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Liebe machen: Wenn einem selbst die Worte fehlen, wenn die Kleinen die wichtigste aller Fragen stellen

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    Endlich ist das geklärt. Endlich müssen Eltern ihren Kindern nicht mehr mit Bienen und Schmetterlingen erklären, wie das eigentlich passiert mit dem Kindermachen. Vom Klapperstorch ganz zu schweigen. Sollten ein paar Minderjährige jetzt erschrecken, weil ihnen Papa und Mama erklärt haben, dass der Klapperstorch das immer noch macht, so seien sie getröstet: Nein, das ist wirklich ein Märchen. Und den Prahlhans in Eurer Klasse müsst ihr auch nicht mehr fragen.

    Liebe in Form eines Gedichtes

    Denn Hans-Christian Schmidt hat sich hingesetzt und die ganze Sache mal in ein Gedicht gepackt – ohne Blümchen oder Bienen. Sondern einfach so, wie es ist: liebevoll nämlich. Das vergisst man ja so leicht in einer Zeit, in der die meisten Leute Liebe mit Sex verwechseln und Sex mit Porno. Ach ja: und Porno mit Leistungssport. Wäre das wirklich Liebe, wäre die Menschheit schon lange ausgestorben.

    Liebe hat etwas mit Vorsicht zu tun. Mit Anschauen und Küssen und dem Gefühl, dass zwei einander wirklich vertrauen. Bis zum Enthosen, Entrocken, Entsocken und Entschlüpfern. Aber dann …

    Wie liebten unsere Vorfahren? Gar nicht so anders!

    Dann nehmen Schmidt und Német ihre kleinen Leser/-innen mit in die Höhle. Denn Andreas Német hat die Geschichte in unsere Höhlenvorzeit verlegt, als unsere Urväter und Urmütter noch in Fellen herumliefen und Friseure noch nicht existierten. Man musste einander also so behaart nehmen, wie man war.

    Aber sonst lief wohl alles ganz ähnlich ab wie in den Geschichten, die die meisten Schriftsteller/-innen gar nicht richtig erzählen können, weil ihnen die Worte dafür fehlen. Oder sie von anderen schlechten Schriftsteller/-innen gelernt haben, wie man es wirklich nicht machen sollte.

    Scham und Prüderie in der Moderne

    Und die haben es so gelernt, weil unsere jüngere Zivilisationsgeschichte die falsche Scham, die religiöse Prüderie und die bürgerliche Anstandswuffigkeit erfunden hat. Davon leben ja die berühmtesten Liebesromane der Welt: wie Liebe zur Tragödie wird in einer verklemmten Umgebung. Weil die Umwelt so verklemmt und sinnenfeindlich ist, enden die schönsten Liebesgeschichten fast alle so wie „Romeo und Julia“.

    Davon wissen natürlich die beiden, die Német da beim Beerenpflücken zueinanderfinden lässt, noch nichts. Sie sind noch arglos und kein Priester steht vor der Höhle, ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen über die normalste Sache der Welt. Denn wenn sie nicht normal wäre, gäbe es keine Kinder. So einfach ist das. Auch wenn dabei natürlich lauter Dinge vor sich gehen, die man den ganzen so von Ordnung, Anstand und Sicherheit besessenen Gesellschaften der zurückliegenden Jahrhunderte immerfort tabuisiert hat. Und sage niemand, das sei vorbei, wir seien keine verklemmte Gesellschaft mehr.

    Unsere Gesellschaft ist bis heute verklemmt

    Doch, sind wir immer noch. Davon erzählt sogar die ganze von unseren konservativen Heimlichtuern immerfort befeuerte Gender-Debatte. Denn von daher kommt ja die ganze Zeit das Gemaule. Wo sie sich in den 1950ern und 1960ern noch über Promiskuität, Fremdgehen, Hippies und Gammler aufgeregt haben, tun sie heute gebildet und lamentieren übers Gendern. Und gehen selber fremd, gucken heimlich Pornos und erzählen den Kindern was vom Storch.

    Schluss damit: Schenkt den Kleinen einfach dieses Buch. Und klein heißt: Auch denen unter zehn Jahren, am besten gleich nach den ersten Fragen, wenn sie unbedingt wissen wollen, woher die Kinder kommen und wie das geht. Da hilft nur Ehrlichkeit. Und Schmidts Gedicht ist ehrlich – bis zum Schluss, der ja ein Anfang ist. Und zwar ein mächtig lauter: „Es schreit aus voller Leibeskraft, / als rufe es ganz laut: Geschafft!“

    Die Kinder von Kindern von Kindern …

    Deswegen darf jedes Kind hinten ins Buch auch sein allererstes Foto einkleben. Oder Mama und Papa machen das und schenken das Buch dann ihrem kleinen Schreihals, der gar nicht weiß, dass er seine zwei Eltern glücklich gemacht hat, gleich da am Anfang, als alles begann. Alles immer wieder aufs neue begann. Denn das ist erst Leben. So beiläufig macht Német ja auch sichtbar, dass wir heute in all unserer mit Spielzeug vollgepackten Gegenwart auch nur die Kinder von Kindern von Kindern sind.

    Bis zurück in die Höhle, die Német gemalt hat mit kleinen frechen Details an den Höhlenwänden. Noch so ein Thema, bei dem unsere heuer Verklemmten so tun, als wenn das alles neu und besonders unverschämt wäre (was für Abgründe in diesem Wort „unverschämt“ stecken!). Aber die alten Höhlen unserer Vorfahren sind übersät mit Bildern – richtig schönen.

    Aber die Graffiti-Maler werden des Nachts von Hubschraubern gejagt, als wären es wilde Tiere. Da ist so einiges kaputt in unserer prüden Gegenwart, die immer nur so tut, als wäre sie frei und freizügig. Solange Leute daraus ein Geschäft machen, ist das nur ein Markt für Verklemmte und Gefühllose. Mehr nicht.

    Auf was für Gedanken man da kommt …

    Falsches Bild von Liebe

    Aber auf die kommt man nun mal, wenn man sich das Geheuchel ein paar Jahrzehnte lang hat anschauen müssen. Dann weiß man, wie wirklich schön, intensiv und ganz menschlich die Momente sind, in denen sich zwei Menschen tatsächlich liebevoll begegnen. Was nämlich auch heißt: ehrlich, zutraulich und ohne Vorurteile. Und vor allem ohne falsche Ansprüche, die heute so Vielen das Suchen und Finden so schwer machen, weil überall Talmi, Show und falsche Prahlerei dominieren. Und natürlich falsche Bilder von „beauty“.

    Da kann man nicht mal Schönheit hinschreiben, weil dieses Aufpeppen zu Beautys mit Schönheit nichts zu tun hat. Das wissen alle, die einander beim Beerenpflücken begegnet sind und gemerkt haben: Richtig nah kommt man sich, wenn man sich so gesehen fühlt, wie man ist. Mit Haut und Haar. Na ja, und dann ohne Fell. Und dann trotzdem weiß, dass es beim Lieben nicht um Likes und Klickzahlen geht. Sondern um das Gefühl, dass man endlich den Menschen gefunden hat, mit dem man Familie sein möchte.

    Nur das Mammut schaut zu

    Und nur das verdatterte Mammut schaut zu. Denn für das ist heute ein geschenkter Tag, weil der Jäger diesmal was anderes zu tun hat, das viel wichtiger ist, als schon wieder ein Mammut zu jagen.

    Hans-Christian Schmidt, Andreas Német, Liebe machen, Klett Verlag, 13 Euro.

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