährlich“. Nur die, die einem wirklich gut tun, die muss man suchen wie die Nadel im Heuhaufen. Das ist augenscheinlich noch viel schwieriger geworden, seit die jungen Generationen darauf getrimmt werden, etwas zu scheinen, was sie meist gar nicht sind, und Erwartungen zu erfüllen, die gar nicht ihre eigenen sind.

    Was ja dann letztlich der beste Ratschlag ist, den ein angehender Arzt geben kann: Gehen Sie mal wieder raus an die frische Luft. Bewegung tut gut. Und gehen Sie auch mal wieder unter Leute. Das ewige Herumhocken vorm Computer ist gar nicht gut für die Hormone …

    David Wozniak Juleika Lippenrot, Chili Verlag, Verl 2016, 7,90 Euro.

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