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Ein buntes Bilderbuch über Grenzen, Befehle und das Verbot, den Raum der Freiheit zu betreten

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    Auf einmal gab es wieder ein Europa der Grenzen, der Kontrollen und Sperrzäune. Etwas Anderes fiel den Hardlinern in den europäischen Regierungen nicht ein, als hunderttausende flüchtende Menschen an europäischen Küsten Schutz und Rettung suchten. Wie sieht so ein Verrammeln der Welt eigentlich aus Kindersicht aus? Ziemlich dämlich, wie dieses Bilderbuch aus Portugal zeigt.

    Kinderbuchverlage gibt es so einige. Aber die Editora Planeta Tangerina ist etwas Besonderes. Die Gründer des 2004 aus der Taufe gehobenen Verlages texten und illustrieren selbst. So wie in diesem Buch, zu dem Isabel Minhós Martins das Script geschrieben hat – wahrscheinlich gleich in den ersten Momenten, als sie in den Nachrichten diese bärbeißigen Leute sah, denen als Antwort auf die Not der Flüchtlinge aus Nordafrika und dem Nahen Osten nichts anders einfiel, als Torpedoboote auszusenden, Zäune und Mauern zu bauen und die Polizei loszuschicken, die Flüchtenden am Grenzübertritt zu hindern. Goldbetresste Generäle und Polizeioffiziere, verbissene Ministerpräsidenten und Innenminister. Da kam wieder so ein Moment durch, der jahrzehntelang nicht sichtbar war: Auf einmal wurde wieder von Volk, Nation und „bedrohtem Abendland“ schwadroniert. Und Uniformierte standen bedröppelt in der Gegend herum, martialisch aufgerüstet und mit den Spruch auf den Lippen: „Ich erfülle hier nur Befehle.“

    So wie der Soldat, den in diesem Buch der General abgeordnet hat, dafür zu sorgen, dass die komplette rechte Buchseite frei zu bleiben hat. Da steht er nun, der Herr Aufpasser, und muss den Leuten, die da kommen, erklären, warum sie die weiße Buchseite nicht betreten dürfen. Rational lässt sich das ja nicht erklären. Irgendein Kerl mit Tressen hat sich das ausgedacht, benimmt sich als großer Bestimmer und erklärt, weil er die Macht dazu hat, einfach ein Stück Welt für verboten.

    Der einsame Aufpasser ist ja eher die Ausnahme. Für gewöhnlich schicken die feigen Generäle immer gleich Kompanien hin, ganze Haufen von Befehlsempfängern, die den Leuten an der Grenze nichts erklären müssen, weil sie ja gleich Schusswaffen in Händen halten.

    Aber Bernardo P. Carvalho hat mal nur einen Aufpasser gemalt, so ein armes Würstchen, wie es sie auch in Portugal gibt – eingezogen zum Heer, auf irgendeine bunte Fahne vereidigt, was ihn noch lange nicht zum Verteidiger der Demokratie macht, aber zum Befehlsempfänger, der nicht zweifeln und nicht aufmucken darf. So ein richtig armes Schwein, das eigentlich zu den vielen Anderen gehört, die da angelaufen kommen: spielende Kinder, Musiker, Radfahrer, verliebte Pärchen, Geschenkeeinkäufer, Bauarbeiter, junge Leute, alte Leute – als es schon ganz viele sind, auch noch ein Eisverkäufer.

    Und die sind alle ganz brav und bleiben erst mal stehen, stellen nur lauter Fragen. Denn erklären kann ja der Soldat nichts. Er führt ja nur einen Befehl aus. Was eigentlich keine Begründung ist. Da dürften eine Menge Kinder ins Grübeln kommen, wenn sie so mitten im Buch landen und merken: Erklären kann der Herr Aufpasser den Befehl nicht. Nur ausführen. Wenn er kann.

    Was schon erstaunlich ist, wenn man sieht, wie viele Menschen er daran hindert, einfach weiterzugehen.

    Und dann passiert die Sache mit dem Ball.

    Es gibt immer irgendwann eine Sache mit dem Ball.

    So wie am 9. November 1989 in Berlin. Oder im Sommer 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze.

    Manchmal kommt dann noch ein erzürnter General angeritten und schreit: „Verhaftet ihn! Sofort!“

    Manchmal auch nicht.

    Die großen Verbieter und Mauerbauer rechnen immer darauf, dass ihre Generäle losreiten und verhaften. Was die auch gern tun, wenn sie sicher sind, dass niemand sie hindern wird – Kinder zum Beispiel, lauter friedliche Leute mit Kerze, Eiscreme oder roten Perücken. Das übliche Volk eben, das so gern vergisst, dass es bei den Generälen keine Freunde hat. Und das so gern bissige, eisgekühlte Männer wählt, weil die versprechen, „hart durchzugreifen“.

    Wie das aussieht, sieht man hier: Der General kommt angeritten mit vielen Bewaffneten hinter sich.

    Da bekommen sie zwar nicht den berühmten Spruch „Wir sind das Volk!“ an den Kopf geknallt, aber eine Menge Vorwürfe wie „Wir sind auch ein Teil dieser Geschichte!“ oder „Dieses Buch gehört allen.“

    Man kann mit den Kindern eine Menge Sprechblasen lesen. Und dabei auch ein bisschen nachdenken, wie das eigentlich ist mit Grenzen, Staaten und diesen bärbeißigen Männern, die glauben, etwas Besseres zu sein – und die anderen etwas Schlechteres.

    Es steckt auch ein bisschen Nelkenrevolution mit drin. Das wissen die meisten Ost- und Westdeutschen gar nicht mehr, dass die Portugiesen ihre Friedliche Revolution schon 1974 hatten. Und es ist ganz bestimmt kein Zufall, dass die Autorin 1974 geboren wurde und der Illustrator 1973. Die Nelkenrevolution gehört zu den großen Mythen ihres Lebens – mit all den Erzählungen um Soldaten, die lachend und mit roten Nelken im Gewehrlauf auf die Seite des Volkes wechselten.

    Da sind wir aber über etwas gestolpert: Die Friedliche Revolution gar keine Erfindung des Ostens?

    Tatsächlich nicht. Und das hat eine Menge damit zu tun, dass Mächtige aller Art gern vergessen machen, wie oft und warum Friedliche Revolutionen gelingen. Nämlich immer dann, wenn die Mächtigen mit ihren dämlichen Verboten niemanden mehr erschrecken, wenn die Leute einfach die Nase voll haben von dem Quatsch. Und die Soldaten auch.

    Deswegen haben die Mächtigen auch immer Angst. Auch vor ihren Generälen (die manchmal putschen) oder vor den Soldaten, die manchmal entdecken, dass sie eigentlich die falschen Befehle von durchgeknallten Dummköpfen befolgen – und dann doch lieber auf die Seite ihrer Mütter, Väter, Brüder, Großmütter, Geliebten wechseln.

    Revolutionen sind eigentlich nichts anderes als ein großer Seitenwechsel.

    Aus Sicht der Befehlshaber: Verrat und Fahnenflucht.

    Und so wird dieses wirklich sehr kindlich illustrierte Buch zu einer Geschichte, die von der Gegenwart erzählt (und den Typen, die immer wieder mit Mauern und Stacheldraht verhindern wollen, dass die Welt sich ändert) und von den gemeinsamen Erfahrungen der Europäer mit Friedlichen Revolutionen. Die so wichtig sind, weil sie sichtbar machen, wie dumm ein großer Teil der mächtigen Politik ist, wie verbiestert und sinnlos. Und dass die Lösungen für die Knoten, die diese Leute geschnürt haben, meistens in geöffneten Türen bestehen, in der lang verweigerten Freiheit. Oder mal mit einem anderen Wort benannt: dem Zulassen des Möglichen.

    Es ist also auch ein Buch, mit dem Kinder und ihre durchblätternden Eltern lernen, falsches Denken zu erkennen. Denn das ist immer Verhinderungs-Denken: Verbieten, Verschließen, Abschieben. Eigentlich das in Befehle gegossene Unfähigsein, die Welt als Veränderung und Freiraum zu begreifen.

    Deswegen wird es natürlich turbulent am Ende, richtig bunt und überschwänglich. So, wie es die grauen Befehlsgeber nie haben wollen. So unordentlich. Dieses Volk.

    Man wird auch sehen, dass die verbiesterten Leute, die sich heute „Wir sind das Volk!“ nennen, gar nicht vorkommen. Warum auch. Die haben nie den Mut, an die Grenze zu gehen und den Herrn Aufpasser zu fragen, was das soll. Das überlassen sie immer den Anderen. Aber das wäre schon eine andere Geschichte.

    Nicht so eine fröhliche wie die hier.

    Isabel Minhós Martins Hier kommt keiner durch, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2016, 13,95 Euro.

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