Kann man sich nach dem Lesen eines Pilgerbuches tatsächlich so fühlen, als wäre man 2.860 Kilometer mitgewandert – fünf Monate lang von Leipzig bis nach Santiago de Compostela und noch ein Stückchen weiter bis Finisterra? Kann man. Mit Wollsocken zu Hause im Lesesessel. Auf 690 Seiten in 111 Etappen. Und einem Autor, der sich quasi aufgespalten hat in drei Stofftiere – zwei Plüschbären und den Eumel. Manchmal braucht man drei, um den wirklich drängenden Fragen des Lebens auf den Grund zu gehen.

Wie Sarah A. Besic den Jakobspilgerweg wirklich gelaufen ist, das verrät er wahrscheinlich in den Tiefen seines seit 1996 gepflegten Blogs periskop.de.Geboren ist er irgendwo in Schleswig-Holstein „zwischen Segelbooten und Schwarzbunten“, nach der Maueröffnung kam er in den Osten, studierte Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Politik, war in Marketing und Werbung tätig und hat Länder wie Bosnien, Kosovo und Afghanistan bereist. Heute arbeitet er als Meditationslehrer in Leipzig.

Und eigentlich erzählt sein Buch über diese Jakobspilgerschaft, die am 29. Dezember 2006 in Leipzig begann, auch von seiner eigenen Wandlung, dem Abschied von einer Berufsetappe, in der am Ende immer stärker die Sinnfrage stand. Was wohl vielen Menschen so geht, die zwar erfolgreich im Marketing (und nicht nur dort) arbeiten, aber eigentlich mit der Oberflächlichkeit dieser Arbeit keine Erfüllung finden.

Obwohl: Eigentlich geht es uns allen so. Wir werden rastlos, unzufrieden und unglücklich, wenn wir im Leben das Gefühl nicht finden, dass das, was wir tun, für uns Sinn ergibt, uns erfüllt und bestätigt als lebendige Menschen. Mancheiner schnürt dann seinen Rucksack und macht sich auf den Weg.

Aufbruch mitten im Winter

Von einigen haben wir ja an dieser Stelle schon berichtet – von Josef Fischer, der sich 2014 zumindest 400 Kilometer auf dem Jakobspilgerweg zutraute, oder Eberhard Grüneberg, der sich von Eisenach auf den Pilgerweg zu Franz von Assisi begab. Und im Grunde war ja auch Rebecca Maria Salenthins Aufbruch zu 2.700 Kilometern auf dem Weg der Freundschaft eine Pilgerschaft an einem Punkt, als wichtige Lebensentscheidungen für sie stattfanden.

Während Enno Seyfried das Wandern auf großen Routen schon regelrecht professionalisiert hat – auch um zu zeigen, was man selbst in deutschen Landschaften entdecken und erleben kann, wenn man einfach mal mit Zelt und Rucksack loszieht.

Ob Sarah A. Besic da zum Jahreswechsel 2006/2007 allein loszog oder mit Freunden, verrät er natürlich nicht. Es ist auch nicht wichtig, weil man sich trotzdem gut vorstellen kann, wie zwei sich da kurzentschlossen kurz vor Silvester durchs Rosental Richtung Liebenau auf den Weg machten – Eumel und sein Freund der Bär. Die Verfremdung in zwei Stofffiguren schafft etwas, was beim Nacherzählen dieser beeindruckenden Wanderung natürlich eine zusätzliche Ebene schafft.

Man kann ihnen auch Gespräche und Reflexionen zuschreiben, die so möglicherweise nie passiert sind. Zumindest nicht im wirklichen Gespräch nach dem Aufstehen, unterwegs oder am Abend, erschöpft von den zurückgelegten 30 Kilometern auf oft anstrengender Route oder bei Wetterbedingungen, die den Durchhaltewillen tatsächlich herausgefordert haben.

Wenn der Sinn im Leben verloren scheint

Denn mitten im Winter machen sich ja nun tatsächlich die wenigsten Leute auf den Weg. Und schon gar nicht von Leipzig aus, von wo man nun einmal mit vollen fünf Monaten auf Straßen und Wegen rechnen muss. Was sich kaum einer leisten kann. Es sei denn, er hat – wie Eumel und sein Freund – ein entsprechendes finanzielles Polster angespart und kann sich wirklich einmal für ein halbes Jahr herausnehmen aus der Arbeit. Was so ungewöhnlich ja nicht ist.

Sabbatjahre werden immer mehr zum Trend. Eben auch, weil auch und gerade Menschen in gut bezahlten Berufen immer häufiger in Sinnkrisen kommen, an die Grenzen ihrer Duldsamkeit. Denn viele Jobs werden zwar fürstlich entlohnt – aber immer öfter vermissen die Menschen das so wichtige Gefühl, dass das gut und wichtig ist, was sie da tun.

Und so gehen Eumel und Bär auch los, durchaus auch in dem Wissen darum, dass so eine Pilgerschaft eine Herausforderung ist an Körper und Geist, dass sie mehr Fragen stellt als beantwortet. Und dass man der spirituellen Dimension dabei gar nicht entkommen kann. Dass die einen unterwegs auch dann einholt und fertigmachen kann, wenn man vorher mit Freunden darüber geflachst. Auch über die schöne Zahl 42. Und Gott natürlich. Und die Seele.

Und da der eine nur zu gern in Kirchen geht und der andere gar nicht, könnte das natürlich auch zu einem 2.800 km langen Disput um Glauben und Atheismus werden. Wird es aber nicht. Denn eines wird den Beiden schon auf den ersten Etappen klar: Hier geht es nicht um einen 2.000 Jahre alten Verein mit seinen oft genug weltfremden Ritualen. Das Spirituelle liegt in uns selbst.

Wir können gar nicht anders, selbst wenn wir glauben, dass wir nur aus Vernunftgründen handeln und für metaphysische Erklärungen der Welt kein Sensorium haben. Haben wir ja auch in der Regel nicht. Denn was uns geschieht, hat viel mehr mit dem, was in unserem Kopf vorgeht, zu tun, als wir glauben.

Wann ist Pilgern richtiges Pilgern?

Und das hat wieder mit dem zu tun, was wir für normal halten. Oder andere uns eingeredet haben, dass es die Norm sei. Aber dass das meist sehr schräge und irrwitzige Vorstellungen sind, merkt man erst, wenn man ganz bewusst aussteigt. Und zwar nicht nur für ein, zwei Wochen, wie es augenscheinlich auf den letzten Etappen in Spanien viele der Mitpilger tun, die oft in einem atemlosen Tempo über die Strecke jagen, als wäre selbst der Jakobspilgerweg ein Leistungsnachweis für eine ziel- und wettbewerbsorientierte Gesellschaft.

Eumel ist es, der sich darüber immer mehr aufregen könnte am Ende, weil ihn das zutiefst frustriert. Denn diese Leute, die oft auch noch Etappenführer, Rucksacktransporte und Zubringershuttles bestellt haben, werden ja hinterher genauso erzählen, sie wären auf dem Jakobsweg gepilgert.

Aber aus Eumels Sicht ist das kein Pilgern. Denn all das, was er mit Bär zusammen und dem ab Limoges dazustoßenden kleinen Bär Yves erlebt hat, kann man so nicht erleben. Nicht die tiefen Frustrationen auf Strecken, auf denen der Regen einfach nicht aufhören will, nicht das Entsetzen, wenn sich etwas im Kopf verzweifelt wehrt gegen die Tristesse oder Unheimlichkeit eines Wegabschnitts, nicht die Tage, an denen einem selbst eine kurze Etappe zu viel wird, nicht die Tage, an denen man mit einem Riesenberg Schwermut oder Groll im Gepäck seine Schritte tut.

Jeder Tag bringt andere Überraschungen

Gerade nach dem Wechsel nach Frankreich wird Bär und Eumel auf einmal bewusst, dass es beim Pilgern auch um eine völlig andere Geschwindigkeit geht. Dass sie nun einen Monat lang auch einem Tempo entflohen sind, das ihnen alle Sicht auf die Welt, das natürliche Vergehen der Zeit und auch sich selbst verstellt hat. Später, wenn es auf Spanien zugeht, werden sie schon immer wieder versuchen sich zu erinnern, wie das war, als sie losgingen. Und es fällt ihnen schwer, auch wenn die Tage scheinbar im Gleichmaß vergangen sind.

Doch zum Glück haben sie Tagebuch geführt. Und wenn das Tagebuch etwas erzählt, dann darüber, wie viel in so einem Tag auf der Straße und auf Abwegen tatsächlich passiert ist. Jeder Tag bietet Überraschungen. Stets passiert das Unerwartete.

Und so langsam bestätigen sich die beiden Pilger gegenseitig, dass sie das eigentlich nicht beängstigt, dass es eigentlich doch ein unerhörter Gewinn ist, jeden Morgen loszuziehen und noch nicht zu wissen, wo man am Abend schlafen wird, ob der Regen wieder aufhört und welchen Menschen man begegnet.

Oder ob man sich gar wieder verläuft, gar völlig vom Weg abkommt. Obwohl sie sich gerade auf der Route durch Deutschland und Frankreich bewusst nicht an die offiziellen Routen halten – auch um die Alpen und das Zentralmassiv zu vermeiden, wo es im Winter naturgemäß sehr ungemütlich wird.

Die Angst vor dem großen, dunklen Wald

Und natürlich denken sie immer wieder aufs Neue über den Weg und das Ziel nach – aber natürlich nicht so flach, wie es unsere Werbegurus und Manager-Spruch-Erfinder meist tun. Motto: Der Weg ist das Ziel. Ein Spruch, an den sie sich sowieso niemals halten, weil man dazu eben auch gehen muss und den Weg mit all seinen Herausforderungen auch leben und erleben muss.

Ein Weg, der sich schnell als ein doppelter erweist für Eumel und den Bär, denn sie verändern ja nicht nur ihren Ort in der Landschaft, auch innerlich wandern sie und werden immer öfter mit sich selbst konfrontiert und dem, was in ihren Köpfen vor sich geht. In der Hinsicht sind sie nun einmal wie Menschen: Sie grübeln, zagen, hinterfragen alles.

Jeder inszeniert seinen Weg im eigenen Kopf und bekommt es zwangsläufig mit den eigenen Mutmachern und Entmutigern zu tun, den anerzogenen Störenfrieden, den Zweiflern und Zauderern, dem Groll-Eumel und dem Angstmacher. Und das betrifft nicht nur Eumel mit seiner tief sitzenden Angst vor den Wäldern.

Als sie in Limoges dann ganz unverhofft mit Yves einen dritten Pilgergenossen bekommen, haben Bär und Eumel schon eine Menge fragiler, tastender und manchmal auch heftiger Gespräche darüber hinter sich, wer denn da nun im Kopf immerzu Fragen stellt, aus heiterem Himmel verzweifeln möchte oder ständig Angst hat, man könnte sich heillos verlaufen.

Der Weg ist längst auch zur Sinnsuche geworden. Oder der Suche nach dem eigenen Selbst oder dem, was man landläufig so Seele nennt. Nur dass die beiden vor allem gelernt haben, die Zweifel und Fragen auszuhalten und mit den Widrigkeiten von Weg und Wetter umzugehen.

Ein Punkt, an dem man als Leser noch lange nicht ahnt, auf was für Fragen und Gedanken die beiden dann erst recht kommen werden, nachdem dann auch noch der in Limoges im Kloster lebende Yves dazugekommen ist, der im Kloster einfach nicht fand, was er suchte, aber bis weit nach Spanien hinein trotzdem nur zu gern so tut, als wäre ihm die ganze Sinnsuche seiner Wanderfreunde herzlich fremd.

Als wäre das doch alles schon von großen Philosophen oder Lebensratgebern geklärt worden. Auch die Frage, wer da nun das Ich ist, von dem einer redet, wenn er Ich sagt.

Unser Kopftheater

Ja, wer fragt da im Kopf? Wer zweifelt da? Und warum hat nicht nur Eumel im finsteren Wald in Frankreich das Gefühl, dass man eigentlich mit sich selbst nie allein ist im Kopf, dass immer mindestens einer noch da ist, der zuguckt und kritisiert und alles besser weiß. Und noch einer und noch einer.

Sarah A. Besic gelingt es tatsächlich, diese doppelte und dreifache Pilgerschaft zu erzählen, gern auch mit plastischen Details, die so wirklich an der Strecke passiert sein dürften – mit unverhofft doch noch gefundenen Übernachtungen, hilfreichen Menschen, die Pilgern nur zu gern auch Essen und Unterkunft geben.

Mit großen Mahlzeiten, die daran erinnern, wie kräftezehrend eine Pilgerschaft tatsächlich ist. Mit Herausforderungen, denen sich die drei am Ende mit großer Gelassenheit stellen, aber auch mit Bauchgefühlen, die sie vor falschen Entscheidungen zurückschrecken lassen.

Und schon in Frankreich spüren sie ja, dass sie die alte Welt tatsächlich verlassen haben mit ihren Tagesabläufen, in denen der Kreislauf der Natur keinen Platz mehr hatte. Und wer anfangs vielleicht noch denkt: Diese Pilger landen irgendwann in tiefster Religiosität, der wird aufs Schönste enttäuscht. Denn die Fragen, die sich alle drei Pilger stellen, sind ganz moderne Fragen.

Fragen, die auch unser Wissen um unsere Psychologie einbeziehen. Denn jenseits der Pyrenäen ist ihnen längst klar, dass der wichtigste Teil des Pilgerweges im Kopf stattfindet, in unserem Kopftheater, in dem wir alles zugleich sind – Schauspieler, Zuschauer, Regisseur, Beleuchter, Platzanweiser …

Aber wir bestimmen eben nicht einfach, wie wir mit uns und der Welt umgehen. Und manchmal wissen wir auch nicht wirklich, welcher Teil da in uns gerade rebelliert. Und natürlich ist auch das Bild vom Schauspiel in unsrem Kopf nur eine „ziemlich coole Illusion“, wie Eumel es ausdrückt.

Es geht um alles …

Und auch wenn der Berg der Läuterung nicht ganz so funktioniert, wie sich das die drei gedacht haben, merken sie dennoch auf diesem höchsten Punkt ihrer Wanderschaft, dass sie Ballast abgeworfen haben. Vielleicht nicht den, den sie wollten. Aber auf so einer Pilgerschaft gibt es kein Drehbuch. Keine Tagesanweisung, an welcher Stelle nun was passieren soll – die Begegnung mit dem eigenen Stolz, den Vorurteilen, den Selbstüberschätzungen. Es braucht am Ende tatsächlich 111 Tagesetappen, um wirklich zu erfassen, wie viel da mit einem selbst passiert auf so einer Pilgerschaft, deren Ziel nur ganz vage das Grab des heiligen Jakobus ist.

Auf das so viele zujagen, als ginge es nur um die Pilgerurkunde und nicht um das, was Pilger auf so einem langen Weg tatsächlich erleben. Ein Weg, der einen zwangsläufig mit sich selbst, seinen Kräften und seinen Ängsten konfrontiert. Obwohl wir ja spätestens nach Dutzenden Regenetappen durch Frankreich wissen, dass der Weg gar nichts dafür tut.

Wir sind es selbst, die wandern und das Erlebte interpretieren. Und in gewisser Weise ist so eine Pilgerschaft ja auch ein Sinnbild des Lebens. So sehen es ja auch viele Pilger, für die das Ziel in Santiago de Compostela auch ein kleiner Tod ist. Dem dann die Auferstehung folgt – die Rückkehr in die Heimat als ein Mensch, der sich vielleicht ein bisschen verändert hat.

Der aber auf jeden Fall Erfahrungen mitbringt, die ihn fortan vieles anders sehen lassen werden. Auch die schöne Frage, worum es denn nun bei dieser Pilgerwanderung geht, diskutieren die drei Stofftiere am Ende sogar recht heftig: Geht es um alles? Geht es um nichts?

Und auch wenn sie sich nur zu gern in ein salomonisches Sowohl-als-auch retten, merkt man spätestens bei ihrem Entschluss, bis Finisterra weiterzuwandern, dass sie sich eigentlich längst auf das alles geeinigt haben. Natürlich geht es um alles. Nicht nur auf der Pilgerschaft.

Raus aus den falschen Gewissheiten

Wer so lebt, als ginge es um nichts, der lebt nicht. Der begegnet auch nie im Leben diesen völlig atemlosen Momenten, in denen das Jetzt und das Universum völlig verschmelzen, die drei Freunde in diesem Fall völlig eingesaugt werden in einen Moment des verblüfften Einsseins. Sodass sie hinterher nicht mal mehr sagen können, was ihnen da passiert ist, hatten sie doch wieder nur ein bisschen altklug lauter kleine Fragen nach dem Sinn von allem gestellt.

Es braucht tatsächlich dreier solcher Protagonisten, wenn man – wie Besic – auf so einer langen Pilgerschaft auch diskutieren möchte, was möglicherweise auch im Kopf eines einsamen Wanderers vor sich geht. Denn so wie Eumel die ganzen ersten Etappen mit dem grollenden und ängstlichen Eumel in seinem Kopf zu tun hat, so führen wir alle immerfort Selbstgespräche, gewinnen oft erst Klarheit über das, was da passiert, wenn wir uns mit uns selbst streiten, abmühen und kabbeln.

Nur geben wir das nach außen hin selten zu. Da geben wir uns ja nur zu gern allwissend, überzeugt und eindeutig. Was natürlich solche wirklich fruchtbaren Gespräche mit anderen völlig verhindert.

Unvorstellbar, dass dieser Eumel allein gepilgert wäre. Er braucht diese beiden Bären als Gegenpart, Widersprecher und Hinterfrager. So, wie wir alle unsere Wegbegleiter brauchen, die uns auch mal infrage stellen, uns auf die Fallstricke unseres eigenen Meinens und Besserwissens aufmerksam machen.

Eine Pilgerschaft ist wohl das beste Mittel, herauszukommen aus all diesen Gewissheiten, in denen wir uns auch nur zu gern vor uns selbst und vor unseren Nächsten verstecken. Denn bei Wind und Wetter unterwegs begegnet man sich zwangsläufig. Und kann sich auch nicht lange verstellen und einen auf cool machen, wenn man wirklich all die Gebirge, Wälder und manchmal auch tristen Regenlandschaften bewältigen will.

Was man findet, was man gar nicht gesucht hat

Nur manchmal kommt bei diesen Wanderern der Gedanke auf, dass sie vielleicht nicht bis zum Ende pilgern würden. Aber das sind in der Regel jene Etappen, auf denen man ihnen dabei zuschauen kann, wie sie längst eins sind mit ihrer Pilgerschaft und aus dem Durchhalten auch längst etwas anderes geworden ist. Etwas, was nicht nur den Eumel am Ende überlegen lässt, ob man nicht gleich noch die nächste Pilgerschaft dranhängen sollte. Nach Rom zum Beispiel.

Aber auch das bleibt nur ein Gedanke, denn – man hat es ja in 111 Etappen miterlebt – das, was sie finden wollten, haben sie ja gefunden. Auch wenn es völlig anders aussah, als sie erwartet hatten. Und sie auf eine Weise bereichert hat, die nicht wirklich fassbar ist.

So wird dieses Buch eben deutlich mehr als nur die sehr authentische Beschreibung einer Pilgerschaft auf dem Jakobsweg, es zeigt auch das, was uns heute noch genauso spirituell berührt wie die Pilger vor 1.000 Jahren, auch wenn die mit viel mehr religiöser Motivation losgezogen sind und unter deutlich härteren Bedingungen wanderten.

Aber wer die Frage nach der Seele stellt, der stellt die Frage, wer wir wirklich sind und was uns tatsächlich berührt und bewegt. Und natürlich auch, ob wir unser Leben als eine Pilgerschaft begreifen, auf der wir gespannt sind auf die unverhofften Begegnungen. Oder nur als Autobahnfahrt, auf der die ganze Landschaft unerlebt an uns vorbeirauscht.

Wer also über den Jahreswechsel anregend pilgern möchte, und sei es nur im Lesesessel, der hat hier 111 durchaus anregende Etappen vor sich, in denen jede Menge Fragen stecken, die wir uns manchmal auch stellen, wenn wir mal Puste holen und munter werden in der wilden Jagd, zu der unser Leben oft schon geworden ist.

Und eine Buchwebsite gibt es natürlich auch noch unter dem nicht zu verfehlenden Namen www.eumel.info.

Sarah A. Besic Der Eumel auf Abwegen, BoD, Norderstedt 2020, 22,50 Euro.

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