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Wie man beim Nachdenken über Glauben auf einmal bei der Frage nach den richtigen Werten im Leben landet

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    Für Hans-Jürgen Vogelpohl ist Glaubensverbreitung eigentlich sein Beruf. 1971 wurde der heute 75-jährige zum Priester geweiht, war ab 1978 Militärseelsorger und von 1992 bis 2006 Seelsorger bei der Bundespolizei in Bayern. Und danach mochte er eigentlich auch nicht aufhören, für den Glauben zu werben. Muss ja doch irgendwie funktionieren in diesen ungläubigen Zeiten, oder?

    Dabei ist die Motivation ja sehr gut nachzuvollziehen. Wer oder was bietet Menschen eigentlich noch Orientierung in einer Zeit, in der die Menschen komplett reduziert zu sein scheinen aufs Konsumieren, auf Unterhaltung, Exzess und völlige Vereinnahmung durch eine alle Werte verramschende Arbeitswelt? Immerhin ist das ja eine Grundfrage der Religion: Was zählt wirklich?

    Aber anders, als der Titel suggeriert, steckt Glaube nicht an. Und er ist auch nicht mit Werten und Grundhaltungen im Leben identisch. Auch wenn sich das decken kann und im guten Fall auch deckt. Ungefähr so, wie es Vogelpohl in seinem Beitrag „Das ist die Frage“ auf den Punkt bringt: „Werte, die uns überleben lassen und die uns die Zukunft öffnen, kann man nicht erfinden oder vereinbaren. Man kann sie nur entdecken. Die Überraschung: Sie sind ausnahmslos christlichen Urspungs.“

    Sind sie natürlich nicht. Das kann einem alten Seelsorger schon mal passieren, dass er das verwechselt, weil er glaubt, seine Religion sei der Ursprung von allem. Aber die Frage, die er stellt – „Welche Werte sind wichtig für ein menschenwürdiges Leben?“ – ist natürlich die grundlegende. Darüber haben schon die alten Griechen nachgedacht. Und zwar sehr gründlich. Meist vergessen die christlichen Seelsorger, wie viel ursprünglich griechische Philosophie im Christentum steckt. Das Christentum gibt auf seine Art Antworten – ein paar stecken in den Zehn Geboten, ein paar in der Bergpredigt. Es bietet also durchaus ein paar wichtige Antworten auch für unsere Zeit, in der wir gerade dabei sind, unsere Lebensgrundlagen mit aller Macht zu zerstören. Auch weil wir unsere Werte und Ziele immer außerhalb unserer selbst suchen.

    Mit dem Ergebnis, dass viele von uns ständig außer sich sind: empört, wütend, lieblos, aggressiv, rücksichtslos, gierig, überheblich usw.

    Man versteht sie ja so gut, die besorgten Hirten, dass sie sich sorgen. Recht haben sie. Und Vogelpohl und seine Mitherausgeberin Andrea Winkler-Wilfurth haben auch eine Reihe von zutiefst gläubigen Persönlichkeiten angesprochen, die auch ganz gut erklären können, warum ihnen der christliche Glaube einen moralischen Leitfaden fürs Leben gegeben hat – Notker Wolf, Bischoff Reinhard Lettmann, Gloria von Thurn und Taxis oder Christiane Underberg. Das Büchlein ist so eine Art Vademecum für alle, die sowieso schon kirchlich gebunden sind und immer wieder gern Rat und Trost suchen – bei nachdenklichen Zeitgenossen, aber auch bei klugen Kirchenvätern. Die gab’s tatsächlich. Und sie haben sich schon mit ganz zentralen Fragen unseres Lebens beschäftigt – wie Bernhard von Clairvaux, den die Lehrerin Agnes Haberl sehr ausführlich zitiert. Der hat sich nämlich vor 900 Jahren schon damit beschäftigt, was aus Menschen wird, die nur noch außer sich sind und gar nicht mehr bei sich. Er hat damals Papst Eugen III. in einem Brief so ordentlich zusammengestaucht.

    Was Vogelpohl im nächsten kleinen Text „Was jeder Mensch braucht“ natürlich zu der Frage bringt: Kann man sich Glück kaufen? Oder führt unsere Besessenheit von falschen Werten (ja, die gibt es auch und die werden von so vielen Zeitgenossen propagiert, dass es einem in den Ohren klingelt) dazu, dass wir das Eigentliche völlig verfehlen, dafür aber süchtig werden nach falschen Dingen und damit krank fürs Leben? Oder gar krank am Leben?

    Vogelpohl bietet dann wieder den Glauben als Medizin an – unter anderem. Denn seine Aufzählung zeigt, dass vorher noch ganz andere Dinge kommen, die unserem Leben (und Überleben) erst Sinn geben. Und nein: Autos, Eigenheime, Fernseher, Smartphones und anderer Schnickschnack gehören nicht dazu.

    Vogelpohl: „Kein Mensch lebt für sich allein. Wir sind alle aufeinander angewiesen und miteinander verbunden. Wir brauchen zwischenmenschliche Beziehungen, Liebe, Hoffnung, Vertrauen, Anerkennung …“ und dann muss er es unbedingt noch mit dazupacken: „… und ganz besonders Glauben.“

    Wobei er in diesem Text denn auch notwendigermaßen anmerkt, dass Glaube eben keine ansteckende Krankheit ist, sondern ein Geschenk. Man kann ihn sich nicht durch einen Willensakt zulegen. Was nicht heißt, dass man nicht trotzdem die von ihm als christlich benannten Werte leben kann. Das beißt sich ja nicht. Und im Büchlein finden sich logischerweise auch Texte von Vätern, die darüber sinnieren, wie man Kindern den Glauben weitergeben kann. Die klugen Väter lassen ihre Kinder sowieso selbst ihren Weg finden. Und ihre Antworten auf die drängenden Fragen. Und eine ist natürlich: Wenn wir nicht wieder Kommunizieren, Miteinandersprechen und Zuhören lernen, dann wird sich unsere Gesellschaft immer weiter zerlegen und zerstören. Vogelpohl hat sich extra eine kleine Visitenkarte zugelegt, auf der er einfach anregt, abends, vorm Schlafengehen, sieben Mal Danke zu sagen. Sich also auf intensive Weise wieder bewusst zu machen, dass das Leben ein Geschenk ist. Mancher dankt da seinem Gott.

    Aber warum soll man nicht auch den Eltern, dem Leben selbst, dem Universum dankbar sein und die Fülle (natürlich spricht Vogelpohl von Fülle) als etwas annehmen, was einem ohne alle Bedingungen gegeben ist. Wahrscheinlich geht es am Ende darum, die Fülle des eigenen Lebens wieder zu akzeptieren und die Erfüllung nicht anderswo zu suchen, in all den falschen Versprechen eines von falschen Werten getriebenen „Marktes“, der die Welt zum Ausverkauf bringt, als hätte all das gar keinen Wert. Denn die Gier nach dem Immermehr macht uns unzufrieden, sorgt dafür, dass wir uns nicht mehr zu Hause fühlen in unserer Haut, dass wir unser irdisches Dasein den Schreihälsen und den Nimmersatten überlassen für ein Nichts.

    Und natürlich definiert das auch, wie wir mit Arbeit umgehen, wegkommen vom „Mehr-Haben“, wie Christiane Underberg sagt, zum „Mehr-Sein“. Und wieder dafür sorgen, dass wir eine Verantwortung haben für die Ergebnisse unserer Arbeit, gegenüber der Welt und gegenüber unseren Mitmenschen.

    Das Büchlein macht auch hübsch deutlich, dass es eben nicht nur christliche Fragen sind, um die es geht, sondern dass es Fragen sind, die Alle betreffen. Oder betreffen sollten. Denn die Meisten weichen ihnen ja aus, flüchten sich in Ersatzangebote, Ersatzbefriedigungen, gekauftes „Glück“, ein Leben lang auf der Flucht vor dem Wunsch, das eigene Leben wirklich zu leben. Sie werden gelebt und benehmen sich leider auch so.

    Hans-Jürgen Vogelpohl, Andrea Winkler-Wilfurth Glaube bewegt. Glaube steckt an, St. Benno Verlag, Leipzig 2016, 6,95 Euro.

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