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Ein kleiner, kompakter Reiseführer zu den Lebensstationen Dietrich Bonhoeffers

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    Das Format, das der St. Benno Verlag da für Pilgerwege und Wallfahrtsorte entwickelt hat, scheint gut anzukommen. Das Büchlein ist schmal, passt wirklich sogar in Jacken- und Hemdentaschen und in die Handschuhfächer von Autos. Kleine Karten ermöglichen, sich die Touren vor Reiseantritt zusammenzustellen. Und dann fährt man zielgenau los. Dass das sogar auf den Spuren Dietrich Bonhoeffers möglich ist, zeigt dieser Band.

    Dirk Klingner hat hier alle Lebens- und Wirkungsstätten des unbeugsamen Theologen zusammengetragen, an denen man heute noch versuchen kann, in seine Welt, sein Denken, sein beharrliches Arbeiten an einer anderen, mutigen Gegenposition zu den Finsternissen der Zeit einzudringen.

    Manche Wirkungsstätten sind dann freilich eher Ziel einer großen Reise. Immerhin kann man das Wirken des jungen Vikars vor allem in Barcelona erkunden, für seine Studienreise in die USA muss man nach New York fliegen – und begegnet dort einer ganz wesentlichen Erfahrung Bonhoeffers, der von der weichgespülten liberalen Theologie dort gar nichts hielt, von den afro-amerikanischen Gottesdiensten in der Abyssinian Baptist Church aber regelrecht begeistert war. So ungefähr stellte er sich das auch wieder in deutschen Kirchen vor. Wie kein anderer deutscher Theologe diese Zeit war er offen für die Entwicklungen in den Weltkirchen. Eine Reise nach Rom bestärkte ihn in seiner starken ökumenischen Haltung, mit der er seiner Zeit um mindestens 30 Jahre voraus war.

    Dass er selbst auf dem Cover des Bändchens ein wenig wie Luther wirkt, betont nur die Ähnlichkeit ihrer Positionen, auch wenn Bonhoeffer kein Reformator wurde. Was nicht ausschließt, dass er sich nach dem Krieg zu einem solchen entwickelt hätte. Denn seine Sichten auf das, was Kirche in der Moderne sein könnte, bündelten ja, was sowieso schon angelegt war. Was aber in Deutschland so nicht wahrgenommen wurde, denn mit der Etablierung der Deutschen Christen und der Andienung der evangelischen Kirchenführung an die aufkommenden Nazis ging ein ganz anderer Riss durch die protestantische Kirche des Landes. Und fast zwangsläufig wurde Bonhoeffer einer der ersten Unterstützer der Bekennenden Kirche, deren wichtigste Ankerplätze in diesem Bändchen natürlich genauso vorkommen wie Bonhoeffers Wirkungsstätten in Hinterpommern oder der Geburtsort Breslau, wo der unermüdlich Widerständige heute auch gewürdigt wird.

    Natürlich spielt auch England eine zentrale Rolle, wo Bonhoeffer die Betreuung zweier Gemeinden anvertraut war, als in Deutschland gerade die braunen Machthaber das Land veränderten. Bonhoeffer hätte dort bleiben können, die Chance des Exils zum Überleben nutzen. Doch er wollte in Deutschland wirken und damit auch ein Zeichen setzen. Ein Zeichen, das die Machthaber sehr wohl verstanden. Sie taten alles, um Bonhoeffers Lehrtätigkeit in Deutschland zu unterbinden und ihn am Ende hinter Gittern zum Schweigen zu bringen, wohl wissend, dass nichts ihr seelenloses Regime derart in Frage stellte wie dieses beharrliche Insistieren auf echtes Christentum und menschliche Anständigkeit. Und selbst im Gefängnis hatte er eine Zeit lang noch Hilfe und Unterstützung, sodass auch seine eindrucksvollen Briefe an die Verlobte nach draußen gelangten.

    Zentral aber ist im Buch natürlich Berlin, wo Bonhoeffer lebte, zur Schule ging, studierte, predigte und letztlich auch inhaftiert war. Die eindrucksvolle Statue auf dem Cover aber steht nicht in Berlin – auch wenn dort viele Erinnerungstafeln und die kleine Gedenkstätte in der Marienburger Allee an den beherzten Theologen erinnern. Sie steht in der Westminster Abbey in London, wo er als Märtyrer der evangelischen Kirche gewürdigt wird. Denn das war er ja letztlich, als ihn die Nazis ins KZ verschleppten und am Ende im KZ Flossenbürg ermordeten und seinen Leichnam unauffindbar verschwinden ließen, sodass es heute auch keine Grabstelle des Tapferen zu besuchen gibt. Dafür hat der Berliner Senat das Grab seiner Eltern als Erinnerungsort dauerhaft sichern lassen.

    Natürlich ist auch die kleine, besondere Bonhoeffer-Gedenkstätte in Friedrichsbrunn im Harz mit drin, genauso wie das Kloster Ettal, in dem er in jener Zeit Unterschlupf fand, als er schon in engem Kontakt mit dem bürgerlichen Widerstand war. Aber auch die Lebensstationen seiner Verlobten Maria von Wedemeyer werden berücksichtigt (da kommt man dann mit Altenburg zumindest auch mal in die Nähe von Leipzig).

    Dass sich Kirche, Staat und Justiz in der jungen Bundesrepublik schwer taten mit diesem aufrechten Mann, ist dann schon ein anderer Teil dieser Geschichte. Genauso wie das Nachwirken von Bonhoeffers Werk in der Kirche der DDR. Da wirkte dann auch Bonhoeffers explizite Bezugnahme auf Martin Luther nach, der sehr wohl zu unterscheiden wusste, wo die Grenze zwischen Pflicht und Verantwortungslosigkeit verläuft, denn des Christen „Gehorsamspflicht bindet ihn solange, bis die Obrigkeit ihn direkt zum Verstoß gegen das göttliche Gebot zwingt“. Für Bonhoeffer war das im Nazi-Reich auf jeden Fall so. Jeder anständige Mensch hatte die moralische Pflicht, sich gegen diese Art Obrigkeit zur Wehr zu setzen, die alle menschlichen Werte derart mit Stiefeln trat.

    Natürlich lernt man viele Facetten aus Bonhoeffers Leben so nebenbei kennen, wenn man die kleinen Texte zu den einzelnen Wirkungsstätten liest. Aber es lohnt sich bestimmt, auch das ein oder andere Buch Bonhoeffers mit auf die Reise zu nehmen und unterwegs zu lesen – zum Beispiel Bonhoeffers Briefe aus der Haft, eines der schönsten Bespiele dafür, wie ein beherzter Mensch selbst aus dem Gefängnis heraus anderen noch Mut machen kann, aufrecht zu bleiben und die menschlichen Werte nicht zu verraten.

    Dirk Klingner: Dietrich Bonhoeffer. Lebensorte und Wirkungsstätten, St. Benno Verlag, Leipzig 2016, 9,95 Euro.

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