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Deutschland zu Fuß: Mit dem Leipziger Enno Seifried über 3.000 Kilometer von Sylt bis in die Alpen

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    2019 war noch ein glückliches Jahr. Wir wussten es nur nicht. Ein Jahr ohne Corona-Pandemie in Deutschland, ohne all die Einschränkungen. Ein Jahr, in dem sich der Leipziger Enno Seifried entschloss, Deutschland einfach mal von Nord nach Süd zu durchwandern. Und das nicht auf dem direktesten Weg, sondern auf einer großen Schleife, 3.442 Kilometer durch ein Land, dessen Schönheit wir einfach vergessen haben.

    Denn was für ein Geschenk dieser Landstrich mitten in Europa ist, das sieht man nicht aus dem Zugfenster und schon gar nicht bei der Autofahrt über Autobahnen. Schon gar nicht beim täglichen Pendeln zur Arbeit. Das sieht man erst, wenn man sich zu Fuß auf den Weg macht und sich einlässt auf eine Natur, die jenseits unserer hektischen Städte und der überfüllten Touristen-Hotspots immer noch da ist.Selbst in diesem heißen Jahr 2019 war sie da, auch wenn sie den Wanderer dazu zwang, mehr Trinkwasser mitzuschleppen und sich über Waldwege zu kämpfen, die von Bäumen versperrt waren, die der Sturm niedergemäht hatte.

    Aber auch sein Zelt hatte Enno Seifried dabei, als er im Mai 2019 loszog oder vielmehr erst einmal ganz hinauffuhr an die nördlichste Spitze Deutschlands, auf die Insel Sylt. Denn wo immer es ging, übernachtete er in freier Natur, suchte sich abgelegene Plätze an Seen, in Wäldern, auf Aussichtspunkten, um mit der Natur zur Ruhe zu kommen und die langen Morgen in einer Landschaft zu genießen, die abseits unserer lärmenden Städte erstaunlich still und lebendig ist.

    Und von Anfang an plante er – wie bei seiner 700-Kilometer-Tour 2017 durch den Harz (noch so ein glückliches Jahr, lange vor dem großen Dürre-Desaster) – auch diesmal einen Film, nahm deshalb auch seine Kamera mit und sammelte unterwegs grandiose Aufnahmen von Sonnenauf- und Untergängen, Gewittern, Stürmen, Abenteuern in Wäldern, an Lost Places, mit friedlich grasenden Pferden und Schafen und Wasserbüffeln.

    Aber natürlich entstanden auch Berge eindrucksvoller Landschaftsaufnahmen, von denen die beeindruckendsten jetzt in diesem Buch ihren Platz gefunden haben.

    Deutschland zu Fuß – 3.442 km 165 Tage – Dokumentarfilm – Thru Hike Fernwanderung

    Das Buch hat Seifried gleich mal dort veröffentlicht, wo das Abenteuer Welt sein Zuhause gefunden hat: im Buchverlag von National Geographic. Wo es beinah ein wenig untergeht. Sind denn die Wanderungen und Ausflüge anderer Autor/-innen nicht viel aufregender, phantastischer und exotischer?

    Nicht unbedingt. Denn wenn Seifrieds 165-Tage-Fußwanderung etwas zeigt, dann ist es jenes Deutschland, das wir in unserer Besessenheit vom unübertrefflichen Urlaub an allen möglichen sensationellen Plätzen der Welt schon nicht mehr wahrnehmen, nicht mal mehr bereisen oder erwandern.

    Obwohl darunter einige der schönsten Wanderregionen der Welt sind. Das darf man auf jeden Fall sagen. Doch nicht nur im Erzgebirge erlebt Seifried, wie verlassen einst völlig überlaufene Urlaubsziele sind. Hotels stehen leer und verwaist, die einst beliebten Gaststätten sind verrammelt. Oft gibt es nur noch den kleinen Spätverkauf, an dem sich die verbliebenen Einwohner versorgen. Es ist, als hätten wir unser eigenes Land verlassen, als wir den Jobs hinterher in die großen Städte flüchteten.

    Die erstaunlich gastfreundlichen Deutschen

    Und natürlich hat Seifried – als Leipziger – auch einen Blick auf das, was als Murren und Verbitterung durch unsere Medien schwappt. Aber nichts davon findet er auf seiner langen Tour. Vielleicht auch, weil er die überfüllten Ferien- und Campingplätze meidet mit ihrem Lärm. Immer wieder ist er verblüfft, dass er nach diesen Sammelplätzen des heute augenscheinlich bei vielen Menschen beliebten Tourismus keine 200 Meter laufen muss, um wieder in friedlichster Stille zu landen.

    Auf Wanderwegen, auf denen er praktisch allein ist, weil kaum noch gewandert wird. Denn dafür stehen ja diese riesigen Campingplätze am Meer oder an sächsischen Stauseen: Die Leute fahren mit Auto und Camper hin, aber sie bewegen sich kaum noch vom Fleck, hocken aufeinander, bedröhnen sich mit Musik und kommen nicht einmal wirklich mit der Natur in Berührung. Künstliche Plätze wie UFOs mitten in Regionen, in denen eigentlich das Herz aufblüht, der Blick sich weitet und nicht nur Seifried sich wesentlich wohler fühlt als im Gedränge.

    Und wo er überall hilfsbereiten Menschen begegnet. Was ihn am stärksten beeindruckt, da ja gerade die Deutschen als überhaupt nicht gastfreundlich gelten. Und das auch von sich selbst denken. Und dann das – all diese Menschen, die geradezu begeistert sind, wenn Seifried ihnen von seiner Wanderung erzählt. Zumeist erst einmal ungläubig, da man es für unmöglich hält, dass man so überhaupt durch Deutschland wandern kann. Wo das doch ein völlig verbautes Land ist, in dem die Natur kaum noch erlebbar scheint.

    Wo man ja auch von den anderen immerzu denkt, die wären nur unfreundlich und verbiestert. Und dann trifft er die Auskunftsfreudigen und Hilfsbereiten überall, wird mehrmals mitten aus dem Schlaf auf einem einsamen Punkt der Wanderung geweckt und bekommt ein freundliches „Entschuldigung“ zu hören, weil auch die ihn weckenden Frühaufsteher/-innen nicht damit gerechnet haben, mitten in der Wildnis einen schlafenden Wanderer anzutreffen.

    Zelten mitten in der Natur

    Man merkt schon, wie sehr wir uns das abgewöhnt haben, wie wir uns selbst zivilisiert haben und schon gar nicht mehr trauen, das Selbstverständliche einfach zu tun. Als wäre es verboten in Deutschland. Zelten in der freien Natur zum Beispiel.

    Was nicht ganz stimmt. Aber – wie auf bergfreunde.de nachzulesen – ist die Lage unübersichtlich. Da wurde viel geregelt, aber auch viel Unsicherheit geschaffen. Was nicht sein muss. Denn auch Enno Seifried erlebt unterwegs, dass die Menschen, denen er begegnet, ganz und gar nicht verstört auf das Zelt auf der Wiese reagieren. Im Gegenteil. Und er erläutert es natürlich auch, dass man dann trotzdem so übernachten kann, dass man hinterher keine Spuren und schon gar keinen Müll in der Landschaft hinterlässt. Und auch nichts beschädigt.

    Man lernt mit ihm also auch ein wenig, dass es möglich ist, sorgsam mit der Welt umzugehen. Erst recht, wenn man die richtige Ausrüstung hat. Denn ohne die richtige Ausrüstung geht es natürlich nicht. Da hält man schlicht nicht durch, wenn es durch Wind und Wetter geht. Wir haben zwar jede Menge Outdoor-Läden in unseren Städten – aber augenscheinlich rüsten sich die wenigsten dort ein, um so wie Enno Seifried einfach mal der Nase nach durch unsere eigenen Landschaften zu wandern und sich dem Wetter auszusetzen und den vergehenden Jahreszeiten.

    Denn ein halbes Jahr auf den Beinen – das erfordert auch eine gewisse Einstellung zum Laufen, ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und darauf, dass Hindernisse unterwegs überwunden werden können. Ohne dass man rennt und eilt. Wenn die Füße schmerzen, macht auch Seifried Pause, checkt im Hotel ein oder bei freundlichen Gastgebern, auch um die nass gewordene Kleidung zu trocknen und mal ein Bad zu nehmen.

    Die Einsamkeit des Wanderers

    Und wie Rebecca Maria Salentin auf ihrem 2.700-Kilometer-Trail auf dem „Weg der Freundschaft“ hat auch Seifried sich für unterwegs mit Freunden und Freundinnen verabredet, die ihn ein Stück weit begleiten. Begegnungen, deren emotionale Wärme man erst so richtig spürt, wenn er danach wieder allein weiterläuft und die Einsamkeit spürt.

    Die Einsamkeit, die auf solchen Wanderungen durchs Land ja das Normale ist – und die wir so heftig fürchten in unseren großen Städten, auch als quälend und belastend erleben wie im Corona-Jahr 2020. Aber quälend wird sie nur, wenn wir uns gleichzeitig eingesperrt fühlen und nicht einfach loslaufen, uns wieder einlassen auf die Natur, in der wir als Menschen hunderttausende von Jahren ja zu Hause waren.

    Auf die all unsere Sinne reagieren – und das immer positiv. Denn auf Wald und Heide sind all unsere Sinne eigentlich geeicht. Hier erden wir uns und spüren sofort, wie wir wieder Teil werden einer Welt, die wir für gewöhnlich nur noch auf dem Bildschirm sehen.

    Wirklich einsam ist man da nicht. Eher gelassener, weil man mit beiden Füßen wieder den Boden berührt, das Wetter auf der Haut erlebt und vor allem Eindrücke sammelt, die in ihrer Wucht erst richtig sichtbar machen, wie reich und lebendig dieses Land ist. Oft genug vermag Seifried gar nicht zu schildern, was er erlebt hat. Da müssen dann die Fotos sprechen, die er angefertigt hat.

    Die moderne Immobilität

    Und er muss auch gar nicht besonders betonen, dass sein Buch die Leser/-innen animieren will, es einfach genauso zu machen. Man muss nicht dieselbe Tour laufen. Man sieht ja schon auf den beigegebenen Karten, dass er große Teile Deutschlands sogar links liegengelassen hat.

    Dafür hat er bekannte (aber trotzdem nicht wirklich massenhaft genutzte) Wanderwege in seine Tour eingebaut – an der Ostsee, an der Oder, über den Gipfelweg im Erzgebirge und den Rennsteig bis hin zu den Wanderwegen an der Lahn, der Saar oder durch den Schwarzwald.

    Am Ende wuchs mit jedem Schritt die Gewissheit, dass zwischen ihm und seinem Ziel, dem Haldenwanger Eck, kein Hindernis mehr war, das ihn aufhalten würde. Die Alpen beschließen eine Tour, die beim Umblättern auf faszinierende Weise sichtbar macht, wie aufregend schön dieser Landstrich wirklich ist, den wir oft behandeln wie eine mit Mauern abzuschottende Schutzzone vor der Welt.

    Eine Denkweise, die wahrscheinlich viel damit zu tun hat, dass die moderne Automobilität uns in Wirklichkeit immobil gemacht hat, die Distanzen hat schrumpfen lassen und die gewaltigen Landschaften jenseits der Autobahnschilder hat verschwinden lassen.

    Sie aus dem Gedächtnis genauso hat verschwinden lassen wie aus unserer Vorstellung davon, wie groß die Welt eigentlich schon hinter der Stadtgrenze ist. Aber nur, wenn wir sie nach menschlichem Maß – nämlich zu Fuß – erlaufen.

    Raus aus der Höhle

    Weshalb Seifrieds Wanderung vielleicht sogar mal als Auslöser gelten wird für eine Zeit, in der wir alle wieder häufiger unsere Stadthöhlen verlassen und uns auf Wind und Wetter einlassen und die Schönheit all dessen, was nur aus Buchhalterstuben heraus so grässlich nutzlos aussieht. Wahrscheinlich werden sich viele Leser/-innen nach Durchblättern dieses Buches tatsächlich erst mal eindecken mit wetterfester Kleidung und nach den schönsten Wanderwegen in Deutschland suchen.

    Denn Seifried zeigt ja, dass es sie gibt und dass man sie mit offenen Augen allesamt erwandern kann. Und dass oft nur eines fehlt unterwegs, weil niemand daran denkt, wie viele Kalorien ein Wanderer so verbrennt beim Laufen: Eisdielen und Konditoreien, wo man sich richtig eindecken kann mit Kalorien.

    Ein Buch für alle, die längst schon spüren, dass die ganzen Urlaube im Ferien-Ressort nicht wirklich das sind, wonach sich Geist und Körper sehnen. Denn wir sind natürlich Läufer. Das Laufen ist uns in die Gene gelegt. Und der Aufenthalt in einer noch intakten Natur sowieso. Um die wir nun kämpfen müssen, das wird punktuell auch auf Seifrieds Wanderung sichtbar.

    Aber dass wir unsere Welt so demoliert haben, hat auch mit dem falschen, von einer falschen Mobilität geprägten Denken zu tun. Höchste Zeit, den Rucksack zu packen und wenigstens ein kleines Stück von einem Land zu sehen, das seine Schönheit erst zeigt, wenn man wirklich – einsam – am Meer oder auf dem Aussichtspunkt steht.

    Enno Seifried Deutschland zu Fuß, National Geographic Buchverlag, München 2021, 22,99 Euro.

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